8. Dezember 2020

„Starker Arm des Verbandes“: Online-Diskussion zum 70-jährigen Bestehen der Siebenbürgischen Zeitung

Kann man online diskutieren? Ist der Austausch über eine Internetplattform wie Zoom möglich? Die Siebenbürgische Zeitung (SbZ) hat es gewagt. Der Moderator Dr. Tobias Weger in München, die Diskutanten Hannes Schuster in Hardegsen bei Göttingen, Dr. Manuel Menke in Kopenhagen und Beatrice Ungar in Hermannstadt, das Publikum vor den heimischen Bildschirmen: Es war ein Experiment, das geglückt ist – die Online-Diskussion „Was kann die Siebenbürgische Zeitung leisten?“ zum 70-jährigen Bestehen des Verbandsblattes am 25. November. Die ursprünglich geplante Präsenzveranstaltung konnte wegen der Pandemie nicht stattfinden, aber auch virtuell wurde engagiert über Heimat und Identität, Nostalgie und Geschichte, Zensur und Pressefreiheit gesprochen.
So sah die Diskussion am heimischen Bildschirm ...
So sah die Diskussion am heimischen Bildschirm aus; rechts ist der Online-Chat zu erkennen, über den sich das Publikum beteiligen konnte. Foto: Günther Melzer
Nach der Begrüßung durch Dagmar Seck, Kulturreferentin des Verbandes der Siebenbürger Sachsen und Organisatorin der Veranstaltung, und den Historiker Dr. Tobias Weger, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Kultur und Geschichte Südosteuropas (IKGS) an der LMU München, berichtete der ehemalige Chefredakteur der SbZ (1989-2002), Hannes Schuster, sehr anschaulich über seine Zeit bei der deutschsprachigen Karpatenrundschau in Kronstadt zu Zeiten der Ceauşescu-Regierung. Die Zensur und der Druck von Seiten der Parteifunktionäre hätten den Journalisten Angst gemacht und für eine „Schere im Kopf“ gesorgt; aus der Fremdzensur sei Selbstzensur geworden. Eine gewisse Freiheit habe sich aber durch das Abfassen der Vorberichte für die Propagandaabteilung ergeben. Für jede Zeitungsausgabe musste vorab eine Inhaltsangabe in rumänischer Sprache erstellt und zur Genehmigung vorgelegt werden. Bei der Übersetzung der deutschen Inhalte ging man recht frei vor und konnte so an der Zensur vorbei agieren – eine Möglichkeit, die deutschsprachigen Zeitungen als „Orte des kollektiven Selbstverständnisses der Rumäniendeutschen“ zu erhalten. „In vielen Dingen haben wir unseren Lesern gedient“, so Hannes Schuster, aber auch „Kompromisse gemacht, die wir nicht hätten machen müssen“, wie er selbstkritisch anmerkte.

Als Chefredakteur der SbZ bestand eine seiner ersten Amtshandlungen darin, im Januar 1990 nach Siebenbürgen zu reisen, um einen Korrespondenten zu werben, den er in dem Journalisten Martin Ohnweiler fand. Nach dem politischen Umsturz einen Monat zuvor wollte man für die Verbandszeitung in Deutschland Berichte aus Rumänien aus erster Hand, die seitdem ein Grundelement jeder Folge sind. So trage man dem Interesse der Leser, die der „Erlebnisgeneration“ entstammten, Rechnung und schließe auch eine Lücke in der deutschen Medienlandschaft, denn die SbZ erfülle mit ihren Nachrichten aus Rumänien eine wichtige Aufgabe.

Ebenso wichtig sei die feste Bindung an die Mitglieder, die durch ihre Mitgliedschaft im Verband die Zeitung erst ermöglichten und ihre Gemeinnützigkeit sicherten. Als „wichtigstes Mittel gruppenspezifischer Kommunikation und Gruppendarstellung“ sei die SbZ geradezu verpflichtet, einen Schwerpunkt auf die Nachrichten aus dem Verbandsleben zu legen und die Bedürfnisse ihrer Leser zu berücksichtigen; Schuster warnte davor, den Bezug zur Zielgruppe zu verlieren.

Beatrice Ungar, die Chefredakteurin der Hermannstädter Zeitung, gab Einblicke in die Sicht der in Siebenbürgen verbliebenen Sachsen auf die SbZ. Dort hätten sie sich erst ab 1993 durch die Verbandszeitung vertreten gefühlt, wozu auch die Korrespondenten mit ihren Berichten aus erster Hand beitrügen – diese seien ein Zeichen für Qualitätsjournalismus. Dankbar sei sie für den guten Austausch mit dem jetzigen Team in München und sprach in diesem Zusammenhang von ihren zwei Teilnahmen am regelmäßig stattfindenden Pressereferentenseminar der SbZ, bei denen sie deren ehrenamtliche Mitarbeiter kennenlernen konnte. Sie lobte die Zeitung, erwähnte auch die dankbaren Abonnenten in Siebenbürgen und gab ihr mit auf den Weg, die Leser nicht zu unterschätzen.

Der Kommunikationswissenschaftler Dr. Manuel Menke, seit Oktober Assistant Professor an der Universität Kopenhagen, hat sich in seiner Dissertation mit dem Thema Nostalgie auseinandergesetzt und steuerte als Nicht-Siebenbürger interessante Denkanstöße bei. Er bezeichnete die Siebenbürgische Zeitung als „Bindeglied“ und „starken Arm des Verbandes“. Über das Gefühl Nostalgie könnten starke Verbindungen hergestellt und ein Gemeinschaftsgefühl evoziert werden. Nostalgie habe Zukunft, sei ein sehr menschliches Bedürfnis und zeige einen produktiven Umgang mit Vergangenheit. Er gab der SbZ den Tipp, sich gemeinsam mit den Lesern weiterzuentwickeln und weiterhin die gesellschaftliche Vielfalt innerhalb des Verbandes abzubilden – damit könne man Signale senden. Die Printausgabe solle aus Gründen der „Materialität“ (Beatrice Ungar sprach von „Haptik“) nicht zugunsten einer reinen Onlinevariante aufgegeben werden.

Nostalgie wagen und dennoch mit der Zeit gehen – diese Antwort konnte man nach Abschluss des virtuellen Gesprächs wohl auf die Frage „Was kann die Siebenbürgische Zeitung leisten?“ geben. Die grenzüberschreitende Online-Diskussion, die vom Bundesministerium des Inneren, für Bau und Heimat gefördert wurde, war live leider nicht so gut besucht, wurde aber inzwischen (Stand 07.12.2020) bereits 1 045 Mal abgerufen und steht weiterhin auf dem YouTube-Kanal von siebenbuerger.de zur Verfügung. Gern können Anregungen, Lob oder Kritik zur Veranstaltung per E-Mail an sbz70[ät]siebenbuerger.de geschickt werden.

Doris Roth

Schlagwörter: Siebenbürgische Zeitung, Jubiläum, Online-Veranstaltung, Hannes Schuster, Diskussion, Nostalgie, IKGS, Journalismus, Hermannstädter Zeitung

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