21. Dezember 2014

Wo Meister Petz zu Hause ist: Ein Besuch bei den Bären in Siebenbürgen

„In dem Tal, wohin wir jetzt fahren, würde ich es niemandem empfehlen, abends einfach umherzuwandern“, sagt Katharina Kurmes. „Man muss darauf gefasst sein, dass die Bären einem entgegenkommen.“ Unser Geländewagen rast über staubige Schlaglochstraßen, in der Ferne über dem Königstein dämmert es schon. Das Tal heißt Valea Strâmbei und ist eine Oase der Ruhe. Die nächsten Ortschaften Șinca Veche, Șinca Nouă und Zernen liegen jeweils 15 Kilometer entfernt. Seltene Pflanzen wie die sibirische Iris und die wilden Gladiolen teilen sich diesen Wald mit dem Habichtskauz, dem Schreiadler, dem Schwarzstorch. Auch Rotwild und Schwarzwild gibt es hier – und Bären, viele, viele Bären.
Früher, in der Ceaușescu-Ära, war das Strâmba-Tal bei der politischen Elite ein geschätztes Jagdgebiet. In den Lichtungen wurden Hochstände errichtet, die Jäger ließen das Wild mit ausgelegtem Futter heranlocken. „Ankirren“ – das werden wir jetzt auch tun. Und wir werden Bären jagen – doch nicht mit Gewehren, sondern mit der Kamera, denn Katharina Kurmes organisiert schon seit Jahren in Zusammenarbeit mit den Kronstädter Forstämtern Wildbeobachtungen für Naturfreunde von nah und fern.

Der Wagen hält, die Straße geht nicht mehr weiter, um uns herum rauscht der Wald. „Hier, das sind Bärenspuren!“ – der Förster, der uns auf dem schmalen Fußweg zum Hochstand begleitet, zeigt auf den Abdruck einer großen Vordertatze. Auch das Holzhaus, aus dem wir die Tiere beobachten werden, trägt Bärenspuren: an einer Stelle ist das Holz von kräftigen Pranken oder Zähnen gerissen worden. „Auf 2,60 Metern Höhe“, weiß Andrei Ciocan, der seit vielen Jahren ein Forstgebiet von insgesamt 14 000 Hektar betreut und allein im Strâmba-Tal rund 50 Bären regelmäßig evaluiert.

In der Lichtung vor uns liegen ein paar ausgehöhlte Baumstämme, die der Förster zu Futtertrögen für die Bären umfunktioniert hat. Er legt Maiskolben aus, garniert mit Streuzucker, manchmal gibt es auch Äpfel, Birnen, etwas Honig oder sogar Fleisch, aber nie so viel, dass ein Bär davon satt werden könnte. Kaum haben wir es uns hinter der großen Fensterscheibe gemütlich gemacht, schon tapsen drei Bären aus dem Dickicht herbei. Die zwei Jungen schnuppern an den Leckerbissen, der eine holt sich einen Happen heraus und verzehrt ihn genüsslich, während der andere sich neugierig auf die Hinterbeine aufrichtet und in der kulinarischen Fundgrube wühlt. Die Bärenmutter ist zurückhaltender und spaziert vorsichtig um die Kleinen herum. Es ist erstaunlich, wie geschmeidig sich ein Bär bewegt, obwohl der massige Körper bis zu 350 Kilo wiegen kann. Die Szene hat etwas Sakrales.

Der Förster scheint jeden Bären zu erkennen: „Für die Besucher sind alle gleich, aber ich beobachte sie seit ihrer Geburt, Jahr für Jahr“, flüstert er. Wir erfahren, dass die Jüngeren immer die ersten sind, die sich in die Lichtung trauen – die erfahrenen Bären kommen nur bei Dunkelheit, wenn sie sich sicher fühlen: „Sie meiden solche Orte, denn sie wissen, dass ein Haus Gefahr bedeutet“, so Ciocan.

Auf der Rückfahrt erzählt uns unsere Begleiterin von unerwarteten Begegnungen – zum Beispiel mit einem Bären, der sich eines Nachts in ihren Mirabellenbaum gesetzt und „sich da gütlich getan“ hat. Katharina Kurmes hätte es früher nicht geahnt, dass sie einmal Ökotourismus in Rumänien betreiben würde. Sie und ihr Mann Hermann Kurmes sind Lehrer und waren lange Zeit in Deutschland tätig. Vor fünfzehn Jahren entschloss er sich zu einem Neuanfang in der siebenbürgischen Heimat; sie bewarb sich für den Auslandsschuldienst. 2004 eröffneten sie eine Herberge im Bergdorf Măgura und seither zeigen sie ihren Gästen die Natur der Umgebung. Das Ehepaar kennt auch Zeiten, in denen die Zahl der Bären in Rumänien drastisch zurückgegangen war: „Es gab nach 1989 erst einmal ein großes Massaker im Wald“, erinnert sich Katharina Kurmes. „Die Jagd war früher nur für gewisse Schichten zugänglich – nach der Wende hat sich jeder bewaffnet, ist in den Wald gezogen und hat um sich geknallt. Heute ist das zum Glück anders.“ In Rumänien sind zurzeit nur der Luchs und der Auerhahn ganzjährig geschützt. Für die Bärenjagd legt die rumänische Forstbehörde Jagdquoten fest, interessierte Jäger können Quoten kaufen. „Im Prinzip habe ich nichts dagegen“, so Kurmes. „Bedenken habe ich aber bei der Trophäenjagd: Eine Trophäe ist immer eines der stärksten Tiere im Revier, ganz gleich ob es um Bär, Hirsch oder Wildschwein geht. Für die Fortpflanzung bleiben dann nur die Schwächeren übrig.“
Bären sind gute Kletterer und machen es sich ...
Bären sind gute Kletterer und machen es sich gelegentlich auf Bäumen gemütlich. Foto: Christine Chiriac
Der Kreis Kronstadt ist sowohl bei Jägern, als auch bei Naturfreunden sehr beliebt, und für Wildbeobachtungen ein idealer Ort, denn hier gibt es eine der höchsten Bärendichten landesweit. Allerdings hat dies in den vergangenen Jahren auch zu zweifelhaften Tourismusformen geführt. Die „Müllbären von Kronstadt“ lockten jährlich Schaulustige aus aller Welt in die Stadt und waren sowohl in den internationalen Schlagzeilen, als auch auf Youtube und Facebook zu finden. Die Bären waren an Mülltonnen des Viertels Răcădău angefüttert worden und hatten sich daran gewöhnt, allabendlich einen urbanen Besuch abzustatten, um nach Futter zu suchen. Inzwischen haben die Behörden durch den Einsatz von UV-Licht und speziellen Mülltonnen der fragwürdigen Sensation ein Ende gesetzt.

Wer aber den europäischen Braunbären, Ursus Arctus, aus nächster Nähe beobachten möchte, der ist im unweit gelegenen Bären-Schutzgebiet „Libearty“ in Zernen (rumänisch Zărnești) richtig. Es handelt sich um Europas größtes Bärenreservat, wo zurzeit 80 Bären, mehrere Wölfe, ein Fuchs und einige Rehe zu Hause sind. Die Mission der Einrichtung lautet, alle in Gefangenschaft oder bärenunwürdigen Bedingungen lebenden Bären Rumäniens zu befreien und ihnen ein besseres Leben zu ermöglichen. Das Reservat, das sich heute auf 70 Hektar Eichenwald erstreckt, geht auf eine Initiative von Cristina Lapis zurück, die bereits Ende der 1990er Jahre die Tierschutzorganisation „Millionen Freunde“ (Asociaţia Milioane de Prieteni) gründete und später mit Unterstützung der britischen „World Society for the Protection of Animals“ und der Stadt Zernen das Bärenschutzgebiet aufbaute.

„Libearty“-Pressesprecher Liviu Cioneag führt uns durch das Reservat und erzählt uns detailreich die Geschichte der pelzigen Riesengestalten, die hier leben. Diese Bären sind keineswegs schüchtern, sie fürchten sich nicht, ganz nahe an den Elektrozaun zu treten und uns anzugucken. Kaum zu glauben, dass so ein mächtiges Tier bei der Geburt 20 Zentimeter groß ist und 500 Gramm wiegt!

Die Geschichte des Schutzgebietes begann in einer Gaststätte unweit von dem Schloss Törzburg. Die Bärin Maia wurde dort in einem engen Käfig als Touristenattraktion ausgestellt. Die Passanten durften sie mit Stöcken schubsen oder mit Wasser beschütten. „Als Mensch hat man viele Möglichkeiten, sich das Leben zu nehmen, aber für Bären gibt es wenige“, erzählt Cioineag. „Das einzige, was Maia tun konnte, war sich selbst zu verstümmeln. Sie begann, ihre eigene Tatze zu fressen.“ Die Geschichte löste vor allem im Ausland einen Skandal aus. Für Maia war es zu spät, doch seither konnte das Team des Reservats in Zusammenarbeit mit Tierärzten, -psychologen und Fachpersonal viele andere Tiere retten: Etwa Jacksy, die immer nur auf einem schmalen Pfad auf und ab geht, weil sie früher im Käfig ein stereotypes Verhalten entwickelt hat. Oder Max, dem sein ehemaliger Besitzer die Zähne herausgezogen und Nadeln in die Augen gestochen hat. Oder auch Wölfe, die sich in heruntergekommenen Zoos vor Hunger gegenseitig aufgefressen haben.

Die Bären werden oft unterernährt, mit Krankheiten, Zwangsstörungen und geschrumpften Muskeln ins Schutzgebiet gebracht. Die Rehabilitation beginnt mit einer mehrwöchigen Quarantäne und ärztlichen Behandlungen. Nach und nach beginnen die Tiere dann wieder Löcher in der Erde zu buddeln, Unterschlüpfe für den Winter zu suchen, auf Bäume zu klettern. „Wir betrachten es als Fünf-Sterne-All-Inclusive-Einrichtung“, scherzt Liviu Cioneag. „Hier haben die Bären sogar mehr als sie brauchen!“ Nur noch acht Bären leben heute in illegaler Gefangenschaft in ganz Rumänien. Vor Jahren war es noch das Zehnfache, denn insbesondere Vertreter der gehobenen Kreise hielten es für ein Statussymbol, Bären zu „besitzen“. Nun, da die Mission des Bärenschutzgebiets beinahe erfüllt ist, verschiebt sich der Schwerpunkt von „Libearty“ hin zur Schaffung eines Bewusstseins für Tiere und Umwelt. Zahlreiche Schulklassen und Touristengruppen betreten täglich das Reservat. Im Flur des Infozentrums hängen Fotografien der Promis, die schon einmal hier waren: Jacqueline Bisset, Natalie Imbruglia, Peter Maffay, Brigitte Bardot. Obwohl sich das Schutzgebiet bewusst von einem Zoo abgrenzen möchte, könnte es bald zur Herausforderung werden, diesen Anspruch mit Besucherzahlen von durchschnittlich 10000 Personen pro Jahr zu vereinbaren.

Familie Kurmes sieht die Entwicklung kritisch und betrachtet zum Beispiel den Bummelzug für Besucher, der vor kurzem eingeführt wurde, als zu viel des Guten. Doch auch in der freien Natur bedrängt menschliches Verhalten die Tiere immer mehr: Die Habitate werden kleiner, der Holzeinschlag nimmt zu, in den Tälern wird wild gebaut. „Wenn vonseiten der Regierung nicht eine konsequente Naturschutzpolitik betrieben wird, dann geht die Zahl der Bären gewiss wieder zurück“, sagt Katharina Kurmes. Offiziell gibt es heute in Rumänien 6000 wilde Braunbären. Wenn man die Gesamtzahl von 14000 in Europa betrachtet, dann ist das fast die Hälfte.

Christine Chiriac

Schlagwörter: Siebenbürgen, Bären, Umweltschutz

Bewerten:

35 Bewertungen: ++

Noch keine Kommmentare zum Artikel.

Zum Kommentieren loggen Sie sich bitte in dem LogIn-Feld oben ein oder registrieren Sie sich.