18. September 2019

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Als ehemalige Bergschülerin aus Schäßburg in Austin (Texas)

Die ehemalige Bergschülerin Melita Tuschinski aus Schäßburg, heute wohnhaft in Stuttgart, schildert im Folgenden, wie sie 1985 ihr erstes Studienjahr an der University of Texas at Austin verbrachte. Wie es sich zeigte, war ihr Wissens- und Erfahrungsschatz aus Siebenbürgen durchaus hilfreich in Studium und Beruf.
Die Tür öffnet sich und ich blinzle verschlafen hinaus ins grelle Scheinwerferlicht. Beim Hinaustreten pralle ich unweigerlich zurück: Eine unerträgliche Hitzewelle erschlägt mich fast. „Mein Gott, wie können Menschen hier leben?“ ist mein erster Gedanke. Es ist 23.00 Uhr. Heute ist der 24. August 1985 und ich bin in den USA gelandet, in Austin, der Hauptstadt von Texas. Auf dem Flug von Stuttgart habe ich meine erste Lektion in Amerikanischem Englisch erhalten. Meine Bitte nach einem eisfreien Getränk im schönem, in Schäßburg erlerntem British English „Without ice-cubes please!“ übersetzt die Stewardess kurz und bündig ins Amerikanische „No ice!“ Die Autorin als Studentin an der University of ...Die Autorin als Studentin an der University of Texas (UT) Austin, 1986

Willkommen in Texas

Im Taxi nenne ich dem Fahrer die Adresse, wo ich übernachten soll: Im „German House“. Er erkennt sofort, dass ich mich in Austin nicht auskenne. Also „berät“ er sich sehr ausführlich mit der charmant klingenden Telefonistin der Taxizentrale, wie er zu dieser Adresse, gelangen könnte. Das wird eine teure Fahrt, befürchte ich. Die 2 000 DM, die ich den ganzen Sommer lang mit einem Studentenjob verdient habe, sind auf ein Drittel geschrumpft, als ich sie bei der Bank in US-Dollar umgetauscht habe. Doch nun siehe da! Nach einer zehnminutigen Fahrt hält das Taxi vor einer schönen, alten Villa, die jedoch recht mitgenommen aussieht. Auf der Veranda vor dem Haus sitzen auf kunterbunt zusammengewürfelten Sesseln und Stühlen die Bewohner: Es sind deutsche und amerikanische Studenten, die in einer internationalen Wohngemeinschaft leben.

Das German House

Und hier erlebe ich auch gleich eine große Überraschung: Ich treffe etliche Amerikaner, die mehr oder weniger gut deutsch sprechen mit einem sympathischen, typischen Akzent. Sie alle waren in Deutschland oder freuen sich, bald dorthin zu reisen und mehr über Land und Leute kennenzulernen. Dass ich ursprünglich aus Siebenbürgen stamme, finden sie „sehr exotisch“, denn ich komme aus einem Land, von dem sie meist nur die Dracula-Geschichte kennen. In der ersten Nacht in Austin kann ich keine Minute schlafen: Draußen wie drinnen herrscht eine Mordshitze und das Haus hat KEINE Klimaanlage. Nur ein paar alte, lahme Ventilatoren drehen sich träge an den Decken. Und dennoch werde ich in diesem Haus mein erstes Studienjahr an der University of Texas at Austin verbringen. Ich entscheide mich für das German House, denn es liegt nur fünf Gehminuten von der Architekturfakultät, dem „Architecture Department“, entfernt. Exkursion nach Mexiko: Kathedrale von Cuernavaca. ...Exkursion nach Mexiko: Kathedrale von Cuernavaca. Bleistiftsskizze von Melita Tuschinski, 1987

Dinner für 30 Personen

Auch kann ich etwas Miete sparen, indem ich für alle – 30 Personen sind es jeden Abend – zweimal in der Woche das Abendessen (Dinner) koche. Dafür muss ich dem House-Manager eine Liste mit den Zutaten überreichen, die er einkauft. Habe ich in Englisch an der Bergschule nicht aufgepasst oder haben wir tatsächlich nicht gelernt, wie man „Küchenherd“ sagt? Ich bin ständig mit meinem Wörterbuch zugange und suche nach den Bezeichnungen für Gemüse, Früchte usw. Das Kochen erweist sich jedenfalls als eine sehr erfreuliche Erfahrung: Wenn es allen schmeckt, klopfen sie auf die Tischplatten. So erfahre ich erst hier im fernen Texas, dass ich eine gute Köchin bin, obwohl ich schon seit 1973 mit meinem Mann, Paul Tuschinski, auch aus Schäßburg, verheiratet bin. Meine Schwiegermutter, Virginia Tuschinski, die in der Schulgasse wohnte und an die sich manche Schäßburger vielleicht noch erinnern können, war eine ausgezeichnete Köchin, mit der ich es nie gewagt hätte, mich zu messen. Meinen German-House-Mitbewohnern schmecken insbesondere meine Pfannkuchen, die Palatschinken. Ganze Türme backe ich davon und alle schon dünn, denn ich habe mit Eiern nicht gespart.

Studieren an der UT Austin

So viel zum Wohnen. Das wäre geklärt. Doch ich bin nach Texas gekommen, um weiter Architektur zu studieren. An der Uni werde ich als Fulbright-Stipendiatin sehr freundlich empfangen und erkenne hier erst, was für einen ausgezeichneten Ruf dieses Programm genießt. Der Senator James William Fulbright hat es 1946 ins Leben gerufen, auch mit dem Zweck, die Völkerverständigung zu fördern. In meinem Fall kommen die Mittel je zur Hälfte von der deutschen und der amerikanischen Regierung. Doch es würde nicht reichen zum Leben und um die Studiengebühr zu bezahlen. Für den Rest kommt mein deutsches Bafög-Darlehen auf, das ich später zurückzahlen muss. Mein Mann ist in Stuttgart geblieben und wartet darauf, dass er eine Stelle als Realschullehrer für Deutsch und Englisch erhält. Sieben Kollegen stehen noch vor ihm auf der Warteliste. Phantasie-Räume aus Piranesis Grafiken – hier ein ...Phantasie-Räume aus Piranesis Grafiken – hier ein Kerker – als dreidimensionales Falt-Modell ausgearbeitet. Studienarbeit von Melita Tuschinski in Papier und Tusche 1986.

Studieren bei Frei Otto

Als wir im Januar 1983 nach Deutschland auswanderten, war ich bereits ausgebildete Architektin und hatte vier Jahre lang in einem großen „Institut der Proiectare“ gearbeitet. Doch schon als Studentin in Bukarest sind mir in der Bibliothek die Werke von Frei Otto aufgefallen, dem genialen Architekten und Bauingenieur, der sich von den Konstruktionen der Natur inspiriert. Und so wollte ich in Deutschland unbedingt bei Frei Otto an der Stuttgarter Architekturfakultät weiter studieren. Glücklicherweise erkannte die Uni meine dreijährige rumänische Architekten-Ausbildung als Vordiplom an und so begann ich im Herbst 1983 mein Aufbaustudium an der Stuttgarter Architekturfakultät.

Master of Architecture

Doch zurück nach Austin, Texas: Nach den ersten Anlaufschwierigkeiten stelle ich – wie auch die anderen zehn Studenten, die aus Deutschland an die UT Austin, so heißt die Uni hier abgekürzt, gekommen sind – fest, dass es sich lohnen würde, einen Abschluss anzustreben. In meinem Fall ist es der „Master auf Architecture“ – abgekürzt „M. Arch.“ Ich bin also eine „Architektur-Meisterin“ und meine Master-Arbeit betreut Professor Charles Moore. Als „Vater der Postmoderne“ hat er auch in Berlin etliche Projekte entworfen. Erfreulicherweise wird das zuständige Ministerium in Stuttgart meinen amerikanischen Abschluss nach meiner Rückkehr 1988 als „Dipl.-Ing. Univ.“ anerkennen. Doch ich muss auch immer dazuschreiben, wo ich diesen Abschluss erlangt habe, so ist die Regel bei anerkannten ausländischen Abschlüssen. Überblick des Kreativitätszentrums in Austin ...Überblick des Kreativitätszentrums in Austin Texas. Master-Arbeit der Autorin bei Prof. Charles Moore. CAD-Ausdruck aquarelliert vom Melita Tuschinski 1987.

Englisch an der Bergschule

Doch nun will ich auch direkte Brücken spannen von meiner Zeit an der Schäßburger Bergschule zu meiner Studienzeit im fernen Austin, Texas. Zunächst muss ich allen meinen Englischlehrern, bzw. -professoren und -professorinnen ganz, ganz herzlich danken! Ohne die acht Jahre Englischunterricht hätte ich wohl nie im Traum daran gedacht, mich für ein Amerika-Stipendium zu bewerben. Nach dem Abitur habe ich mich eigentlich nur noch durch englischsprachige Filme in Originalton mit Untertiteln im Englischen geübt. Ich erinnere mich noch ganz genau an das Auswahlgespräch 1984 an der Uni Stuttgart für das Fulbright-Stipendium, als es plötzlich hieß, dass das Gespräch auf Englisch stattfindet. „So Melita, jetzt wirst du dich zwölf Jahre nach dem Abitur zum ersten Mal wieder Englisch sprechen hören!“, dachte ich mir damals ganz verschreckt. Doch es klappte ganz gut und auch mit dem Englischen TOEFL-Sprachtest, den wir in Tübingen bestehen mussten, obwohl man über die Lautsprecher fast nichts verstehen konnte.

Aufnahme ins Master-Programm

Doch in Austin wartet noch eine ganz besondere Herausforderung auf mich: Bevor ich in das Master-Programm aufgenommen werde, muss ich mich, wie auch die amerikanischen Anwärter, einem schriftlichen Test unterziehen, dem „Graduate Record Examination“, abgekürzt: GRE. Und so kommt es, dass wir an einem schönen Frühlingstag alle in einem Raum vor unseren Testfragen sitzen. Wir müssen jeweils die richtige unter den fünf Antworten ankreuzen, die zu jeder Frage angegeben sind. Nur dann gibt es die vielbegehrten Punkte, die wir ansammeln müssen, um den Test zu bestehen. Er umfasst einen Sprach- und einen Logikteil. Ich habe mich für beide etwas vorbereitet mithilfe einer Sammlung von Fragen und (richtigen) Antworten aus früheren Jahren. Doch der Sprachteil – das muss ich mir eingestehen – da kann ich mit den amerikanischen Studenten kaum mithalten, so anspruchsvoll ist er! Doch die Logik- und Mathematikfragen retten mich. Danke, lieber Herr Professor Julius Ambrosius! Nicht nur waren Sie mein Lieblings- und Klassenlehrer, auch Mathe war immer mein liebstes Fach. Und hier im fernen Texas stelle ich erfreut fest, dass ich die Aufgaben fast alle ohne viel Mühe lösen kann. Dies ist meine Rettung und ich bestehe den Test sogar mit einem guten Ergebnis. Fly away – flieg weg! Siebdruck Melita Tuschinski ...Fly away – flieg weg! Siebdruck Melita Tuschinski 1985

Oktoberfest in Texas

Sehr gerne erinnere ich mich auch an die Tiroler Tanzgruppe an der Bergschule, geleitet von Meta Wellmann, sowie an unsere „Tournee“ nach Bukarest. Und wo höre ich wieder die altbekannten Lieder und tanze wieder flotte Polkas wie anno dazumal bis in die Nacht hinein? Freunde haben mich mitgenommen zum „Oktoberfest nach Brownsville“, einer texanischen Stadt unweit von Austin. Alle hier stammen von deutschen Einwanderern ab. Sie sehen deutsch aus, haben deutsche Namen, servieren deutsche Speisen und Biere – nur sprechen sie alle Amerikanisch. Und genau wie die Sachsen im fernen Siebenbürgen haben sie ihre Lieder und Tänze bewahrt und führen stolz die deutschen Traditionen weiter. Genau wie unsere Sachsen! Doch mit dem Unterschied, dass sie nicht mehr nach Deutschland zurückkehren wollen. Ich hingegen freue mich, nach zweieinhalb Jahren USA wieder zurück nach Europa, nach Stuttgart zu kommen.

Melita Tuschinski

Schlagwörter: Schäßburg, Bergschule, Studium, USA, Architektur

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