8. September 2009

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Herausragender Archivar und Historiker: Gernot Nussbächer wurde 70

„Ad fontes!“ – Diese Aufforderung der Humanisten und Reformatoren, sich in der Geschichtsschreibung auf die überlieferten Quellen zu stützen und nicht auf Vermutungen, Thesen, Gegenthesen und Interpretationen derselben, könnte von Gernot Nussbächer stammen.
Nicht nur, weil er sich intensiv mit Humanismus und Reformation, vor allem mit seinem siebenbürgischen „Haupthelden“ Johannes Honterus befasst hat und befasst, sondern auch, weil er, der Archivar, sozusagen als Hüter der Geschichtsquellen deren Bedeutung einzustufen und zu interpretieren versteht. Und nicht zuletzt, weil er sich und seiner Gemeinschaft in kommunistischer Zeit mit der nüchternen Wiedergabe dessen, was in den Urkunden und Chroniken zu finden ist, die Möglichkeit geschaffen hat, über die Vergangenheit der Siebenbürger Sachsen zu informieren, sich damit auch einen halbwegs funktionierenden Schutzschild aufbauen konnte gegen die Anfechtungen und Anfeindungen des Regimes. Der Vorsitzende des Siebenbürgenforums Dr. Paul ...Der Vorsitzende des Siebenbürgenforums Dr. Paul Jürgen Porr (Mitte) überreichte Gernot Nussbächer am 25. August die Honterus-Medaille. Rechts im Bild: Wolfgang Wittstock, Vorsitzender des Kronstädter Kreis- und Ortsforums. Foto: Hans Butmaloiu Ein nur halbwegs funktionierender Schild, denn der am 22. August 1939 in Kronstadt geborene Wissenschaftler wurde 1986 nach fast einem Vierteljahrhundert kompetenten, für die Quellen ebenso wie für die Forscher segensreichen Wirkens aus dem Archivdienst entfernt und in die Kreisbibliothek Kronstadt abgeschoben. Im Frühjahr 1989 wurde er Bezirksanwalt beim Kronstädter evangelischen Bezirkskonsistorium, nach der Wende in Rumänien aber umgehend wieder beim Staatsarchiv eingestellt. In der Festschrift, die die Kronstädter Kreisbibliothek anlässlich seines 65. Geburtstag mit dem Titel „In honorem Gernot Nussbächer“ herausgegeben hat, nimmt der damalige Generaldirektor der Rumänischen Nationalarchive, Prof. Dr. Mihai Lungu, auch aus diesem Grund den sächsischen Quellenbewahrer und -interpreten symbolisch in das Goldene Buch der rumänischen Archivistik auf.

Als Historiker gehört Gernot Nussbächer zweifellos zu den produktivsten. Bis zum 30. Juni 2009 konnten 1 435 Beiträge aus seiner Feder gezählt werden, davon 35 eigene Bücher und weitere 18 Mitarbeiten an wichtigen Geschichts- und Quellenwerken, unter ihnen das „Urkundenbuch zur Geschichte der Deutschen in Siebenbürgen“ (Bände 6 und 7 in Zusammenarbeit mit Herta, Gustav und Konrad Gündisch erschienen, an Band 8 zusammen mit dem Verfasser dieser Zeilen arbeitend). Inzwischen ist die Nummer 1 450 in seinem Werksverzeichnis noch nicht erreicht, aber der Rentner arbeitet unbeirrt und mit bekanntem Fleiß weiter, an seinen Forschungen ebenso wie als Berater des Archivs der Schwarzen Kirche, als gewesener Museograph des Mureşenilor-Museums sowie als bereitwilliger Helfer unzähliger jüngerer und älterer Erforscher Siebenbürgens.

Auf sein bisheriges Werk zurückblickend kann man vor allem die zentralen Beiträge zur Honterusforschung, zur Buch- und Papiergeschichte und zur Ortsgeschichte Siebenbürgens hervorheben. Bereits 1973 erschien seine stichwortartige Biographie „Johannes Honterus. Sein Leben und Werk in Bild“ die mehrere Neuauflagen verzeichnete, auch in rumänischer Fassung. Eine anschaulichere, darauf basierende Biographie erschien 1997. Weitere zwei „Beiträge zur Honterus-Forschung“ erschienen 2003 und 2005. Vor 1989 legte Nussbächer den Schwerpunkt auf Leben und Werk, danach widmete er sich der Rezeptionsgeschichte und der Wirkung von Honters Werk, wobei er auch die Art der Erinnerung der Siebenbürger Sachsen an ihren bedeutendsten Humanisten und Reformator thematisierte.

Dem Biographen wurde dafür im Honterus-Jahr 1998 der Georg-Dehio-Preis der Künstlergilde Esslingen verliehen und jüngst (Ende August 2009) erhielt er seitens des Demokratischen Forums der Deutschen in Siebenbürgen für sein Gesamtwerk die Johannes Honterus-Medaille. Der Vollständigkeit wegen sei auch die Verleihung des Apollonia Hirscher-Preises, gestiftet von den Heimatortsgemeinschaften Kronstadt und Bartholomä in Deutschland und dem Demokratischen Forum der Deutschen in Kronstadt, im Jahre 2008 erwähnt. Der Name des Preises erinnert an eine bedeutende Kronstädter Kauffrau, über die Nussbächer natürlich auch geforscht hat. Seine Verdienste um die bessere Kenntnis der Geschichte von Kronstadt und des Burzenlandes würdigte der Kronstädter Kreisrat 2002 durch ein Ehrendiplom. Weitere Ehrungen dürften folgen.

Durch seine Veröffentlichungen in den rumäniendeutschen Printmedien (insbesondere „Volkszeitung“, dann „Karpatenrundschau“ und „Neuer Weg“, dann „Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien“) hat Nussbächer das Heimatbewusstsein seiner Landsleute gefördert und gestärkt. Die besten Arbeiten hat der Verfasser zwischen 1981 und 2008 in bislang acht Bänden unter dem Titel „Aus Urkunden und Chroniken. Beiträge zur siebenbürgischen Heimatkunde“ publiziert und mit Anmerkungen versehen – ein unerlässlicher Ausgangspunkt aller ortsmonographischen Ansätze in Siebenbürgen und in Deutschland. Diese Bände enthalten präzise Information über Ereignisse und Begebenheiten aus der Geschichte einer siebenbürgischen Ortschaft, über Namen, Gewerbe, Zünfte und Persönlichkeiten des Ortes. Viele der darin präsentierten Details führen über die Lokalgeschichte hinaus und lassen die Gesamtgeschichte Siebenbürgens facettenreicher erscheinen. Gernot Nussbächer beweist immer wieder aufs Neue, dass Genauigkeit und Nüchternheit unerlässlich sind. Der Autor nimmt die Heimat und die Heimatkunde ebenso ernst wie seine Leser. Deren Zahl (die etwa an den acht Bänden „Aus Urkunden und Chroniken“ sowie an deren Auflage abzulesen ist) beweist, dass seine Art der trockenen, aber zuverlässigen Berichterstattung Geschichte interessant machen kann, gerade für Menschen, die es satt sind, den Übertreibungen und Fälschungen ideologienfixierter Geschichtsschreibungen zu folgen.

Durch weitere Veröffentlichungen in rumänischer und ungarischer Sprache hat Nussbächer zur Kenntnis der Siebenbürger Sachsen unter den anderen Völkern beigetragen, die Verständigung zwischen den Ethnien und Kulturen Siebenbürgens vorangebracht. Das entspricht seinem Selbstverständnis als Vermittler zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart sowie als Brückenschläger zwischen den siebenbürgischen Völkern. Dem tief gläubigen Jubilar wünschen alle an Geschichte und Heimatkunde Siebenbürgens Interessierten Gottes Segen und ungebrochene Schaffenskraft.

Konrad Gündisch

Schlagwörter: Kultur, Archivar, Kronstadt

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