10. September 2005

Siebenbürgischer Fernfahrer avanciert "auf Abwegen"

„Dort, wo ich geboren,/ da lehrte man das Hassen./ Meine Würde ging verloren/ D’rum hab ich es verlassen.// Wir mussten werden Genossen,/ eingesperrt im eigenen Land,/ verfolgt, beklaut, verstoßen,/ Deutschtum langsam schwand.“ (Aus „Fremde Heimat“ von Wilhelm Braisch) - Dort, wo er geboren ..., will sagen Agnetheln, nämlich am 5. Juni 1956; und in Siebenbürgen litt es Wilhelm Braisch 31-jährig nicht mehr, aus allzu bekannten Gründen. Oktober 1987 flüchtet der gelernte, in Kronstadt berufstätige Kfz-Mechaniker in die Bundesrepublik.
Seinen Lebensunterhalt bestreitet Braisch, der nahe der tschechischen Grenze in Eschlkam-Neuaigen im Bayerischen Wald Wurzeln fasst, als Lkw-Fahrer. Dann, nach einem schweren Verkehrsunfall 1993 - Braisch erleidet einen Halswirbelbruch, entgeht glücklich dem Rollstuhl - beginnt der Landsmann sich einen Reim auf sein Leben zu machen. Seine in Versform zu Papier gebrachten Selbstreflexionen wurden Ende 2002 in einem 56-seitigen Gedichtband veröffentlicht unter dem Titel „Klares Bild“. Vergangenes Jahr kam es zu einer Neuauflage (500 Exemplare). Das Umschlagbild zeigt einen überdimensional großen Schutzengel, der einen Lkw beschirmt. Noch bis 2003, teilt Braisch im Gespräch mit, habe er, durch die Unfallfolgen gesundheitlich beeinträchtigt, seinen Beruf ausgeübt, fünf bis sechs Mal die Woche bis zu zehn Stunden auf der Autobahn.



Als Fernfahrer habe er sich „wie in Einzelhaft gefühlt, isoliert von der Gesellschaft“. Gegen die Eintönigkeit des Fahrzeuglenkens anzudichten, um nicht einzuschlafen, um sein Gehirn in Bewegung zu halten, sei ihm gut bekommen. Aus dem Kreis seiner Kollegen und Bekannten kam die Aufforderung, seine Gedichte zu veröffentlichen, was Braisch schließlich auch tat. Ausgewählte Gedichte seiner ganz und gar nicht prätentiösen Gelegenheitslyrik wurden in der lokalen Presse abgedruckt. Das Anzeigenblatt der Chamer Zeitung (Gesamtauflage 280 000) machte im November 2002 gar mit einem Foto von Wilhelm Braisch auf und titelte: „Dichter und Denker fest im Sattel“. Seither erfreut sich der Siebenbürger wachsender Bekanntheit. In Kürze, verrät Braisch, soll ein Fortsetzungsband erscheinen. Dieser sei, so der Autor vorab, im Vergleich zum Erstling nicht minder gesellschaftskritisch, dafür von einer heiteren Note geprägt.

Christian Schoger


Wilhelm Braisch: Klares Bild. Gedankengänge eines Fernfahrers in Versform. pro literatur Verlag, Mammendorf, 2004. 56 Seiten. Preis: 8,90 Euro. ISBN: 3-937034-95-1.

Schlagwörter: Rezension, Gelegenheitslyrik

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