27. Mai 2020

Sehnsuchtsort Michelsberger Burg

Alle durften ausschlafen, am 1. Mai. Auch in sozialistischen Zeiten war es ein Feiertag; schulfrei und auch die Erwachsenen mussten nicht arbeiten gehen. Gut, es gab auch die Jahre, in denen der internationale Tag der Arbeit durch Arbeit gefeiert wurde, jedoch war das die Ausnahme, davon handelt meine Geschichte nicht. Die handelt von einem ganz normalen Maifeiertag.
Geburtstagsständchen 1979 in Michelsberg. Foto: ...
Geburtstagsständchen 1979 in Michelsberg. Foto: U. Stefanovici
Und an so einem ganz normalen 1. Mai schien für gewöhnlich die Sonne. Die Michelsberger Musikanten trafen sich im Morgengrauen zum Maisingen, nein eigentlich zum Musizieren. „Der Mai ist gekommen“ klang es durchs Dorf, von Brücke zu Brücke ging die ganze Musikantenschar, um den Mai einzuläuten und willkommen zu heißen und den Maigruß an die Dorfbewohner weiterzugeben. Und schon öffneten sich die Fenster und die Anwohner begrüßten die Musikanten mit einem Gruß und nicht selten mit einer flüssigen Stärkung. Diese Stärkung wurde im Krug vom Schwarzen Hontz eingesammelt und durchs Dorf getragen, wollte doch niemand Gefahr laufen, betrunken auf der Strecke zu bleiben.

Alle Jahre wieder, mussten auch wir früher aufstehen. Mein Vater zog seine Uniform an machte sich auf den Weg zum Treffpunkt mit den Musikkollegen, und wir zuhause hatten viel zu tun. Es wurden Brote geschmiert und belegt, Salate gerichtet, Tisch gedeckt, draußen unter dem blühenden Birnbaum. Am späten Nachmittag war es soweit. Noch einmal erklang in unserem Hof das Lieblingslied meines Vaters, „Der Mai ist gekommen“. Mein Vater hatte Geburtstag. Mit Tränen in den Augen lauschte er jedes Mal seinem persönlichen Ständchen. Adolf Korp, mein Vater, spielt auch heute noch bei der Freiburger Blasmusik, auch die brachte ihm schon manch ein Ständchen. Aber diese Stimmung des erlebten 1. Mai unter dem Birnbaum , am Fuße der Burg, war nie mehr erlebbar. Die lebte nur noch in der Erinnerung.

An diesem 1. Mai wartete auf meinen Vater ein besonderes Geburtstagsgeschenk. Vom Ostergottesdienst kannten wir das Verfahren des Einloggens; diesmal hatten wir meinen Vater dazu eingeladen. Es sollte sich für ihn ein Kreis schließen, mit der Vision unter dem Birnbaum zu sitzen. Mit großen Augen verfolgte er das Geschehen auf dem Bildschirm. Michael Henning führte uns mit der Kamera auf die Burg. Durch das Geschehen führte Pfarrer Dr. Stefan Cosoroabă, inzwischen schon fast Profi, was Online-Auftritte anbelangt. Nach und nach trafen die Besucher auf der Burg ein, ca. 40 waren über Zoom eingeloggt, über 1700 verfolgten auf Facebook das Geschehen. Gespannt lauschten wir den Worten von Mihai Hasegan, der zu einer geschichtlichen Exkursion über die Burg einlud.

Was wäre Maisingen ohne Gesang? Die Bläser der Hermannstädter Philharmonie Ioan Palaniuc, Dorin Petcu, Emanuel und der Militärmusiker Toader Remus ließen durch ihre Musik Erinnerungen wach werden an die Musik der früheren Blaskapelle und spielten sogar im Dialog mit Marion Henning, Juliane Henning und Carmen Kelber „De Kirschen blahn än asem Guerten“. Die Mediascher Kastellspatzen und die Schüler der Gustav Gündisch-Schule brachten Beiträge, die repräsentativ für den Brauch des Maisingens in ganz Siebenbürgen sein sollten.

Pfarrer László-Zoran Kezdi bezeichnete uns alle als Pilger, die unterwegs seien zu Sehnsuchtsorten, die wir nur mit Hilfe Gottes erreichen könnten, und forderte uns auf, den Blick zu den Bergen zu erheben, wie es im Psalm 121 geschrieben steht.

Szuszanna Molnars Lobgesang „Magnificat amina mea, Magnificat dominum“ und der Sonnengruß von Franz von Assisi, gelesen in Deutsch von Franz Kattesch, auf Englisch von Juliane Henning und auf Italienisch von Stefan Tobler, rundeten die Predigt von Pfarrer Kezdi ab. HOG-Vorsitzender Manfred Schuur schickte aus der Ferne ein Grußwort an die Michelsberger und wünschte allen von nah und fern in diesen Corona-Zeiten Gesundheit.

Die Burg war an diesem 1. Mai für manchen unter uns ein Sehnsuchtsort. Und damit schließt sich der Kreis für Adolf Korp. Pfarrer Cosoroabă zeigte das Foto der Michelsberger Blasmusik 1979, am 1. Mai im Garten unter dem blühenden Birnbaum, und gratulierte zum 83. Geburtstag mit dem Lied „Viel Glück und viel Segen“. Mit Kuchen (ich war online dabei in Emmi Hennings Küche), Eierlikör und vielen lieben Grüßen quer durch Europa endete das Rendezvous am Sehnsuchtsort Michelsberger Basilika.

Ursula Stefanovici

Schlagwörter: Michelsberg, Erinnerungen, Maisingen, Traditionspflege

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