10. April 2020

Rumänien erwartet Höhepunkt der Corona-Krise im Juni

Mit 3864 Covid-19 Fällen insgesamt, davon 3342 aktuell Erkrankten und 148 Toten, liegt Rumänien unter den weltweit 207 betroffenen Ländern auf Platz 27 (Stand 5. April). Mit über 2000 Fällen wurde damit die letzte Etappe des Krisenszenarios der Regierung erreicht: Leicht bis mittelschwer Erkrankte werden zuhause behandelt. Alle Bemühungen zielen darauf ab, das Gesundheitssystem vor dem Kollaps zu bewahren. Laut Einschätzung des Präsidenten der rumänischen Gesellschaft für Mikrobiologie, Prof. Dr. Alexandru Rafila, sei ein starker Anstieg der Fälle in den nächsten zwei bis drei Wochen zu erwarten. Gesundheitsminister Nelu Tătaru prognostizierte den Höhepunkt mit schätzungsweise 12000 bis 13000 Infizierten auf Mitte Juni. Für viele stellt sich die bange Frage: Wie lange wird das Gesundheitssystem standhalten?

Krankenhäuser geschlossen, Personal infiziert

Besorgniserregend ist die Situation in den Krankenhäusern schon jetzt: Mangelnde Schutzausrüstung, eine viel zu geringe Testkapazität und Patienten, die Reisen in rote Zonen oder Kontakte mit infizierten Personen gezielt verschwiegen, führten zu einer hohen Infektionsrate unter Ärzten und Pflegern: Bis zum 30. März galten 285 als infiziert. Am 5. April hieß es, es seien bereits über 500. Ganze Krankenhäuser wurden geschlossen. Entsprechend schlecht ist die Arbeitsmoral: Ärzte und Pfleger kündigen in Scharen oder revoltieren gegen ungenügenden Schutz. Belegschaften von nicht spezialisierten Kliniken wehren sich gegen die Einrichtung von Abteilungen zur Behandlung von Covid-19. Eine Lieferung von 45 Tonnen medizinischer Ausrüstung aus Südkorea hatte die Situation etwas entspannt. Der allgemeine Mangel ist damit nicht behoben. Allerdings stehen weitere Großlieferungen in Aussicht.

Besonders kritisch stellt sich die Situation in Suceava dar, wo sich aufgrund krasser Managementfehler im Kreiskrankenhaus etwa die Hälfte der Patienten und rund 100 Ärzte und Pfleger infizierten. Am 30. März wurden daher die Stadt Suceava und acht benachbarte Dörfer zum Sperrgebiet erklärt. Ein Viertel aller Covid-19-Fälle des Landes konzentrieren sich auf diese Region. Zum Einsatz infizierten medizinischen Personals ohne oder mit leichten Symptomen, wie vom Krisenstab zunächst angeordnet, stellte die Gewerkschaft der Angestellten im Gesundheitswesen klar: Ein solcher könne ausschließlich freiwillig erfolgen und nur mit Schutzkleidung, um die Ansteckung gesunder Kollegen zu vermeiden.

Premierminister Ludovic Orban kündigte am 4. April eine Eilverordnung an, um medizinischem Personal an der Covid-19-Front eine monatliche Risikozulage von 500 Euro zu gewähren. Als Folge protestierten Zehntausende in einem offenen Brief: Sie ­forderten statt der Zulage Schutzausrüstung und eine lebenslange Hinterbliebenenrente für ihre Kinder im ­Todesfall. Einen MDR-Bericht zur angespannten Lage in Rumänien kommentierte der Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Dr. Bernd Fabritius, am 28. März auf Facebook. In den „Heimen unserer Landsleute in Siebenbürgen und dem Banat, dem Carl-Wolff-Heim in Hermannstadt, dem Adam-Müller-Guttenbrunn-Heim in Temeswar und allen anderen Sozialeinrichtungen, die für das Wohlergehen unserer betagten Landsleute sorgen“, sei laut Ortrun Rhein, Leiterin des Carl-Wolff Heims, die Lage noch stabil. Im Bedarfsfall werde man versuchen zu helfen, so Fabritius.
Die sonst stark belebte Heltauergasse in ...
Die sonst stark belebte Heltauergasse in Hermannstadt in Zeiten der Corona fast menschenleer, die Aufnahme wurde am 17. März 2020 gemacht. Foto: Mugur Frăţilă (Hermannstädter Zeitung)

Stillstand des öffentlichen Lebens

In Rumänien wurde ab 25. März eine strenge Ausgangssperre verhängt. Bei Verstoß drohen hohe Strafen: Geldbußen bis 20000 Lei, umgerechnet 4140 Euro, Gefängnis zwischen drei und 15 Jahren. Über die Einhaltung wachen Polizei, Gendarmerie und Militär. Die Militärverordnungen Nr. 3 und Nr. 4 vom 24. und 29. März legen fest, dass jedweder Ausgang nur zu folgenden Zwecken erlaubt ist: Berufsausübung mit Sondergenehmigung des Arbeitgebers, falls Heimarbeit nicht möglich, Versorgung mit den nötigsten Basisgütern, unaufschiebbare Arztgänge, körperliche Bewegung in der Nähe der Wohnung, Blutspende, Volontariat, humanitäre Zwecke, Begleitung Minderjähriger/Hilfsbedürftiger, Todesfall in der Familie, Ausübung von Landwirtschaft. Alle Bürger müssen eine eigene eidesstattliche Erklärung oder eine Erlaubnis des Arbeitgebers mitführen. Für die Risikogruppe der über 65-Jährigen sind nur Versorgungsgänge zwischen 11.00 und 13.00 Uhr erlaubt, zu dringenden Arztterminen auch außerhalb dieser Zeiten. Von 20.00 bis 21.00 Uhr darf der Hund ausgeführt werden. In Militärverordnung Nr. 6 und 7 vom 30. März und 4. April wurden Suceava mit acht umliegenden Orte und Ţăndărei mit 60 Prozent aller Infektionen im Kreis Ialomiţa zum Sperrgebiet erklärt.

Herausforderung auch für die Evangelische Kirche A.B.

Auch die Kirchen sind betroffen von der Pflicht zur sozialen Isolation. Eine besondere Herausforderung in Anbetracht des bevorstehenden Osterfestes, so der Bischofsvikar der Evangelischen Kirche A.B. (EKR) und Bukarester Stadtpfarrer Dr. Daniel Zikeli (Interview vom 1. April in Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien): Ein Gottesdienst im Freien, wie ursprünglich geplant, sei nicht mehr möglich. Stattdessen werden Passionsandachten und Osterbotschaft auf Youtube (Kanal: Evangelische Kirche A.B. Bukarest) gesendet. Auf der Webseite der EKR wurde ein geistliches Netzwerk eingerichtet: Jeden Dienstag und Freitag gibt es dort eine Andacht und am Sonntag eine Predigt. Viele Gemeinden nutzen jetzt den virtuellen Raum: Hermannstadt postet auf Facebook, Kronstadt auf Youtube. Die ländliche Bevölkerung lässt sich auf diese Weise freilich nicht erreichen. Es gibt jedoch einen Telefonseelsorgedienst (auf www.evang.ro), der auch aktuelle Informationen zu den neuen Regelungen für Hochzeiten, Taufen oder Beerdigungen vermittelt.

Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft

Laut Infodienst Termene könnten bald ein Drittel der ca. 800000 Kleinunternehmen bankrott sein. Von fünf Millionen Angestellten könnte eine Million den Job verlieren, schätzt die Beratungsfirma Frames. Großfirmen der Autoindustrie wie Dacia, Ford oder Michelin und ihre über 400 Zulieferer stellen eine Viertelmillion Jobs – doch fast alle haben die Produktion eingestellt oder reduziert. Laut Arbeitsministerin Violeta Alexandru wurden bis 1. April 795291 Arbeitsverträge temporär ausgesetzt und 155675 aufgelöst. Am stärksten betroffen sind die verarbeitende Industrie, Hotels und Restaurants, Groß- und Einzelhandel und Kfz-Reparaturwerkstätten. Der Staat will die in technisch bedingter Arbeitslosigkeit befindlichen Unternehmen unterstützen. Dramatisch wird es trotzdem für zahlreiche Bürger. Viele haben keine Rücklagen oder hohe Immobilien- und Verbraucherkredite. Den Auslandsrückkehrern ist die finanzielle Grundlage weggebrochen. Rund zwei Milliarden Euro sollen 1,5 Millionen Rumänen der Weltbank zufolge allein aus Italien und Deutschland jährlich in die Heimat geschickt haben.

Doch in jeder Krise liegt auch eine Chance. Zahlreiche Bürgerinitiativen sind entstanden, um bedürftigen Menschen oder Ärzten zur Seite zu stehen. Eine der größten ist Vă ajutăm din Sibiu, ein Hilfsnetzwerk in Hermannstadt mit über 6100 Volontären, die mit dem Roten Kreuz zusammen Lebensmittelspenden verteilen, Einkäufe für Isolierte tätigen, Blutspenden organisieren und psychologische Hilfe vermitteln. Rund 47000 Gesichtsschutzschirme produzierten bisher die fast 1000 Volontäre von viziere.ro, die gratis an 228 Krankenhäuser verteilt wurden, landesweit in 22 Zentren. Das beispiellose organisatorische Modell soll nun auch Freiwilligenorganisationen in anderen Ländern zur Verfügung stehen. Es wurde bereits erfolgreich in der Republik Moldau umgesetzt.

Nina May

Schlagwörter: Rumänien, Corona, Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Gesundheit

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