5. Januar 2026

"Rote Rosen blühn im Garten": Ist das Lied die siebenbürgische Nationalhymne? Nein!

Vor einigen Tagen erhielt ich von einer Freundin – keine Siebenbürgerin – eine Kurznachricht mit einer Videoaufzeichnung, die sie während einer Geburtstagsparty aufgenommen hatte. Drei Musikanten sangen und spielten das Lied „Rote Rosen blühn im Garten“. Dazu die Frage der Freundin: „Kennst du das Lied? Es wurde gerade als eure Nationalhymne vorgestellt?“ Die drei Musiker – auch keine Siebenbürger Sachsen – hatten das Lied für eine siebenbürgische Hochzeit einstudiert. Es wurde ihnen vom Brautpaar als „Siebenbürgische Nationalhymne“ übergeben. Wochen später spielten sie das Lied auf einer fränkischen Geburtstagsfeier und stellten es besten Wissens als siebenbürgische Nationalhymne vor.
Jürgen aus Siebenbürgen singt „Rote Rosen blühn ...
Jürgen aus Siebenbürgen singt „Rote Rosen blühn im Garten“ beim Heimattag 2012 in Dinkelsbühl. Standbild aus dem YouTube-Video des Soxenfilmierers
Ich persönlich habe auch schon gehört, als z.B. auf Busreisen laut überlegt wurde, welches Lied angestimmt werden sollte, jemand sagte: „Na unsere Hymne, Rote Rosen!“. Unter Landsleuten kann das überaus beliebte Lied, das die meisten textsicher beherrschen, mit einem Schmunzeln „Hymne“ genannt werden, aber Außenstehende nehmen das für bare Münze.

Als ich vor Jahren in der Vorstandssitzung des Kreisverbands Nürnberg ankündigte, dass ich eine Sammlung mit Liedern aus Siebenbürgen plane, wurde ich prompt gefragt, ob ich auch „Rote Rosen“ aufnehmen werde. Da das Lied nicht zum siebenbürgischen Liedgut gehört (als Volkslied liegen seine Wurzeln nicht in Siebenbürgen), hat es keinen Platz in der Sammlung „E Liedchen hälft ängden – Alte und neue Lieder aus Siebenbürgen“, (Herausgegeben von Angelika Meltzer und Rosemarie Chrestels 2017, 2018, 2020) gefunden, sehr wohl aber in dem kleinen Textbüchlein im Taschenbuchformat „Hegt wird gesangen“ (www.angelika-meltzer.de) mit 233 Texten deutscher und siebenbürgischer Volkslieder. Am Büchertisch in Dinkelsbühl wurde ich nicht nur einmal gefragt, ob im Liederbüchlein auch das Lied „Rote Rosen“ zu finden sei.

Wo liegen die Wurzeln dieses in Siebenbürgen so sehr beliebten deutschen Volkslieds? „Schöne Rösaln, de bliahn im Gartn“ gehört im Burgenland auch heute noch zu den klassischen Volksliedern. Die Melodie im Dreivierteltakt ist weich und schwingend und unterstützt die lyrische, leicht melancholische Stimmung des Textes, der von Liebe und Abschied erzählt. Gewöhnlich werden nur die ersten drei oder vier Strophen gesungen. Die 5. Strophe muss später ergänzt worden sein.

1. Schöne Rösaln, de bliahn im Gartn,
Andre Bliamal a da zua.
I brock ma a zwoa, drei schöne Rösaln,
Trags mein Schatzerl (Dirndl) zum Fenster hin.

2. Schatzerl, schlafst du oder wachst du,
Oder bist du gar net drin?
I tua nit schlafa, i tua nit wacha,
I hab was anderes in meinem Sinn.

3. Habs gehöhret von deinen (meinen) Freunden,
Dass ich dir bin zu wenig reich.
Drum schau dirs um um ein andres Maderl (Dirndl),
Welches dir und deinen Freunden gleicht.

4. Geh hinweg von meinem Fenster,
Geh hinunter ins tiafe Tal.
Aus meinen Äuglein, da fließed Wasser,
Meine Wangen, sie werden nass.

5. So leb wohl denn, du schöner Jüngling,
So leb wohl, du Geliebte mein!
So reichen wir uns nochmal die Hände
Auf ein Nimmer-Nimmerwiedersehn!

http://youtu.be/5fkw_8j-STE oder http://youtu.be/WPc0b06TFqY oder http://youtu.be/oSiLyuZ8jeQ, Textvariante mit Dialog: http://youtu.be/yQStu9HXxDI.

Im Tiroler Volksliederarchiv findet man die Volksweise „Rote Röserl blüahn im Garten“, Text und Melodie im Dreivierteltakt sind fast identisch mit der burgenländischen Fassung. Wandergesellen, Soldaten, Studenten oder Händler haben an dem Lied Gefallen gefunden und Melodie und Text aus Erinnerung in Siebenbürgen vorgetragen, wo es sich in seiner jetzigen Form weiter verbreitet hat. Auf seinem Weg nach Siebenbürgen ist die Melodie recht abgeschliffen worden und erschallt nun marschmäßig im Zweivierteltakt.

Von Mecklenburg-Vorpommern über Bayern, das Alpenland, Ungarn, bis zum Banat und Siebenbürgen ist dieses Lied dokumentiert, z.B. Donauschwaben aus Ungarn: http://youtu.be/JeAEThK_q8U, z.B. Banat, Sanktanna: http://youtu.be/79zHzo35wR8. Link zum Video Jürgen aus Siebenbürgen singt „Rote Rosen“ beim Heimattag 2012 in Dinkelsbühl Eine Wiederbelebung erfuhr das Lied beim Heimattag der Siebenbürger Sachsen 2012 in Dinkelbühl beim Singen vor der Schranne, wo Jürgen Dörr, alias Jürgen aus Siebenbürgen, mit seiner Band das Lied mit dem Publikum sang, das auf YouTube inzwischen über 600.000 Aufrufe hat. Seither gehört das Lied zum festen Repertoire nicht nur in Dinkelsbühl, sondern auch auf Bällen und den meisten siebenbürgischen Feierlichkeiten. Beim Großen Sachsentreffen in Hermannstadt 2017 erschallte das Lied mit Amazonas-Express auf dem Großen Ring (134.350 Aufrufe auf YouTube): http://youtu.be/9zBHVMI6WBI.

Worin liegt die Faszination dieses melancholischen Dialogliedes (Wechsel zwischen Ich-Erzähler und dem Liebchen), dass es bei den Siebenbürger Sachsen so großen Anklang gefunden hat und immer noch findet? „Rote Rosen blühn im Garten“ gehört zur Liebesliedtradition des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, als die Heiratswahl stark von Besitz und Stand beeinflusst war. Die Symbolik der Rosen ist tief verwurzelt in der europäischen Volksdichtung. Das Fenster symbolisiert die Schwelle zwischen Innen- und Außenwelt, hier die Trennung zwischen arm und reich. Die zwei Liebenden können aus materiellen Gründen nicht zusammenkommen. Eigentlich kein Happy End. Vermutlich hat darum jemand später noch eine 5. Strophe angehängt, wo sich ohne große Tragik der Konflikt löst, man reicht sich in Eintracht auf ein ewiges Nimmerwiedersehen die Hände. Da musste wohl das Fenster für kurze Zeit geöffnet worden sein – Wunschdenken!

In der Fassung, die auch in Siebenbürgen verbreitet ist, wurden die beiden ersten Zeilen der 4. Strophe und die beiden letzten der 5. Strophe aus dem burgenländischen Original zu einem eigenständigen 4. Vers kombiniert. Unter www.franzdorfer.com können die Noten in unterschiedlichen Tonarten mit Akkorden kostenlos heruntergeladen werden.

Übrigens, auch die folgenden Lieder haben ihre Wurzeln nicht in Siebenbürgen: „Schwer mit den Schätzen des Ozeans beladen“ ist ein ostfriesisches Volkslied aus dem 19. Jh., das wegen seines flotten Marschtempos später Soldatenlied wurde und 1968 durch Heinos Plattenaufnahme den Weg nach Siebenbürgen fand. „Es scheint der Mond so hell auf dieser Welt“ entstand in der der aktuell gesungenen Version 1917 als Soldatenlied im 1. Weltkrieg aus einer älteren, weniger derben Fassung. „Nach meiner Heimat zieht’s mich wieder“ wurde 1849 von Hermann Lingg (*1820 Lindau, †1905 München) verfasst und bald mehrfach vertont. Derartige „importierte Schlager“ sind zwar beliebt, verdrängen jedoch unser Kulturgut, unsere Volksweisen und volkstümlichen Kunstlieder, für das gerade das Singen vor der Schranne die richtige Plattform wäre. Mein Vorschlag: Die aktuelle Band möge selbst ihre siebenbürgischen Lieblingslieder aussuchen und in ihr Programm mit aufnehmen. Ich unterstütze sie gerne.

Angelika Meltzer, Fürth

Schlagwörter: Musik, Liedgut, Volkslied

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Neueste Kommentare

  • 05.01.2026, 13:34 Uhr von Fritzi: Die Band gibt es in dieser Form schon lange nicht mehr... Das Lied wurde vor der Schranne ... [weiter]

Artikel wurde 1 mal kommentiert.

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