11. August 2017

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Bischof Reinhart Guib: "Apfelbäumchen der Hoffnung" im Land des Segens

"In der Welt zu Hause, in Siebenbürgen daheim" – das Motto des diesjährigen Sachsentreffens vom 4.-6. August trifft in besonderem Maße auch auf die Evangelische Landeskirche A.B. in Rumänien zu. Seit bald 500 Jahren ist sie heimatgebend für derzeit über 12.000 Seelen in Siebenbürgen und Gläubige im ganzen Land, steht aber auch den in alle Welt ausgewanderten Siebenbürger Sachsen offen, die durch ihre Mitgliedschaft Verbundenheit mit ihrer alten Heimatkirche zeigen wollen. Beim Sachsentreffen in der siebenbürgischen "Haupt- und Hermannstadt", der Reformationsstadt und zugleich dem Bischofssitz sprach Bischof Reinhart Guib gleich dreimal zu den vereinten Landsleuten von den "Apfelbäumchen der Hoffnung" im "Land des Segens": in einem Grußwort am Samstag, dem 5. August, auf dem Großen Ring, in einer Festrede am Samstagnachmittag beim Festakt im Thalia-Saal und in der Sonntagspredigt in der evangelischen Stadtpfarrkirche in Hermannstadt.
Gott hilft, die Zeichen der Zeit verstehen zu lernen. Mit starken Metaphern erzählt Bischof Reinhart Guib die "Geschichte von der Heimat, die lebt" - die "sich verändert hat, aber nicht minderwertiger geworden ist". Und von einer Kirche, die trotz einstürzender Türme und schwindender Gemeinden erlebbar und identitätsstiftend bleibt - ja, sogar in manchem reicher und schöner wird: Orgelmusik tönt aus so mancher Dorfkirche, wenn man überland fährt; Kinder und Jugendliche sammeln sich zu Hunderten in Freizeiten in Bekokten oder Rosenau. Sächsische Kirchenburgen sind nationales, europäisches, manche sogar Weltkulturerbe geworden, zwei Staatspräsidenten aus Deutschland und Rumänien wachen als Schirmherren der Kirchenburgenstiftung über ihren Erhalt, sagt der Bischof.

Die Predigt in der übervollen Stadtpfarrkirche beginnt mit Dankbarkeit: "Welch ein Geschenk! Drei volle Tage zusammen!" "Zusammmen die Zeit vergessen. Zusammen, was uns trennt, zurücklassen. Zusammen Licht tanken." "Eine himmlische Vaterhand bringt uns in diesem Jahrhundert wieder zusammen und lässt uns wachsen und hoffen", Gott hilft, die Zeichen der Zeit verstehen zu lernen, tröstet er über die Wirren der Vergangenheit, die Zeit der Trennung und Missverständnisse in der Gemeinschaft hinweg – und ruft auf die Zeichen der Zeit wahrzunehmen: "Die Volkskirche der Siebenbürger Sachsen lebt. Nehmt neue Mitglieder auf aus allen Völkern." "Kauft Häuser, Acker, Weinberge. Gott hat mit Siebenbürgen noch was vor."

Die starke Botschaft im vollen Wortlaut - Grußwort, Festrede und Predigt - lesen Sie hier in der Siebenbürgischen Zeitung Online.

Grußwort von Bischof Reinhart Guib beim Sachsentreffen auf dem Großen Ring in Hermannstadt

Liebe Sachsen und Sachsenfreunde aus aller Welt, liebe Schwestern und Brüder,
seid herzlich willkommen in Hermannstadt, in der Mitte der deutschen Gemeinschaft und der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien. Seit Januar 1990 ist Hermannstadt zum Dreh- und Angelpunkt unserer deutschen Gemeinschaft in Siebenbürgen und Rumänien geworden. Ab 2000, als unser jetziger Staatspräsident Klaus Johannis Bürgermeister von Hermannstadt wurde und besonders ab 2007 hat sich Hermannstadt zum Markenzeichen für ein multikulturelles, ökumenisches und europäisches Zentrum etabliert und eine Gastfreundlichkeit zu eigen gemacht, die wir gerne allen Freunden und Teilnehmern des Sachsentreffens vorleben wollen. Bischof Reinhart Guib mit weiteren Ehrengästen ...Bischof Reinhart Guib mit weiteren Ehrengästen auf der Bühne auf dem Großen Ring. Fotos: George Dumitriu Die Evangelische Kirche ist traditionsgemäß die Kirche der Siebenbürger Sachsen bis heute. Schon 1553 gab es hier in Hermannstadt den ersten reformatorischen Bischof, Paul Wiener, und seit 150 Jahren wurde durch Georg Daniel Teutsch, dessen Standbild zwischen der Stadtpfarrkirche und der Brukenthal-Schule steht, der Sitz der Evangelischen Kirche und des Bischofs wieder in Hermannstadt verankert.

In diesem Jahr feiert die Evangelische Kirche mit allen protestantischen Kirchen 500 Jahre Reformation. Dass wir uns auch 500 Jahre danach „in der Welt zuhause, in Siebenbürgen daheim“ fühlen und sind, wie das Motto des Sachsentreffens lautet, ist mit, eine Errungenschaft der Reformation. „In der Welt zu Hause“ will auch heißen, dass wir uns in Gottes Welt und Wirkungskreis befinden wo immer wir sind und wie immer es uns ergeht und mit unserem Glauben und Suchen uns getragen wissen aber auch zum Gemeinschaft gestalten befähigt werden. Und „in Siebenbürgen daheim“ zeigt auch unsere Verwurzelung an den Gott, der uns dieses Land des Segens anvertraut und lieb gemacht hat und das uns darum auch niemand nehmen kann.

Die Heimatkirche öffnet ihre Tore und Herzen für Euch, in Hermannstadt und in vielen siebenbürgisch-sächsischen Orten, und lädt ein sie neu kennen und lieben zu lernen, zu erkunden und mit Leben zu füllen, heute und morgen und allezeit. „So seid ihr nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.“ (Eph.2,19)

Sehr geehrter Herr Staatspräsident Johannis, werte Veranstalter und Partner, hohe Gäste, lew Sachsen vun noh uch far, liebe Freunde der Siebenbürger Sachsen, ich heiße euch alle im Namen der EKR herzlich willkommen – in der Reformationsstadt Hermannstadt, in Siebenbürgen, in eurer Heimatkirche.

Hermannstadt und Kronstadt wurden von der Gemeinschaft der Evangelischen Kirchen in Europa zu Reformationsstädten in Europa ernannt. Die Kirche ist seit 500 Jahren eine besondere Heimat für die Siebenbürger Sachsen. Der Reformator Johannes Honterus in Kronstadt, die ersten Bischöfe in Hermannstadt haben die „Kirche aller Deutschen in Siebenbürgen“ aus der Taufe gehoben und gefestigt.

Die Kirche hat sich durch die Jahrhunderte bewährt als eine Stätte des Schutzes und des Glaubens. Sie hat sich nach dem Evangelium reformiert und ausgerichtet. Heute ist diese Kirche heimatgebend für über 12.000 Seelen in ganz Rumänien und viele Tausende und Abertausende Siebenbürger Sachsen und Freunde aus aller Welt. Das zeigt, dass Gott nicht unseren Untergang will, sondern unser Leben und unseren Beitrag für eine menschenfreundliche und ihm wohlgefällige Welt.

Ich danke Gott, dass wir in dieser Welt zu Hause sind. Ich hoffe, dass wir diese Tage die Freude des Lebens, den Wert der Gemeinschaft und den Reichtum der Begegnungen erleben. Die Tore der Heimatkirche und die Herzen der Schwestern und Brüder hier sind offen euch zu empfangen. Daheim in Hermannstadt, in Siebenbürgen.

Nehmt euch Zeit, dies Hermannstadt, dies Siebenbürgen kennen zu lernen, um es zu lieben, zu erkunden, um es mit Leben zu füllen, anzusuchen um Mitgliedschaft in der Heimatkirche, um voll dazuzugehören. Das wünsche ich euch und uns von Herzen. Gottes Segen komme über uns und bleibe bei uns jetzt und allezeit.

Mult stimate domnule Președinte, stimate gazde, stimaţi oaspeti de onoare, dragi sași și prieteni ai sașilor, dragi fraţi si surori întru Hristos! Bine aţi venit in Sibiu, in Transilvania, in Biserica Evanghelică de confesiune augustană din Romania, numită si Biserica săsească sau luterană. Bine aţi venit si revenit in orașul Sibiu, oraș European al reformării unde cu 500 de ani in urmă s-a format “Biserica tuturor Germanilor din Transilvania”.

Char dacă in ultimii 75 de ani comunitatea săseasca s-a micșorat continu prin evenimente istorice cumplite Biserica a ramas Biserica sașilor si prietenilor ei. Biserica in sine, Episcopia noastră si bisericile săsești sunt deschise pentru toţi cei care vin și îi trec pragul pentru a se informa, a se ruga, a asculta cuvântul lui Dumnezeu, a cânta lauda lui si primi orientare si binecuvântare. Luaţi-vă timp să vă simţiţi acasă – aici – între sașii harnici si gospodari, buni si prietenoși de pretutindeni. Fiţi acasă intre semenii cu valori creștine, umanistice si europene. Fiţi acasă in Biserica, casa sufletelor noastre. Bine aţi venit!

Binecuvântarea lui Dumnezeu, al Tatălui, al Fiului și al Sfântului Duh să vină și să ramăna la noi acum și-n pururea și-n vecii veciilor. Amin.

Festrede von Bischof Reinhart Guib im Thalia-Saal

Verehrte Siebenbürger Sachsen und Sachsenfreunde, liebe Geschwister im Glauben! Ich grüße Sie alle im Namen der Evangelische Kirche A.B. in Rumänien (EKR) zu diesem größten Sachsentreffen aller Zeiten in Siebenbürgen. Herzlichen Dank an das Siebenbürgenforum und den HOG-Verband und ihre Vorsitzenden für diese Idee und ihre Umsetzung. Hochachtung der Stadtregierung sowie der Verbandsleitungen der Siebenbürger Sachsen und den Jugendorganisationen für die tolle Implikation. So wird Heimat erlebbar. Es ist mir Ehre und Freude, die gute Zusammenarbeit zwischen Forum und Kirche mit diesem gemeinsamen Festvortrag widerzuspiegeln.

„In der Welt zu Hause, in Siebenbürgen daheim“! Dies Motto fordert uns heraus unsere Beziehung zur Heimat zu bedenken oder neu zu bekennen.

Bischof Reinhart Guib bei der Festrede im Thalia ...Bischof Reinhart Guib bei der Festrede im Thalia-Saal. „Meine Heimat Siebenbürgen ist eine Reise wert“, höre ich mich oft Besuchern sagen. Hier erlebe ich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft hautnah. Wer sich auf die Begegnung mit Siebenbürgen, mit der Heimat einlässt, dem wird diese Erfahrung auch geschenkt. Viele, die Siebenbürgen besuchen, kommen wieder. Es lässt sie nicht mehr los. Wir nennen das den „Virus transilvanicus“. Viele auch unter uns, wage ich zu behaupten, tragen diesen Siebenbürgen-Virus mit sich. Sonst wäret ihr nicht da.

Im Land des Segens gibt es, was zu erzählen. Die Geschichte von der Heimat, die lebt. Die Geschichte von den Apfelbäumchen, dem Apfelbaum und dem Apfelgarten. Diese Geschichte begann vor 500 Jahren. Ein unscheinbarer Mönch veröffentlichte am 31. Oktober 1517 an der Tür der Schlosskirche in Wittenberg seine 95 Thesen. Er wollte mitten in die wirre Zeit hinein den Menschen neue Hoffnung schenken. Die Rechnung ging auf. Der Segen stellte sich ein, und so reden wir noch heute davon. Die EKR hat zum 500. Jubiläum der Reformation ihr Gedenken zum Motto „Zwölf Apfelbäumchen für ein klares Wort“ entwickelt. Dies geht zurück nicht nur auf die Wirkung des Thesenanschlags, sondern auch auf ein Wort, das dem Reformator Martin Luther zugeschrieben wurde: „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Fünf Orte in Siebenbürgen und weitere sieben in Europa, die mit der siebenbürgischen Reformation vor 475 Jahren zusammenhängen, werden zu Stätten der grenzüberschreitenden Gemeinschaft und Hoffnung. Der treffliche Beweis, dass wir in der Welt zu Hause sind und in Siebenbürgen daheim.

Mit Gottesdienst, Symposion, Ausstellung und Apfelbäumchen-Pflanzung wird der siebenbürgischen und europäischen Reformation gedacht und reformatorisches Gedankengut neu beleuchtet. Luther wollte nichts anderes als, dass die Kirche und der Glaube wirklich Heimat für alle wurden.

Jedes Volk gleicht einem Apfelbaum. Der siebenbürgisch-sächsische Apfelbaum hat eine 876-jährige Geschichte. So alt ist dieser Baumstamm geworden. Wahrlich – zum Staunen. Er beinhaltet das, was uns eint und gemeinsam ist: die Geschichte, Kirche und Glaube, die Sprache, Bildung und Erziehung, Kultur, Kirchenburgenerbe und Gemeinschaftssinn u.v.a.m. Dieser Stamm hat in der Zeit viele Äste hervorgebracht. Die haben alle ihre Berechtigung. Sie sehen auf eine unterschiedliche Entwicklung zurück. Einige sind lang und schlank gewachsen bis in die USA und nach Kanada. Andere sind stark und gesund und schlagen aus bis nach Österreich und Deutschland. Andere wiederum, nah am Stamm, wenige und kleine, lassen aber erahnen, was noch werden kann in Siebenbürgen. Der Baum wächst weiter. Zweige haben angesetzt. Blätter werden mal grün und leuchtend, mal braun und verschwinden wieder. Auch Früchte gedeihen an diesem Baum. Ganz unterschiedliche, schmackhafte und es riecht nach Jonathan oder Lederäpfel und bald wieder nach Batull. Wenn sie alle in ihrem Wachsen aufeinander achten, dann bilden sie eine wunderschöne Krone.

Sichtbar wird aber, dass einzelne Äste schon zu verdorren beginnen und der Stamm neuen Saft braucht. Was ist geschehen? Dörfer sterben aus. Kirchtürme fallen ein. Häuser werden leer. Schulen werden weniger. Menschen werden alt und müde. Kinder sprechen andere Sprachen. Von ehemals 300.000 Siebenbürger Sachsen sind heute noch 12.000 in Siebenbürgen lebend. Daheim? Die Heimat hat sich verändert seit der Wende. Für die, die inzwischen woanders leben. Für die, die da geblieben sind. Sie ist aber nicht minderwertiger geworden. Es ist nicht nichts mehr hier. Was erlebbar ist von alldem auch heute, ist in erster Reihe Kirche und Glaube, Verantwortungsbewusstsein und Gemeinschaftssinn. Die Kirche steht doch noch im Dorf! Gott sei Dank! Wie lange noch? Bricht mit Kirche und Turm womöglich auch die Gemeinschaft auseinander? Pfarrer werden immer rarer. Von ehemals fast 200 sind heute 32 im gemeindlichen Dienst. Der Pfarrer, der früher nur für eine Gemeinde von der Wiege bis zur Bahre zu sorgen hatte, wird heute in zehn und mehr Gemeinden erwartet, und alle sind dankbar, mindestens einmal in zwei oder Wochen zusammenzukommen. In über 200 pfarrlosen Gemeinden in einer anwachsenden Diaspora ist der Kurator vom Glöckner bis zum Lektor, vom Kirchenburgenverwalter bis zum Krankenbetreuer befördert worden, weil sich keiner um das Amt reißt. Wie lange hält er noch durch? Wie schafft die Kirche es, die Kinder und Jugendlichen zu sammeln? Ja, welche Kinder und Jugendlichen? Und doch waren unlängst über 100 in Bekokten und fast so viele in Rosenau bei Freizeiten dabei! Unglaublich! Das Gesicht der Kirche wird schöner. Die Frauen werden immer sichtbarer. Im Kuratorenamt, als Pfarrerinnen, als Altenheimleiterinnen und Hospiz-Begründerinnen, als Schul-, Kultur- und Kinderheimleiterinnen, als Organistinnen u.a.m. Ich fahre übers Land und höre in der einen Dorfkirche siebenbürgische Orgelmusik erklingen, in einer anderen Bach und in der dritten wird ein Singspiel einstudiert. Mit rund zwölf Kirchenmusikern im Land! Die Kirchen halten es aus. Sie füllen sich sogar. Anderssprachige Nachbarn, Freunde von überallher und Kollegen kommen hinzu. Von 200.000 auf 700.000 wuchs die Zahl der Besuche der Kirchenburgen in den letzten fünf Jahren. Über 50 Kirchen stehen von Ostern bis Reformation offen und laden ein. Haupt- und Ehrenamtliche stehen dahinter. Laufend findet, heute hier und morgen dort, eine Veranstaltung statt. Das Programm der EKR „Entdecke die Seele Siebenbürgens“ macht es möglich. Kirchenburgen wurden und werden mit europäischen Mitteln restauriert. Die HOGs füllen die Kirchen im Sommer und tun etwas für ihre Kirchenburg. Immer mehr Organisationen und Privatpersonen und sogar der deutsche und nach und nach auch der rumänische Staat zeigen Interesse daran. Es ist doch nationales Kulturgut! Es gehört nicht nur den Sachsen, der Evangelischen Kirche! Es ist sogar europäisches, ja Weltkulturerbe! Die Kirchenburgenstiftung schreibt sich den Erhalt, die Förderung und Nutzung der Kirchenburgenlandschaft auf die Fahne. Große Herausforderung. Ob sie Förderer unter uns findet? Zu wünschen wär es und nötig auch. Zum Wohl der Heimat Kirche! Als Schirmherrn stehen der rumänische und deutsche Präsident zur Seite. Ein Siebenbürger Sachse und ein Deutscher, und das im Jahre 2017 n.Chr.! Apfelbäumchen der Hoffnung!

Zerstörerische Kräfte in der Geschichte haben uns im letzten Jahrhundert durcheinandergewirbelt und verstreut. Eine himmlische Vaterhand bringt uns in diesem Jahrhundert wieder zusammen und lässt uns wachsen und hoffen. Nach dem Auseinander über „Gehen und Bleiben“ bauen wir Brücken des Zueinander. Verbände der Siebenbürger Sachsen, Hilfskomitee, Sozialwerk, Freundeskreis, HOGs pflegen beste Zusammenarbeit mit der Kirche und dem Forum. Der Apfelgarten Europa macht es möglich. Wer in der Welt zu Hause ist kann in Siebenbürgen daheim sein. Das eine schließt das andere nicht aus. Das eine bedingt das andere sogar.

Eine neue deutschsprachige evangelische Schule wurde in Hermannstadt gegründet. Nach 100 Jahren! Warum? Die anderen deutschen Stadtschulen sind überfüllt von rumänischen Kindern, die Deutsch lernen wollen. Über 22.000 im ganzen Land! Dabei gibt es nur ca. 40.000 Deutsche in Rumänien überhaupt. Ja, über 100.000 rumänische Familien würden laut Umfrage ihre Kinder in eine deutschsprachige Bildungseinrichtung geben! Ist die deutsche Sprache denn so wichtig? Ist sie gar identitäts- und heimatsstiftend? Das ist nicht selbstverständlich! In etlichen Gemeinden wird rumänisch gepredigt und unterrichtet. Aber es geht weiter in Siebenbürgen! Anders! In einer viel bunteren Gesellschaft als zu der Zeit von Johannes Honterus oder Stephan Ludwig Roth. Die Kirche der Siebenbürger Sachsen wird Kirche auch mit und für andere. Apfelbäumchen der Hoffnung säumen den Weg. Wer Augen hat zu sehen, der sehe.

Der Stamm neigt sich manchmal und hat auch Anzeichen von Verdorren, aber er steht und trägt. Was kann das Geheimnis sein? Liegt es in der Historie des Stammes? Liegt es an dem was wir daraus machen können?

Das Verständnis, dass Kirche und Schule, Glaube und Sprache Heimat sein können nahm seinen historischen Anfang im politisch veränderlichen 19. Jahrhundert. Zwischen Stadtpfarrkirche und Brukenthalschule steht das größte Standbild einer sächsischen Persönlichkeit in Siebenbürgen, vermutlich sogar weltweit.

Der Träger wäre in diesem Jahr 200 Jahre alt geworden. Er entführte den Bischofssitz nach fast 300 Jahren aus der Birthälmer Kirchenburg auf den Großen Ring in Hermannstadt. Am 2. Juli gedachten wir dieses Mannes, der als Sachsenbischof in die Geschichtsbücher eingegangen ist. Dabei hat er selbst eine Sachsengeschichte verfasst und mit seinem kirchenpolitischen Wirken die deutschsprachigen kirchlichen Schulen vor der Magyarisierung bewahrt. Ein lebenslanges Wirken für die Einheit und Gemeinschaft von Volk, Schule und Kirche, wäre ein angemessenes Charakterisieren von Leben und Werk von Georg Daniel Teutsch.

Für den siebenbürgisch-sächsischen Baumstamm sind nach dem Reformator der Siebenbürger Sachsen, Johannes Honterus (der beim Evangelischen Kirchentag im September gewürdigt wird), auch unbekanntere Gestalten wie Paul Wiener impulsgebend. Er kam als Exulant aus der Krain, im heutigen Slowenien, 1551 nach Hermannstadt. Er wurde hier Prediger, Stadtpfarrer und der erste evangelische Bischof der „Kirche aller Deutschen in Siebenbürgen“. Dieser gelehrte Mann ging bis zu seiner Verbannung beim Königshof der Habsburger ein und aus. Aus dem westlichen Europa führte ihn sein Weg an den Rand des Habsburger Reiches. In Siebenbürgen fand er Aufnahme, gelebte Toleranz, ja Anerkennung und eine neue Heimat. Erstaunlich diese Integrationsgeschichte!

Vor über 100, vor 70, vor 27 Jahren flohen oder reisten viele Siebenbürger Sachsen in umgekehrte Richtung nach Westen. Siehe, das sollte nicht das Ende sein! Gott hat etwas mit uns vor! Er braucht uns in Europa! Als Brücke zwischen West und Ost, am Schnittpunkt zwischen abendländischen und morgenländischer Kirche. Siebenbürgen kann sogar wieder Einwanderungsland werden. Ist es schon. In und trotz der heutigen politischen Konstellation. Es gibt riesigen Bedarf von Menschen die kreativ, tatkräftig und engagiert sind und Impulse setzen können. Das erstaunliche passiert: Sie kommen! Ein deutscher Vikar mit siebenbürgischen Wurzeln, der hier Pfarrer werden will! Mehrere Zurückgekehrte, die das Kuratorenamt annehmen! Unternehmerische Rückwanderer, die auf höchster Ebene mit ihrer Erfahrung helfen, die Gemeinschaft zu stärken und zu beleben! Familien und Einzelne, die aus Übersattheit den Weg ins urige Siebenbürgen finden und hier neu aufleben! Die Nähe zu Mensch, Natur und Kultur treibt Menschen aus ganz Europa nach Siebenbürgen! Siebenbürgisch-sächsische und andere Europäer, die Europa nach Siebenbürgen bringen. Apfelbäumchen der Hoffnung! So kann „in der Welt zu Hause, in Siebenbürgen daheim“ aussehen.

Zum siebenbürgischen Stamm gehört auch der unbekannte zweite Bischof der EKR aus Karpfen, der Zips, der heutigen Slowakei, Mathias Hebler. Wie kein anderer setzte er sich 1557, 1561 und 1568 für die „reine“ Lehre in Dialog und Disputation ein. Der friedliche Einsatz für die Wahrheit, Dialogfähigkeit, demokratische Gesinnung charakterisierten ihn. Ein wahrer Christ und Europäer. Es ist nicht selbstverständlich in den Irrungen der Geschichte, auch der siebenbürgisch-sächsischen Geschichte, wie in der heutigen Politik im Land, in Europa, in der Welt solche Einstellung aufrecht und durchzuhalten. Mut, Kontinuität und langer Atem sind nötig.

Das ehemalige Stadtoberhaupt von Hermannstadt und Staatsoberhaupt heute geht Schritt mit Schritt diesen Weg. Er spricht uns und immer mehr Menschen an und weckt die Sehnsucht nach einem „ebenbürtigen zu Hause in Europa“, und besonders „einer Zukunft in Siebenbürgen und Rumänien“.

Liebe Festteilnehmer! Heimat ist nichts Statisches. Heimat ist nichts für immer Abgeschlossenes. Erinnerungen, Traditionen, Glaube, Gemeinschaftssinn mögen sich gefestigt haben bei den Junggebliebenen. Für junge Menschen von heute ist Heimat noch im Wachsen, wie ein Apfelbaum, der klein beginnt. Der siebenbürgisch-sächsische evangelische Apfelbaum hat einen festen Stamm. Äste und Zweige, Blätter und Krone sind aber beweglich. So wie unsere siebenbürgisch-sächsische evangelische Gemeinschaft diese Tage in Bewegung ist von West nach Ost, von Nord nach Süd. Bewegung tut gut. Wer die Welt kennt, kann das Daheim schätzen. Wer das Daheim mit Begegnung und Leben füllt, der ist auch in der Welt zu Hause. Beides, das Daheim und die Welt stehen in Gottes Hand. Die siebenbürgische Heimat und Heimatkirche waren, sind werden da sein. Bis der, der uns diese irdische Heimat gegeben hat, uns in seine ewige ruft. Heimat ist da, wo der Apfelbaum Siebenbürgen gepflegt wird und wächst. Wo Apfelbäumchen der Hoffnung gepflanzt werden. Noch ist Zeit, Apfelbäumchen der Hoffnung zu pflanzen für den siebenbürgischen Apfelbaum und für den Apfelgarten Europa und Welt. Alle brauchen es. Alle freuen sich darauf.

„In der Welt zu Hause, in Siebenbürgen daheim“! Dies Motto hat mich herausgefordert, meine Beziehung zur Heimat zu bedenken und neu zu bekennen. Nun seid Ihr dran!

Predigt von Bischof Reinhart Guib am 6. August 2017 in der Evangelischen Stadtpfarrkirche Hermannstadt zu Jesaja 2, 1-5 (III)

„Dies ist das Wort, das Jesaja, der Sohn des Amoz, schaute über Juda und Jerusalem. Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des Herrn Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen, und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinaufgehen zum Berg des Herrn, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des Herrn Wort von Jerusalem. Und er wird richten unter den Nationen und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Licht des Herrn!”

Gnade sei mit euch und Friede, von dem der da ist und der da war und der da kommt!

Liebe Sachsengemeinde! Liebe Festgemeinde! Liebe Schwestern und Brüder!

Welch ein Geschenk! Drei volle Tage zusammen! Zusammen feiern. Zusammen begegnen. Zusammen sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen. Zusammen tanzen, musizieren, reden, vorstellen, werben, erstehen, organisieren. Zusammen die Zeit vergessen. Zusammen, was uns trennt, zurücklassen. Zusammen Licht tanken. Zusammen unter der brennenden Sonne schwitzen und seufzen. Zusammen sich aneinander freuen. Für dies Zusammensein dürfen wir nun heute zusammen danken und Gott loben. Zur Ruhe kommen. Nun will der Herr uns das Zusammensein mit ihm schenken. Zu uns sprechen. Wie vor 500 Jahren zu Martin Luther.

Der hörte mit offenem Herzen, mit offenen Sinnen. Die Botschaft vom Gott, der es gut mit uns meint. Die Nachricht, dass Gott uns liebt, so wie wir sind. Nicht unsere Leistung zählt bei ihm, sondern unsere Offenheit. Unser Kommen zu ihm. Unsere Bereitschaft. Sich erfüllen zu lassen. Von dem, was er uns bereithält. Heute mit der Pfingstkantate und dem Geschenk des Geistes Gottes. Mit dem Lob und Dank für Gott für diese wunderbaren Tage des Zusammenseins. Mit der innigsten Gemeinschaft, die wir mit ihm und den Schwestern und Brüder haben können im Heiligen Abendmahl. Mit seinem Wort, das uns hilft weiter zu sehen. Die Zeichen der Zeit verstehen zu lernen.

„In der Welt zu Hause, in Siebenbürgen daheim“. Ein Motto mit zwei zeichenhaften Aussagen. Die einander auszuschließen scheinen. Welche das Spannungsfeld aufzeigen, in dem wir heute leben. In der wirklichen und der virtuellen Welt. In der natürlichen und der idealisierten Heimat. In der Welt mit dem Haus Europa und mit dem Heim in Siebenbürgen. Wir haben die gesteigerte Mobilität in Europa. Die Entwicklung der Informationstechnologie weltweit nimmt zu. Der Gemeinschaftsbedarf in Siebenbürgen und unter den Siebenbürger Sachsen ist groß. Mobilität, Information, Gemeinschaft bestimmen unser Leben. Das erleben wir diese Tage. Diese drei zusammengenommen lösen das Spannungsfeld auf. Sie machen es möglich: In der Welt zu Hause zu sein und in Siebenbürgen daheim. Die Frage ist: Brauchen wir Gott dafür? Wo nach Gott ernstlich gefragt wird, da gibt er sich zu erkennen. Er gibt zu verstehen was dran ist. Damals wie heute.

Das gehörte Predigtwort stammt um das Jahr 730 vor Christus. Voran geht die Klage über das sich von Gott entfernende, gleichgültig gewordene Volk Israel. Der Weckruf verhallt im Nichts. Gott hält Gericht zur Läuterung seines Volkes. Daraufhin hat der Prophet Jesaja eine Vision. Sie spricht von der Zukunft. Vom Heilwerden der Beziehungen zueinander und zu Gott. Vom Frieden und Heil, die von Gottes neuem Tempelberg ausgehen.

Dieses Wort gilt auch uns heute, zum großen Sachsentreffen 2017 in Hermannstadt. Säkularisation, Individualisierung und Unabhängigkeitsdrang nehmen stets zu in der Welt, in Europa, auch in Siebenbürgen. Das Fragen nach Gott ist nicht mehr selbstverständlich. Auch und gerade in einer Volkskirche ist die Gefahr gegeben, dass nur noch das Völkische wichtig wird. Kirche und Gott werden belanglos, zum schmückenden Beiwerk, bis sie ganz verschwinden aus dem Alltag. Eine Welt, ein Europa, ein Rumänien, das aus den Fugen geraten ist, wird sichtbar. Es gibt nur wenige Lichtblicke. Es kann heilsam sein für Siebenbürgen und Rumänien, für Europa, für die Welt, neu nach Gott zu fragen. Er bringt Licht in die Dunkelheit dieser Welt. Er will das Leben, nicht den Tod. Mit dem Leben und Glauben, den wir teilen, schenkt er uns das Licht. Er will uns segnen, nicht verfluchen. Er möchte für uns Siebenbürger Sachsen, für alle Völker nicht wieder Krieg und Deportation, noch Flucht oder Auswanderung. Er hat Gedanken des Friedens mit uns. Den Frieden, den die Welt nie geben kann. Der aus dem Vertrauen kommt: Ich bin geliebt. Ich bin erlöst. Ich bin befreit. Das Kreuz Christi macht dies alles wahr. Luther hat diese ihn erneuernde Vision vor 500 Jahren herbeigesehnt. Sie ist Wirklichkeit geworden. Er hat davon weitererzählt. Die Zeichen der Zeit erkannt. Die Welt verändert. Wir sprechen heute noch davon.

Volk und Kirche, Leben und Glauben gehören zusammen wie die Glieder an einem Leib. Wo eines fehlt oder krankt, leidet das andere mit. Jahrzehnte waren nötig, um die Wunden zwischen Gehen und Bleiben zu schließen. Frieden ist zwischen uns eingekehrt. Die Beziehungen zwischen uns Siebenbürger Sachsen hat nicht die Zeit geheilt. Es ist Gott am Werk. Er hat unaufhörlich unter uns gewirkt. Seit 1990. Durch viele Begegnungen, Treffen, Aktionen, Projekte untereinander. Von einem gespaltenen Volk zwischen Ost und West sind wir zu einer grenzübergreifenden Gemeinschaft in Europa und der Welt gewachsen. Dies Geschenk Gottes gilt es zu bewahren. Wir dürfen getrost und vergnügt vom Segen weitererzählen. Unseren Kindern. In Siebenbürgen, in Europa, in der Welt.

Diese Gemeinschaft braucht auch Tiefe. Unser Bekenntnis zu Gott ist gefragt. Wer sich zu ihm bekennt, ist nie allein. In Siebenbürgen nicht, in Europa nicht, in der Welt nicht. Gott ist bei uns. Es gilt die Zeichen der Zeit wahrzunehmen: Die Volkskirche der Siebenbürger Sachsen lebt. Nimmt neue Mitglieder auf aus allen Völkern. Sie freut sich über jeden der seine Verbundenheit mit der Mitgliedschaft bekräftigt. Sie baut Gemeinde auf. Sie gründet Gemeindeverbände. Wirkt solidarisch mit den Bedürftigen und nachhaltig mit dem anvertrauten Kulturerbe. Sie ist dankbar allen die sich bisher eingesetzt haben. Sie braucht weitere Förderer, Freunde und Partner. Warum nicht ihr?

Durch euer Kommen habt ihr euch zur Heimat Siebenbürgen bekannt. Es ist aber noch mehr möglich. Es gilt, die Zeichen der Zeit zu erkennen. Der Herr rief einen anderen Propheten Jeremia auf, einen Acker zu kaufen. Er verhieß sogar: „Man wird wieder Häuser, Äcker und Weinberge kaufen in diesem Lande.“ Die Zeit ist gekommen, das Land des Segens wieder zum Blühen zu bringen. Kauft Häuser, Äcker, Weinberge. Gott hat mit Siebenbürgen noch was vor.

So bitte ich den Gott, der uns zusammengeführt hat und zusammenhält, seine Zusage, die er in der Jahreslosung für 2017 ausspricht, an jedem unter uns und gemeinsam für alle wahr werden zu lassen: „Ich schenke euch ein neues Herz und legen einen neuen Geist in euch.“ Lassen wir das Licht leuchten, liebe Kinder des Lichtes. Damit unsere Beziehung zu Gott zunimmt. Die Verbindung zur Heimatkirche wächst. Das Haus Europa gefestigt wird. Siebenbürgen in unseren Herzen lebt.

So segne der Herr unser jetziges und zukünftiges Zusammensein. Amen.

Der Friede Gottes der höher ist als all unsere Vernunft bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Schlagwörter: Sachsentreffen, Bischof, Guib, EKR

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