3. April 2012

Beide Teile der Gemeinschaft zusammenführen: Interview mit Pfarrer Dr. Stefan Cosoroabă

Im letzten Herbst hat die Evangelische Kirche A.B. in Rumänien ein Referat für institutionelle Kooperation und Zusammenarbeit beim Landeskonsistorium in Hermannstadt eingerichtet. Im Rahmen dieses Referates wirkt zurzeit Pfarrer Dr. Stefan Cosoroabă in der Karlstraße 100 in München, wo er dienstags und donnerstags jeweils von 14.00 bis 17.00 Uhr zu erreichen ist. Über die Ziele, Perspektiven der Gemeinschaft und die konkrete Arbeit des Referates gab Stefan Cosoroabă Auskunft in einem Gespräch mit Siegbert Bruss.
Welche Ziele verfolgt das neu eingerichtete Referat für institutionelle Kooperation und Zusammenarbeit der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien (EKR)?
Durch dieses Referat sollen die Beziehungen zu den ehemaligen Gemeindegliedern, die im Ausland leben, gestärkt und wenn möglich verbessert werden. Die Landeskirche hat bereits 1990 begonnen, ihre Beziehung zu den ehemaligen, ausgewanderten Gemeindegliedern zu überdenken und nach dem Eintritt Rumäniens in die Europäische Union im Jahr 2007 wurde festgestellt, dass man nun auch Handhabe dazu hat. Die grundsätzliche Ausrichtung des Referates ist es, ein neues Kapitel im Verhältnis zwischen Daheimgebliebenen und Ausgewanderten zu eröffnen. Dieses geht angesichts der belasteten Vergangenheit selbstverständlich nicht ohne Höhen und Tiefen. Gelegentliche harte Ablehnung und Unverständnis sind bei einem so emotionsgeladenen Thema normal, aber Zustimmung ist vorherrschend.
Stefan Cosoroabă auf dem Kleinen Ring in ...
Stefan Cosoroabă auf dem Kleinen Ring in Hermannstadt. Foto: Christian Simina
Wie wollen Sie die Zusammenarbeit zwischen der Heimatkirche und den ausgewanderten Gemeindemitgliedern sowie den Organisationen der Siebenbürger Sachsen intensivieren?
Sie fragen richtig: Es sind zwei unterschiedliche Ebenen. Die eine ist die Betreuung der einzelnen Mitglieder und das andere ist die Zusammenarbeit mit den unterschiedlichen Organisationen der Siebenbürger Sachsen, die dankenswerterweise eine gute Arbeit hier in Deutschland geleistet haben. Bezüglich der einzelnen Mitglieder haben wir zwei kirchenrechtliche Vorgaben. Seit 2003 ist es möglich, doppelte Kirchenmitgliedschaft zu haben, das heißt ausgewanderten Gemeindegliedern steht eine Wiedereingemeindung in die Heimatgemeinde offen. Zweitens wurde bei der Verabschiedung der neuen Kirchenordnung der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien festgehalten, dass unsere Kirche auch im Ausland Gemeinden gründen kann. Letzteres ist für Deutschland nur eine theoretische Aussage, da es ja hier eine Evangelische Kirche gibt. Darum verstehen Sie den Hinweis nicht als konkrete Empfehlung, sondern nur als Illustration für die neue Ausrichtung der Evangelischen Kirche in Rumänien, die nun auch jenseits der Grenzen blickt.
Wenn es um Betreuung von Einzelnen geht, kann man nicht übersehen, dass in den Sommermonaten über 5000 ehemalige Gemeindeglieder wieder in Siebenbürgen sind, sich in den Gemeinden und Gottesdiensten einfinden und immer wieder auch Kasualien wie Taufen oder Trauungen verlangen. Obwohl es kein fröhliches Kapitel ist: Die Zahl der Urnenbeisetzungen von ehemaligen Gemeindemitgliedern steigt beständig. Ein ganz aktuelles Beispiel, das zuversichtlicher stimmt: eine junge, ausgewanderte Dame aus München will ihr Kind in Siebenbürgen taufen und braucht und bekommt dazu Begleitung.

Sie erwähnten die Möglichkeit, dass Ausgewanderte wieder Mitglied in der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien werden. Welchen Sinn und welche Vorteile ergeben sich aus Sicht des Einzelnen und der Heimatkirche?
Das Wort „Vorteile“ würde ich in Anführungszeichen setzen, weil es hier nicht um materielle Vorteile geht, sondern vielmehr um ein Zugehörigkeitsgefühl. Die Frage ist eine menschliche und theologische gleichermaßen, und zwar was ist Gemeinde? Denn Gemeindemitgliedschaft ist ja nicht nur das Zahlen eines Beitrages und das „Auf-einer-Liste-geführt-Werden“, sondern bedeutet inneres Bekenntnis zu einer Gemeinschaft und, im Falle einer Kirchengemeinde, zu einer gewissen, kontextuellen Art von christlichem Glauben.
Wenn wir trotzdem nach „Vorteil“ suchen, so besteht dieser für die Heimatkirche darin, dass sie den Rücken gestärkt bekommt und im Kontext Rumäniens anders sprechen kann. Es ist eines, wenn man als Pfarrer vor den Behörden 15 Leute vertritt oder 50 oder 100, seien diese Leute auch in ganz Europa verstreut. Ein weiterer „Vorteil“ wäre, dass die Last der Erbschaft, im Klartext der Kirchenburgen und sonstigen materiellen Überlieferungen nicht nur von den wenigen vor Ort getragen werden muss, sondern diese Verantwortung kann auch mit anderen geteilt wird, denn die Last ist einfach zu groß. Es geht um die gemeinsame Verantwortung auch vor der Geschichte und vor dem Erbe der Väter. Da spielt der Wohnort keine Rolle, nur der Wille.
Was der Einzelne, der sich wieder eingemeindet, davon hat? Nun vielleicht in gleicher Weise: Er weiß, dass er dazu gehört zu einem großen Fluss von Glauben und Tradition in seiner spezifischen Weise. Und ansonsten hat er die üblichen Rechte eines jeden Gemeindegliedes, begonnen vom Informationsrecht bis zum Recht der Amtshandlungen oder was immer dazu gehört.

Wie ist es zurzeit um die siebenbürgisch-sächsische Gemeinschaft bestellt, wenn man bedenkt, dass die Grenzen durchlässiger geworden sind? Ist es eine gespaltene Gemeinschaft, wächst sie zusammen oder driftet sie eher auseinander?
Die Gemeinschaft der Siebenbürger Sachsen ist auf jeden Fall gespalten. Dieses wegen der sehr harten Auseinandersetzungen um Bleiben oder Gehen und wegen den biographischen Brüchen, die durch die Auswanderung entstanden sind. Und dieses nicht nur bei denen, die gegangen sind, sondern auch bei jenen, die geblieben sind. Es sind Wunden da, die erst mit der Zeit geheilt werden können und bei manchen überhaupt nicht. Aber es stellt sich 2012 nicht nur die Frage der Verletzungen, sondern auch die Frage der Sozialisation und des Kontextes. Was heißt das? Die Lebenswelten in Rumänien und Deutschland sind deutlich anders. Die Frage ist, was verändert sich in einer Einzelperson, wenn sie in einer bestimmten Lebenswelt über Jahre zu Hause ist? Was sich hoffentlich noch nicht verändert hat, ist der Wunsch, gemeinsam eine Zukunft zu haben. Denn obwohl wir in unterschiedlichen Lebenswelten zu Hause sind, besteht bei vielen noch ein sehr starkes Zusammengehörigkeitsgefühl. Das Fazit und zugleich mein Plädoyer ist, bewusst gemeinsam etwas zu unternehmen, denn ansonsten driften diese beiden Teile der Gemeinschaft unrettbar auseinander. Wir können in einem gemeinsamen Europa wieder eine Gemeinschaft werden, aber dazu müssen wir akzeptieren, dass die Schwerpunkte und Prägung von Ort zu Ort unterschiedlich sind und sein werden. Für mich ist ein geschichtliches Vorbild das Wiederzusammenwachsen der Siebenbürger Sachsen aus Siebenbürgen und dem Altreich nach dem Ersten Weltkrieg. Bischof Teutsch hatte die Tausenden Auswanderer in der Vorzeit noch „Verräter“ genannt, nach der Vereinigung gehörten sie selbstverständlich wieder dazu.

Welche Möglichkeiten gibt es dafür, dass beide Teile der Gemeinschaft zusammenwachsen?
Es gibt zwei unterschiedliche Ebenen. Die institutionelle Strategie besteht darin, die Kontakte zu intensivieren und zu professionalisieren, und sich gegenseitig möglichst stark einzubinden, nicht nur in Feierlichkeiten, sondern auch ins Denken und Arbeiten. So sind wir dankbar, dass die meisten siebenbürgischen Organisationen schon Vertreter der Heimatkirche in ihre Vorstände aufgenommen haben. Umgekehrt haben wir versucht, Vertreter der sächsischen Institutionen aus Deutschland in Beratungen und Zielfindungen in Siebenbürgen hinein zu nehmen.
Und das zweite machen die Gemeindeglieder von hüben und drüben auch von selber. Menschen sind oft schneller als Institutionen. Sie haben gemerkt, dass sie sich nicht für die eine oder andere Heimat entscheiden müssen, siehe „Bleiben oder Gehen“, sondern dass man mit beiden leben kann. Integration heißt nicht Heimatverzicht und Identitätswechsel. Für viele ehemaligen Gemeindeglieder ist Siebenbürgen eine Sache des Herzens und die Zahl jener, die auch konkret an zwei Orten leben, wird immer größer. Das ist auf die große Mobilität und rasante Entwicklung der Kommunikationsmittel der heutigen Zeit zurückzuführen. Vergessen wir nicht: Heute liegt München zeitlich näher an Hermannstadt als es früher Agnetheln war!
Das betrifft beileibe nicht nur die Siebenbürger Sachsen, sondern das betrifft die ganze Welt. So ist seit 1990 in der soziologischen Literatur der Begriff Transmigranten oder „commutor migrants“ aufgekommen. Es geht nicht mehr um Verzicht auf die alte Heimat zugunsten der neuen, sondern um Öffnen von sozialen Räumen zwischen den beiden Welten. Wir leben heute in einem gemeinsamen politischen Raum, das ist eine Voraussetzung, die wir erst langsam begreifen. Unsere „Sommersachsen“ haben es begriffen.

Sie wurden beauftragt, die Verletzungen zu erforschen, die durch die Auswanderung auf den beiden Seiten entstanden sind. Ihre Studie soll auch die Erwartungen an die EKR und die Möglichkeiten dieser Kirche eruieren. Können Sie etwas näher auf diese Studie eingehen?
In einer ersten Phase habe ich die Geschichte der Auswanderung anhand von Dokumenten und Zeitzeugen angesehen. Es gibt ein großes Werk, das Professor Georg Weber zusammen mit Mitarbeitern über die Auswanderung geschrieben hat, aber dieses ist natürlich nicht speziell auf kirchliche Situationen ausgerichtet. Der Auswanderungskonflikt ist ein Ausgangspunkt, von dem aus man denken muss, aber von dem sich auch lösen kann, siehe die Gedanken des gemeinsamen Weitergehens in einem neuen Raum. Die Erwartungen und Einstellungen der ehemaligen Gemeindeglieder erforschen wir dann in einer Umfrage im Internet mit Hilfe des Soziologischen Instituts der Ludwig-Maximilians-Universität (siehe http://umfrage-kirche-siebenbuergen.de/). Nach dieser quantitativen Umfrage werden wir auch qualitative Befragungen durchführen. Ein weiteres Kapitel der Studie ist den etwa zehn Prozent der Mitglieder unserer Kirchgemeinden gewidmet, die sich gegenwärtig im Ausland befinden. Viele junge Leute aus größeren Städten Siebenbürgens arbeiten oder studieren zurzeit in Deutschland, gehören aber weiterhin in unsere Obhut. Sie sind auch Transmigranten, jedoch in umgekehrte Richtung. Wir leben eben in Europa.

Mit welchen Fragen können sich ausgewanderte Siebenbürger Sachsen an Sie wenden. Welche Hilfestellung bieten Sie konkret an?
Ich vermittle einerseits Informationen, damit Tatbestände aus der Heimatkirche richtig zur Kenntnis genommen werden, und andererseits Anliegen. Gerade jetzt liegt auf meinem Tisch eine Anfrage für eine Bescheinigung für die Russlanddeportation und im PC die Anfrage einer HOG für Übernahme der rückerstatteten Schule im Heimatdorf. Diese leite ich jeweils an die entsprechenden Stellen weiter. Die Strukturen der evangelischen Kirche in Siebenbürgen sind für ehemalige Gemeindeglieder nicht immer durchsichtig. Aufgrund meiner internen Kompetenz weiß ich bei jeder Anfrage genau, was für einen Hebel man wo drücken kann, damit eine Antwort aus Siebenbürgen kommt, positiv oder negativ, aber dass die Antwort dann auch kommt.

Planen Sie in Zusammenarbeit mit siebenbürgischen Organisationen auch Veranstaltungen oder Tagungen?
Ja, schon im April findet eine Konsultation der Heimatkirche mit allen sächsischen Organisationen aus Deutschland auf Drabenderhöhe statt, zu der die kirchliche Führung aus Hermannstadt dazukommt. Im Mai ist dann die Heimatkirche durch unser Referat eingebunden in eine Pfarrerrüstzeit, die „die Gemeinschaft evangelischer Pfarrer aus Siebenbürgen in Deutschland“ unter Dekan Hans-Gerhard Gross organisiert. Und was mir besonders am Herzen liegt, ist die Errichtung eines Denkmals für Russlanddeportierte in der Ukraine, weil es dort bislang keine Zeichen für diese schweren Jahre gibt. Dies ist ein langfristiges Vorhaben der Landeskirche, die auch andere siebenbürgische Institutionen dafür gewinnen will. Aber wir hoffen, dass Anregungen zur Zusammenarbeit nicht nur von uns kommen, sondern von allen Seiten. Wir sind bereit.

Besten Dank für das Gespräch.

Schlagwörter: Kirche und Heimat, Siebenbürgen, Kultur

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  • 04.04.2012, 10:05 Uhr von bankban: Du bist ja bissig heut', getkiss. [weiter]
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