13. Dezember 2025
Glasklar, pointiert und stilistisch hervorragend: Hans Bergels Kolumne „Die politische Schlagzeile“
Mit dieser Sammlung seiner „Kommentare zum Zeitgeschehen in der Siebenbürgischen Zeitung 1971-1989“ – so der Untertitel des 2025 in der Reihe Geschichtswissenschaft des renommierten Frank und Timme Verlags veröffentlichten Bandes – kehrt Hans Bergel (1925-2022), in dem oben genannten Zeitraum Chefredakteur des Vereinsorgans der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen in Deutschland, in gewissem Sinne zu seinen Lesern zurück. Als Herausgeber zeichnen Siegbert Bruss, nach Hannes Schuster sein Nachfolger im Amt des Chefredakteurs, und der bekannte siebenbürgische Literaturwissenschaftler Dr. Stefan Sienerth, der den Band kuratiert und kommentiert hat.

Der beginnende Aufstieg Chinas zur Weltmacht, dessen Rivalität mit der Sowjetunion und die gleichzeitige Annäherung an die USA beschrieb er kompetent, nicht ohne dabei seine klare demokratische Grundüberzeugung zu verleugnen. Das Verhältnis der beiden Großmächte USA und Sowjetunion und die Festschreibung des status quo durch die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) beschäftigte Bergel in zahlreichen Kommentaren. Er begrüßte die Herausbildung einer neuen Sicherheitsarchitektur in Europa, nicht ohne jedoch Zweifel an dem tatsächlichen Friedenswillen der Sowjetunion anzumelden. Wiederholt widmete er sich der Problematik des europäischen Zusammenschlusses, für den er sich begeistert einsetzte. Über die Schwierigkeiten der Vereinbarkeit nationaler Interessen der Mitgliedstaaten mit den übergeordneten Zielen der Gemeinschaft gab er sich jedoch keiner Täuschung hin.
Und natürlich beschäftigte Bergel die politische Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland. Themen waren Wahlen und Regierungsbildungen, gesetzliche Bestimmungen, außenpolitische Beziehungen sowie kulturelle, wirtschaftliche oder mediale Ereignisse. Einen besonderen Raum nahm dabei die Ostpolitik der sozialliberalen Bunderegierung unter der Führung von Kanzler Willy Brandt ein. Dabei erachtete er es als seine Pflicht, seinen in immer größerer Zahl ausgewanderten Landsleuten die Vorgänge auf der politischen Bühne ihres neuen Heimatlands darzustellen sowie deren historische und politische Hintergründe zu erläutern. Und natürlich widmete sich Hans Bergel den Themen, welche die bundesrepublikanische Gesellschaft in den 1970er Jahren besonders zu beschäftigen begannen – die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit, der Widerstand gegen die Hitlerdiktatur, der damit zusammenhängende Historikerstreit, Flucht und Vertreibung. Mit Verve nahm er sich auch des Themas der Obhutspflicht der Bundesrepublik für die Deutschen in Ländern an, die durch die von Deutschland verursachten Kriegsfolgen betroffen waren – also auch der Siebenbürger Sachsen.
Und natürlich beschäftigte Bergel die dramatische Entwicklung in der Sowjetunion seit dem Machtantritt Michail Gorbatschows im Jahre 1985, die er als „das erregendste politische Abenteuer des ausgehenden Jahrhunderts“ bezeichnete. Der Journalist wertete die Reformankündigungen des Sowjetführers als aus der wirtschaftlichen Not und Rückständigkeit geboren, stellte jedoch den Verzicht Gorbatschows auf eine aggressive Außenpolitik in Frage.
Einen breiten Raum widmete Hans Bergel auch den Ereignissen in Rumänien. Dabei wandelte sich sein Rumänienbild parallel zu der sich wandelnden Einschätzung der rumänischen Politik durch westliche Politiker und Medien. Nachdem er anfangs die interne Liberalisierungspolitik des 1965 an die Macht gelangten rumänischen Staatschefs sowie dessen Autonomiebestrebungen gegenüber der Sowjetunion positiv bewertet hatte, folgte er nach 1971 dem sich verallgemeinernden Trend der Interpretation rumänischer Politik, eben diese Bestrebungen als „Show“ zu bewerten.
Nicht zuletzt interessieren den siebenbürgisch-sächsischen Leser auch heute Bergels Schlagzeilen zur Lage seiner Landsleute. Es war die Zeit, als die rumänische Regierung dem Drängen der Bundesrepublik nachzugeben begann, die Siebenbürger Sachsen, die, wie Bergel aus einer Umfrage zitiert, „zu rund 90%“ das Land sofort verlassen wollten, ausreisen zu lassen. Der Autor polemisierte sowohl gegen bundesrepublikanische Politiker, die eine erleichterte Ausreise Rumäniendeutscher verhindern wollten, wie auch gegen siebenbürgische Intellektuelle, Funktionäre und Vertreter der Evangelischen Kirche, die Bergel wegen seines Eintretens für die Entscheidungsfreiheit seiner Landsleute bei der Wahl ihres Lebensmittelpunktes kritisierten.
Da seine Texte neben ihrer inhaltlichen Relevanz auch stilistisch hervorragend abgefasst waren, verwundert es nicht, dass sie immer wieder von Zeitungen, Zeitschriften und Funkhäusern mehrerer Staaten übernommen wurden. Allen an Zeitgeschichte Interessierten sei dieses Buch auf das herzlichste empfohlen!
Dr. Anneli Ute Gabanyi
Bergel, Hans: „Die politische Schlagzeile“. Kommentare zum Zeitgeschehen in der Siebenbürgischen Zeitung 1971-1989 (Geschichtswissenschaft, Band 43). Herausgegeben von Stefan Sienerth und Siegbert Bruss. Frank & Timme, Berlin, 476 Seiten, 49,80 Euro, ISBN 978-3-7329-1176-9Schlagwörter: Rezension, Siebenbürgische Zeitung, Kolumne, Hans Bergel
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