26. Oktober 2007

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Kulturreferenten berieten über Brauchtumspflege

Die Böllerschützen von Ebersberg müssen es geahnt haben: Zum Auftakt der „Tagung der bayerischen Kulturreferenten und Volkstanzleiter“ am 6. Oktober, die vom Haus des Deutschen Ostens München gefördert wurde, empfingen sie die Teilnehmer in zünftiger Tracht und mit ohrenbetäubendem Krachen.
Damit gaben sie den Gästen die Ehre und der von Antje Krauss-Berberich im Rathaus gestalteten Ausstellung den passenden Rahmen: Die Schau enthält Trachtenstücke und Volkskunst aus Siebenbürgen und ergänzt die von Martin Rill gezeigte Ausstellung „Rumänien – eine europäische Kulturlandschaft“ hervorragend. Die fachmännische Diskussion zu Trachten und Tragesituation wurde von Dr. Irmgard Sedler, Leiterin der Museen der Stadt Kornwestheim, geleitet.

Hansotto Lang begrüßte die Gäste der Tagung als Vorsitzender der Kreisgruppe Ebersberg, einer der jüngsten siebenbürgisch-sächsischen Kreisgruppen Bayerns. Zu Mittag glänzte Familie Lang mit einem selbst gemachten Eintopf, serviert im weitläufigen Keller des mittelalterlichen Rathauses, den Antje Krauss-Berberich zum ersten Mal als exklusiven Speiseraum zur Verfügung stellte. Sie, die Galeristin und Stadtarchivarin von Ebersberg und zugleich Kulturreferentin der Kreisgruppe, hat die Tagung im Rathaus kunst- und liebevoll organisiert. Doris Hutter, Leiterin der Kulturreferententagung ...Doris Hutter, Leiterin der Kulturreferententagung in Ebersberg (hinten, zweite von rechts), und die Gastgeberin Antje Krauss-Berberich (mit Blumenstrauß) im Kreise der Tagungsteilnehmer. In der Vorstellungsrunde stellte sich heraus, dass neben der Brauchtumspflege auch Qualität und Kontinuität die Ziele vieler Gruppen sind. Maria Schenker meldete den 75. Auftritt ihrer Augsburger Theatergruppe, wobei die Mundart im Mittelpunkt steht, Wilhelm Roth wies auf das 10. Jubiläum seiner Vortragsreihe „Verständnis füreinander“ in Augsburg, Heinz-Dieter Kästner auf seine Bemühungen um eine Jugendgruppe in Ebersberg und Simon Spielhaupter betonte das Zusammenspiel von strengen Regeln und Geselligkeit bei Tracht und Tanz. Die Leitung der Volkstanzgruppe München hatte er übergangsweise übernommen, ist aber längst in seine Aufgabe hineingewachsen. Als Schlüssel zum Erfolg sieht Rotraut Beer aus Rosenheim die gemeinsamen privaten Unternehmungen der Tanzgruppe. Rosemarie Schwarz aus Augsburg hält ihre Jugendtanzgruppe, die heuer ihr fünfjähriges Jubiläum feiert, durch den Volkstanz, aber auch durch modernen Tanz zusammen. Hauptsache ist, dass die Jugendlichen den Spaß am Tanzen nicht verlieren. Bei so viel Begeisterung und Einsatz verwundert es kaum, dass ihre 15-jährige Tochter Nathalie schon eine Kindertanzgruppe übernommen hat. Das macht Lust auf Zukunft!

Harald Binder, Kulturreferent aus München, erzählte die spannende Geschichte der Entstehung des Volkstanzbuches von Marie Luise Schuster, woran er maßgeblich beteiligt gewesen sei. Es erschien 1980 und wurde druckfrisch dem damals zu Besuch weilenden Bundeskanzler Helmut Kohl geschenkt. Das Buch prägte ganze Generationen von Volkstanzleitern und ist heute noch aktuell. Dessen Qualität liegt in der einfachen, gut lesbaren Beschreibung der Tänze, die zuvor gründlich in der Praxis erprobt worden sind. Passend dazu zeigte Wilhelm Roth, Kulturreferent aus Augsburg, die digitalisierte Diatonmontage (aus Fotos und Originalton hergestellt) „Trachtenschau 1979 bei Kronstadt“. Der Vortrag über den Volkstanz musste leider ausfallen, da der Referent kurzfristig erkrankt war.

Führung durch das Rathaus

Bei mildem Herbstwetter ließ sich das Rahmenprogramm mit der Führung durch das Rathaus und das Zentrum von Ebersberg richtig genießen. Antje Krauss-Berberich, die 1976 ausgesiedelte Kronstädterin, entpuppte sich als kreative Gestalterin von Raum und Weg, stellte mühelos Übergänge her und wies mit Scharfsinn auf das Kunstvolle hin. Sie schwärmte von Ebersberg, dem über mehrere Jahrhunderte bekanntesten Wallfahrtsort Bayerns.

Doris Hutter, Landeskulturreferentin von Bayern und Leiterin der Tagung, gab Tipps aus ihrer Erfahrung zur optimalen Vorbereitung und Durchführung öffentlicher Veranstaltungen. Dabei waren die Teilnehmer vor allem an Musterformulierungen für offizielle Anschreiben und am Umgang mit Ehrengästen aus der Politik interessiert. Gemeinsam erarbeiteten sie eine „Checkliste“, die die dafür erforderlichen Schritte chronologisch erfasste. Die Unterlagen können gerne bei Doris Hutter angefordert werden.

Ausstellungseröffnung

Am Abend wurde die Ausstellung „Rumänien- eine europäische Kulturlandschaft“ im Rathaus eröffnet. Im vollbesetzten historischen Sitzungssaal begrüßte Antje Krauss-Berberich die Besucher, unter ihnen den Landesvorsitzenden Dr. Bernd Fabritius, Walter Brilmayer, den Bürgermeister von Ebersberg sowie Vertreter des „Münchner Merkur“, der „Süddeutschen Zeitung“, des „Hallo“ und der „Siebenbürgischen Zeitung“. Der Bürgermeister zeigte sich sehr erfreut über die Ausstellung und bedauerte, noch nie in Siebenbürgen gewesen zu sein. Bernd Fabritius lud im Gegenzug den Bürgermeister dazu ein, nach Siebenbürgen zu reisen, und dankte für die bereitgestellten Räumlichkeiten für die Tagung (separater Bericht folgt in der Siebenbürgischen Zeitung Online). Der Samstag endete mit einem gemütlichen Beisammensein, dem auch die Helfer der Kreisgruppe beiwohnten. Den Helfern und Organisatoren aus Ebersberg sei an dieser Stelle herzlich gedankt.

Am Sonntag fand im Gemeindehaus der Heilig-Geist-Kirche von Ebersberg die Diskussionsrunde „Siebenbürgisch-sächsische Tracht und Tragesituation“ statt, die von Dr. Irmgard Sedler, Leiterin der Museen der Stadt Kornwestheim und Vorsitzende des Trägervereins des Siebenbürgischen Museums, geleitet wurde. Aus ihrem einführenden Vortrag erfuhren die Teilnehmer, wie die siebenbürgisch-sächsische Tracht entstanden ist und wie sie sich weiter entwickelt hat. „Es ging schon immer und geht auch heute noch um das Anpassen und Überleben von Kleidungsverhalten mit historisch-kulturellem Hintergrund“, sagte die Referentin. Deshalb sei ein reflektierter Umgang mit dem Thema des heutigen Trachtentragens sehr wichtig.

„Seggel“, „Ketzel“, Dolman und mehr

Elemente der Gesellschaftskleidung aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit deutscher Städte fanden ihren Weg nach Siebenbürgen. Einige davon wurden zu Grundelementen der Standestrachten in den sächsischen Städten Siebenbürgens. So zum Beispiel der bekannte „Seggel“. Der Tragmiederrock aus kostbarer Seide wurde zum Vorzeigegewand der Patrizierfrauen und erlebte als solches seine Blütezeit im 16. und 17. Jahrhundert. Das ihm entsprechende Alltagsgewand war der „Ketzel“. Handgewebt aus ungefärbtem Flachs ist der Vorläufer des Busenkittels, der um 1910 im Rahmen der Trachtenerneuerung entstanden. Alte Frauen trugen ihn früher geschwärzt, oft auch gewachst, um ein schmutz- und wetterbeständiges Kleidungsstück zu haben.

„Nationalkostüm“

Im Zeitalter der Reformation waren die Kleiderbräuche der protestantischen deutschen Reichsstädte das modische Vorbild für die Sachsen. Als Siebenbürgen ein selbständiges Fürstentum wurde, kamen orientalische Einflüsse über Ungarn ins Land. Ein Beispiel dafür ist der Dolman, ehemals das Leibgewand des Sultans. Als Siebenbürgen im 17. Jahrhundert in das Habsburgerreich integriert wurde, wurde die Mode in Wien zum neuen Vorbild. Elemente der Standestracht wurden nun Bestandteil von Amtstrachten. So wurde der Dolman im 18. Jahrhundert von den Handwerkergesellen bei den Zugängen getragen. Die „alte“ Kleidung der Städter wurde zunehmend als „Nationalkostüm“ angesehen. Im selben Jahrhundert bekam der Dolman, beeinflusst auch von der Pariser Mode des Justeaucorps, einen neuen Schnitt. Beim Gewand der Frauen setzten sich schwarzer Rock und Mieder durch („Kroner Kittel“). Im 19. Jahrhundert erwachte das Bürgerbewusstsein der sächsischen Städter. Die „sächsische“ Kleidung, die nun „Bürgertracht“ hieß, sollte durch ihren Trachtencharakter die gesellschaftliche Gleichheit ihrer Träger kundtun.

Auf dem Lande blieb die Tradition der sächsischen Kleidung ungebrochen. Sie stellte bis zum Zweiten Weltkrieg weitgehend die Alltags- wie die Sonntagstracht der Bauern dar. Während der Russlanddeportationen kamen viele der sächsischen Landkinder zum ersten Mal mit der „städtischen“ Allerweltskleidung in Berührung. Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts erlebte das alte bäurische Gewand als Kirchengewand bzw. als „sächsische Tracht“ im Brauchtum. Nach einer Zeit der Verdrängung sächsischen Gesellschaftslebens, war es erst in den 70-er Jahren wieder erlaubt, sich in seiner sächsischen Tracht zu präsentieren.

Auch heute haben viele Siebenbürger Sachsen dieses Bedürfnis. Es ist unsere Pflicht, ihnen mit dem Wissen um die Tracht beizustehen, gleichzeitig aber behutsam mit dem neu entstandenen Dilemma umzugehen: Wie kann eine Kleidung, die aus ihren siebenbürgischen Zusammenhängen und Tragesituationen heraus mit in eine neue Heimat genommen wurde, funktional sinnvoll und ästhetisch an neue Tragesituationen angepasst werden? Die Diskussion während der Tagung brachte zum Vorschein, dass dabei möglichst das Beste bestehen bleiben sollte – entsprechend der jeweiligen Situation. Sind zum Beispiel bei den Sängerinnen eines Chores die Rocklängen sehr unterschiedlich, geht die ästhetische Einheit trotz schöner Trachten verloren. Bei zunehmendem Alter gehört auf das Haupt der Frauen entweder eine Haube oder ein Knüpftuch, Bockeln ist unangebracht. Bestimmte Elemente, wie das Knüpftuch, sind sicherlich schwerer einzuführen als andere, gleiche Rocklängen und gleiche Schuhe mit den passenden Strümpfen zum Beispiel.

Beim Tanzen sollte eine ästhetische und zugleich symmetrische Bein- und Fußbekleidung gegeben sein. Nur so kann das harmonische Bild einer Tanzgruppe gewahrt werden. Es empfiehlt sich auch, die Unterstecktücher beim Tanzen abzulegen, da sie ein typisches Merkmal für die Kirchentracht sind. Auch der Spangengürtel gehört nicht zur siebenbürgisch-sächsischen Tanztracht, ebenso wenig wie der schwarze Rock und die mit schwarz bestickte Schürze. Zum schwarzen bestickten Tanztracht Leibchen passt ein weißer gereihter Rock („Schiin Pändel/Keddel“, gewirkt oder aus Battist) und eine weiße Schürze, die ganz weiß oder bunt bestickt oder mit einem Einsatz versehen ist.

Man sollte dabei aber auch dem schon existierenden Bestand an Tanztrachten und den zur Tradition gewordenen Kleidergewohnheiten der Tanzgruppen Rechnung tragen, die über ihre Auftritte das Thema Tracht überhaupt wieder ins Bewusstsein der jungen Generation gerückt haben. Viele Tänzerinnen tragen einen schwarzen Rock, ein schwarzes (evtl. besticktes) Leibchen, eine schwarz gestickte Schürze und den Spangengürtel. Vor dem Tanz böte sich eine kurze Präsentation der Trachten an, nach der die Frauen den Spangengürtel ablegen und zur Schau stellen könnten. Diese Idee fand bei mehreren Tagungsteilnehmern Gefallen, muss aber für die Praxis noch etwas ausgefeilt werden. Weitere Themen waren unter anderem die Bänder, die nur von Jugendlichen oder Frauen mit jugendlichem Aussehen getragen werden sollten, die Hauben, die ästhetisch zur Tracht passen und die Borten, die das Haar von der Stirn fernhalten sollten.

Optimale Lösungen suchen

Unsere Traditionen an die heutigen Umstände anzupassen, ist nicht leicht. Dessen waren sich alle Tagungsteilnehmer bewusst. Aber das Wissen um die überlieferten Regeln des Tragens der Tracht lässt uns nach Lösungen suchen. Und wer sich ernsthaft mit diesem Thema beschäftigt, hat gute Chancen, unser Brauchtum zu erhalten und optimal einzusetzen. Es ist nicht nur die Tanztracht, die Erläuterungen bedarf, auch beim Tragen der Kirchentracht müssen noch Fehler vermieden werden. Deshalb bitten wir alle Trachtenträger, sich darum zu bemühen, keine Richtlinien zu verletzen und zu einem harmonischen Gesamtbild beizutragen.

Die von Doris Hutter gesammelten Richtlinien werden in der morgigen Siebenbürgischen Zeitung Online veröffentlicht. Genauere Details zu bestimmten Trachtenlandschaften oder Ortschaften sind für die nächste Zeit geplant und werden von Trachtenkennerinnen aufgestellt. Allen, die sich um die Trachten bemühen, schon vorab ein herzliches Dankeschön!

Doris Hutter

Schlagwörter: Brauchtumspflege, Trachten

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