29. Oktober 2007

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Zuweisungsmuster der Waffen-SS für Rumäniendeutsche

Der Historiker Paul Milata hat in seiner kürzlich im Böhlau Verlag veröffentlichten Disserta­tion „Zwischen Hitler, Stalin und Antonescu: Rumäniendeutsche in der Waffen-SS“ neue Er­kenntnisse und Fakten zum Geschehen im Zweiten Weltkrieg geliefert (siehe Besprechung in der Siebenbürgischen Zeitung Online). Dr. Paul Milata erforschte in seinem Buch vor allem die Eintrittsmotivation der rumäniendeutschen SS-Männer, aber auch ihre Gesamtzahl und Gefallenenrate sowie die militärischen und polizeilichen Verbände der Schutz-Staffel (SS), die Empfänger von rumäniendeutschen Rekruten waren. In einem für die Sieben­bürgische Zeitung verfassten Aufsatz geht Milata im Folgenden auf die Zuweisungsmuster der 63 000 rumäniendeutschen SS-Angehörigen ein. Angesichts einer kaum existenten Forschung zu diesem wichtigen Kapitel der rumäniendeutschen Geschichte im 20. Jahrhun­dert handelt es sich, wie der Autor feststellt, dabei „noch meist um punktuelle Aussagen“.
Dass die Rumäniendeutschen vorwiegend in die Waffen-SS und nicht in die Wehrmacht eintraten, ging auf reichsdeutsche Befugnisse zu­rück und nicht auf die Entscheidung der Rekru­ten. Im November 1941 und Mai 1942 wurde zwischen Wehrmacht und SS ein Abkommen getroffen, wonach Volksdeutsche als ausschließ­licher Rekrutierungspool der Waffen-SS galten, während Reichsdeutsche weiterhin nur der Wehrmacht unterstanden. Das Verhältnis rumäniendeutscher Waffen-SS- zu Wehr­machts-Män­nern lag gegen Kriegsende bei etwa 10:1.

Der erste Kampfeinsatz der damals noch ausgesprochen kleinen Gruppe rumäniendeutscher SS-Männer erfolgte schon am ersten Tag des Krieges. Am 1. Mai 1940 gehörten erst 110, am 15. Januar 1942 schon 2 500 zur Waffen-SS. Ende 1942, vor der Schlacht bei Stalingrad, wur­den bereits 5 569 Deutsche aus Rumänien in der Waffen-SS und 500 in der „SS-Polizei“ verzeichnet. Zu diesen gesellten sich Ende 1942 – Anfang 1943 bis zu 10 000 Stalingrad-Flücht­linge, die sich nach der Versprengung ihrer rumänischen Einheit bei „den Deutschen“ wieder fanden. Im Sommer 1943 traten während einer Massenrekrutierung in Rumänien nochmals etwa 50 000 Mann überwiegend freiwillig in die Waffen-SS ein.

Das Ziel der meisten Erstzuweisungen ist der heutigen Forschung unbekannt, von weiteren Zuweisungen innerhalb der Waffen-SS ganz zu schweigen. Bis zur Aufstellung der 7. SS-Frei­wil­ligen-Gebirgs-Division „Prinz Eugen“ im Februar 1942 als volksdeutsche Großeinheit wurden Volksdeutsche je nach Bedarf den SS-Einheiten zugewiesen. Von den 110 SS-Männern gehörten im Mai 1940 22 zur SS-Verfügungstruppen-Divi­sion (der späteren 2. SS-Division „Reich“) – 31 befanden sich in derselben Einheit noch in Aus­bildung –, 8 zur SS-Totenkopf-Division, 40 zu den SS-Totenkopf-Stan­darten und 9 zur SS-Polizei. Mehrere Berichte weisen auf Eintritte unmittelbar nach Kriegsbeginn in die 1. SS-Division „Leibstandarte Adolf Hitler“. Die 650 der SS zugewiesenen Rekruten der 1 000-Mann-Aktion 1940 (die in Rumänien durchgeführte, erste reichsdeutsche Rekrutierung im Ausland) gehörten zunächst dem 3. Bataillon der 16. SS-Toten­kopfstandarte an und wurden nach einer dreimonatigen Ausbildung dem 1. Bataillon des 10. SS-Infanterieregiments zugewiesen; 1941 wurde diese Einheit zur 1. SS-Infanterie-Brigade „Reichsführer-SS“ (motorisiert), später Panzer­grenadier-Brigade, ausgebaut und im Januar 1944 in Kroatien der 18. SS-Division „Horst Wes­sel“ eingegliedert. Die 600-Mann-Aktion 1941 (Männer, die im Tross durchreisender reichsdeut­scher Einheiten über die Grenze geschmuggelt wurden) wird in Verbindung mit der 2. SS-Divi­sion „Reich“ gebracht. Die kurz darauf folgende Gruppe der 100 Sachsen der von Rumä­nien genehmigten 500-Mann-Aktion wurden der 6. SS-Division „Nord“ (3. SS-Aufklärungs-Abtei­lung motorisiert) zugeführt. Unbekannt bleibt, welchen Einheiten die Rekruten der Zeit der „verbotenen Freiwilligkeit“ sowie die Stalingrad-Flüchtlinge 1943 zugewiesen wur­den.

Etwa die Hälfte der im Sommer 1943 rekrutierten Deutschen aus Rumänien wurden in kleinen Gruppen unzähligen, weiter nicht be­kannten SS-Ausbildungs- und Ersatz-Regimen­tern, SS-Stäben, SS-Ämtern, Polizeieinheiten etc. zugewiesen. Aufgrund der Drei-Klassen-Hie­rarchie der SS-Divisionen sowie des Krite­riums des Aufstellungs-, Ausbau- und Erfri­schungsdatums erscheinen die Zuweisungen von 17 748 Mann zu den Divisionen 9. SS-Division „Hohenstaufen“, 10. SS-Division „Frundsberg“, 16. SS-Division „Reichsführer-SS“, 17. SS-Divi­sion „Götz von Berlichingen“ sowie zu SS-Einhei­ten unter Divisionsstärke (etwa Brigaden, etc.) am wahrscheinlichsten.

Die zweite Hälfte der im Sommer 1943 eingezogenen Männer, das waren ca. 24 100 Rekru­ten, verteilte das SS-Führungs-Hauptamt (SS-FHA) wie folgt: 12 934 kamen zum III. SS-Pan­zer-Korps (germanisch), bestehend aus 11. SS-Freiwilligen-Panzergrenadier-Division „Nord­land“, 4. SS-Freiwilligen-Panzergrenadier-Bri­gade „Nederland“ etc.), 7 609 zur 7. SS-Frei­willigen-Gebirgs-Division „Prinz Eugen“, der bereits im Frühjahr 1943 etwa 5 000 Mann mit Musterungsbefund „Untergröße“ (165 cm und kleiner) zugesagt worden waren. Die 1. SS-Divi­sion „Leibstandarte Adolf Hitler“ erhielt etwa 1 500 Mann. Vermutungen bezüglich größerer Zuweisungen führen auch zur 5. SS-Panzer-Division „Wiking“, die ursprünglich dem III. SS-Panzer-Korps (germanisch) angehören sollte und deren Regiment „Nordland“ zur Stamm­einheit der gleichnamigen 11. SS-Division wur­de. Angeblich gehörten zur 5. „Wiking“ noch im September 1944 „mehrere Hundert Siebenbür­ger und Banater Schwaben“.

Der Forschung blieb bisher auch die Anzahl der Rumäniendeutschen in polizeilichen Waf­fen-SS-Einheiten verborgen. Die ersten Zuwei­sungen zu KZ-Totenkopfverbänden sind ab Oktober 1941 belegt, eine letzte im Oktober 1944. Aus Literatur-, vor allem aber aus Archiv­unterlagen konnte die Identität von 336 KZ-Wachmännern eindeutig festgelegt werden. Die tatsächliche Zahl rumäniendeutscher KZ-Wach­männer lag bei mindestens 2 000, wobei unterschiedliche Berechnungsmethoden bis zu 3 400 zulassen. Zu diesen rumäniendeutschen KZ-Wachleuten müssen Rumäniendeutsche in SD-Sondereinheiten mit Massenmordaufgaben hinzugezählt werden, etwa der so genannten „Volksdeutschen Kompanie“ des SD, zu deren Hauptaufgaben das Erschießen russischer Ge­fangenen zählte.

Eine Untersuchung der Verteilung nach KZ-Stammlagern ist schwierig, aber nicht unmöglich. Drei unabhängige Quellen belegen, dass die größte Anzahl von rumäniendeutschen KZ-Wachmännern den Vernichtungslagern Ausch­witz und Lublin-Majdanek zugeteilt wurde. Hier waren 57 bis 76% (1 162-1 558 Personen) der 2 000 mindestens einmal während ihres Kriegs­dienstes tätig. Auch im Fall der Min­destangabe ist die Zuweisungshöhe weit überproportional. Weitere Lager mit hohen Zuweisungszahlen waren Buchenwald, Dachau und Sachsen­hausen, kleinere Gruppen Rumäniendeutscher sind auch in vielen anderen Stammlagern nachzuweisen. Die Gefallenenrate der rumäniendeutschen SS-Angehörigen lag bei 27,5%. Sie liegt weit über der bisherigen Schätzung von 15 Prozent, bezeugt aber keinesfalls einen in der Literatur ausgesprochen verbreiteten „überdurchschnittlich hohen Blutzoll“ (siehe Milata 2007, S. 273, S. 274 FN 87), im Vergleich zur Waffen-SS oder dem deutschen Heer, deren Gefallenenrate ebenfalls auf knapp unter 30% geschätzt wird.

Der aktuelle Stand der Forschung lässt be­reits erste Muster erkennen (wie z.B. III. Korps, 1. und 7. Division, KZ Auschwitz), die manche Zeitzeugen kaum überraschen sollten. Zwar konnten weitere, ihrer geringen Größe wegen hier unerwähnt gebliebene Zuweisungen in Erfahrung gebracht werden. Doch die Erst- und Folgeeinheiten der überwiegenden Mehrheit der Männer sind noch unbekannt.

Paul Milata

Schlagwörter: Nationalsozialismus, Vergangenheitsbewältigung, Zeitgeschichte

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