30. Juni 2020

Der erste Heimattag 1951 in Dinkelsbühl

Mit dem digitalen Heimattag, der am Pfingstwochenende 2020 Tausende Menschen vor die Bildschirme lockte, hat der Verband der Siebenbürger Sachsen in vielerlei Hinsicht eine Premiere begangen. Die Rahmenbedingungen waren in diesem Jahr zwar ganz anders, doch das Programm entsprach in weiten Teilen einem „klassischen“ Heimattag. An dieser Stelle mag es interessant sein, einmal zurückzublicken und sich anzusehen, wie der erste (analoge) Heimattag 1951 eigentlich ablief.
Willkommensgruß der Stadt Dinkelsbühl 1951 ...
Willkommensgruß der Stadt Dinkelsbühl 1951
Der allererste Heimattag fand zu Pfingsten 1951 in Dinkelsbühl statt, trug damals aber noch nicht die heute gängige Bezeichnung, sondern firmierte noch unter „Bundestreffen“. Dinkelsbühl wurde als Veranstaltungsort gewählt, weil die Stadt nicht weit des damaligen Siedlungsschwerpunktes der Siebenbürger Sachsen lag und weil das Stadtbild an die alte Heimat erinnerte. Hermann Schlandt formulierte das im April 1951 in der Siebenbürgischen Zeitung wie folgt: „Aber man wird es uns nicht als Undankbarkeit anrechnen, wenn so mancher Bis­tritzer im Schreiten durch die Dinkelsbühler Straßen an seine Holzgasse denkt, wenn der Schäßburger glaubt, am Stundenturm vorbei in den inneren Verteidigungsring seiner Vaterstadt zu steigen, wenn es dem lebensfrohen Mediascher plötzlich ist, als ob er am Obelisk St. L. Roths vorbei in seinem schönen Waldfriedhof die Wege aufwärts ginge, neben denen die Gebeine der Ahnen bleichen, wenn der Hermannstädter sich auf seinen Großen Ring versetzt fühlt, der der Schauplatz so bedeutsamer Ereignisse in der sächsischen Volksgeschichte war.“ Mit Ausnahme der Heimattage in Rothenburg ob der Tauber (1952) und im österreichischen Wels (1966) ist man der Stadt all die Jahre treu geblieben.

Der Einladung zum „Bundestreffen“ folgten – laut Quartieranmeldungen – über 4000 Menschen aus ganz Deutschland, Österreich, England, Frankreich, Italien, Schweden und Übersee.
Quartier-Möglichkeiten im Jahr 1951. Heute bietet ...
Quartier-Möglichkeiten im Jahr 1951. Heute bietet Dinkelsbühl über 1000 Hotelbetten an. Die Jugendherberge nimmt bis zu 100 Schlafgäste auf, der Zeltplatz rund 800.
Ein wesentlicher Unterschied zu den Heimattagen von heute bestand darin, dass das Bundestreffen 1951 auch mit mehreren wichtigen Arbeitstreffen verbunden war. Ein Blick ins Programm zeigt, dass von Freitag bis Samstag der Große Rat tagte. Hier saßen Vertreter der Landesverbände zusammen und berieten unter anderem über Änderungen der Satzungen des Verbandes. Nebenher traten am Samstag verschiedene Ausschüsse zusammen, so gab es beispielsweise Arbeitstagungen der Frauen, der Jugend, der Rentner, der Bauernschaft und des Hilfskomitees.

Das Hauptereignis des Pfingstmontags war dann die Mitgliederversammlung des Verbandes, bei der unter anderem der 1. Vorsitzende, Fritz Heinz Riemesch, sowie der Hauptgeschäftsführer, Prof. Hubert Gross, von ihren Tätigkeiten berichteten. Ihre Bemühungen zielten damals vor allem darauf ab, die Interessen der Heimatvertriebenen politisch und wirtschaftlich zu vertreten: Der Lastenausgleich, die rechtliche Gleichstellung mit den Einheimischen, die Eingliederung der Landsleute in die deutsche Wirtschaft, die Familienzusammenführung sowie das Schicksal der Verschleppten und Vermissten wurden dabei ebenso angesprochen wie die Auswanderung nach Nordamerika und die Pflege des Kulturgutes und der Mundart.
1951 kam die Geselligkeit nicht zu kurz, mit dem ...
1951 kam die Geselligkeit nicht zu kurz, mit dem ersten Heimattag waren aber auch zahlreiche Arbeitstreffen verbunden.
Heute wird der Heimattag zwar immer noch zur Vertretung der Interessen genutzt, doch steht für viele Leute eher der Festcharakter im Vordergrund: Man genießt die Begegnung, die Gemeinschaft und die kulturellen Angebote. Das gab es 1951 natürlich auch. Zu den Elementen, die sich bis heute bewährt haben, gehörten schon von Anfang an der Festumzug, der Festgottesdienst, eine Kunstausstellung, die Kundgebung vor der Schranne, Blasmusik, Tanz und zahlreiche Möglichkeiten des geselligen Beisammenseins, zum Teil nach Heimatkreisen aufgeteilt. In der Kirche gab es am Samstagabend zudem ein Konzert mit klassischer Musik, in der Schranne heitere Vorträge, Tanzvorführungen in Tracht und Volkslieder.

Die Besucherinnen und Besucher konnten 1951 in Dinkelsbühl also auch unbeschwerte Stunden verbringen. Heute kann man sich derlei Bedenken gar nicht mehr vorstellen, aber Anfang der 1950er Jahre sah man sich tatsächlich gezwungen, sich für das gemeinsame Feiern zu rechtfertigen. Die Siebenbürgische Zeitung stellte im Mai 1951 die (eher rhetorische) Frage, „ob man Gelder verschwenden darf, wenn durch Flüchtlingsbaracken das Gespenst des Hungers zieht und Hoffnungslosigkeit die Flügel breitet. Sie hören den Vorwurf aus der Heimat: ihr könnt feiern?“ Zur Erklärung: Nur rund ein Fünftel der Siebenbürger Sachsen befand sich zu diesem Zeitpunkt bereits fern der Heimat in Deutschland oder Österreich. Sie forderten das Recht auf eine Rückkehr in die Heimat ein, zeitgleich wurden Debatten um eine geschlossene Ausreise der Volksgruppe in die USA geführt. In eine ungewisse Zukunft blickend und in Sorge um ihre Freunde und Verwandten waren sie zumeist hin- und hergerissen zwischen Bleiben und Gehen. Wer mag es diesen Landsleuten verdenken, dass sie das Wiedersehen und die Gemeinschaft in Dinkelsbühl feierten?

Wie viel Freude der einzelne tatsächlich aus dem Heimattag zog, verdeutlicht ein Leserbrief an die Redaktion der Siebenbürgischen Zeitung aus dem August 1951. Den Brief von Ernst Habermann aus Mailand würden auch heute sicherlich viele Besucher unterschreiben: „Ich benutze die erste Atempause, die mir mein Geschäft gewährt, um Ihnen zu schreiben und auf diesem Wege den Initiatoren des Heimattreffens in Dinkelsbühl von Herzen zu danken. Es war für mich und meine Familie nicht nur ein großes, unvergleichliches E r l e b n i s, an dieser Tagung teilzunehmen; es wurden auch manche Herzenswünsche erfüllt, nämlich wieder einmal mit altvertrauten Landsleuten beisammen zu sein und die Luft der alten Heimat zu atmen.“

Dagmar Seck

Schlagwörter: Heimattag, Jubiläum, Geschichte, Dinkelsbühl, Siebenbürgische Zeitung

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