28. Mai 2020

Mein erster Heimattag: Der Ehrenvorsitzende Dr. Wolfgang Bonfert erinnert sich

Der 70. Heimattag des Verbandes der Siebenbürger Sachsen musste im Zeichen der Corona-Krise für dieses Jahr, 69 Jahre nach dem ersten Heimattag im Jahre 1951 in unserer Partnerstadt Dinkelsbühl, in Abstimmung mit den Verantwortlichen der Stadt abgesagt werden. Diese Entscheidung ist sicher richtig. Aber der Verzicht stimmt auch etwas traurig. Er erweckt gleichzeitig wehmütige Erinnerungen an viele schöne Ereignisse und Begebenheiten der vorangegangenen Heimattage. Bei mir hat die Absage zu solchen Erinnerungen geführt, insbesondere auch an meine erste Teilnahme an einem Heimattag in Dinkelsbühl zu Pfingsten 1954.
Kundgebung des Heimattages 1955 auf dem Weinmarkt ...
Kundgebung des Heimattages 1955 auf dem Weinmarkt vor der Schranne in Dinkelsbühl, im Hintergrund das Hotel „Goldene Rose“.
Als Neunjähriger war ich Anfang 1940 mit meiner Familie in die Heimat meiner Mutter nach Norddeutschland umgesiedelt und seit dieser Zeit hatte ich keinen direkten Kontakt zu Siebenbürgen und seinen Menschen mehr gehabt, studierte in den Jahren 1953 bis 1958 Tiermedizin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. In einer Münchener Zeitung las ich im Frühjahr 1954 einen Hinweis, dass die Siebenbürger Sachsen zu Pfingsten wieder ihren Heimattag in Dinkelsbühl abhalten wollten. Diese Anzeige weckte mein Interesse. Ich suchte die Geschäftsstelle der damaligen Landsmannschaft in der Sendlinger Straße auf, um mich, der ich als sogenannter „Werkstudent“ sparsam sein musste, über Möglichkeiten preisgünstiger Teilnahme zu informieren. Ich wurde vom Geschäftsführer Karl Schönauer zunächst leicht ungehalten, als aber dann meine Herkunft und meine Situation ihm bekannt geworden waren, wohlwollend eingewiesen: Ich wurde mit der Begleitung eines der Busse, die von München nach Dinkelsbühl fuhren, betraut, wurde in der Jugendherberge in Dinkelsbühl angemeldet und erhielt 100 Festabzeichen zum Verkauf. Das Abzeichen kostete damals 2 DM, 20 Pfennig war dabei der Anteil für den Verkäufer, für mich bedeutete das 20 DM, wovon ich die beiden Übernachtungen in der Jugendherberge mit 3 DM pro Nacht begleichen konnte und 14 DM für meine Verpflegung einsetzen konnte.

Am Samstag, den 5. Juni, fuhr der gecharterte Bahnbus vom Vorplatz des Starnberger Bahnhofs nach Dinkelsbühl ab. Zu den von mir zu betreuenden Fahrgästen gehörte auch der damals amtierende, mir als Schriftsteller und Publizist bekannte Bundesvorsitzende Dr. Dr. Heinrich Zillich, der meinen Vater kannte und ihn grüßen ließ. Schon im Bus konnte ich einen Teil meiner Festabzeichen verkaufen, den Rest wurde ich nach der Ankunft in Dinkelsbühl auch rasch los. Ich bezog mein Quartier in der Jugendherberge und tastete mich an das „Festgeschehen“ heran.

Die ersten Heimattage unseres Verbandes hatten ihre Schwerpunkte in der Kontaktnahme, dem Erfahrungs- und Informationsaustausch und der Gemeinschaftsorientierung. Die Begegnung der Menschen war das Wesentliche, die Freude des Wiederfindens war der schönste Erfolg. Die Zahl der Teilnehmer lag in dieser Zeit etwa zwischen 3000 und 4000 Personen. Dinkelsbühl war gewählt worden, weil diese mittelalterliche Stadt in vielem den Erinnerungen an die Städte und Orte in Siebenbürgen entsprach. Den Heimattag in Rothenburg ob der Tauber abzuhalten wurde nach einem Versuch 1952 wieder aufgegeben. Rothenburg war zu groß und zu touristisch überlaufen und das ebenfalls zu Pfingsten stattfindende Historienspiel „Der Meistertrunk“ hätte zu ablenkend gewirkt. Auch die Möglichkeit, den Heimattag bei der Landsmannschaft in Österreich als dem Mitausrichter, und zwar in Wels abzuhalten, wurde nach einem Versuch 1966 aufgegeben, unter anderem, weil die Anfahrt aus weiten Teilen der Bundesrepublik wegen der Entfernungen zu problematisch war.
Trachtenumzug des Heimattages 1955. ...
Trachtenumzug des Heimattages 1955.
Die Anreise nach Dinkelsbühl erfolgte in den 1950er Jahren weniger mit dem eigenen Pkw, sondern eher mit gecharterten Bussen oder sonstigen öffentlichen Verkehrsmitteln. Auch per Bundesbahn war Dinkelsbühl damals noch erreichbar. Die Eröffnung des Heimattages erfolgte am Pfingstsamstagabend, da der Samstagvormittag damals noch überwiegend regulärer Arbeitstag war und die Teilnehmer erst im Laufe des Nachmittags anreisen konnten. Wir lebten damals noch in einer arbeitsreichen Zeit und nicht in einer Wohlstandsgesellschaft.

Von Anbeginn wurde das Programm der Heimattage auch von historischen, kulturellen und sozialen Elementen begleitet und die Kundgebung am Pfingstsonntag und der Trachtenumzug auch als Öffentlichkeitsarbeit in eigener Sache eingesetzt. Der Trachtenumzug des ersten Heimattages fand auch, eingebettet in die Filmhandlung als Teil der „Dinkelsbühler Kinderzeche“, Eingang in dem 1952 in Dinkelsbühl gedrehten Film „Am Brunnen vor dem Tore“, mit Sonja Ziemann, Willy Fritsch und Helli Finkenzeller.

Durch eine mir bekannte Siebenbürger Sächsin aus Neustadt/Weinstraße, Tochter des Vorsitzenden der Landesgruppe Rheinland-Pfalz, die auch in München studierte und mit in Dinkelsbühl war, fand ich Kontakt zu anderen jugendlichen Siebenbürger Sachsen u. a. aus Westercelle, aus Roitham in Oberösterreich und aus Schleswig-Holstein. Ich weiß nicht mehr genau, wann ich wen kennenlernte (ich war auch 1955 und 1957 wieder auf dem Heimattag): Wir hatten jedenfalls neben den offiziellen Veranstaltungen viel Spaß bei persönlichen Unternehmungen, wie Zwiebeln besorgen, Mici und Holzfleisch braten und Lagerleben auf den Zeltplatz am Bleichweg, wo sich damals die Zeltmöglichkeiten für die jugendlichen Heimattagsbesucher befanden. Natürlich haben wir auch an dem Pfingstgottesdienst, der Kundgebung und an einigen Vorführungen teilgenommen und auch die Ausstellungen (Kulturwerk, Buchhandlung Meschendörfer, Handarbeiten etc.) besucht. Besonders eindrucksvoll aber waren die Gespräche mit den jungen Menschen und für mich die Feststellung, dass ich mich trotz der „Abgeschiedenheit des schon länger im Reich Lebenden“ mit den Anliegen der nach dem Krieg erst nach Deutschland und Österreich Gelangten identifizieren konnte. Ich meine heute, dass dieses Erleben in Dinkelsbühl mein Verhältnis zur Landsmannschaft, den Siebenbürger Sachsen und Siebenbürgen selber deutlich beeinflusst und bestimmt hat.
Wolfgang Bonfert bei seinem ersten Heimattag in ...
Wolfgang Bonfert bei seinem ersten Heimattag in der Segringer Straße in Dinkelsbühl.
Dem ersten Besuch des Heimattages folgten in den Jahren 1955, 1957 und 1960 weitere Besuche und ab 1967 dann regelmäßig in Folge, bis einschließlich 2019, weitere 53 Teilnahmen an Heimattagen in „amtlicher“ und in privater Funktion. Insgesamt habe ich der Stadt Dinkelsbühl 154 Besuche abgestattet und auch privat mehrere Dinkelsbühler Freunde gefunden.

Und dann schloss sich der Kreis am Heimattag 2019, als mich nach der Feierstunde an der Gedenkstätte ein Herr ansprach: „Kennst du mich noch? Wir haben uns in den fünfziger Jahren hier in Dinkelsbühl kennen gelernt, waren 1957 in der „Clique“ zusammen und sind uns seitdem nicht mehr begegnet. Ich lebe jetzt in Vorarlberg nahe Bregenz“. Und einige Zeit später erhielt ich eine Nachricht von einem der Westerceller Brüder aus Meersburg, der von unserem Jugendfreund aus Vorarlberg über unsere Begegnung in Dinkelsbühl unterrichtet worden war und der sich auch an unsere Begegnungen in der Jugendzeit erinnerte. Wir vereinbarten „locker“, dieses Jahr ein Treffen zu organisieren, um Wiedersehen zu feiern und in Jugenderinnerungen zu schwelgen. Auch daraus wird nun wegen der Corona-Situation so schnell nichts, aber wir hoffen, dass die Möglichkeit doch wieder bald gegeben sein wird.

Dr. Wolfgang Bonfert

Schlagwörter: Heimattag, Geschichte, Erinnerungen, Ehrenvorsitzender

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