25. Dezember 2017

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Engagiert in Pädagogik und Politik: Hermann Schmidt zum 90.

Hermann Schmidt feiert am 25. Dezember in Mössingen (Baden-Württemberg) seinen 90. Geburtstag. Der Jubilar kann auf ein erfülltes Leben zurückblicken. Seine Erlebnisse während der Deportation zur Zwangsarbeit in ukrainischen Bergwerken und seine atemberaubende Flucht in die Heimat und später weiter in den Westen – nach Österreich und schließlich nach Deutschland – hat er in einem 2006 erschienenen Buch festgehalten.
Schmidt stammt aus Marienburg bei Kronstadt. Er begann die Ausbildung zum Lehrer 1942 am Lehrerseminar in Hermannstadt. Als Siebzehnjähriger wurde er im Januar 1945 in die Sowjetunion zur Zwangsarbeit in einem Kohlenbergwerk bei Stalino (heute Donezk) verschleppt. Im Sommer desselben Jahres flüchtete er zu Fuß und mit Güterzügen. Dabei ließ er sich durch nichts aufhalten, auch nicht, als er von der Miliz aufgegriffen und von einem Militärgericht in Odessa zur Arbeit in einem Kolchos verurteilt wurde. Nach einer insgesamt 41 Tage dauernden Flucht erreichte er seine Heimatgemeinde Marienburg.

Ab Jahresende 1945 konnte Schmidt das Lehrerseminar weiter besuchen und 1947 mit der Lehrbefähigungsprüfung abschließen. Schon in jenen Jahren zeigte er Engagement für die Gemeinschaft: Im Schuljahr 1946/47 wählten ihn die Schüler zum Präfekten, zum Schülersprecher des Seminars. In den Jahren 1945 bis 1947 spielte er im Seminar-Blasmusikzug, war Mitglied der Schulhandballmannschaft und auch der Hermannstädter Stadtauswahl „Arsenal“.

Die Willkür, die damals in Rumänien der deutschen Minderheit gegenüber herrschte (Enteignung von Grund und Boden, Häusern und des übrigen Besitzes, Entzug der Rechte als Staatsbürger u. a. m.), war für ihn Anlass genug, das Land im Dezember 1947 zu verlassen. Illegal alle Grenzen übertretend, erreichte er Linz/Donau in der amerikanischen Besatzungszone und damit den Westen, das Ziel für ein vielversprechendes Leben in Freiheit. Er erhielt aber keine Anstellung als Lehrer, weil er nicht österreichischer Staatsbürger war. Als Hilfsarbeiter in der Stahlindustrie, bei Bauunternehmen und als Kraftfahrer bei der amerikanischen Armee schlug er sich durch. Im Sommer 1952 erfuhr er, dass in Südwürttemberg-Hohenzollern Lehrermangel herrschte, setzte sich aufs Fahrrad und fuhr los. In Tübingen stellte ihn das Kultusministerium als Aushilfslehrer ein. Das Studium am Pädagogischen Institut in Weingarten begann er 1954 im dritten Semester, holte das Wichtigste von dem nach, was in den zwei vorausgegangenen Semestern gelehrt worden war, und legte die Erste Prüfung für das Lehramt an Volksschulen ab.

Hermann Schmidt, 2013. Foto: Hatto Schmidt ...Hermann Schmidt, 2013. Foto: Hatto Schmidt Im April 1955 trat er seinen Dienst in Mössingen an. Kurz zuvor hatte er in Linz Elfriede, geborene Karlinger, geheiratet. Die beiden hatten sich 1951 bei einer Gebirgstour in den Dolomiten kennengelernt. In Mössingen bewährte Schmidt sich wiederholt als „pädagogische Feuerwehr“, wie es ein Kollege anerkennend formulierte. Mit dem Schülerchor, einer Flötengruppe und landesweit mit einem der ersten Orff’schen Instrumentarien an Schulen bereitete Schmidt einen Beitrag der Schule für die Einweihung des neuen, modernen Schulhauses in der Breite im Juli 1957 vor. 1966 zog die inzwischen siebenköpfige Familie ins eigene Heim ein.

Auch in der neuen Heimat engagierte sich Schmidt für die Gemeinschaft: 1953 unterstützt er die Gründung der Kreisgruppe Reutlingen der Siebenbürger Sachsen. Dem Siebenbürgisch-Sächsischen Landeskundeverein trat er 1962 bei und arbeitete aktiv in der Sektion Pädagogik und Schulgeschichte mit. 1960 gehörte Schmidt zu den Gründungsmitgliedern des SPD-Ortsvereins Mössingen und wurde gleich zu dessen erstem Vorsitzenden gewählt. Nach 50-jähriger Mitgliedschaft ernannte ihn der Ortsverein zum Ehrenvorsitzenden. Er war vier Jahrzehnte lang Mitglied der GEW. Zwischen 1965 und 1996 war Schmidt, mit Unterbrechungen, Mitglied des Mössinger Gemeinderats und zeitweilig stellvertretender Bürgermeister, Mitglied des Tübinger Kreistags, des Regional-Verbands Neckar-Alb und Jugendschöffe beim Amtsgericht Tübingen. Von 1965 bis 1977 dirigierte er den Liederkranz Belsen.

1965 wurde er zum Rektor der Gottlieb-Rühle-Volksschule ernannt. Von 1974 bis 1981 war er federführender Schulleiter für den Standort Mössingen des vom Kultusministerium an 21 Orten des Landes Baden-Württemberg durchgeführten Orientierungsstufenversuchs, von 1983 bis 1990 Geschäftsführender Schulleiter der Stadt Mössingen. 1990 trat Hermann Schmidt in den Ruhestand. Der Vertreter der Schulbehörde verabschiedete ihn mit den Worten: „Ein unbändiger Wille, sich durchzubeißen, den einmal begonnenen Weg zu vollenden, außerordentlich fleißig und gewissenhaft, hoch angesehen und beliebt, dabei aber selbst stets bescheiden.“ Die Stadt Mössingen ehrte ihn im selben Jahr mit der Verleihung der Bürgermedaille.

Schmidt hatte Freude am Wandern auf der Alb, am Bergsteigen im Hochgebirge und am Skifahren; aber auch an den Arbeiten in seiner Kellerwerkstatt, die er nach und nach ausgestattet hatte mit einer Schreinerhobelbank und Heimwerkergeräten wie Bandsäge, Standbohr-, Hobel- und Drechselmaschine. In der Biografie „Vom Alt zur Alb – Unterwegs in meiner Zeit“ (BoD-Verlag 2006; inzwischen vergriffen) hat er seine Erlebnisse zu Papier gebracht. „Es ist ihm gelungen, eine eindrucksvolle Alltags- und Mentalitätsgeschichte zu schreiben, die detailgenauen Bericht, anschauliche Schilderung und distanzierte Reflexion zum stimmigen Ganzen verbindet“, schrieb ein Rezensent.

Den herzlichsten Glückwünschen an den Jubilar von seiner Frau, den fünf Kindern, ihren Partnern und den sieben Enkelkindern schließen sich sicher Freunde, Weggefährten, ehemalige Schü­ler und Mössinger Bürger an.

Hatto Schmidt

Schlagwörter: Porträt, Geburtstag, Pädagoge

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