10. Mai 2020

Geistliches Wort der Heimatkirche: Wir werden befreit singen!

Heute ist Muttertag. Diesen hatte früher die evangelische Schule gestaltet. Nachdem sie jedoch in staatliche Hand übergingen, ist diese Aufgabe der Kirche – als Hüterin der Tradition – zugefallen. Nach Gedicht und Lied der Kinder sowie dem Gebet des Pfarrers wurde den Müttern am Ausgang der Kirche ein kleiner Blumengruß übergeben. Während Gedicht, Lied und Gebet virtuell möglich sind, so ist es der Blumenstrauß nicht. Aber als einen symbolischen Blumenstrauß wollen wir das heutige Geistliche Wort verstehen, denn gerade der jüngste Pfarrer der Heimatkirche (Jahrgang 1995) schreibt es für uns. Nick Fernolendt aus Broos (Jahrgang 1995) ist ein in Heilbronn geborener Siebenbürger Sachse, der zum Studium der Theologie und dem anschließenden Pfarrdienst nach Hermannstadt zurückgekehrt ist.
4. Sonntag nach Ostern (Kantate) – Muttertag

Zuerst wollen wir alle Mütter und Frauen herzlich mit einem Muttertagslied der Siebenbürgischen Kantorei grüßen (YouTube).

Und nun sammeln wir uns um das Wort der Heiligen Schrift für den Sonntag Kantate:

„Da versammelte Salomo alle Ältesten Israels, alle Häupter der Stämme und die Fürsten der Sippen Israels in Jerusalem, damit sie die Lade des Bundes des Herrn hinaufbrächten aus der Stadt Davids, das ist Zion. Und es versammelten sich beim König alle Männer Israels zum Fest, das im siebenten Monat ist. Und es kamen alle Ältesten Israels, und die Leviten hoben die Lade auf und brachten sie hinauf samt der Stiftshütte und allem heiligen Gerät, das in der Stiftshütte war … So brachten die Priester die Lade des Bundes des Herrn an ihre Stätte, in den innersten Raum des Hauses, in das Allerheiligste, unter die Flügel der Cherubim, dass die Cherubim ihre Flügel ausbreiteten über die Stätte der Lade… Und die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob sich und man lobte den Herrn: »Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig«. Da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke, als das Haus des Herrn, sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des Herrn erfüllte das Haus Gottes.“ (II. Buch der Chronik, Kapitel 5, 2-15)

In der Tiefe der Menschlichkeit

"Singet dem Herrn ein neues Lied, singet dem Herrn alle Welt!“ Denn Gott hat unser Herz und Mut fröhlich gemacht durch seinen lieben Sohn, welchen er für uns gegeben hat zur Erlösung von Sünden, Tod und Teufel. Wer solches mit Ernst glaubt, der kanns nicht lassen, der muss fröhlich und mit Lust davon singen und sagen, dass es andere auch hören und herzukommen!"

Diese Worte aus der Vorrede Martin Luthers zum Babstschen Gesangbuch zieren die erste Seite unseres eigenen landeskirchlichen Gesangbuchs, aus dem wir sonntäglich unsere Kirchenlieder singen. Sie stellen klar und machen uns deutlich, welchen hohen, ja geradezu unverzichtbaren Stellenwert das Singen und Musizieren für den Glauben und die Kirche haben. Denn Musik und Singen sind etwas, was zu den ursprünglichsten und natürlichsten Ausdrucksformen des Menschen gehören. Erfahrungen und Erlebnisse des menschlichen Lebens, die uns existenziell betreffen, die wir nicht nur mit dem Verstand ergreifen, sondern welche auch unser Gemüt anrühren, die kleiden wir oft in Musik und Lieder. So werden seit alters her von den Barden solche Dinge besungen wie Liebe, Treue und Hingabe. Auch die Heimat, die stets mehr ist als einfach nur der Ort, an dem man geboren ist und lebt, ist gängiges Thema in Volksliedern.
Eine Besonderheit der evangelischen Landschaft ...
Eine Besonderheit der evangelischen Landschaft Siebenbürgens sind die Kirchen der evangelischen Schwaben in Batiz und Benzenz im Kreis Hunyad. Nach ihrer Einwanderung am Ende des 19. Jahrhunderts haben sie in Bescheidenheit multifunktionale Gebäude gebaut, welche Kirche, Schule und Pfarrwohnung vereinen. Das Gebäude in Batiz (rumänisch, ungarisch: Batiz) ist heute Begegnungszentrum und Gästehaus. Foto: Stefan Bichler

Auch Christen haben Grund zum Singen

Wie könnte es da anderes sein, dass auch unser christlicher Glaube seit den frühesten Tagen der Kirchengeschichte in musikalische Form gegossen wurde. Das Wissen um die Tatsache – dass im Glauben an Gott und in den Worten der Bibel das himmlische Seelenheil liegt und dass uns im Wort und Werk des Erlösers Jesus Christus der Weg ins ewige Reich Gottes aufgeschlossen wird – ist eine Wahrheit, die wir nicht nur verstandesmäßig erkennen, wie wir beispielsweise naturwissenschaftliche Zusammenhänge oder mathematische Formeln lernen, sondern die unser ganzes Wesen und Selbstverständnis, unser Tun und Lassen, unsere Äußerungen betreffen und verändern. Der Christ sieht in der menschlichen Existenz mehr als nur ein pumpendes Herz und Synapsen unter der Schädeldecke, er sieht ein Kind Gottes, das Verstand und Seele besitzt, und ein Geschöpf, dem der allmächtige Schöpfer selbst einen solch hohen Wert zumisst, dass er sogar „seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“, wie wir aus dem Evangelium nach Johannes, Kap. 3, Vers 16, erfahren. Diese Erfahrung der Bundestreue des Schöpfers zu seiner Schöpfung, die Erfahrung der Erlösung und Sündenvergebung, das Versprechen auf den Eingang in die himmlische Ewigkeit, wenn dies Erdenleben einst zu Ende geht, all diese Dinge drängen nach außen, wollen sich äußern und bezeugt werden vor der Welt in Worten und Taten. „Wer solches mit Ernst glaubt“ (wie Luther eingangs zitiert wurde), der kann es nicht in sich verschließen, denn „wem das Herz voll ist, dem geht der Mund über“, wie uns das Evangelium nach Matthäus im Kap. 12, Vers 34, berichtet. Singen bedeutet also, dass etwas aus unserem Innersten nach außen dringt.

Ein Psalm aus historischen Zeiten

Der Name des heutigen Sonntags Kantate, was lateinisch nichts anderes als „Singet!“ bedeutet, ruft uns genau dazu auf. Wir sollen mit unseren Liedern den Glauben bezeugen und ihn durch Gesang, durch Orgelpfeifen und durch die Liedtexte in der Welt Gestalt annehmen lassen. „Cantate Domino canticum novum quia mirabilia fecit salvavit sibi dextera eius et brachium sanctum eius.” – Lateinisch für: „Singet dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder. Er schafft Heil mit seiner Rechten und mit seinem heiligen Arm.“ So lautet die Bibelstelle aus Psalm 98, Vers 1, von der sich das Votum für den heutigen Sonntag ableitet. Und, wer weiß? Vielleicht wurde auch dieser Psalm damals gesungen, als in Jerusalem nach langer Bauzeit der berühmte Salomonische Tempel eingeweiht wurde, jenes imposante Bauwerk des Glaubens, das der weise König Salomon zu Jerusalem errichten ließ, Gott zur Ehre und dem Volk Gottes als Ort der Anbetung und Danksagung. Denn so wird es in unserem heutigen Predigttext beschrieben, dass damals Gottesdienst gefeiert wurde „mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und […] hundertzwanzig Priester[n], die mit Trompeten bliesen“. Und weiter haben wir gelesen, dass damals das Volk die Worte sang: „Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig“ und damit die Herrlichkeit Gottes bezeugte. So ist auch das Volk Gottes im Alten Testament für uns in dieser Hinsicht ein Vorbild. Wir erfahren, dass das Musizieren und Singen ein wesentlicher Teil des Gottesdienstes sind und bleiben.

Der Klang der Erlösung

Ihr Lieben, angesichts dieser Erkenntnisse über das Musizieren und Singen, auf die der heutige Sonntag Kantate unseren Blick lenkt, muss uns zwangsläufig die anhaltende Krisensituation mehr als frustrierend erscheinen. Während uns der Predigttext und das Motto des heutigen Sonntags dazu aufrufen und ermuntern, gemeinsam zum Lobe Gottes zu singen und zu musizieren, macht es uns die gegenwärtige Corona-Pandemie schwer, dieser Aufforderung zu entsprechen. In vielen Fällen müssen unsere Kirchen und Orgeln stumm bleiben und auch die zahlreichen Online-Angebote sind lediglich Rumpflösungen, die einfach nicht dasselbe Maß an (nicht nur musikalischer) Partizipation bieten können wie ein regulärer Gottesdienst. Wie gerne würden wir wieder einen Gottesdienst feiern können, wie er uns im Predigttext beschrieben wird – in einer vollbesetzten Kirche und unter dem Donnerhall einer gewaltigen Orgel, die ein Meer von singenden Gemeindegliedern begleitet, so dass jedem Einzelnen die Präsenz des Schöpfers selbst klangvoll bewusst wird, so wie in Jerusalem im Tempel die Herrlichkeit des Herrn der singenden Gemeinde vor Augen trat. Danach sehnen wir uns.

„Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder“ – so heißt es im Psalm 98, der dem heutigen Sonntag seinen Namen gibt. Dass Gott der Herr ein Wunder tun möge, dass er diese Gesundheitskrise zu einem guten Ende für jedermann führen möge und dass er so die Voraussetzung schaffen möge, dass wir wieder zusammenkommen und ihm ein neues Lied singen können, dafür wollen wir bitten und beten und darauf wollen wir vertrauen mit ganzer Seele, ganzem Herzen und ganzem Gemüt. Der Gott, „der Lasten auf uns legt, doch uns mit unseren Lasten trägt“ (Liedtext von Matthias Jorissen, EGB Nr. 204), der wird uns auch durch diese Krise hindurch- und hinausführen. Das soll unser Vertrauen und unsere Hoffnung sein. Und wenn der letzte Tag der Krise einmal verstrichen ist und wir uns wieder frei von Quarantäne und Isolation versammeln können, in unseren Kirchen und Gemeindehäusern, dann wollen wir auch wieder mit unseren Stimmen und Liedern die Botschaft bekennen, die das Volk Gottes mit seinen Liedern bezeugt hat an jenem Tage der Einweihung des Salomonischen Tempels, als die Herrlichkeit Gottes selbst in ihre Mitte herabkam: „Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig“.
Pfarrer Nick Fernolendt wurde 2019 – nach einem ...
Pfarrer Nick Fernolendt wurde 2019 – nach einem Vikariat in Mühlbach – für die Gemeinde Broos und deren Diaspora ordiniert. Somit gehört die Corona-Krise zu den ersten Herausforderungen seiner Amtszeit. Foto: privat
Herr Gott himmlischer Vater, Dich wollen wir loben und preisen, Dir wollen wir singen in Zeiten der Krise und nach Ende der Krise! Wir sehnen uns nach menschlichen Begegnungen und nach dem Miteinander in den Gottesdiensten. Erfülle uns das Sehnen, dass wir am letzten Tag dieser Sperren in das gewaltige Lied der Befreiung mit einstimmen!

Vor Dich bringen wir aber auch unsere Mütter. Wir danken Dir für jeden Augenblick, in dem ihre Augen unser Leben begleitet haben. Segne sie in Zeit und Ewigkeit. Amen


Siebenbürgisches Gesangbuch Nr. 265, EKD Nr. 317– „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren!“ (YouTube)

Zum Sonntag Kantate unterstützen alle Kirchengemeinden in besonderer Weise die Kirchenmusik. Darüber informiert uns der landeskirchliche Musikwart aus Hermannstadt online auf YouTube, siehe auch Artikel in der Siebenbürgischen Zeitung.

Eine gesegnete und ruhige Woche von Seiten der Heimatkirche!

Nick Fernolendt, Broos

Schlagwörter: Geistliches Wort, EKR, Kirche und Heimat, Muttertag, Predigt, Broos

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