22. September 2010

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Bilder der Freude in Bistritz

Erstmals fand das Sachsentreffen in Nordsiebenbürgen statt. Gastgeber des 20. Jubiläumstreffens vom 17. bis 19. September 2010 waren die Bistritzer Sachsen. Die Organisatoren, das Siebenbürgenforum, das Bistritzer Forum, die Heimatortsgemeinschaft Bistritz-Nösen und die Stadtverwaltung, hatten ein umfangreiches Programm vorbereitet. Den Festvortrag hielt Horst Göbbel zum Motto „Bildung ist Zukunft“. Ein emotionaler Höhepunkt war die Verleihung der Honterus-Medaille des Siebenbürgenforums an Peter Pastior. Die Laudatio hielt der Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Christoph Bergner.
„Heuer feiern wir dieses Treffen im schönen Bistritz. Dies ist nicht zufällig“, sagte Dr. Karl Scheerer, stellvertretender Vorsitzender des Sie­benbürgenforums. Die Sachsen aus dem Nösner­land und dem Reener Ländchen seien ein wichtiges Segment „unserer Gemeinschaft“. In diesem Sinne habe man ein Zeichen setzen wollen. Ein sichtbares Symbol für den Gemeinschaftssinn der Siebenbürger Sachsen sei auch die nach dem katastrophalen Brand im Juni 2008 wieder aufgebaute Stadtpfarrkirche.

Festgottesdienst mit Bischof Klein

Mit einem Festgottesdienst in eben dieser Kirche begann am Samstag der veranstaltungsreichste Tag des Treffens. Über tausend Menschen füllten das Kirchenschiff bis auf den letz­ten Platz. Angesichts dieser beeindruckenden Kulisse versteckte Stadtpfarrer Johann Krauss seine Emotionen nicht. Es sei ein Bild der Freude, das sich ihm biete. In seiner Predigt bezog der scheidende Bischof D. Dr. Christoph Klein Stellung zum Motto des Sachsentreffens. Bildung sei für die Siebenbürger Sachsen und die Deutschen in Rumänien eine Existenzfrage neben anderen.Ein Bild der Freude bot sich beim ...Ein Bild der Freude bot sich beim Festgottesdienst in der Stadtpfarrkirche. Foto: Holger Wermke Die Organisatoren hatten das Thema Bildung bewusst ausgewählt. Zwei Bistritzer Bildungseinrichtungen begehen in diesem Jahr runde Jubiläen. Seinen 100. Geburtstag feiert das Gebäude, in dem sich das ehemalige evangelische Knabengymnasium befand und das heute das Gymnasium „Liviu Rebreanu“ beherbergt. Die 1871 gegründete Ackerbauschule besteht bereits im 140. Jahr. Doch hier wie im übrigen Siebenbürgen benötigen die deutschsprachigen Schulen Unterstützung, wie Dr. Karl Scheerer appellativ betonte. Der stellvertretende Vorsitzende des Siebenbürgenforums begrüßte die Ehrengäste und moderierte das Festprogramm. 20. Sachsentreffen in Bistritz (ab Minute 12:42) Die Siebenbürger Sachsen könnten auch künf­tig mit Unterstützung rechnen, versprachen der deutsche Generalkonsul in Hermannstadt, Thomas Gerlach, und Dr. Wolfgang Freytag vom Bayerischen Sozialministerium. Unterstützung erhalten hat die Bistritzer Kirchengemeinde von Seiten des rumänischen Staates und der Stadt Bistritz bei der Renovierung ihrer Kirche. Der Bistritzer Bürgermeister Teodor Creţu krönte seine von allen Beteiligten gelobte Unterstützung im Vorfeld des Treffens mit den deutsch gesprochenen Worten, dass er heute auch ein Sachse sei.

Heimattreffen in Bistritz

„Wir, die heute hier leben, freuen uns, sie zu empfangen.“ Mit diesen Worten begrüßte Creţu die Siebenbürger Sachsen, von denen etwa die Hälfte, vor allem aus dem Nösnerland ausgewanderte Landsleute, aus Deutschland angereist war. „Es ist auch das erste Mal, dass eine Heimatortsgemeinschaft aktiv bei einem solchen Treffen bei uns mitwirkt“, sagte Scheerer. Das habe erstmalig dazu geführt, dass „ein solches Treffen so stark grenzüberschreitend geprägt ist, sowohl was die Zuschauer, als auch die Aktiven betrifft“.

„Zum 20. Sachsentreffen in Siebenbürgen ist zum ersten Mal der gesamte Bundesvorstand des Verbandes in Deutschland angereist“, unterstrich Dr. Bernd Fabritius, Vorsitzender des Verbandes der Siebenbürger Sachsen in Deutsch­land. „Damit wollen wir ein Zeichen setzen der selbstverständlichen Zusammengehörigkeit und Verbundenheit in unserer siebenbürgisch-sächsischen Familie.“ Gekommen war auch der Obmann des Bundesverbandes der Siebenbürger Sachsen in Österreich, Volker Petri. In Österreich leben heute viele Nösner und viele Mitglieder der HOG Bistritz-Nösen.

Leistung der Gemeinschaft

An das Motto des Sachsentreffens anknüpfend, formulierte Fabritius in seinem Grußwort die Leitformel: „Zusammenhalt schafft Zukunft“. „Wir feiern hier die Erholung von einer Katastrophe im Kleinen: Vor wenigen Jahren ist der Kirchturm unserer Heimatkirche hier in Flammen aufgegangen. Davon sehen wir heute dank einer Anstrengung in Gemeinschaft, an der auch wir uns selbstverständlich beteiligt haben, nichts mehr.“ Möglich wurde diese Leistung nicht zuletzt durch die politischen Vertreter des Deutschen Forums, von denen der Landesvorsitzende Klaus Johannis, der Ehrenvorsitzen­de Prof. Paul Philippi, der Vorsitzende des Hermannstädter Kreisforums, Martin Bottesch, der Abgeordnete Ovidiu Ganţ sowie Helge Fleischer, Unterstaatssekretär im Departement für internethnische Beziehungen der rumänischen Regierung, am Treffen teilnahmen.Die politischen Vertreter von Forum, ...Die politischen Vertreter von Forum, Lokalverwaltung, Verband und deutschen Partnern mit dem Wappen der HOG Bistritz-Nösen (v.l. Helge Fleischer, Klaus Johannis, Thomas Gerlach, Thomas Hartig, Hans Franchy, Teodor Creţu, Bernd Fabritius, Wolfgang Freytag, Marie Sobczyk). Foto: Holger Wermke Gemeinschaftlich wurde in diesem Jahr das kulturelle Rahmenprogramm gestaltet. Acht Lokalforen schickten ihre Tanzgruppen zum Sachsentreffen: die Erwachsenengruppen aus Sächsisch-Regen und Zeiden, die Jugend- und Kin-­ dertanzgruppen aus Bistritz, Schäßburg, Neumarkt und Suceava, dazu kam das Schlagerduo „Zwei“ aus Bacău. Ihnen zur Seite stellten sich die Augsburger Jugendtanzgruppe sowie die Tanzgruppen aus Landshut, Nürnberg und dem oberösterreichischen Traun. Für die musikalische Untermalung sorgten die Blaskapellen Traun, Landshut sowie die Kapelle des Bistritzer Forums.

Mit dem Wetter hatten die Organisatoren kein Glück. Pünktlich zum Trachtenumzug setzte der Regen ein. Trotzdem machten sich die knapp 400 Teilnehmer vom Marktplatz auf ihren Weg zur Holzgasse, wo die durchnässten Aktiven auf einer Bühne sächsische Tänze von Landler bis Mühlradl aufführten. Durch das Programm führte der Kulturreferent des Bistritzer Forums, Ioan Arcalean.

Zur selben Zeit hielt im Festsaal des Gewerbevereins der ausgewanderte Bistritzer Horst Göbbel seinen Festvortrag, in dem er die Schulgeschichte der Siebenbürger Sachsen rekapitulierte. In Anspielung auf Moderator Scheerer meinte Göbbel, „es ist nicht sicher geprüft, ob wir das erste flächendeckende Schulsystem in Europa hatten, aber wir gehörten zu den Ersten“. Er selbst war sechs Jahre lang Lehrer im geschichtsträchtigen Knabengymnasium, das auch heute noch Unterricht in deutscher Sprache bietet. Dass die deutschen Schulen in der kommunistischen Zeit funktionierten, hielt er dem damaligen System zu Gute. Die solide Ausbildung und Kenntnisse der Muttersprache hätten den ausgewanderten Sachsen den Start in Deutschland oder Österreich erleichtert (Göbbels Vortrag ist in erweiterter Fassung in der jüngsten Ausgabe der HOG-Schrift „Wir Nösner“ nachzulesen).

Hilfe für Landsleute

Anschließend wurde es emotional, als Peter Pastior die Honterus-Medaille für sein Wirken an der Spitze des Sozialwerks der Siebenbürger Sachsen erhielt. Die Entscheidung für den gebürtigen Hermannstädter sei einstimmig und ohne Diskussionen gefallen, erklärte Scheerer. Pastior sei jemand, der nach dem Zusammenbruch der traditionellen Gemeinschaftsformen weiter für seine Landsleute da sein wollte.

„Sie fanden immer Zeit, sich um die sozialen und kulturellen Belange Ihrer Landsleute zu kümmern, die in Siebenbürgen geblieben sind“, würdigte Dr. Christoph Bergner den 79-Jährigen. Auch in seiner Zeit als Geschäftsführer der Landsmannschaft habe für ihn das Wohl der Sachsen in Siebenbürgen Priorität gehabt, „denn Sie haben angesichts der konfliktträchtigen Entscheidungsfrage ‚Bleiben oder Gehen?’ sich vor allen Dingen um die Frage gekümmert: ‚Wo können wir helfen und wo kann ich helfen’“. Pastior habe sich in besonderer Weise um die Errichtung von Alten- und Pflegeheimen bemüht und sich zusammen mit dem siebenbürgischen Hilfswerk Saxonia um soziale und kulturelle Belange gekümmert.

Wie Peter Pastior in seiner Danksagung zum Ausdruck brachte, sei die Ehrung in der Heimat eine ganz besondere Auszeichnung, die er als Würdigung des Sozialwerks betrachte. Er betonte die gute Zusammenarbeit mit der Evangelischen Kirche, dem Forum und der Saxonia-Stiftung, die die Grundlage für die reibungslose Abwicklung der Hilfen gewesen sei. Noch emotionaler wurde Dr. Hans Georg Franchy, Vorsitzender der HOG Bistritz-Nösen, der von Bürgermeister Teodor Creţu für sein Engagement beim Wiederaufbau der Kirche mit der Ehrenbürgerwürde von Bistritz ausgezeichnet wurde. Die selbe Ehrung erhielt der Neubrandenburger Polizeidirektor Manfred Dachner, der der Stadt seit Langem verbunden und seit Kurzem auch Mitglied der Heimatortsgemeinschaft Bistritz-Nösen ist.

Viele Tränen flossen

Franchy meinte, er hätte seine Auszeichnung lieber erst nach dem Ende der noch laufenden Bauarbeiten erhalten. Der Brand sei wie ein Weckruf gewesen: „Damals verfiel die Kirche täglich, niemand nahm sie wahr.“ Sie drohte eine Ruine zu werden, wie viele andere Kirchen im Nösnerland auch. Diese akute Gefahr sei fürs Erste gebannt. Mit stockender Stimme wandte er sich zum Schluss an die Bistritzer im Saal. „Wir wollen gemeinsam, wir wollen weiter mit Ihnen leben.“Symbolträchtige Kulisse - Die Teilnehmer des ...Symbolträchtige Kulisse - Die Teilnehmer des Trachtenumzuges zogen am wieder aufgebauten Kirchturm vorbei. Foto: Holger Wermke Diese Worte dürften die Bistritzer gern gehört haben. „Ich persönlich bin beeindruckt. Ich habe viele Tränen gesehen in den Augen vieler Lands­leute“, schilderte Thomas Hartig, Geschäftsführer des Bistritzer Forums, seine Eindrücke am Rande des 20. Sachsentreffen. Auch sein Vorsitzender, Eckehardt Zaig, war zufrieden mit dem Treffen, das die „Lustigen Adjuvanten“ aus Traun und die Landshuter Blaskapelle am Freitagabend mit einem Platzkonzert eröffnet hatten. Zu Ende ging das offizielle Programm mit einem gemeinsamen Konzert aller Gruppen am Sonntagmittag. Das inoffizielle Besuchsprogramm vieler Heimgekehrter dauerte noch einige Tage länger.

Holger Wermke


Fotogalerie: Zwanzigstes Sachsentreffen Bistritz 2010

Schlagwörter: Sachsentreffen, Bistritz, Siebenbürgen, Verbandspolitik

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