4. April 2015

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Turmuhr in Groß-Alisch in Stand gesetzt

Die „Sächsische Zeitung“ veröffentlichte am 27. August 2014 einen Bericht von Nadja Laske mit dem Titel „Die Zeitmaschinisten von Siebenbürgen“. Laske schreibt dort: „Ein halbes Jahrhundert stand in Rumänien eine deutsche Kirchturmuhr still. Drei Dresdner halten dort nun die Zeit am Laufen.“ Es handelt sich um die Turmuhr von Groß-Alisch. Studierende der Fakultät Maschinenbau/Verfahrenstechnik der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Dresden unterstützen die Rekonstruktion der Turmuhr in Groß-Alisch.
Schon über viele Jahre vermessen Studenten der Fakultät Geoinformation verschiedene Kirchenburgen in Siebenbürgen, um diese zu dokumentieren und helfend vor weiterem Verfall zu bewahren. Dabei entstanden auch aussagekräftige Fotos alter Turmuhrwerke, die bei jedem Techniker Neugier wecken. Hier stach ­besonders die Kirchenuhr der Gemeinde Groß-Alisch als gut erhalten und rekonstruktionswürdig ins Auge. Auf diesen Informationen basierend wurde ein fakultätsübergreifendes Projekt gestartet, das in den Jahren 2010 und 2011 angehende Prozesstechniker mit der Aufgabe betraute, das Uhrwerk wieder in Gang zu setzen. Schnell und unkompliziert kam es zur Kontaktaufnahme mit der HOG Groß-Alisch und mit der Gemeinde vor Ort. Nach der Sicherung des Quartiers inklusive Mahlzeiten im Gästehaus „Albert Schaser“ (ehemaliges Pfarrhaus) stand der Reise unter der Leitung von Prof. Dr. Ing. Christian Otto nichts mehr im Weg. Otto ist ein Kenner des Karpatenlandes. Seit mehr als 40 Jahren reist er nach Rumänien. Was in der DDR-Zeit als willkommener Blick über den Tellerrand begann, ist Passion geworden. Liebe zu Landschaft und den Leuten und eine Aufgabe, die ihn immer wieder ruft.

Die „gut erhaltene“ Turmuhr stellte sich nach der ersten Besichtigung als schwer beschädigt dar. Zwei Zahnräder waren unsachgemäß mit hinterlassenen Deformationen des Nachbarrades entfernt worden, der Pendelstab fehlte u.a. Die Uhr besteht aus drei separaten Uhrwerken: dem Zeigerwerk, dem Stundenschlagwerk, das zu jeder vollen Stunde zwanzig glockenklare Schläge abgeben soll, und dem Vorschlagwerk.Dietrich Flechtner, Christian Otto und Norbert ...Dietrich Flechtner, Christian Otto und Norbert Zepperitz an der Turmuhr in Groß-Alisch. Zweimal hintereinander fuhr Christian Otto mit einer kleinen Gruppe nach Groß-Alisch. Sie reinigten das Uhrwerk und versuchten zunächst, es zu verstehen. Es erfolgte die Feinsäuberung der drei in einem geschmiedeten Gehäuse untergebrachten und miteinander über Gestänge verbundenen Teilwerke je nach Bedarf mit Bürsten, Pinseln, ja sogar mit Zahnbürsten. Die Stahlseile für die Sandsteingewichte mussten erneuert, die Teilwerke zweimal, heute nur noch einmal am Tag aufgezogen werden. Trotzdem bleibt es Schwerstarbeit. Die zwei fehlenden Zahnräder konnten nur in einer Werkstatt der Hochschule in Dresden nachgebaut werden. Danach lief das Uhrwerk wieder. Doch stellte Prof. Otto fest: „Unsere Turmuhr benötigt nach langem Stillstand eine einjährige Einlaufzeit und danach eine Feinrevision.“ Für die Feinrevision konnte Christian Otto keine studentischen Begleiter mehr gewinnen. Das Projekt beenden war nicht in seinem Sinne, also beschloss er es auf eigene Faust fortzusetzen. Mit seiner Begeisterung steckte er zwei Freunde an, Kommilitonen aus seiner eigenen Studienzeit. Beide kannten Rumänien von ihren früheren Reisen und wollten dafür sorgen, dass der kleinen evangelischen Gemeinde mit ihren 57 Kirchenmitgliedern auch weiterhin die Stunde schlägt – lebendig und mit hellem Klang.

Zusammen mit Christian Otto fuhren nun Dietrich Flechtner und Norbert Zepperitz die 1300 Kilometer nach Groß-Alisch. Ort und Unterkunft gefielen ihnen und so kehrten sie nach 2012 auch 2013 und 2014 zurück und lernten viel über ihren „Zögling“. Damit dieser regelmäßig läuft und, wie es eine alte Turmuhrmachertradition verlangt, drei Minuten vorgeht, muss tatsächlich kräftig gezogen werden. Drei eiförmige, große Steine, die im Turm an Seilen hängen und mithilfe ihres Gewichts und der Schwerkraft die Mechanik antreiben, zieht der Groß-Alischer Alfred Kuttesch jeden Tag einmal per Winde auf. Von Jahr zu Jahr stellen sich immer wieder Schäden ein, denen Otto, Flechtner und Zepperitz detektivisch auf die Spur kommen müssen. „Wir haben alle Zähne der Zahnräder nummeriert, um leichter herauszufinden, an welcher Stelle das Werk gerade hakt“, erzählt Flechtner.

Die Uhr ist 270 Jahre alt. Handgeschmiedete Gestellkonstruktionen nebst Zierrat, durchdachte Funktionalität, gefeilte Zahnräder, Justagemöglichkeiten etc. sollten uns historische Hochachtung abringen. Jedes einzelne Teil wurde von Hand geschmiert und gefeilt. Kein Dorfbewohner kann sich noch erinnern, wie lange die Zeiger schon stillstanden, bevor die Dresdner kamen. Vermutlich seit Mitte der 1960er Jahre.

Die Turmuhr ist nun voll im Gange und die gesamte Ortschaft profitiert davon. Christian Otto meint: „Der Erfolg aller ausgeführten Arbeiten wurde nur möglich mit der tatkräftigen Unterstützung der Einwohner von Groß-Alisch, der HOG und der HTW Dresden.“ Dafür sei an dieser Stelle ausführlich gedankt. Gewöhnen mussten sich unsere ehrenamtlichen Helfer an manche Tagesgewohnheiten wie Pferdegetrappel, Kuhauf- und Kuhabtrieb. Christian Otto, E-Mail: c.s.otto[ät]gmx.de, ruft in der Sächsischen Zeitung dazu auf, das Projekt Turmuhr in Groß-Alisch mit Geld oder handwerklichem Geschick zu unterstützen. Für die nächste Feinrevision kommt das Trio im Juni 2015 wieder nach Groß-Alisch.

Wilhelm Paul

Schlagwörter: Groß-Alisch, Turmuhr, Restaurierung

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