9. Oktober 2012

20 Jahre deutsch-rumänischer Freundschaftsvertrag: Konferenz in Berlin

„Deutsch-rumänische Beziehungen – was uns verbindet, was uns trennt“ war das Motto einer hochrangig besetzten Konferenz, mit der das Deutsch-Rumänische Forum in Zusammenarbeit mit der Botschaft Rumäniens in Deutschland am 26. September eine Bewertung des seit 20 Jahren bestehenden Freundschaftsvertrages vorzunehmen versuchte. In zwei Blöcke geteilt (Geschichte vor und nach 1989), wurde im Fraktionssaal der SPD im Deutschen Bundestag in Berlin die gemeinsame Geschichte seit dem 19. Jahrhundert beleuchtet, wobei der deutschen Minderheit ein besonderes Augenmerk galt.
In ihrer Begrüßung hob Susanne Kastner, MdB (SPD), als Vorsitzende des Deutsch-Rumänischen Parlamentariergruppe und des Deutsch-Rumänischen Forums mit der Materie bestens vertraut, ihr langjähriges Engagement in und für Rumänien hervor, mit einem besonderen Fokus auf die deutsche Minderheit. Sie betonte den hohen Stellenwert des Engagements der deutschen Wirtschaft in Rumänien, kam aber auch auf die Problemfelder Justiz und Korruption zu sprechen.

Botschafter Dr. Lazăr Comănescu wies in seiner Begrüßung in sehr freundlichen Worten besonders auf die seit Karl von Hohenzollern-Sigmaringen bestehenden Gemeinsamkeiten hin.

Unter der Moderation von Robert Schwartz, Deutsche Welle Bonn, äußerten sich dann die Redner zur gemeinsamen Geschichte vor 1989. In seinem Exposee zu 132 Jahren diplomatischer Beziehungen paraphrasierte der ehemalige rumänische Außenminister und kurzzeitige Premierminister Dr. Mihai-Răzvan Ungureanu die Ausführungen von Botschafter Comănescu.

Differenzierter sprach der Historiker Dr. Bogdan Mungescu, Professor an der Universität Bukarest, von den historischen Begebenheiten, insbesondere dem Bruch im Ersten Weltkrieg, der Abwendung von einem „besonderen“ Verhältnis, wobei manche Rumänen eine gewisse Germanophilie bewahrt hätten, wie es bei Slavici, Antipa oder Arghezi der Fall gewesen sei.

Prof. Dr. Armin Heinen von der RWTH Aachen sprach über die Wahrnehmung der rumänischen Verhältnisse in der deutschen Gesellschaft. Während die rumänische Realität von der deutschen Minderheit einerseits und den rumänischen Exilanten andererseits unterschiedlich wahrgenommen werde, halte die deutsche Mehrheitsbevölkerung Rumänien für ein exotisch-balkanisches Land, das nicht dem „Alten Europa“ zuzurechnen sei, ein Land, in dem die „Korruption eine Versicherungsprämie überforderter Beamter“ sei. So „polyphon“ und generationsabhängig die Wahrnehmung der rumänischen Realitäten sei, so gespalten sei auch die rumänische Gesellschaft auf vielen Gebieten.
Diskussion im Fraktionssaal der SPD im Deutschen ...
Diskussion im Fraktionssaal der SPD im Deutschen Bundestag, von links: Dr. Bernd Fabritius, Gunther Krichbaum, Susanne Kastner, Christiane Gertrud Cosmatu. Foto: Frank Höchsmann
Die bekannte Politikwissenschaftlerin Dr. Anneli Ute Gabanyi erläuterte ihre Sicht der Dinge zum deutsch-rumänischen Verhältnis nach dem Zweiten Weltkrieg. Dabei betonte sie die positive Leistung des Verbandes der Siebenbürger Sachsen als früher Brückenbauer. In einer positivistischen Sichtweise ordnete Gabanyi die frühe Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Rumänien und Deutschland als den Beginn der europäischen Entspannungspolitik ein. Sie verwies darauf, dass die Minderheiten nicht „vertrieben“ worden seien, blendete hier allerdings die Deportation zur Zwangsarbeit in die UdSSR, den folgenden Vertreibungsdruck und den späteren „Verkauf“ dieser Menschen aus, was Robert Schwartz als Moderator ergänzte.

In den Schlussworten betonte Dr. Ungureanu, dass alle „Verstimmungen“ wohl nicht nachhaltig wirksam seien, Prof. Mungescu hob den Vorrang wirtschaftlicher Interessen vor jenen politischer Art hervor, und Prof. Heinen nannte Rumänien ein Land, das auf der Werteebene als problematisch empfunden werde. In Publikumsbeiträgen wurde die fragwürdige Eigensicht der Rumänen hinsichtlich der Begriffe Nationalismus und Patriotismus sichtbar.

Unter der Leitung von Gunther Krichbaum, MdB (CDU), sprachen nach einer Pause die Referenten zum Schwerpunkt „Die deutsche Minderheit als Chance“ über die Zeit nach 1989. Unterstaatssekretärin Christiane Gertrud Cosmatu hob dabei die Tätigkeit des deutschsprachigen Schulwesens in Rumänien hervor und betonte, wie wichtig die Institution Schule für den Erhalt der deutschen Sprache sei und dass diese Institution nach wie vor kultur- und identitätsstiftend wirke. Die Wertschätzung der deutschen Schule werde durch den hohen Andrang bestätigt, die Ergebnisse der Abiturprüfung lägen weit über dem Landesdurchschnitt, jedoch sei die Rekrutierung von Fachlehrern deutscher Sprache ein großes Problem.

Susanne Kastner sprach über ihre Eindrücke von der sehr kleinen deutschen Minderheit (50000) und nannte jedwede „Rückkehrpolitik“ illusorisch. Sie bedauerte die Abnahme der Regierungskontakte in letzter Zeit, was durchaus auch zu Lasten der deutschen Minderheit ginge, lobte aber in fast überschwänglicher Weise die Tätigkeit der Mandatsträger des Deutschen Forums, insbesondere jene von Martin Bottesch und Klaus Johannis (der wegen einer wichtigen Stadtratssitzung nicht wie angekündigt an der Konferenz teilnehmen konnte) und formulierte die These, dass vor der Tätigkeit dieser Personen „Sibiu (sic!) ein verstaubtes Provinzdorf“ gewesen sei, heute aber eine Stadt mit großer Ausstrahlung.

Der Bundesvorsitzende unseres Verbandes, Dr. Bernd Fabritius, schilderte die Lage der Siebenbürger Sachsen in Deutschland und allen anderen Ländern, in welchen diese heute, vereint in einer weltweiten Föderation als grenzüberschreitende Gemeinschaft, zu Hause seien. Entstanden sei die Gemeinschaft der Siebenbürger Sachsen in Siebenbürgen, im friedlichen und meist gedeihlichen Zusammenleben unterschiedlicher Ethnien, was sie als „Brückenglieder in einem gemeinsamen Europa der Kulturen“ gleichsam prädestiniere. Bestehende Probleme im Zusammenleben dort in der Nachkriegszeit und während des Kommunismus siedelte Fabritius in der Beziehung zwischen Bürger und Staatssystem an und betonte, dass „mit dem rumänischen, ungarischen und anderen Nachbarn als Menschen keine nennenswerten Differenzen bestanden“ hätten. Daraus ergebe sich ein Alleinstellungsmerkmal als interethnische Brücke in Europa. Mit einem Hinweis auf das Motto der Konferenz sprach er bewusst nicht von „Trennendem“, sondern von „Unterschieden“, z.B. in Religion und Sprache, betonte aber die gemeinsamen Erfahrungen in einem gemeinsamen historischen Kontext, einen „gemeinsamen geschichtlichen Lebenslauf“ als Verbindendes. Schlüsselwort seiner Ausführungen wurde der Begriff „Befremdung“ – zum Trennenden sei nie ein nachbarschaftlicher Dissens geworden, sondern das Befremden über einen Staat, der seine Zusagen nie einhielt und mehr als unfreundliche Maßnahmen zu Lasten der deutschen Minderheit ergriff. Hier erwähnte Fabritius die Enttäuschung von Zusagen und Erwartungen nach dem Anschluss 1919, die Geschehnisse nach 1945 und nicht zuletzt das traurige Kapitel der praktisch völlig unzureichenden Restitution enteigneten Besitzes oder der moralischen und materiellen Rehabilitation der Deportierten als „Befremden der Gegenwart“. Er vergaß nicht zu betonen, dass trotz allem das Verbindende überwiege und daher eine Brückenfunktion beherzt und als Chance wahrgenommen werde.

Letzter Redner war der ehemalige Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt und gegenwärtige Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen, Dr. Christoph Bergner, MdB (CDU). Er bewertete den Freundschaftsvertrag und stellte dabei den Umstand in den Vordergrund, dass in seiner Präambel die Brückenfunktion der deutschen Minderheit vertraglich festgeschrieben sei (sie sind Partner in der Regierungskommission) und § 16 die Unterstützung der deutschen Minderheit in Rumänien als dauerhafte Verpflichtung bestimme. Persönlich halte er die Reaktion Deutschlands und der EU auf die jüngsten politischen Ereignisse in Rumänien für unsensibel. Bergner betonte abschließend die besondere Funktion nationaler Minderheiten für das Zusammenwachsen in Europa.

Winfried Senker, Mitglied des Deutsch-Rumänischen Forums, schlug in der anschließenden Aussprache einen „senior expert service“ durch Fachleute unter unseren Landsleuten als förderlich vor, was Susanne Kastner durchaus zu unterstützen bereit wäre, sie allerdings weit mehr junge Leute für Rumänien interessieren wolle. Anneli Ute Gabanyi verwies darauf, dass das schlechte Image Rumäniens in dieser Hinsicht kontraproduktiv wäre, was auch Honorarkonsul Klaus Kirchhoff bestätigte und angesichts des vorhandenen Potentials bedauerte. So ließ sich abschließend feststellen, dass die deutsche Minderheit entscheidend für das gegenseitige Verständnis ist, ihre Sonderkompetenz als Chance wahrzunehmen ist (Fabritius), die deutschsprachige Schule dabei sehr viel leistet (Cosmatu) und ein dauerhaft zu fördernder Austausch zukunftsweisend bleibt (Kastner).

Jürgen Schlezack

Schlagwörter: deutsch-rumänische Beziehungen, Konferenz, Berlin, Politik

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