25. November 2018

Druckansicht

Gedenken hilft, die Zukunft zu sichern: Rede von Inge Alzner zum Volkstrauertag

Die Gedenkfeier zum Volkstrauertag am 18. November in Dinkelsbühl begann mit einem ökumenischen Gottesdienst im Münster St. Georg. Von dort schritten die Teilnehmer eines Trauermarsches mit Fahnenabordnungen der Vereine zur Kriegergedächtniskapelle, wo Oberbürgermeister Dr. Christoph Hammer eine Ansprache hielt und Kränze niedergelegt wurden. Die musikalische Umrahmung gestalteten der Concordia Männerchor und die Stadtkapelle Dinkelsbühl. An der Gedenkstätte der Siebenbürger Sachsen fand die Feier ihren Abschluss mit der Kranzniederlegung und einer Rede von Inge Alzner, Stellvertretende Vorsitzende des Kreisverbandes Nürnberg, die im Folgenden leicht gekürzt abgedruckt wird.
Was ist das Leben der Menschen ohne den Frieden? Nichts als Gefahr, ständige Angst und eine traurige Werkstatt der Bitternis.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Mitmenschen, mit diesem Sprichwort möchte ich am heutigen Volkstrauertag an die unzähligen Opfer von Kriegen, Gewalt und Terror gedenken. Der Volkstrauertag ist älter als die Bundesrepublik selber. Er geht zurück auf einen Vorschlag des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge, um an die unzähligen Opfer des Ersten Weltkrieges zu erinnern, in der Hoffnung, dass die Erinnerung an den Schrecken und all das Leid eine Mahnung sei, die den Frieden sichern könne. Heute, genau 100 Jahre später, müssen wir leider zugeben, dass diese Hoffnung sich nicht umfassend erfüllt hat. Dem Ersten Weltkrieg folgte der Zweite Weltkrieg, der wieder Millionen von Menschen sinnlos das Leben kostete. Mittlerweile haben wir hier bei uns in der Europäischen Union das Glück, dass die Idee des Friedens weitestgehend zur Realität wurde. Weitestgehend.

Noch immer herrschen Terror, Hass und Angst auf dieser Welt. Täglich sterben Hunderte von Menschen an deren Folgen. Menschen müssen ihre Heimat verlassen, verlieren ihre Familien, brechen auf in eine ungewisse Zukunft ohne jegliche Sicherheit. Jedes Jahr gibt es am Volkstrauertag mehr Menschen, derer wir gedenken müssen, und das sollte uns zu „denken“ geben.

Ich selber habe nie Krieg erfahren müssen. Ich bin in Frieden aufgewachsen, musste nie um mein Leben fürchten, und dieser Frieden war immer selbstverständlich. Doch nicht alle Menschen meiner Generation hatten dieses Glück, das mir immer selbstverständlich erschien. Viele Menschen müssen auch heute vor Krieg und Verfolgung flüchten. Auch in meinem Umfeld gibt es Menschen mit Fluchterfahrung, Viele von ihnen mussten bereits um ihr Leben fürchten, alles zurücklassen und in ein fremdes Land gehen, in dem sie nicht unbedingt von allen herzlich empfangen wurden. Sie haben Dinge erlebt, die man sich hier in Deutschland nicht einmal annähernd vorstellen kann. Sie haben ihre Familien und ihre Freunde verloren oder zurücklassen müssen. Je länger ich darüber nachdenke, wie viel Glück ich habe, in Frieden aufwachsen zu können, umso dankbarer werde ich. An der Gedenkstätte der Siebenbürger Sachsen in ...An der Gedenkstätte der Siebenbürger Sachsen in Dinkelsbühl: Inge Alzner hielt in diesem Jahr die Gedenkrede zum Volkstrauertag. Foto: Michael Alzner Gleichzeitig stellen sich mir die Fragen, wie es sein kann, dass trotz all dem Geschehenen noch immer nicht überall Frieden herrscht. Hat die Menschheit nichts aus ihren Fehlern gelernt? Wie kann es sein, dass Menschen, die unsere Hilfe benötigen, abgewiesen werden? Und vor allem, wie kann man dies alles ändern? Können wir überhaupt etwas ändern? Diskriminierung, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit sind Themen, die heute aktuell sind. Es ist wichtig, auf solche Entwicklungen früh zu reagieren und früh dagegen vorzugehen.

Es ist wichtig, dass wir uns daran erinnern, was war, und dass wir uns alle füreinander einsetzen. Wir sind alle verantwortlich für ein friedliches Zusammenleben – wir können die Verantwortung nicht auf eine höhere Stelle oder auf die Politik abschieben. Wir müssen handeln! Jeder von uns! Grundvoraussetzung hierfür ist die menschliche Pluralität, die das gemeinsame Handeln überhaupt ermöglicht und die Kommunikation aller verschiedenen Menschen dieser Welt zu einem gemeinsamen Handeln im Sinne des Friedens erfordert. Gleichermaßen gehört zum Handeln das Denken, das Nachdenken, das Hinterfragen. Sich eine eigene Meinung bilden und nicht blind der Meinung anderer folgen. Diese Gedanken jedes Einzelnen sind für das gemeinsame Handeln erforderlich. Dieses Denken ist nicht nur eine Möglichkeit, die wir ergreifen können, wenn uns gerade der Sinn danach steht. Im Gegenteil, es ist unsere Pflicht, selber nachzudenken und, dies ist die einzige mögliche Grundlage dafür, moralisch zu handeln. Und zum Denken und Handeln wiederum gehört das Verstehen. Das Verstehen von Vergangenem und damit verbunden das Erinnern, was wir an Tagen wie heute betreiben. Erinnern heißt verstehen.

Aufgrund der menschlichen Pluralität ist das Denken und Handeln immer ein Auseinandersetzen mit anderen Menschen und wird somit zu einer moralischen Notwendigkeit. Denke ich nicht, bevor ich handle, auch an meine Mitmenschen, sondern handle beispielsweise aus purem Egoismus, dann ist meine Handlung keine moralische Handlung mehr und trägt somit nicht dazu bei, den Zustand der Welt zu verbessern. Im Umkehrschluss bedeutet dies aber auch, dass ich schon alleine durch Nachdenken und Hinterfragen die Welt schon zu einem besseren Ort machen kann.

Wir müssen die Herausforderung annehmen und uns nicht als Einzelpersonen zurückziehen. Wir dürfen nicht den bequemen Weg wählen und die damit verbundene Anstrengung und Angst vor Eigenverantwortung scheuen, wir dürfen dies nicht als pure Bequemlichkeit zulassen. Denn das Resultat dieser Bequemlichkeit können wir sehen. Etwa in den Kriegen die nach wie vor herrschen. An den schutzsuchenden Menschen, die zu uns kommen und unsere Hilfe benötigen. Kranzträger auf dem Weg zur Gedenkstätte der ...Kranzträger auf dem Weg zur Gedenkstätte der Siebenbürger Sachsen. Foto: Michael Alzner Kann diese Bequemlichkeit eine Entschuldigung sein dafür, schlimme Dinge geschehen zu lassen, lediglich, weil man es als zu anstrengend empfindet, selber nachzudenken und entsprechend zu handeln? Weil man zu feige ist, sich der Wahrheit zu stellen? Die Augen zu verschließen, weil es keine offensichtliche Antwort gibt? Ich denke, die Antwort ist offensichtlich ein klares: NEIN. Denken bzw. Nachdenken heißt stets kritisch denken. Es ist immer notwendig, sich auch selber zu hinterfragen und das Urteil, das aus dem Zwiegespräch hervorgeht zu überprüfen. Erst dann kann man verstehen.

Darum lassen Sie uns diesen Volkstrauertag nutzen:

In erster Linie zum Gedenken an die unzähligen Gefallenen zweier Weltkriege.

Zum Gedenken an die unzähligen Menschen, die durch Krieg aus ihren Familien gerissen wurden und bis heute Lücken hinterlassen haben.

Zum Gedenken an die unzähligen zivilen Kriegsopfer.

Zum Gedenken an die unzähligen Ermordeten, die aufgrund merkwürdiger Ideologien oder Glaubensrichtungen sinnlos ihr Leben lassen mussten.

Zum Gedenken an all die Opfer von Krieg, Hass, Vertreibung und Terror.

Das Gedenken der Toten ist für uns Mahnung, aus der Vergangenheit Schlüsse für die Gegenwart zu ziehen und danach zu handeln. Wann immer und wo immer wir heute helfen können, wenn wir einen Beitrag leisten können, Versöhnung zu schaffen, wenn wir helfen können, Menschen vor Gewalt und Terror zu schützen, dann müssen wir es tun. Wir müssen moralisch handeln. Wir dürfen nicht wegschauen, nur, weil dies bequemer für uns wäre. Wir können unsere Vergangenheit nicht ändern, aber wir können sie verstehen, aus ihr lernen und dafür sorgen, dass sich Fehler nicht wiederholen.

Am 11. November waren zahlreiche hochrangige Politiker und hunderttausende Menschen aus Anlass des Endes des Ersten Weltkrieges in Paris und an anderen Orten im Gedenken vereint. Gedenken hilft, die Zukunft zu sichern.

Inge Alzner

Schlagwörter: Volkstrauertag, Rede, Dinkelsbühl

Nachricht bewerten:

15 Bewertungen: +

Noch keine Kommmentare zum Artikel.

Zum Kommentieren loggen Sie sich bitte in dem LogIn-Feld oben ein oder registrieren Sie sich.

  • AKTUELL
  • BEWERTET
  • GELESEN
  • KOMMENTIERT
Druckausgabe der aktuellen Zeitung
Die Druckausgabe der SbZ bereits eine Woche vor der Auslieferung online lesen (inkl. Volltextrecherche).

Archiv Schmökern und recherchieren im Archiv der SbZ von 1950 bis heute.

Terminkalender

« September 19 »
Mo Di Mi Do Fr Sa So
26 27 28 29 30 31 1
2 3 4 5 6 7 8
9 10 11 12 13 14 15
16 17 18 19 20 21 22
23 24 25 26 27 28 29
30 1 2 3 4 5 6

Artikel zum Thema

RSS-Feeds abonnieren

Nächster Redaktionsschluss

25. September 2019
11:00 Uhr

16. Ausgabe vom 10.10.2019
Alle Redaktionsschlüsse
Registrieren! | Passwort vergessen?
Impressum · RSS · Banner · Online werben · Nutzungsbedingungen · Datenschutz