9. Dezember 2007

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Nachruf auf Dr. Günther H. Tontsch

„Er wird uns allen sehr fehlen“ – diese Worte in der Traueranzeige für Günther Tontsch sprechen nicht allein dem engeren Familienkreis aus dem Herzen, sie bewegen auch die näheren und ferneren Verwandten, die Freunde und Bekannten, die Institutionen und Vereine, für die er immer da gewesen ist – in seiner unverwechselbaren Art: ebenso herzlich wie sachlich, ebenso engagiert wie nüchtern, ebenso weitblickend wie erdverbunden.
Mit dem Juristen und Rechtshistoriker Dr. Günther H. Tontsch verloren die Siebenbürger Sachsen am 21. November 2007 eine ihrer wissenschaftlich und wissenschaftspolitisch he­raus­ragenden Persönlichkeiten. Seine grundlegenden Arbeiten über das Verhältnis von Partei und Staat im kommunistischen Rumänien, zum Minderheitenrecht und Minderheitenschutz allgemein, in Südosteuropa und in Rumänien im Besonderen, seine Forschungen zur siebenbürgischen Rechtsgeschichte bleiben grundlegend, sein ehrenamtliches Engagement in zahlreichen siebenbürgisch-sächsischen Vereinen, in der Südosteuropa-Gesellschaft und in der Deutsch-Rumänischen Gesellschaft hat langfristige Wir­kung und bleibt beispielgebend. Lebensstationen und wissenschaftliches Werk. Dr. jur. Günther H. Tontsch nahm am 17. und 18. ...Dr. jur. Günther H. Tontsch nahm am 17. und 18. November 2007 an den Herbstsitzungen der Kultureinrichtungen in Gundelsheim teil. Diese letzte Aufnahme des am 21. November gestorbenen Rechtshistorikers wurde von Thomas Şindilariu gemacht. Günther Herbert Tontsch wurde am 2. August 1943 in Kronstadt geboren, absolvierte das Honterus-Gymnasium seiner Vaterstadt (1961), hat an der Babeş-Bolyai-Universität Klausen­burg die Rechtswissenschaften studiert (1962-1967) und wurde nach dem juristischen Staats­examen (Juni 1967) Assistent an der dortigen Rechtsfakultät. Aus der mit Brigitte, geborene von Killyen, eingegangenen Ehe stammen seine beiden Söhne Andreas und Stefan, deren Ent­wicklung er liebevoll begleitete und deren Er­folge beim Studium und dann im Berufsleben ihn mit Stolz erfüllten

. 1978 verließ der Oberassistent mit Lehr­auf­trag die Babeş-Bolyai-Universität, der er Zeit sei­nes Lebens eng verbunden blieb, um in die Bundesrepublik Deutschland auszusiedeln. Ge­rade in seinem Arbeitsbereich erforderte der Ortswechsel den beruflichen Neuanfang, Tontsch musste das Referendariat im juristischen Vorbereitungsdienst durchlaufen, bevor er sich 1984 dem II. Juristischen Staatsexamen vor dem Justizprüfungsamt Düsseldorf stellen konnte und im Januar 1985 bei Prof. Ingo von Münch in Hamburg zum Dr. jur. promovierte. Zwischenzeitlich war er überdies als Wissen­schaftlicher Mitarbeiter am Institut für Ostrecht der Universität zu Köln tätig (1980-1982). Von 1984 bis zu seinem Tode war er Akademischer Rat an der Abteilung für Ostrechtsforschung des Fachbereichs Rechtswissenschaft der Uni­ver­si­tät Hamburg, zugleich, seit 1985, war Tontsch Herausgeber und verantwortlicher Re­dakteur der international hoch angesehenen Zweimonatsschrift „WGO-Monatshefte für Ost­europäisches Recht“. In Hamburg ging Gün­ther Tontsch eine zweite, glückliche Ehe mit Jut­ta, geborene Hauser, ein.

Günther H. Tontsch ist Verfasser zahlreicher Veröffentlichungen zu Fragen des südosteuropäischen und rumänischen Staats- und Verfas­sungsrechts, des Ausländerrechts, des Minder­heitenrechts, des Wirtschaftsrechts und zur Sie­benbürgischen Rechtsgeschichte. Unter seinen wissenschaftlichen Arbeiten – sein „Debüt“ be­stand 1969 in einem deutschsprachigen Aufsatz über die Hermannstädter Rechtsakademie – ra­gen sein Beitrag über „Hochschulen und Wis­senschaft“ im Rumänien-Band des von Klaus-Detlev Grothusen herausgegebenen „Südost­europa-Handbuches“ (1977), die Bücher über die Rechtsstellung des Ausländers in Rumä­nien“ (1975), das Verhältnis von Partei und Staat in Rumänien. Kontinuität und Wandel 1944-1982 (1985) und den Minderheitenschutz in Ungarn und Rumänien (1995) sowie in den Republiken Moldau und in Rumänien (2004) heraus.

Ehrenamtliches Engagement

Günther Tontsch gehört also zu den Wissen­schaftlern, die an rumänischen Hochschulen studiert, ihre Forschung und Lehre in Sie­benbürgen begonnen und nach der Aussiedlung in Deutschland, meist unter größter An­stren­gung, im bundesdeutschen Hochschul- und Wis­senschaftsbetrieb Fuß gefasst hatten. Als Wan­derer zwischen den beiden Welten waren und sind sie die geborenen Mittler in den ost-westlichen Wissenschaftsbeziehungen der neunziger Jahre des vorigen und der ersten Jahre dieses Jahrhunderts, in einer Zeit des Wandels, des Übergangs in Deutschland ebenso wie in Ru­mänien oder Ungarn. Sein Engagement in der Südosteuropa-Gesellschaft und in der Deutsch-Rumänischen Gesellschaft weist ihn als einen im internationalen Wissenschaftsleben anerkannten und geschätzten Partner aus, der überdies mit Nachdruck für seine Mitmenschen, für Frieden und Völkerverständigung eingetreten ist. Die Verbesserung der Beziehungen zwischen Deutschland und Rumänien war ihm ein wichtiges Anliegen, die Akzeptanz dieses Lan­des in der Europäischen Union ebenso wie das gegenseitige Verständnis von Deutschen und Rumänen.

Im Arbeitskreis für Siebenbürgische Landes­kunde repräsentierte er die Mittler zwischen den Gründungsvätern und der heute im Verein führenden jungen Generation. 1979, kurz nach seiner Aussiedlung, wurde er Mitglied des Lan­deskundevereins, 1986 in dessen Vorstand gewählt. Kurz darauf gründete er die Sektion Rechtsgeschichte, die er rund zehn Jahre lang leitete.1989 wurde er Stellvertretender Vor­sitzender, 1994 Vorsitzender. Er hatte die Wahl mit der Einschränkung angenommen, nur für eine Zeit des Übergangs zur Verfügung zu stehen, bis sich die Verjüngung des Mitglieder­bestandes im Vorstand niederschlägt und ein Nachfolger aus dieser Generation zur Ver­fügung steht. Im Jahr 2001 sah er die Zeit dafür gekommen und kandidierte deshalb nicht mehr. Zieht man eine Bilanz seines siebenjährigen Wirkens als Vorsitzender, so sind neben dieser Mittlerrolle zwischen der älteren und der jüngeren Generation, der er den Weg in die Ver­antwortung geebnet hat, wohl vor allem folgende Bereiche zu nennen: Vorsorge für die Zu­kunft durch Umsetzen der Konzeption des „Siebenbürgen-Instituts“, mit Erwerbung und Ausbau des neuen Institutsgebäudes in der Gundelsheimer Schloßstraße und Einsatz für die finanzielle Unabhängigkeit der siebenbürgischen Forschungs- und Dokumentationsarbeit bis hin zur Gründung der „Stiftung Sieben­bürgische Bibliothek“; Verbesserung der Kooperation zwischen allen im Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturrat vertretenen Einrich­tungen, den er als 2. Vorsitzender mit leitete; Intensivieren der Publikationstätigkeit in den von ihm mit herausgegebenen Buchreihen des Arbeitskreises; Fort- und Weiterführen der grenzüberschreitenden wissenschaftlichen Ko­operation durch gemeinsame Tagungen und Veröffentlichungen. Nicht zuletzt wird die souveräne, ebenso verbindliche wie bestimmte und klare Leitungsarbeit allen, die sie erleben durften, in angenehmer Erinnerung bleiben.

Er wird dem bereits genannten Sieben­bürgen-Institut fehlen, der akademischen Einrichtung, die er als Vorsitzender des Arbeits­kreises implementiert hat und die inzwischen ein An-Institut der Universität Heidelberg ge­wor­den ist. Ihm galt sein weitblickender Einsatz bis zuletzt. Die Idee, eine Stiftung zu etablieren, aus deren Erträgen das Siebenbürgen-Institut, die anderen Kultureinrichtungen der Sieben­bürger Sachsen in Gundelsheim finanziert werden sollen, weil die öffentlichen Fördermittel versiegen könnten, hat er vorangetrieben in ei­ner Zeit, als dieser „worst case“ noch lange nicht eingetreten war und manche sich noch beruhigt ins staatliche Polster zurückgelehnt haben. Ihr galt sein bewegender Appell am Verbandstag der Siebenbürger Sachsen am 4. November 2007 in Bad Kissingen. Günther Tontsch war nicht der Mann der pathetischen Worte, aber er konnte eindringlich und überzeugend sein.

Typisch für seine Art sind etwa die damals gesprochenen Sätze: „Die Stiftung hat den Vorteil, dass sie uns überleben wird. Da sie zweckgebunden ist, wird sie das Bestehen von Siebenbürgischer Bibliothek und Sieben­bürgen-Institut auch dann gewährleisten können, wenn es keine Siebenbürger mehr geben sollte. Nichtsiebenbürger werden dann dort siebenbürgische Forschung weiterführen.“

Günther Tontsch wird allen, die ihn kannten und denen er nun so sehr fehlt, nicht nur eine bleibende Erinnerung sein. Sein Wirken ist Ansporn und Verpflichtung zugleich für alle, denen Kultur und Geschichte Siebenbürgens etwas bedeutet.

Konrad Gündisch

Schlagwörter: Nachruf, Gundelsheim, Siebenbürgische Bibliothek, AKSL

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