23. Juli 2004

Plinzen und Ikonen

In der Nacht zum 14. Juli wurde der bekannte russische Eremit vom Münchner Oberwiesenfeld von seinem Leiden erlöst - im wahrhaft biblischen Alter von 110 Jahren. In den letzten Wochen hatte „Väterchen Timofej“, wie die Münchner ihren Einsiedler liebevoll nannten, am Tropf gehangen. Überhaupt hatte er sich seit 2001, als er in ein Alten- und Pflegeheim gekommen war, nicht mehr erholt; gleichwohl aber die Stimmung der Altenheimbewohner gehoben: 'Seit Timo da ist, ist hier alles so lebendig!'
Verwaist ist nun endgültig sein kunterbunter Bauerngarten mit der selbst gebauten Kapelle und den beiden Holzhäuschen auf dem Münchner Olympiagelände. Nicht nur Wind und Wetter, auch sämtliche Räumungsbescheide der Behörden hatten die Schwarzbauten wie durch ein Wunder überlebt. Dabei machte der gottesfürchtige Einsiedler nichts anderes, als seine amtlichen Schreiben eines nach dem anderen fein säuberlich gerahmt in seine Kirche zu hängen. Um sich im übrigen seinen Bienenvölkern und dem Kartoffelanbau zu widmen. Warum sich Gedanken machen über seinen „nicht genehmigten und nicht genehmigungsfähigen Behelfsbau“, hatte doch die Gottesmutter persönlich ihm aufgetragen, ihr zu Ehren eine Kirche bei München zu errichten?

Katharina „KATH“ Zipser, die bekannte Hermannstädter Malerin, und ihre Schwester Johanna könnten einen ganzen Abend lang lustige, aber auch höchst anrührende Geschichten erzählen vom wunderbar starrköpfigen Gottesmann. 1943 hatte der Krieg Timofej Prochorow aus dem fernen Sibirien nach Österreich und einige Jahre darauf nach Deutschland verschlagen. Über 30 Jahre lang hatten sie dem „Schwabinger Schlawiner“ (OB Christian Ude) die Treue bewahrt. Mal brachten sie ihm Essen und Kleider, mal was Hochprozentiges oder – an „großen Tagen“ - eine selbst gemalte Ikone vorbei.



Zum 100. Geburtstag malte Katharina Zipser für Väterchen Timofej eine besonders schöne Holzikone in altrussischem Stil. Sie steht heute noch im Allerheiligsten der Friedenkirche am Oberwiesenfeld. Foto: der Verfasser
Zum 100. Geburtstag malte Katharina Zipser für Väterchen Timofej eine besonders schöne Holzikone in altrussischem Stil. Sie steht heute noch im Allerheiligsten der Friedenkirche am Oberwiesenfeld. Foto: der Verfasser


Die Schönste schenkte ihm natürlich „Katjuscha“, wie Timofej „seine“ Katharina stets nannte, zu seinem 100. Geburtstag: eine mit Blattgold belegte und mit Ei-Tempera gemalte Gottesmutter. Doch auch „Jachona“ (Johanna) wusste, was der seit 1978 verwitwete Einsiedler gerne mochte. Die Plinzen (russische Pfannkuchen aus Buchweizenmehl), die sie ihm buk, sind längst Legende.

Richtig Sorgen machte sich Johanna freilich, als sie mal wieder eine jener ultimativen Räumungsklagen las, die aus Anlass der Münchner Olympiade von 1972 drohten, hatten doch die Olympiaplaner ausgerechnet bei seinem Anwesen eine Reitanlage geplant. Besorgt fragte sie, ob er einen guten Anwalt habe. Doch, doch, er habe den besten überhaupt, entgegnete er, indem er nach oben zeigte. Und, siehe da, als 1972 die Olympischen Spiele in München begannen, hatte Timofejs Glaube zwar keine Berge versetzt (was bekanntlich jeder hergelaufene Heilige kann), aber immerhin den bereits abgesegneten Plan einer Reitbahn durch sein Anwesen vereitelt! Als die Kuppel seiner Kirche auch noch – im Unterschied zu anderen Olympiabauten – einen heftigen Sturm schadlos überstand, meinte sogar Münchens Olympia-Architekt Günter Behnisch bewundernd, ihre Konstruktion sei ein statisches Wunder.

Wahrscheinlich muss einer ein Heiliger oder ein Prophet sein, auf jeden Fall aber ein Berufener, wenn er mitten im Kalten Krieg (es waren die Jahre 1952ff.) eine Kirche zur Versöhnung aller Christen in Ost und West erbaut. Und das nur mit der Kraft der eigenen Hände auf den Fundamenten einer Flakstation aus Brettern und Bombenschutt. Heute heißt die altrussische Eremitage mit ihrem stanniolausgekleideten Kirchlein zeitgemäßer Ost-West-Friedenskirche.

Übrigens hat Katjuscha auf die Rückseite ihrer „Jahrhundertikone“ eine Fürbitte in schönen kyrillischen Lettern gemalt. Geholfen hatte ihr dabei Schwester „Jachona“, die damals als Russischlehrerin an der Münchner TU arbeitete: „Mütterchen, unsere Fürsprecherin, bitte für uns in dieser und in jener Welt:“

Als Johanna eines Tages mit einem Moskauer Bekannten zu Väterchen Timofej kam, fragte ihn dieser: „Timofej, bist du ein Heiliger?“ Seine Antwort ließ nicht lange auf sich warten: „Ich bin ein großer Sünder.“ Ob das freimütige Bekenntnis dem neugierigen Frager ein Aha-Erlebnis beschert hat, ist nicht überliefert.

Konrad Klein


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