3. Mai 2019

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"Bertha Benz: Die Reise, die alles veränderte"

Ohne sie hätte es das Unternehmen Mercedes Benz so vielleicht nie gegeben: Bertha Benz (3. Mai 1849 - 5. Mai 1944). Sie war mutig und hatte eine Vision. Eine Langstreckenfahrt vor über 130 Jahren sollte alles verändern: die Mobilität und somit die ganze Welt. Der neue Film „Bertha Benz: Die Reise, die alles veränderte“ erinnert an die deutsche Pionierin des Automobils und soll anlässlich ihres 170. Geburtstags am heutigen 3. Mai Frauen und Männer inspirieren, nie aufzugeben und immer an sich selbst zu glauben.
Bertha Benz‘ Entschluss, der Erfindung ihres Mannes Carl durch die erste automobile Langstreckenfahrt ins knapp 100 Kilometer entfernte Pforzheim mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen, liegt über 130 Jahre zurück. Dennoch ist ihre couragierte Tat aktueller denn je, denn auch in der heutigen mobilen Welt sind Visionen, Durchsetzungskraft und der Glaube an sich selbst wichtige Voraussetzungen für Erfolg. Und damit ist Bertha Benz das beste Vorbild für Pioniere der Gegenwart in allen Lebensbereichen.

Nun werden sich viele Landsleute die Frage stellen: Was hat das mit uns Siebenbürger Sachsen bzw. mit der HOG Kastenholz zu tun? Ganz schön viel! Alleine die Überschrift ist so passend und zutreffend für uns Siebenbürger Sachsen, dass deswegen schon ein Bericht über die Parallelen zwischen der berühmten Fahrt von Bertha Benz und unsere „Aus“-Reise vor knapp 30 Jahren, die alles verändert hat, zu berichten wäre. Und Kastenholz? Ohne Kastenholz hätte es den Videofilm „Bertha Benz: Die Reise, die alles veränderte“ nicht gegeben. Der neue Film wurde größtenteils in Kastenholz gedreht und selbst die Szenen, die in Hermannstadt gedreht wurden, hat man so geschickt bearbeitet, dass auch dort das Wahrzeichen und unser Stolz, die evangelische Kirche von Kastenholz, zu sehen ist. Der Schmied, dessen Ambossklänge zu hören und der selbst kurz zu sehen ist, wurde von Simon Drothler, dem letzten in Kastenholz gebliebenen Sachsen, gespielt. Und zu guter Letzt diente die in wenigen Tagen umgebaute Scheune von Familie Thorwächter, Hausnummer 125, als Drehkulisse für den Dialog zwischen Bertha Benz und dem Apotheker im sogenannten Wirtshaus. Die Dreharbeiten des Films "Bertha Benz: Die ...Die Dreharbeiten des Films "Bertha Benz: Die Reise, die alles veränderte" fanden in Kastenholz und Hermannstadt statt. Ja, ob dieser Film nun schön und gut oder weniger schön und gut ist, liegt alleine im Empfinden des Betrachters. In zwei Monaten wurde er schon vier Millionen Mal auf YouTube gesehen. Entscheidend ist die Botschaft, die dem Regisseur Sebastian Strasser, einem gebürtigen Hermannstädter und einem der Besten seiner Zunft, ganz gut gelungen ist: Bertha Benz als die zu zeigen, die sie war, eine starke Frau und zeitloses Vorbild in allen Lebenssituationen. Ihr Mut und ihr Wille, nicht vorschnell aufzugeben, soll Inspiration und Motivation für die Menschen sein, die mit einer ähnlichen positiven, anpackenden Art durchs Leben gehen und Herausforderungen selbstbewusst angehen! Und hier sehe ich die erste Parallele und behaupte, dass viele von uns sich hiermit identifizieren können und ähnliche Vorbilder kennen, sei es die eigene Mutter, der Vater, aber auch sehr viele Siebenbürgerinnen und Siebenbürger der älteren Generationen haben gezeigt, dass sie es schaffen können, eine Reise anzutreten, die zum Teil von existentieller Bedeutung ist. Wenn das Vertrauen, der Mut und der Willen, nicht vorschnell aufzugeben, vorhanden sind, dann kann diese Reise gelingen und auch vieles verändern.

Ob unsere „Aus“- Reise gut oder schlecht war, muss und kann nur jeder für sich selbst beantworten. Ich kann heute nur über eine, meine persönliche Reise berichten, die mein Leben und meine Sicht auf Siebenbürgen verändert hat. Dafür müssen wir einen Bogen schlagen und in das Jahr 2005 zurückblicken, als ich meine Geburtsstadt Hermannstadt und meinen Heimatort Kastenholz zum ersten Mal nach 15 Jahren besuchte. Nach dem großen Exodus von 1990 bin ich, wie viele von uns und die meiner Generation, dem Alltag in der neuen Heimat nachgegangen und habe kaum noch einen Gedanken an das verschwendet, was uns ausmachte und uns lange Zeit geprägt hat. Das Leben war neu, spannend, selbstverständlich und die vielen Möglichkeiten, die sich uns anboten, ließen uns kaum Zeit und Raum an das zu denken, was zurücklag. So kam es, dass nach Ausbildung, Studium und etlichen Berufsjahren, die mit sehr vielen Auslandsreisen verbunden waren, die besagte Reise von 2005 im Raum stand. Es musste auch hier ein Impuls von außen kommen und in diesem Falle war es der Wunsch eines Arbeitskollegen, nach Hermannstadt zu reisen, um dort seinen alten Käfer richten zu lassen. Das war es, was ich gebraucht habe, um diese Reise anzutreten, es waren das Abenteuer, die Herausforderung und der Kick, den junge Menschen brauchen, um sich in Bewegung zu setzen. Es war nicht das Heimweh oder sogar die Bindung, die mich angetrieben haben, nein, es war eher das Fremde schon und die Herausforderung, diesen VW-Käfer für verhältnismäßig wenig Geld von Grund auf zu restaurieren. Gesagt getan, ohne zu wissen, welche großartige Erfahrung das für mich und meine weiteren Vorhaben und Aufgaben in den darauf folgenden Jahren als Vorsitzender der HOG Kastenholz bedeuten würde. Der VW-Käfer hat die Fahrt von Stuttgart nach Hermannstadt und zurück gut überstanden, der Kollege war und ist bis heute noch mit seinem 40 Jahre alten Käfer sehr zufrieden und der aktuell geschätzte Wert liegt bei über vierzigtausend Euro – eine tolle Geschichte! Aufnahme aus dem Film "Bertha Benz: Die Reise, ...Aufnahme aus dem Film "Bertha Benz: Die Reise, die alles veränderte". Aber was ist mit mir? Was hat mich auf dieser Reise so berührt, dass ich heute, noch viel mehr als früher diese starke Bindung zu meiner Geburtsstadt und meinem Heimatort Kastenholz empfinde? Ich kann es Ihnen leider nicht genau sagen, nur, dass es so ist. Man könnte es mit Liebe, Anerkennung und großer Dankbarkeit beschreiben für die Menschen, die unsere Vorfahren und zugleich Vorbilder waren, und das, was sie geleistet haben, sowie der Glaube daran, dass das alles kein Zufall war! Hermannstadt befand sich im Jahr 2005 im Aufbruch, es war eine sehr gute Stimmung in der Stadt und eine Zeit, in der man in großen Schritten vorankam und alle den Blick nach vorne und auf das Ziel gerichtet hatten, 2007 als Europäische Kulturhauptstadt gut dazustehen.

Nur zwölf Kilometer südöstlich von Hermannstadt, in Kastenholz, sah es ganz anders aus. Es schien, als ob die Zeit stehengeblieben wäre, und die Folgen der Auswanderung waren sichtlich erkennbar. Es war bedrückend, die vielen verlassenen Häuser zu sehen. Andererseits boten sich mir sehr vertraute Bilde, Klänge der Natur und Gänsehaut pur, als ich nach vielen Jahren die Glocken von Kastenholz läuten hörte – was für ein Moment!

In diesem Moment der Stille, der Einkehr, des Genießens und mit einer Betrachtung aus Sicht des Herzens erkannte ich für mich, was für ein Schatz, eine Oase der Ruhe und großartiges Erbe uns unsere Vorfahren hinterlassen haben. So war es, es musste eine Reise sein, die meinen Blickwinkel veränderte, mich mit meinen Augen und Herzen das Alte neu betrachten ließ, um zu erkennen, welche Verantwortung wir gegenüber unseren Vorfahren, aber auch Nachkommen haben. So kann eine Reise in die Vergangenheit durchaus was ganz Neues hervorbringen, denn so war es auch für Bertha Benz kein Zufall, als sie die erste Fahrt geplant hatte, sie ist zwar heimlich und ohne das Wissen ihres Mannes aufgebrochen, aber bewusst von Mannheim nach Pforzheim zu ihren Eltern nach Hause gefahren, weil sie wusste, dass sie das, was sie tat, mit ihnen teilen konnte und indirekt die Erkenntnis und den Nachweis erbrachte, dass das Patent – Motorwagen – Nummer 3 ihres Mannes eine Zukunft hat – was für ein Erfolg!

Mit der für mich auf meiner Reise gewonnenen Erkenntnis ist es mir in den Jahren danach gelungen, viele meiner Kastenholzer Landsleute davon zu überzeugen, dass es dringend notwendig ist, zeitnah zu handeln, um wenigstens einen Teil unseres Erbes von Kastenholz zu erhalten und vom Verfall zu retten. Wir haben es geschafft, über mehrere Spendenaktionen die nötigen Mittel bereitzustellen und in guter Zusammenarbeit mit dem evangelischen Bezirkskonsistorium von Hermannstadt die praktischen Schritte einzuleiten, so dass sich Kirche und Pfarrhaus– durch eine Investition von über vierzigtausend Euro und entsprechende Baumaßnahmen - heute in einem gut erhaltenen Zustand befinden. Herzlichen Dank nochmals an alle Mitwirkenden!

Im Laufe der Jahre und während den vielen Aufenthalten bei Bau- und Sanierungsarbeiten ist mir aufgefallen, dass unsere schöne kleine Kirche in Kastenholz, mit dem im Anschluss terrassenförmig angelegten Friedhof, für viele, auch fremde Menschen eine Art Anziehungspunkt ist. Und so kam es, dass letzten November ein Film- und Fernsehteam hierauf aufmerksam geworden ist und aus über 43 besichtigten Ortschaften in Siebenbürgen Kastenholz ausgewählt und als Drehort und Drehkulisse für die Neuverfilmung dieser berühmten „Ersten Fahrt“ von Bertha Benz gedient hat. Kann das sein, ist das wahr? Ich fühlte mich wie in einem falschen Film. Anfang November erreichte mich ein Anruf und ein Mitarbeiter des Bukarester Icon Filmstudios fragte, ob es möglich und erlaubt sei, in der evangelischen Kirche von Kastenholz zu drehen? Dies würde im Auftrag von Mercedes Benz erfolgen und unter der Regie von Sebastian Strasser, einem gebürtiger Hermannstädter und weltbekannten Regisseur. Nach ein paar Telefonaten und interner Abstimmung mit meinem Arbeitgeber stellte ich fest: Nein, es ist kein falscher Film, es ist real und absolut wahr. Der neue Film soll aufgrund der Topographie und der dort vorzufindenden Ortschaften mit der entsprechenden Architektur von Siebenbürgen bzw. in Kastenholz gedreht werden. Fortan unterstützte das Vorhaben in allen Richtungen und vor Ort, versuchte zu vermitteln, so dass unser Pfarrhaus und Pfarrhof kurzerhand zur Filmzentrale mit Büros, Garderobe, Maske sowie Werkstatt umgestaltet wurden und zu aller Freude einen sehr großen Beitrag zur Entstehung „eines seiner besten Werke“ – so die Aussage des Regisseurs Sebastian Strasser – geleistet haben. Und ich? Als Daimlermitarbeiter, Mercedesentwickler und leidenschaftlicher Testfahrer als auch als Vorsitzender der HOG Kastenholz kann mich nur noch den Worten von Sebastian Strasser anschließen – es ist ein großartiger Film!

Aber noch viel mehr möchte ich die Botschaft, die mit diesem einmaligen Projekt vermittelt werden soll, mit unseren Landsleuten teilen und bitten, dies zu beherzigen und den Glauben, Mut, die Hoffnung und vor allem den Willen nicht vorschnell aufzugeben und in allen Lebenssituationen zu bewahren. Denn dank dieser Einstellung und der Bereitschaft unserer Kastenholzer können wir heute sagen: Wir sind stolz, Bertha Benz fährt durch Kastenholz, oder unser Stolz begleitet Bertha Benz durch Kastenholz – was für eine Fügung!

Robert Klöss, Vorsitzender der HOG Kastenholz

Externer Link:

"Bertha Benz: Die Reise, die alles veränderte" auf YouTube

Schlagwörter: Video, Film, Siebenbürgen, Kastenholz, Wirtschaft

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