27. September 2002

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Von Chinesen, jugendlichen Trachtenträgern und McDonald´s

Die Siebenbürgisch-Sächsische Jugend in Deutschland vertrat zum ersten Mal die Siebenbürger Sachsen beim Trachten- und Schützenzug des Oktoberfests, das heuer zum 169. gefeiert wird. Trotz der spannenden Bundestagswahl säumten viele Zuschauer die Straßen des Zugwegs und bestaunten die prachtvollen siebenbürgischen Trachten.
Am 22. September zeigten rund 150 jugendliche Trachtenträger der SJD alles, was an kostbarem Trachtengut gerettet und bewahrt werden konnte: Pelzkleidung für Männer und Frauen, Goldschmiedearbeiten wie Spangengürtel und Heftel, Hemden mit kunstvoller Faltenstickerei, reich verzierte Leinwand- und Tüllschürzen und bunte Seiden- und Samtbänder, die an den Borten der Mädchen befestigt waren.

Unter weißblauem Himmel marschieren die 148 jugendlichen Trachtenträger und die 26 Mitglieder der Urweger Blaskapelle aus Garching unter der Leitung ihres Vorsitzenden Gerhard Buortmes durch die Münchner Innenstadt. Vom Siegestor bis zur Theresienwiese werden unter der Zugnummer 53 auf sieben Kilometern Zugweg Trachten aus dem Unterwald, dem Weinland, dem Burzenland, der Hermannstädter Gegend und dem Nösnerland präsentiert. Am stärksten vertreten sind die Hermannstädter Gegend und das Nösnerland mit je 36 Trachtenträgern. Angeführt wird die Trachtengruppe von einem Paar in Agnethler Tracht, das die Standarte der Siebenbürgisch-Sächsischen Jugend in Deutschland trägt.
Reußmarkter Mädchentracht aus dem Unterwald, mit Pelz-Brustlatz, Borten, Bändern; Jungen in weißem Reußmarkter Hemd mit schwarzer Stoffweste. Foto: Gerd Grempels
Reußmarkter Mädchentracht aus dem Unterwald, mit Pelz-Brustlatz, Borten, Bändern; Jungen in weißem Reußmarkter Hemd mit schwarzer Stoffweste. Foto: Gerd Grempels

Drehen wir die Zeit ein paar Stunden zurück. Sonntagmorgen, 9.00 Uhr, Franz-Josef-Straße 21. Aufstellungsplatz der siebenbürgischen Gruppe. Gerade mal eine Trachtenträgerin in jung-sächsischer blauer Tracht hat sich schon eingefunden, ansonsten herrscht gähnende Leere. Nebenan langweilt sich eine Blaskapelle aus Innsbruck und vertreibt sich die Wartezeit mit Biertrinken und Witzeerzählen. Eine Viertelstunde später treffen die ersten Jugendlichen in Grüppchen von 20 bis 30 von der U-Bahn ein, die meisten noch verschlafen. Aber alle geben schon zu dieser frühen Stunde ein wunderschönes Bild in ihren verschiedenen Trachten ab. Man trifft sich, man unterhält sich, raucht die eine oder andere Zigarette und deckt sich im nahe gelegenen McDonald´s mit Getränken ein. Manch einer frühstückt im Stehen ein Croissant oder eine Breze. Der Himmel ist noch bedeckt, und morgendliche Kühle kriecht durch die dünnen bestickten Trachtenblusen und -hemden.
Nordsiebenbürgische Mädchentracht aus dem Nösnerland, teils mit Pelzmantel; Jungen in jungsächsischem Hemd mit Weste oder Pelzmantel; im Hintergrund das Siegestor. Foto: Petra Reiner
Nordsiebenbürgische Mädchentracht aus dem Nösnerland, teils mit Pelzmantel; Jungen in jungsächsischem Hemd mit Weste oder Pelzmantel; im Hintergrund das Siegestor. Foto: Petra Reiner

Um 10.00 Uhr ist die Gruppe dann nahezu vollständig, und die Blaskapelle spielt das erste Lied zum Aufwärmen. Inzwischen ist auch die Sonne hervorgekommen, hat die grauen Wolken vom Morgen vertrieben und schickt die ersten wärmenden Strahlen zum Aufstellungsplatz. Rainer Lehni und Ines Grempels sowie ihre Helfer, Ingwelde Juchum-Rausch, Inge-Erika Knoll und Toni-Ernst Pieldner, allesamt Mitglieder der SJD-Bundesjugendleitung, übernehmen die Regie, lassen die Gruppen aus den verschiedenen Trachtenlandschaften sich aufstellen und beginnen damit, eine generalstabsmäßige Fotosession zu organisieren. Auch eine Gruppe chinesischer Touristen, die extra zum Oktoberfest angereist ist und das rege Treiben vom Straßenrand aus verfolgt, lässt sich einzeln mit einigen Trachtenträgern fotografieren und amüsiert sich offenbar königlich über die ihnen so fremd erscheinenden „traditional costumes“, wie es im offiziellen Festprogramm zum Trachten- und Schützenzug heißt. Nachdem dann die vorerst letzten Fotos gemacht sind, beginnt das wirkliche Warten. Die meisten Jugendlichen haben die noch schattige Straße verlassen und bevölkern den Fußgängerweg, weil dort die Sonne hinscheint und sie nicht völlig steifgefroren den langen Weg durch die Münchner Innenstadt antreten wollen. Manche sitzen auf den vorsorglich mitgebrachten Regenschirmen, um ihre kostbaren Trachten zu schützen. Zwischenzeitlich hört man immer wieder den Ruf: „Wer kommt noch mit auf die Toilette?“ Man geht in Gruppen, denn der Toilettengang stellt sich – vor allem für die Mädchen mit den langen Röcken und vielen Bändern am Borten – als äußerst komplizierte Angelegenheit dar.
Mädchen in cremefarbener Burzenländer Tracht mit Spangengürtel; Jungen in Burzenländer „Kirchenrok“. Foto: Gerd Grempels
Mädchen in cremefarbener Burzenländer Tracht mit Spangengürtel; Jungen in Burzenländer „Kirchenrok“. Foto: Gerd Grempels

Dann stellt sich heraus, dass der kleine Junge, der das Schild der Urweger Kapelle tragen soll, vermutlich nicht die vollen sieben Kilometer durchhalten wird. In aller Eile wird einer der Nummernschildträger, die von der Stadt München gestellt werden, zum Siebenbürger umfunktioniert: besticktes Hemd, Hut und Halstuch werden aus unergründlich scheinenden Taschen hervorgezaubert und verleihen dem noch sehr jungen bayerischen Träger ein wahrhaft siebenbürgisches Aussehen. Auch Bundeskulturreferent Hans-Werner Schuster steht plötzlich in einem übrig gebliebenen Burzenländer „Kirchenrok“ da und gliedert sich für einen Augenblick ins Gruppenbild ein – wenn auch die Fototasche über der Schulter nicht ganz dazu passen will.

Die meisten Mädchen stehen recht entspannt in der Sonne und unterhalten sich, aber einige halten den Kopf doch sehr schief. Auf die Frage, wie es denn sei, einen Borten zu tragen, bekommt man zur Antwort: „Borten tragen ist eher unangenehm, denn man kann ihn nicht richtig festmachen, und die Bänder an der Hinterseite ziehen ihn doch ziemlich nach hinten.“ Es ist also auch eine Sache der Balance, eine Tracht über eine so lange Strecke hinweg angemessen und mit der nötigen Haltung zu präsentieren. Auch der Polizist an der Ecke Franz-Josef-Straße / Habsburgerplatz, der dem ganzen Treiben scheinbar unbeteiligt zusieht, findet die siebenbürgischen Trachten sehr schön und lobt vor allem die Pflege dieses althergebrachten Brauchtums.
Mädchentrachten aus der Hermannstädter Gegend, mit Kürschen und Spangengürtel, Krepelleibchen, Pelz oder Krausem Mantel; Jungen mit Weste und Pelzmantel, teils Stolzenburger Mantel. Foto: Gerd Grempels
Mädchentrachten aus der Hermannstädter Gegend, mit Kürschen und Spangengürtel, Krepelleibchen, Pelz oder Krausem Mantel; Jungen mit Weste und Pelzmantel, teils Stolzenburger Mantel. Foto: Gerd Grempels

Um 11.45 Uhr ist es dann endlich soweit: der Zug setzt sich auch am Aufstellungsplatz der siebenbürgischen Gruppe in Bewegung. Nach den letzten hektischen Korrekturen an Borten, Schürze und Mantel beginnen die rund 150 jugendlichen Trachtenträger unter der tatkräftigen Unterstützung der Urweger Blaskapelle ihren langen Marsch zur Theresienwiese. Hunderttausende von Zuschauern säumen den Zugweg und klatschen begeistert beim Vorbeiziehen der Siebenbürger. Die männlichen Beobachter werfen den Mädchen Kusshände zu, es wird gewunken, gejohlt und anerkennend gepfiffen.

„Die Trachten muten sehr fremd an, aber sie sind wunderschön, vor allem die bestickten Schürzen, die prachtvollen Kopfbedeckungen und die bestickten Pelzmäntel der Frauen und Männer“, so eine Zuschauerin am Rand. Von „einmalig“ bis „wunderschön“ werden in den Zuschauerreihen nur positive Bemerkungen laut. „Schau mal“, sagt einer zu seiner Frau, „auf den Schürzen sind die Geburtsjahre der Mädchen eingestickt.“ Eher unwahrscheinlich bei einer ungefähr 20-jährigen Siebenbürgerin, die eine Schürze von 1908 trägt. Trotz dieser gelegentlichen kleinen Schnitzer am Rande des Geschehens wissen erstaunlich viele Zugbesucher über Siebenbürgen Bescheid, nicht zuletzt auch, weil viele Landsleute den Zugweg säumen. Gelegentlich hört man „Hermannstadt-“ oder „Sibiu“-Rufe, und ab und an wird den Trachtenträgern aus dem Publikum sogar ein gefülltes Bierseidel zur Stärkung gereicht.
Das Weinland repräsentieren Mädchen in blauer jungsächsischer Tracht und Jungen in jungsächsischem Hemd mit passendem Halstuch und besticktem Pelzmantel. Foto: Petra Reiner
Das Weinland repräsentieren Mädchen in blauer jungsächsischer Tracht und Jungen in jungsächsischem Hemd mit passendem Halstuch und besticktem Pelzmantel. Foto: Petra Reiner

Kurz vor 13.30 Uhr zieht die Gruppe dann auf der Theresienwiese ein. Die vielen sonntäglichen Wies´nbesucher bestaunen die kostbaren siebenbürgischen Trachten, applaudieren und winken den jugendlichen Teilnehmern zu. Dann löst der Zug sich schließlich auf. Immer noch viel bestaunt und bewundert von den ringsum Flanierenden, zieht die Gruppe geschlossen zur „Ochsenbraterei“, dem Festzelt der traditionsreichen Münchner Brauerei „Spatenbräu“, wo zum Abschluss des gelungenen Auftritts noch die ein oder andere Maß getrunken wird.

Aufgrund neuer Bestimmungen des Festrings München e.V., der den Trachten- und Schützenzug organisiert, werden alle Gruppen, so auch die Siebenbürger Sachsen, nur noch alle zwei Jahre teilnehmen können. So soll eine größere Vielfalt an Trachtengruppen erreicht werden. Interessenten können sich jetzt schon beim Bundeskulturreferenten Hans-Werner Schuster, Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen, Karlstraße 100, 80335 München, Telefon: (0 89) 23 66 09 24, E-Mail: kulturreferat@siebenbuerger.de, melden.

Doris Roth


(Gedruckte Ausgabe: Siebenbürgische Zeitung, Folge 15 vom 30. September 2002, Seite 3)

Schlagwörter: Oktoberfest, Trachtenumzug, Trachten- und Schützenzug, Trachtenträger, Trachtengruppe

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