11. Juli 2015

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Agnethler Treffen in Bad Rappenau

Seit 1981 lädt die HOG Agnetheln ihre Mitglieder in regelmäßigem Abstand zum traditionellen Treffen ein, bei dem es ums Wiedersehen, um Erinnerung, auch um Kultur, Ortsgeschichte und aktuelle Aufgaben geht. Die neunte Zusammenkunft dieser Art fand am 13. Juni 2015 wieder in der Mühltalhalle in Bad Rappenau statt. Der Strauß Margeriten unseres Malers Michael Barner (1881-1961) auf dem Festabzeichen stimmte die Besucher erwartungsvoll auf das Tagesgeschehen ein. Und die über 600 Teilnehmer aus allen deutschen Landen sollten nicht enttäuscht werden.
In ihrer Begrüßungsansprache betonte die Vorsitzende der HOG Agnetheln, Helga Lutsch, man habe zum heutigen Agnetheln „tragbare Brücken gebaut, zur Kirche und der politischen Gemeinde gute Kontakte geknüpft“. Die Friedhofspflege sei und bleibe ein wichtiges Anliegen. So erhielt die dortige Kapelle einen neuen Anstrich, und das Dach wurde neu gedeckt, im Sommer soll der Treppenaufgang erneuert werden. Der HOG ist aber auch die Unterstützung und Förderung siebenbürgischer Kultur in Deutschland wichtig. Mit Bezug auf die siebenbürgischen Einrichtungen in Gundelsheim erinnerte die Vorsitzende an die Aktion „Kultur­euro zugunsten der Bibliothek“.

Der ehemalige Agnethler Stadtpfarrer Mathias Stieger hielt eine mit Anekdoten gespickte Andacht, und Gudrun Wagner verlas eine Botschaft von Bischof Reinhart Guib aus Hermannstadt. Ein Grußwort sprach Heinz-Walter Hermann, Stellvertretender Vorsitzender des HOG-Verbandes. Für ihr langjähriges Engagement für die Belange der HOG wurden geehrt: Friedrich Christian Andree, Ilse Hohenecker und Gitte Henning. Zu den Klängen des Bläserensembles des Posaunenchors Heilbronn-Biberach unter der Leitung von Rainer Straub marschierten die Trachtenträger durch die Halle. Der stimmungsvolle Höhepunkt war das gemeinsame Singen der Heimatlieder „Auf deser Ierd“ und „Ognitheln äs men Haumetuirt“. Dr. Ruth und Horst Fabritius widmeten sich am Nachmittag dem abenteuerlichen Leben des Malers Michael Barner und der Teilnahme der Agnethler an seinen künstlerischen Bestrebungen. (Lesen Sie dazu den separaten Bericht weiter unten). Im Foyer war ein Bücherstand aufgebaut. Auch diesmal gab es dort eine lesenswerte Neuerscheinung: „Agne­theln im 19. Jahrhundert. Eine Chronik von Georg Andrä“. Besondere Aufmerksamkeit fand die Ausstellung alter Ansichtskarten mit Aufnahmen aus Agnetheln um 1900, zusammengestellt von Hans-Walther Zinz. Zum Ausklang des Treffens spielte die Band „Amazonas Express“ zum Tanz auf.Beim Agnethler Treffen in Bad Rappenau wurden die ...Beim Agnethler Treffen in Bad Rappenau wurden die HOG-Mitglieder (von rechts nach links) Ilse Hohenecker, Gitte Henning und Friedrich Christian Andree durch Helga Lutsch (Vorsitzende) und Doris Hutter (Kulturreferentin) geehrt. Foto: Wiltrud Wagner Interessierte hatten tags darauf die Möglichkeit, an einer Sonderführung durch die Barner-Ausstellung im nahegelegenen Siebenbürgischen Museum in Gundelsheim teilzunehmen, die Museumskurator Dr. Markus Lörz angeboten hatte. Alles in allem: Lob und Anerkennung dem HOG-Organisationsteam um Helga Lutsch für ein gelungenes Fest der Freude und Begegnung. Wir sagen Danke und Auf Wiedersehen beim zehnten, also dem Jubiläumstreffen in vier Jahren.

Hans-Edwin Steilner

Ein Baustein zum Barner-Projekt

Das Projekt zur Dokumentation von Werk und Leben Michael Barners, des Agnethler Malers, Musikers und Poeten, hat sich die HOG Agnetheln zur Aufgabe gemacht. In akribischer Sucharbeit nach der Hinterlassenschaft Barners, seiner Bilder und Zeichnungen sowie seiner Briefe, Aufzeichnungen, Gedichte und Kompositionen, wurde jahrelang Material zusammengetragen aus dem Familienbesitz der Barner-Nachkommen, aus privaten Haushalten und öffentlichen Sammlungen. Ein besonderes Verdienst kommt dabei Helga Lutsch, Vorsitzende der HOG Agnetheln, zu, von Beginn an treibende Kraft des Projekts.

Michael Barner (1881-1961) galt in seinen jüngeren Jahren als hoffnungsvoller Maler, später wurde er vergessen und allenfalls noch von seinen Agnethler Mitbürgern als Original wahrgenommen. Er hatte sich jahrelang im Ausland aufgehalten, in schwierigsten Verhältnissen, geprägt von Armut, fehlender Anerkennung und Förderung, Krankheit, körperlichen und seelischen Leiden. Wieder daheim, musste er immer wieder längere Behandlungsaufenthalte in Heilanstalten hinnehmen. Es war ihm nicht gegeben, aus seiner künstlerischen Begabung mehr zu machen und zu Erfolg zu gelangen, auch nicht zu einer gesicherten Existenz. Desto überraschender stellt sich sein Nachlass dar, der ihn als genuine Dreifachbegabung ausweist: Neben seinem Schaffen als Maler haben sich Hunderte von skizzierten Liedkompositionen sowie Lebenserinnerungen, Briefe und Dutzende von Gedichtentwürfen gefunden.

Die Ergebnisse des Barner-Projekts wurden in einer ersten Etappe dem Publikum gezeigt: Seine Bilder waren in mehreren Ausstellungen zu sehen, im Sommer 2013 im Harbachtalmuseum Agnetheln, im Dezember 2014 im Kultur- und Begegnungszentrum Friedrich Teutsch in Hermannstadt und seit Frühjahr 2015 im Siebenbürgischen Museum in Gundelsheim. Zur Eröffnung der Ausstellung am 13. März fand im dortigen Festsaal ein Konzert statt, das Barners musikalischen Nachlass zum Erklingen brachte. Heinz Acker bearbeitete drei der vorgefundenen Liedskizzen Barners für gemischten Chor und sieben für Singstimme mit Klavierbegleitung. Vortragende waren der Heilbronner Liederkranz der Siebenbürger Sachsen, Dieter Wagner (Tenor) und Heinz Acker (Klavier). Ein Mitschnitt ist als CD erschienen.

Beim Agnethler Treffen am 13. Juni 2015 in Bad Rappenau gab es, gewissermaßen als Nebenprodukt des Projektes, einen dialogischen Vortrag, der den literarischen Nachlass Barners speziell für ein Agnethler Publikum auswertete. Unter dem Titel „Barner Misch beantwortet unsere Fragen“ versuchten Ruth und Horst Fabritius aus den nachgelassenen Briefen, Aufzeichnungen und Gedichten die Persönlichkeit des Künstlers, vor allem aber Details seiner Vita aufzuschlüsseln. Sie stellten im Duett Fragen und suchten die Antworten in einzelnen Barner-Gedichten und Auszügen aus Originaltexten. Manchmal ist der Verfasser sehr offenherzig, manchmal auch wenig eindeutig; vor allem in den Gedichten fordert vieles zu Deutungen und Vermutungen heraus. Die Referenten kamen zu einem nachdenklichen Schluss: „Der Künstler muss seine Außerordentlichkeit, seine Erwähltheit, mit Unglück und Fremdbleiben bezahlen.“ Und sie entließen ihre Zuhörer mit bedenkenswerten Fragen nach dem Warum: „Weil er bei allen Fähigkeiten, aller Bereitschaft, seiner Berufung zu folgen, (…) doch schließlich nicht aus der eigenen, wenig glücklichen Haut fahren konnte?“ Oder „weil er einfach das Pech hatte, mit Harbachwasser getauft zu sein?“ Der Tenor des Vortrags war unverkennbar ein Hut-ab vor Barner, wir dankbaren Zuhörer haben ihn als ein Werben für Verständnis für diese komplexe und problematische Künstlerpersönlichkeit verstanden.

Das Projekt über die Dreifachbegabung Michael Barner – den Sohn Agnethelns, der von seinen Mitbürgern seinerzeit wenig Anerkennung erfahren hat – soll mit einem Katalogbuch zum Abschluss gebracht werden, das unter der Federführung von Dr. Irmgard Sedler das Werk des Malers, verbunden mit einem Einblick in seine musikalische und literarische Hinterlassenschaft, präsentiert.

Emma Ursu-Palade

Schlagwörter: Agnetheln, Treffen, Barner

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