15. Februar 2020

Die schwerste Zeit meiner Jugend in Russland

Dorothea Hermann, geborene Sack, war 17 Jahre alt, als sie 1945 zusammen mit ihrer drei Jahre älteren Schwester Regina aus ihrer Heimatgemeinde Keisd deportiert wurde. Fast fünf Jahre lang musste sie in Russland arbeiten. In ihrem Bericht erzählt sie von der schweren Zeit.
Am 14. Januar 1945 kamen ein Rumäne und ein Russe in aller Früh und holten meine Schwester und mich ab. Wir sollten uns für sechs Monate Kleider und Essen mitnehmen. Sie schafften uns in den großen Saal, neben der Kirche, wo schon viele unserer Landsleute waren. Wir mussten uns auf den Boden setzen und dort übernachten. Am nächsten Tag brachte man uns in die „Deutsche Schule“. Dort wurden wir ärztlich untersucht. Unsere Eltern kamen und wollten uns noch etwas mitgeben, aber wir wollten nichts mehr, denn wir wussten ja nicht, was mit uns geschehen würde.

Gegen Abend wurden wir in große Autos verladen und nach Schäßburg gebracht. Als wir wegfuhren, läuteten alle Glocken, was so schauerlich war, dass wir fast alle weinten. Unsere Eltern und die vielen Kinder, welche von ihren Müttern getrennt wurden, haben bestimmt auch geweint.

In Schäßburg mussten wir in Viehwaggons umsteigen, am 16. Januar fuhren wir weiter, bis wir am 19. Januar in Râmnicu Sărat in andere Waggons umsteigen mussten. Am 2. Februar kamen wir in Risnaja in Russland an. Wir mussten aussteigen und im tiefen Schnee einen Berg hinauf gehen. Im Lager angekommen, zeigte man uns ein Zimmer, in dem Hochbetten standen und es sehr kalt war.

Am nächsten Tag bekamen wir einen Strohsack, welchen wir uns auf der Kolchose selber mit Stroh füllen mussten, damit hatten wir wenigstens ein Bett – eine Lagerstätte, wo wir schlafen konnten. Denn seitdem wir von zu Hause weg waren, hatten wir nur auf einer Decke auf dem Fußboden geschlafen.
Im März 1948 schickte Dorothea Hermann (hinten, ...
Im März 1948 schickte Dorothea Hermann (hinten, 4. von rechts) ihren Eltern dieses Bild aus dem Arbeitslager Hanjonkowa: „Herzlichen Gruß von Eurer Tochter aus weiter Ferne.“ Foto: privat
Den folgenden Tag duschten wir in einem russischen Bad und wurden auf die Arbeitslager verteilt. Ich arbeitete in einem Bergwerk, wo ich die schweren Waggons, welche mit Kohle gefüllt aus dem Schacht kamen, zusammen mit sechs anderen Mädchen, entleeren musste. Dort herrschte eine große Kälte, welche wir nicht gewohnt waren.

Am 11. März war es besonders kalt. Es war ein Schneegestöber, dass man fast nichts sehen konnte. Wir waren nachmittags in der Arbeit. Die Mädels, welche uns ablösen sollten, hatten sich verirrt und kamen erst viel später an. Wir mussten dann immer über ein Feld etwa 2 km vom Schacht bis zum Lager gehen und kamen hungrig dort an. Wir bekamen eine heiße Krautsuppe oder eine Gurkensuppe, welche noch furchtbarer und noch dazu bitter schmeckte.

Am 21. März musste ich dann in den Schacht hinein. Der russische Vorarbeiter, ein Junge von achtzehn Jahren und ein russische Frau beluden die Waggons mit Kohle und ich musste sie in einer Rinne aus Blech runterrutschen. Der Kohlenschacht war sehr niedrig, etwa 60-70 cm hoch. Man musste immer gebückt arbeiten und konnte sich nicht aufrichten. Meine Knie taten mir so weh, da ich auf den harten Steinen hinaufkriechen musste. Während wir die Kohlen von oben herunterholten, floss das Wasser unter uns und unsere Hosen wurden ganz nass. Auf dem Weg zum Lager waren unsere Kleider steif gefroren und wir mussten im Zimmer warten, bis sie auftauten. Dann zogen wir die schwarzen Kleider aus und wuschen uns im Zimmer. Für die Wärme im Zimmer sorgten wir selbst. Wir waren 10-12 Mädel im Zimmer und jede brachte Kohle oder Holzabfälle mit.

Diejenigen, die im Schacht arbeiteten, bekamen 1200 g Brot, jene, die draußen arbeiteten, bekamen nur 1000 g und einige sogar nur 500 g. Das Brot war sehr schwer, es war nicht so, wie wir es von daheim kannten.

Dort im Schacht zog ich mir Magenschmerzen zu. Die Waggons konnte man sehr schwer schieben. Wir hatten eine Eisenstange an die Waggons angemacht, weil der Hauptgang an manchen Stellen sehr niedrig war und man sich sonst die Hände oben angeschlagen hätte. Als ich den Waggon schob, drückte die Eisenstange so stark in meinen Magen, dass ich mich draußen übergeben musste. Es kam aber nur grüne Flüssigkeit wie Galle, da ich in der Früh ja nichts gegessen hatte, weil ich immer Magendrücken hatte.

Mit Fieber ging ich dann zum Arzt und bekam zwei Tage frei. Nachher musste ich wieder zur Arbeit und habe immer mit Schmerzen gearbeitet. Dort habe ich es solange ausgehalten, bis unser Lager aufgelöst wurde. Es haben mehrere Mädchen, auch aus unserer Gemeinde, dort gearbeitet, aber niemand ist lange geblieben. Es wurde immer gesagt, dass dies der schlimmste Schacht wäre. Nur ein Mädchen aus Marienburg hat mit mir dort ausgehalten. Wir haben uns gut verstanden.

So ist die Zeit vergangen bis 1947. Da wurde der Rubel gewechselt. Alles gab es frei zu kaufen. Wir konnten uns draußen das Brot kaufen und mussten nicht mehr aus der Küche das schwache Essen bezahlen.

Ende November sind wir dann in das Lager Hanjonkowa gekommen. Dort habe ich wieder in einem Schacht gearbeitet, diesmal als Steinmaurer. Mit einem Lift sind wir 300 m tief hinunter gefahren. Der Raum, aus dem die Kohle entfernt wurde, musste mit Steinen aufgefüllt werden. Hier konnte man wenigsten aufrecht gehen. Unsere Brigade bestand aus zwölf Mädchen, drei davon waren aus unserer Gemeinde. Wir haben fast alle in einem Zimmer gewohnt. Das Essen kochten wir uns selber und gingen nur sehr selten in die Küche (Kantine). Jeden siebten Tag hatten wir frei, manchmal war es ein Sonntag oder ein Wochentag, je nachdem wie wir eingeteilt waren. Bevor wir in den Schacht hineingingen, mussten wir uns eine Lampe nehmen, welche ganz geschlossen war, da in diesem Schacht Gas war. Beim Verlassen des Schachtes mussten wir die Lampe wieder abgeben.

So verging die Zeit mit schwerer Arbeit und voller Hoffnung, dass wir bald nach Hause durften. Aber wir mussten ausharren, bis die Zeit gekommen war. Als es bald so weit war, sagten die Russen: „Jetzt geht es bald nach Hause.“ Sie wussten, dass wir für fünf Jahre nach Russland gekommen waren. Uns hatte man das aber nicht gesagt. Am 25. November 1949 in der Früh kamen wir auf dem Bahnhof in der Heimat an. Ein Mann mit dem Pferdewagen brachte uns die 5 km bis in unser Dorf. Endlich waren wir wieder zu Hause. Wir konnten es gar nicht fassen. Meine Eltern waren froh, dass wir wieder daheim waren. Meine Schwester war ein Jahr früher heimgekommen, weil sie krank und sehr schwach war.

Unsere „schönsten“ Jugendjahre haben wir in Russland zugebracht.

Dorothea Hermann

Schlagwörter: Deportation, Russlanddeportation, Zwangsarbeit, Zeitzeugin, Bericht, Keisd

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