Zoltán Böszörményi verbindet in seinem Roman „Zerrissenheit“ private Abgründe mit Europas Gedächtnis – und zwingt zur Urteilsarbeit
Man kann diesen Roman lesen wie ein hochspannendes Seismogramm: nicht einer einzelnen Biografie, sondern einer ganzen Gegenwart, die ständig zwischen Privatem und Politischem, zwischen Begehren und Gewissen, zwischen Traum, Fiktion und Dokument zuckt. „Zerrissenheit“ ist – schon der Titel sagt es als Generalmetapher – ein Buch über Brüche und über das Unzusammenfügbare. Es ist ein Roman über Menschen, die leben, als müsse das Leben ein stimmiges Narrativ ergeben, und über die Geschichte, die ihnen ins Dasein fährt wie eine kalte Hand.
Böszörményi inszeniert diese Unruhe als globales Geflecht. Toronto ist dabei weniger „Ort“ als Zustand: eine bürgerlich-intellektuelle Komfortzone, in der selbst die Katastrophen gepflegt aussehen, bis man merkt, dass sie nur besser ausgeleuchtet sind. Im Zentrum steht Melanie V. Templeton, eine Psychologin, verheiratet mit dem Anwalt Richard Vaughn. Die Ehe kriselt längst nicht mehr, sondern sie hat sich in Kälte und Distanz eingerichtet. Richard kompensiert mit Selbstironie, Abenteuer und Spott – und mit einer Affäre mit Susan (Susi) Lang, Studentin. Melanie wiederum sucht Bestätigung in eigenen Affären, beim Philosophieprofessor Paul Harding und beim obsessiven Kenneth White. Was wie ein klassischer Salonroman beginnt, kippt jedoch schnell in eine beklemmende Konstellation, die sich nicht mehr mit moralischer Eindeutigkeit beruhigen lässt: Später taucht Susi als Patientin in Melanies Praxis auf – die Therapeutin weiß, dass die junge Frau mit ihrem Mann ein Verhältnis hat, muss ihr aber professionell begegnen.
Gerade an dieser Stelle zeigt der Roman, dass er nicht an der bequemen Dramaturgie der Enthüllung interessiert ist, sondern an Tiefenschichten der Verschwiegenheit. Denn Susi leidet an einem Trauma, das die üblichen Deutungsroutinen unterläuft: Eine Gruppenvergewaltigung, die sie – und genau hier setzt die innere Zerrüttung ein – als lustvoll erlebt hat, woraufhin Scham und Selbstekel ihr Denken zerfressen. Böszörményi nutzt das nicht als Schockeffekt, sondern als Erkenntnismittel. Er führt vor, wie brüchig unsere Kategorien sind, sobald Erfahrung nicht mehr „richtig“ in die vorgesehenen Schubladen passt. Das Böse, so scheint der Roman zu sagen, ist nicht nur das, was von außen auf uns eindringt. Es ist auch das, was innen weiterarbeitet, weil Sprache und Bewusstsein es nicht sauber voneinander scheiden können.
Zoltán Böszörményi. Foto: Kurucz Árpád
Parallel dazu erweitert „Zerrissenheit“ seinen Resonanzraum durch ein zweites Figurenpaar: Thomas Larringen, kanadischer Schriftsteller, leidet an Schreibblockaden und – noch schlimmer – an der Empfindung, Literatur sei bedeutungslos geworden. Seine ungarischstämmige Ehefrau Eva, Immobilienmaklerin, ist erfolgreich, pragmatisch, monetär geerdet. Diese Konstellation ist mehr als ein Ehekonflikt: Sie ist ein Zeitdiagnose-Modell. Was zählt in einer Welt, in der alles messbar, verwertbar, verkäuflich scheint? Und welche Rolle hat Kunst, wenn die Realität selbst dauernd „Material“ produziert – Kriege, Krisen, Skandale – schneller, als ein Roman sie ordnen kann? Thomas’ Durchbruch, sein später Erfolg, wirkt in dieser Logik nicht wie ein Happy End, sondern wie ein trotziger Gegenbeweis: Schreiben bleibt möglich, aber nur um den Preis, dass es sich selbst radikal infrage stellt.
Doch Böszörményi wäre nicht der ungarische Erzähler, als den ihn seine Vita auszweist, wenn er das Private nicht konsequent mit dem historischen Kontinuum kurzschließen würde. In „Zerrissenheit“ schneiden dokumentarische Einsprengsel – im Pressetext bezeichnend als „Dark Chapters in a Bloody History“ genannt – tief in die Handlung und lassen das Ich „unter historischen Schocks verstört zurück“. Ungarn nach 1920 erscheint als amputierter Staat, traumatisiert durch Trianon. Die berühmte Pariser Erwiderung des Grafen Apponyi wird im Roman als nachhallendes Klagelied gegen den asymmetrischen Vertrag der Siegermächte aufgerufen. Und der Text erinnert daran, wie viel von dieser Geschichte nicht vergangen ist, sondern als latenter Affekt fortlebt: als Gereiztheit, als Identitätskrampf, als politischer Phantomschmerz.
Noch schärfer wird die Montage, wenn der Roman den Holocaust in Ungarn verhandelt und dabei das Licht auf eine Figur richtet, die im allgemeinen Bewusstsein kaum Kontur hat: Edmund Veesenmayer, Hitlers Generalbevollmächtigter für Ungarn, Eichmanns gleichrangiger Erfüllungsgehilfe. Seine Rolle wird anhand wenig bekannter Dokumente aus Militärarchiven in Erinnerung gerufen. Das ist nicht bloß historischer Zusatz, sondern Teil einer Poetik: Der Roman traut dem klassischen Erzählen allein nicht, er braucht das Archiv als Korrektiv – und zugleich als Zumutung, weil Dokumente keine Tröstung anbieten, nur Kälte, Präzision, Verantwortung.
Paris fungiert derweil als Ort der Wahrnehmungsbrüche. Kenneth White ist eng verbunden mit dem Informatiker Fredy Bloom, eine bewusste Joyce-Reminiszenz. Die beiden pflegen eine fast symbiotische Freundschaft mit sexuellen Eskapaden, und ihre gemeinsame Reise nach Paris wird zum Vexierspiel, in dem Traumwirklichkeiten die „schnöde Realität“ aus den Angeln heben. Das Traumhafte ist hier nicht bloße Ornamentik, sondern Erkenntnisform: Wenn die Welt keine verlässliche Ordnung mehr hergibt, kann der Traum – paradox genug – die überlegene Logik besitzen, weil er das Zerrissene nicht glättet, sondern offenlegt.
Und als wäre diese Welt nicht schon weit genug geöffnet, holt Böszörményi das globalisierte Böse selbst auf die Bühne: Joaquín „El Chapo“ Guzmán erscheint als Symbol einer transnationalen Verbrechersphäre. Im fiktiven Zusammentreffen Guzmáns mit Dante, Augustinus von Hippo und Voltaire entstehet eine alternative „Realität“ im Konfliktfeld zwischen krimineller Macht und christlich-aufklärerischer Ethik. Man kann das als kühn oder unverschämt empfinden – doch genau darin steckt die literarische Energie dieses Buches: Es scheut nicht die großen Namen, weil es die großen Fragen nicht scheut. Was ist Schuld, wenn Gewalt zur Ökonomie wird? Was ist Freiheit, wenn jeder Schritt in Systeme verstrickt? Wo beginnt Verantwortung, wenn alles „Kontext“ ist?
Dass „Zerrissenheit“ dabei nicht in der Überfülle zerfällt, sondern aus dem Verfahren selbst Erkenntnis gewinnt, hängt an seiner Architektur: Hybridnarration, Genresprengung, Archivästhetik, Dialogdominanz, innere Monologe, Binnenerzählungen, Tagebucheinträge – es ist ein bewusst offenes System, das die Deutung nicht autoritativ vorzeichnet, sondern den Leser in die Urteilsarbeit zwingt. „Welt ist Text, Realität ist Text, Leben ist Text, Bewusstsein ist Text, Literatur ist Text: ALLES ist Text und ohne Text ist alles nichts!“ beschreibt die Pressemitteilung des Verlags Böszörményis Credo. „Rhizomische Erzählarchitektur“ ist dafür das Stichwort. In diesem Netzwerk treten über 40 Figuren aus Philosophie, Wissenschaft und Literatur als intertextuelle Stimmen auf; die Polyphonie ist keine Schwäche der Ausuferung, sondern die „Stärke fokussierter Simultaneität“.
Gerade damit macht „Zerrissenheit“ Lust aufs Lesen – nicht als leichte Unterhaltung, sondern als intellektuelles Abenteuer mit existenziellem Einsatz. Wer in Romanen das glatte „So ist es“ sucht, wird sich hier reiben. Wer aber Literatur als Ort versteht, an dem Widersprüche nicht beseitigt, sondern zum Klingen gebracht werden, findet ein Buch, das die Gegenwart nicht bloß abbildet, sondern in ihrer Nervosität formt. Und vielleicht ist das die stärkste Verführung dieses Romans: Er behauptet nicht, die Welt sei noch heil. Er zeigt, wie sie bricht – und wie aus den Splittern ein Text entsteht, der nicht tröstet, aber wach macht.
Walter Fromm
Zoltán Böszörményi: „Zerrissenheit“. Roman. Aus dem Ungarischen von Hans-Henning Paetzke. Pop Verlag, Ludwigsburg, 2026, 502 Seiten, 33 Euro, ISBN 978-3-86356-429-2.
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