4. Juni 2005

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Aufarbeitung der Securitate-Akten erst in der Anfangsphase

Wie in der dieser Zeitung berichtet, hat die die Landesbehörde zum Studium der Securitate-Vergangenheit (CNSAS), die "Gauck-Behörde" in Bukarest, nach dem Regierungswechsel im Dezember letzten Jahres weitere kilometerlange Akten aus den Beständen der ehemaligen rumänischen Geheimpolizei erhalten. Die Unterlagen werden nun in mühsamer Arbeit erschlossen und sollen Licht bringen in das dunkle Kapitel der kommunistischen Unterdrückung. Leiter der rumänischen "Gauck" ist Gheorghe Onisoru, Jahrgang 1963, der 1987 sein Diplom als Historiker an der Universität "Alexandru Ioan Cuza" in Jassy erwarb und anschließend als wissenschaftlicher Mitarbeiter am renommierten Institut für Geschichte "A. D. Xenopol" in Jassy wirkte. Mit Onisoru führte die Frankfurter Journalistin Katharina Kilzer ein Interview über die aktuellen Bemühungen um die Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit in Rumänien.
Herr Onisoru, im Jahr 2000, kurz nach Inkrafttreten des Gesetzes über die Aufarbeitung der Securitate-Akten, sahen Sie sehr optimistisch in die Zukunft. Wie beurteilen Sie die Arbeit der Behörde heute?

Ich bin immer noch optimistisch, was die Aufarbeitung der Securitate-Akten betrifft. Wir arbeiten nunmehr seit fünf Jahren in diesem Gebäude, das uns das Parlament zur Verfügung gestellt hat, und haben einige Erfolge aufzuweisen. Die Miete des Hauses ist recht teuer (umgerechnet etwa 10.000 Dollar im Monat), und deshalb versuchen wir, mit Hilfe der neuen Regierung einen kostengünstigeren Sitz zu finden. Zu diesem Zweck führe ich zurzeit Gespräche mit Innenminister Vasile Blaga und Premierminister Calin Popescu-Tariceanu. Zurzeit arbeiten 200 Mitarbeiter in der Behörde, wobei etwa 30 von ihnen täglich ins Archiv nach Popesti-Leordeni abgeordert werden. In den letzten drei Wochen haben wir bereits so viele Meter Archiv übernommen wie in den vorausgegangenen vier Jahren seit Inkrafttreten des Gesetzes. Bis Ende Juni werden wir somit zwölf Kilometer Akten übernehmen und den Rest, etwa sechs Kilometer, bis Ende des Jahres. Ebenfalls bis Jahresende werden wir die Kartothek mit den Namen der Informellen Mitarbeiter und den alphabetisch angeordneten Namen der Opfer sowie die Mikrofilme entgegennehmen. Die bisher bearbeiteten Akten, darunter umfangreiche Akten wie die der Turnerin Nadia Comaneci oder des Tennisstars Ilie Nastase, enthalten bedeutsame Informationen und verdienen größte Aufmerksamkeit.

Gibt es Beziehungen zu den Behörden ähnlicher Art in den anderen ehemaligen kommunistischen Ländern?

Mit Marianne Birthler, der Nachfolgerin von Joachim Gauck als Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, unterhalten wir gute Beziehungen. Frau Birthler hat uns schon dreimal besucht. Aber auch mit Polen und Ungarn gibt es einen Erfahrungsaustausch. Das Gleiche gilt für Litauen. Wir versuchen noch in diesem Jahr mit der litauischen Behörde für die Geheimdienstakten eine gemeinsame Veranstaltung zu organisieren mit dem Titel "Roter und brauner Holocaust", die auch eine Wanderausstellung zum Thema Repressionen während der Hitlerzeit und des Kommunismus in beiden Ländern umfassen soll.

Als Sie Ihr Amt am 13. März 2000 antraten, setzten Sie sich unter anderem als Ziel, die Kandidaten für politische Ämter in Rumänien zu überprüfen. Konnten Sie dieses Ziel bisher verwirklichen?

Seit Amtsantritt habe ich bereits mit drei Präsidenten zusammengearbeitet. Obwohl das ursprünglich von Senator Ticu Dumitrescu ausgearbeitete Gesetz letztendlich nur in einer stark abgeänderten Form ausgearbeitet und verabschiedet wurde, haben wir versucht, dieses Gesetz überall dort zur Anwendung zu bringen, wo Aufklärungsbedarf bestand. Natürlich stießen wir auf Hindernisse, und außerdem war es bei einem elfköpfigen Leitungsrat nicht immer einfach, Mehrheitsentscheidungen herbeizuführen und durchzusetzen. Viele Akten ehemaliger Offiziere und einiger inoffizieller Mitarbeiter unter den Staatsämtern wurden aufgedeckt, bisher fanden wir jedoch keinen Securitate-Mitarbeiter unter den Abgeordneten des Parlaments. Dazu muss jedoch vermerkt werden, dass viele Akten während der Revolution von 1989 und kurz danach vernichtet wurden. Aus diesem Grund sind nicht alle Aktivitäten im Dienste der Securitate nachvollziehbar. Ein anderes Hindernis sind die unvollständigen Akten, in denen Blätter oder ganze Jahresordner fehlen. So konnten wir auch einigen Bürgern der deutschen Minderheit nur einen Teil ihrer Akte zum Lesen geben, wie dem Schriftsteller Hans Bergel, dessen Akte noch unvollständig ist, oder der Banater Schriftstellerin Herta Müller, deren Akte offenbar vernichtet wurde und über die nur Eintragungen in anderen Akten gefunden wurden. Das ist auch der Fall bei der rumänischen Schriftstellerin Ana Blandiana sowie anderen Personen der rumänischen Öffentlichkeit. Wir hoffen jedoch, mit der Übernahme des gesamten Archivs neue Erkenntnisse zu gewinnen und weitere Unterlagen zu entdecken. Einige Akten wurden von der SRI nicht übergeben. Die Herausgabe der Akten gerichtlich einzuklagen, wäre nach meiner Meinung zu unseren Ungunsten ausgegangen. Einige Mitglieder des Leitungsrates werfen mir dieses Versäumnis vor. Tatsache ist, dass jedes andere Mitglied des Leitungsrates diese Klage hätte einreichen können. Mein Ziel war es, auf friedlichem und nicht auf gerichtlichem Wege Verständnis zu erzielen. Die Zusammenarbeit mit dem Leiter des Nachrichtendienstes SRI, Radu Timofte, war stets gut und wird aus meiner Sicht auch weiterhin auf gegenseitigem Verständnis beruhen.

In der rumänischen Presse wurden Ihre Entscheidungen während der Iliescu-Führung häufig als die eines Angepassten des Regimes kommentiert. Was sehen Sie als Ihre herausragende Leistung nach fünf Jahren in diesem Amt?

Als Historiker, der von der Universität Jassy (Iasi) kommt, wurde ich seit Amtsantritt zur öffentlichen Person. Das Amt brachte mir Gutes und Schlechtes zugleich. Die Gesellschaft erwartet sehr viel von diesem Amt. Ich und meine Familie mussten damit fertig werden, dass ich als öffentliche politische Person mit Kritik leben muss. Als aufrichtiger Mensch möchte ich aber jeden Abend in den Spiegel sehen und zu mir selbst sagen können, dass ich mit mir zufrieden bin. Nur so kann ich auch den öffentlichen Druck aushalten. Mein Amt als Leiter des Nationalrats dauert bis 2006, wenn ein neues Kollegium gewählt wird. Bis dahin wünsche ich uns noch viel Kraft und Durchhaltevermögen. Die Phase der Aufklärung hat erst begonnen, und ich hoffe, dass die Bürger Rumäniens mehr Interesse für ihre Akten beim ehemaligen Geheimdienst zeigen werden. Eine Wanderausstellung durch Rumänien zum Thema Aufarbeitung mit dem Titel "CNSAS la tine acasa" (CNSAS bei dir zu Hause) soll die Bürger des Landes über die Möglichkeiten informieren, ihre Geheimdienstakte einzusehen. Die Jugendlichen von heute sollen erfahren, welchen Repressionen die Bürger während der kommunistischen Diktatur ausgesetzt waren. Wir erhoffen uns mehr Aufklärung mit dieser Ausstellung und damit mehr Anerkennung für unser Bemühen, die Vergangenheit zu erforschen und die Ungerechtigkeiten aufzudecken.

Herr Onisoru, vielen Dank für das Gespräch.

Anträge zur Akteneinsicht sind auf der Internetseite der CNSAS www.cnsas.ro zu finden, das ausgefüllte Formblatt kann per Post oder per Mail an die Behörde weitergeleitet werden.

Weitere Artikel zum Thema Securitate-Akten in der Siebenbürgischen Zeitung:

Vierzig Kilometer Stasi-Akten warten in Rumänien darauf, eingesehen zu werden

Chronik eines unangekündigten Untergangs

Securitate-Akten in der Warteschleife

Brisante Securitate-Akten weiter unter Verschluss

Hans Bergel zu Lesungen und Aktenstudien in Rumänien

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