24. Juni 2020

Rumänien verlängert Alarmzustand und führt weitere Lockerungen ein

Bukarest – Von Anfang bis Mitte Juni zeigt die Fallzahlen des Coronavirus (Covid-19) in Rumänien erneut einen deutlichen Aufwärtstrend, was mit den Lockerungen vom 1. Juni zusammenhängt (die Inkubationszeit beträgt 14 Tage). In den letzten Tagen wurden täglich über 320 Neuinfektionen gemeldet, zuletzt waren es 330 (Stand: Samstag, 20. Juni). In Rumänien wurden insgesamt 23.730 Corona-Infektionen verzeichnet, davon sind 16.735 geheilt und 1.500 Personen verstorben. Von den 5.495 aktuell Erkrankten werden 190 in Intensivtherapie behandelt.
Die meisten Corona-Infektionen werden im Kreis Suceava mit 3883 Fällen, in Bukarest mit 2671 und im Kreis Kronstadt mit 1.158 Fällen verzeichnet. 80.014 Personen befinden sich landesweit in häuslicher Isolation, 1.335 in institutionalisierter Quarantäne. Die Alterskategorie der 40- bis 49-Jährigen ist mit 23 Prozent am häufigsten von Covid-19 betroffen, gefolgt von den 50- bis 59-Jährigen (21 Prozent).
Der Große Ring in Hermannstadt war im März 2020 ...
Der Große Ring in Hermannstadt war im März 2020 fast menschenleer. Durch die Lockerungen kehrt das Leben allmählich zurück. Foto: Mugur Frăţilă
Die Regierung Ludovic Orbán hat am 16. Juni – gegen den Willen der Opposition – den Alarmzustand um 30 Tage verlängert. Damit verbunden sind auch weitere Lockerungen. Die Abstands- und Maskenpflicht gilt weiterhin in öffentlichen Verkehrsmitteln, öffentlichen Räumen und am Arbeitsplatz. Diese Regelungen werden in größeren Supermarktketten und Verkehrsmitteln zum Großteil eingehalten, doch in Dorfläden wird die Maskenpflicht weder umgesetzt noch kontrolliert. Ein Grund für die mangelnde Disziplin sind auch die sich stark verbreitenden Verschwörungstheorien und Falschmeldungen: Zuletzt erregte der angebliche Bericht des deutschen Innenministeriums von Mitte Mai in den rumänischen Medien große Aufmerksamkeit, der unter dem Titel „Interne Analyse KM 4 ergibt: Gravierende Fehlleistungen des Krisenmanagements – Defizite im Regelungsrahmen für Pandemien – Coronakrise erweist sich wohl als Fehlalarm“ über eine dubiose kanadische Seite an die Agentur Mediafax gelangte und von dort breit übernommen wurde. Wie deutsche Medien berichteten, stellte das Innenministerium klar, dass der Beamte Stephan K. nicht in offiziellem Auftrag gehandelt hätte und wegen des unautorisierten Verschickens des nicht abgestimmten Berichts suspendiert worden sei.

Der bekannte Temeswarer Infektionsarzt Dr. Virgil Musta vom „Victor Babeș“-Krankenhaus für ansteckende Krankheiten warnte auf Facebook, dass Theorien über das Nicht-Existieren des Virus verstärkt den Wunsch einiger Menschen antreiben, nicht einmal die Mindestregeln, die derzeit noch gelten, einhalten zu wollen. Er erinnerte an die Monate März und April, als in Italien und Spanien die Intensivstationen überfüllt waren und zahlreiche Menschen starben, weil die Kapazitäten dort nicht ausreichten. Nur die hierzulande schnell getroffenen harten Maßnahmen hätten eine Massenansteckung, wie sie in anderen Ländern mit deutlich besserem Gesundheitssystem passierte, verhindert.

Wegen der Lage in Kronstadt – der Landkreis liegt an dritter Stelle der Infektionsherde in Rumänien, verzeichnet allerdings die höchste Rate an Neuinfektionen – forderte der USR-Abgeordnete Tudor Benga von den Kronstädter Behörden stärkere Maßnahmen zur Verhinderung der Verbreitung von Covid-19. Sollte Kronstadt unter Quarantäne gestellt werden müssen, sei mit schwerwiegenden Auswirkungen auf die Wirtschaft zu rechnen, bemerkt hierzu die ADZ.

Der Aufwärtstrend der landesweiten Fallkurve steht in Verbindung mit den Lockerungen vom 1. Juni: Ab diesem Zeitpunkt fielen die während des Notstands verhängten strengen Auflagen und Einschränkungen zum Verlassen des Wohnorts weg. Terrassenlokale und Veranstaltungen im Freien wurden unter bestimmten Umständen wieder gestattet. Ab dem 16. Juni gab es weitere Lockerungen: Malls, Fitnesscenter, Freibäder, Kindergärten und Gotteshäuser konnten wieder eröffnen. Die Zahl der Personen aus verschiedenen Haushalten, die an gemeinsamen Freizeitaktivitäten im Freien teilnehmen können, erhöhte sich von drei auf sechs. Private Veranstaltungen draußen dürfen mit bis zu 50 Personen, in geschlossenen Räumen mit bis zu 20 Personen stattfinden. Geschlossen bleiben zunächst Restaurants und Kinos. Die Pflicht zur Quarantäne oder häuslichen Isolation entfällt unter bestimmten Voraussetzungen für Einreisende aus Ländern der vom Nationalen Institut für Öffentliche Gesundheit (INSP) festgelegten Ausnahmeliste. Diese Maßnahme soll den Tourismus wieder ankurbeln.

Großen Druck gab es seitens der Sozialdemokratischen Partei (PSD), aber auch der Rumänischen Orthodoxen Kirche zur Wiedereröffnung der Kirchen. Die vehementen Forderungen der PSD nach Lockerungen und deren Widerstand gegen die Verlängerung des Alarmzustands können wohl im Zusammenhang mit dem beginnenden Wahlkampf für die Parlaments- und Kommunalwahlen im Herbst gesehen werden.

Nina May

Schlagwörter: Rumänien, Corona, Gesellschaft, Politik, Gesundheit

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