3. Oktober 2012

Kulturmanagerin in der Heimat: Doris-Evelyn Zakel über ihre Zeit in Hermannstadt und ihre Identitätssuche

Ein halbes Jahr lang arbeitete Doris-Evelyn Zakel als Kulturmanagerin an der Evangelischen Akademie Siebenbürgen (EAS) in Hermannstadt. Ende August verließ sie die Stadt für eine neue Aufgabe in Richtung Budapest. Die 29-Jährige mit ungarischen und siebenbürgisch-sächsischen Wurzeln kam über ein Programm des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) in ihre Heimatstadt Hermannstadt. Im Alter von fünf Jahren wanderte sie mit ihren Eltern nach Deutschland aus. Sie wuchs in Weil am Rhein auf, studierte in Karlsruhe Germanistik und Geschichte sowie an der Budapester Andrássy Universität Geschichte Mitteleuropas und Internationale Beziehungen. Das Interview führte Holger Wermke.
Warum haben Sie sich für diese Stelle in Hermannstadt beworben?
Ich wollte länger schon nach Hermannstadt. Im Rahmen meiner Masterarbeit über die sozialgesellschaftlichen und identitätsstiftenden Aspekte der Siebenbürger Sachsen habe ich 2010 in der Stadt geforscht. Damals habe ich Hermannstadt nach vielen Jahren wiedergesehen und mir gedacht, irgendwann möchtest du wieder herkommen und einen Beitrag dazu leisten, die Kultur der Deutschen hier zu erhalten oder überhaupt dich zu involvieren. Als ich dann die Stellenausschreibung gesehen habe, kam das wie gerufen. Ich habe meine alte Stelle gekündigt, und das Weitere ging dann ziemlich schnell.
Doris-Evelyn Zakel in Hermannstadt: „Ich bin ...
Doris-Evelyn Zakel in Hermannstadt: „Ich bin stolz, dass ich von hier stamme.“ Foto: Holger Wermke
Was haben Sie in dem halben Jahr – einer relativ kurzen Zeit – als Kulturmanagerin erreicht?
Zunächst hat es ein wenig gedauert, bis ich mich in die Strukturen vor Ort eingearbeitet habe. Das ist nicht immer ganz einfach zu durchschauen. In dieser Zeit habe ich versucht herauszufinden, wo ein Mangel an deutschen Kulturveranstaltungen besteht. Mir kam daraufhin die Idee zum Literaturcafé (Hermann’s literarisches Stadtcafé, d.R.), die ich zusammen mit meinem Kollegen Roger Pârvu von der EAS erarbeitet habe. Wir haben vier Lesungen organisiert, wobei unser Fokus darauf lag, dass junge rumäniendeutsche Literaten auch einmal die Gelegenheit bekommen, zu lesen und ihre Werke vorzustellen.

Haben diese jungen Autoren sonst keine Bühne?
Hier in der Gegend gibt es ja alteingesessene Autoren, die jeder kennt, die schon ein Prestige haben. Wir wollten einfach zeigen, es gibt auch noch junge, aktive und gute Literaten. Ein zweites Ziel war auch, Studenten zu ermuntern, außeruniversitär aktiv zu werden, gerade jene aus den deutschsprachigen Fakultäten.

Wer waren die Gäste im Literaturcafé?
Wir hatten zum Auftakt den aus Großpold stammenden Autoren und Übersetzer Michael Astner zu Gast, der nicht zu den ganz jungen Schriftstellern gehört, aber doch sehr gute Lyrik schreibt und hier in dem Raum nicht so bekannt ist, weil er in Jassy (Iaşi) lebt. Dann hatten wir einen sehr, sehr guten und jungen Autor, Robert Elekes aus Kronstadt, der in vier Sprachen schreibt. Bei der dritten Veranstaltung las, sozusagen als Sondergast, der in der Schweiz lebende Autor Cătălin Dorian Florescu. Zum Abschluss las Henrike Brădiceanu-Persem, ein Mitglied des Literaturkreises „Stafette“ aus Temeswar.

Wie war die Resonsanz auf die Lesungen?
Gut, wir hatten bis zu 60 Gäste bei den Veranstaltungen. Gegen Ende hat es wieder abgenommen, weil wir in die Zeit der Uniprüfungen kamen. Aufgrund der Resonanz plant die EAS auch eine Folgeveranstaltung.

Wie schätzt Sie die rumäniendeutsche Literaturszene nach dieser Erfahrung ein – gibt es noch eine solche Szene?
Ja, es gibt sie, aber die Autoren bleiben sehr unter sich, sie sind sehr regional orientiert. Man hört zum Beispiel in Hermannstadt die lokalen Schriftsteller, von jenen aus Kronstadt etwa oder Temeswar aber sehr wenig. Die Autoren sind untereinander wenig vernetzt. Aber auf jeden Fall gibt es in Rumänien noch Literaten, die auf Deutsch schreiben, was ich sehr gut finde.

Haben Sie noch weitere Projekte durchgeführt?
Ich hatte ein Projekt geplant, das an den mangelnden Teilnehmern gescheitert ist. Dieses Projekt lag mir sehr am Herzen. Die Idee hatte ich schon, bevor ich herkam. Und zwar wollte ich eine Zeitzeugenbefragung der letzten Siebenbürger Sachsen auf den Dörfern durchführen. „Generation im Dialog“ war der Titel. Jugendliche und junge Erwachsene aus Deutschland mit siebenbürgisch-sächsischem Hintergrund sollten mit Altersgenossen aus Siebenbürgen diese Interviews führen. Der Gedanke war, dass einmal die Teilnehmer aus Deutschland, die vielleicht keinen großen Bezug mehr zu ihrer Heimat haben, durch die Erzählungen der älteren Menschen etwas vom früheren Leben mitbekommen, als die siebenbürgisch-sächsische Gemeinschaft noch intakt war. Auf der anderen Seite würde ich mir einen Austausch der hiesigen Jugendlichen mit den Deutschen wünschen.

Warum ist das Projekt nicht zustande gekommen?
Es hat an deutschen Teilnehmern gemangelt. Letztlich kam die Ankündigung zu spät, und wir bekamen nicht mehr genügend Anmeldungen, um das Projekt während meiner ifa-Zeit zu realisieren. Generell sehe ich aber gute Chancen für das Vorhaben, weshalb ich es auf andere Art auf jeden Fall noch realisieren möchte. Ich plane es in meiner Zeit als Kulturmanagerin in Budapest.

Sie arbeiten weiterhin für das ifa?
Genau, ich werde im Haus der Ungarndeutschen, einer Institution der Landesselbstverwaltung der Deutschen in Ungarn, auch als Kulturmanagerin arbeiten. Ich möchte nach meiner schönen Zeit in Hermannstadt und dem interessanten Einblick in die siebenbürgisch-sächsische Kultur noch etwas Neues kennen lernen und mich mit einer anderen deutschen Minderheit beschäftigen.

Zum Abschluss eine Frage mit Blick auf die vielen Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Wurzeln in Siebenbürgen. Würden Sie diesen einen Aufenthalt in Siebenbürgen empfehlen – sei es für ein Praktikum, ein Studiensemester oder zum Arbeiten?
Ja, auf jeden Fall. Ich kann mir denken, dass sich viele, die in Deutschland aufgewachsen sind, die Frage stellen, wo komme ich her. Wie geht es denen, die hier geblieben sind, überhaupt die Stimmung mitzuerleben, von denen, die hier geblieben sind. Es ist eine wertvolle Erfahrung, zu sehen, wo man herstammt und man eine jahrhundertealte Vergangenheit hat. Hermannstadt ist eine wunderschöne Stadt, ich bin stolz, dass ich von hier stamme. Dazu kommt diese Mentalitätssache. Man ist in Deutschland irgendwie doch nicht ganz Deutscher, man ist doch ein bisschen anders, und hier merkt man, ok, ich weiß, warum. Man ist als Siebenbürger einfach anders deutsch. Zudem ist Siebenbürgen eine bedeutende Kulturregion Europas und ich würde jedem raten, diese einzigartige multiethnische und multikonfessionelle Mentalität vor Ort kennenzulernen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Schlagwörter: Kultur, Kulturförderung, Hermannstadt

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