25. November 2018

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Fünf Monate als IPS-ler im Deutschen Bundestag

Das Internationale Parlaments-Stipendium (IPS) steht jährlich etwa 120 Stipendiaten aus der ganzen Welt offen, die fünf Monate in Berlin leben und arbeiten und hier die Abläufe im Deutschen Bundestag hautnah miterleben können. Einer von ihnen war in diesem Jahr Wolfgang Guib: 1994 in Reps geboren und aufgewachsen in Mediasch, studierte er Jura in Hermannstadt, wo er auch lebt, zur Zeit Masterand an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät ist und für eine deutsche Firma arbeitet. Über seine Zeit im Deutschen Bundestag hat er einen aufschlussreichen Erlebnisbericht verfasst.
Auf der Webseite des Deutschen Bundestags stellt sich das Internationale Parlaments-Stipendium (IPS) folgendermaßen vor: „Wenn Sie aus Mittel-, Ost- und Südosteuropa, Frankreich, Israel, Nordamerika oder dem arabischen Raum kommen, dann können Sie mithilfe des Internationalen Parlaments-Stipendiums des Bundestages fünf Monate die Abläufe im Deutschen Bundestag mitverfolgen, davon drei in einem Abgeordnetenbüro mitarbeiten. Der Deutsche Bundestag vergibt mit der Freien Universität Berlin, Humboldt-Universität zu Berlin sowie der Technischen Universität Berlin jährlich etwa 120 Stipendien für junge Hochschulabsolventen aus 42 Nationen. Das Programm dauert jedes Jahr vom 1. März bis zum 31. Juli. Ziele sind: Beziehungen zwischen Deutschland und den Teilnehmerländern zu fördern; demokratische Werte und Toleranz zu festigen; Verständnis für kulturelle Vielfalt zu vertiefen; friedliches Zusammenleben in der Welt zu sichern.“

Ich hatte das Glück, von einem damaligen Mitglied des Bundestages (MdB) vom Internationalen Parlaments-Stipendium zu erfahren, begann mich dafür zu interessieren und schnell war der Entschluss gefasst: Ich will teilnehmen. Warum? Das war ganz klar für mich: Auslandserfahrung, die deutsche, aber auch internationale Politik kennenlernen, Freundschaften schließen, Kontakte knüpfen, die internationale Zusammenarbeit stärken.

Die zweite Etappe des Auswahlprozesses war ein Gespräch mit der 5-köpfigen Auswahlkommission in der Deutschen Botschaft in Bukarest. Nach vielen inhaltlichen Fragen zum Wahlsystem Deutschlands, den Parteien, der Staatsform und auch zu den persönlichen Zielen wurde ich ausgewӓhlt, einer der drei IPS-Stipendiaten aus Rumänien für das Jahr 2018 sein. Bei diesem Gesprӓch lernte ich auch „meinen“ Abgeordneten Gero Storjohann MdB von der CDU kennen, der mich gleich für sein Büro bestimmte.Wolfgang Alexander Guib im Bundestag. ...Wolfgang Alexander Guib im Bundestag. 1. März – Startdatum des IPS: Anmeldung bei der Humboldt-Universität und Einzug in die Wohnanlage, wo je zwei Teilnehmer des Programms zusammen in einem Appartement wohnten – eine große Hilfe beim Einstieg in das Stipendiatenleben. Mein Mitbewohner aus Ägypten war der erste der vielen Freunde im IPS. Die ersten Tage führten zu intensiven Gesprächen über Herkunft, Heimatland, Geschichte, Religion und Politik mit den neuen Kollegen. Eifriges Erzählen, aber auch Zuhören waren an der Tagesordnung und so lernten wir 120 Stipendiaten aus 42 Staaten uns alle schnell kennen.

Nach der Zeit des Kennenlernens folgten die geplanten Termine und Veranstaltungen. Zu diesen gehörte die Präsentation des jeweiligen Heimatlandes im Paul-Löbe-Haus, wo ich die Ehre hatte Rumänien vorzustellen. Der folgende Fraktionstag mit Besuchen bei den Fraktionen der CDU/CSU, der FDP und der Linken war ebenfalls ein Highlight. Ein weiterer Höhepunkt war die Auftaktveranstaltung „Willkommen in Berlin“, der erste Berührungspunkt für die Stipendiaten mit dem Büro und dem Abgeordneten. Ein persönliches Kennenlernen mit meinen Büromitarbeitern und ein Gespräch mit Gero Storjohann, der mich für sein Büro ausgewӓhlt hatte, und der anschließende gemeinsame Abend auf der so genannten Fraktionsebene im Reichstag rundeten den offiziellen Beginn des Praktikums ab.

Gerne möchte ich den Besuch der Hanns-Seidel-Stiftung im Kloster Banz vermerken, wo wir uns in Gesprächen und Seminaren mit dem Nationalsozialismus befassten. Zu den Programmpunkten gehörten auch eine Stadtführung in Nürnberg und der Besuch der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Ein anderer Besuch galt der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin, wo wir durch verschiedene Workshops und freie Gruppentӓtigkeiten weitere Aspekte der Stiftungsarbeit kennenlernten.Am 5. Juli 2018, Abschlusstag des Aufenthalts, im ...Am 5. Juli 2018, Abschlusstag des Aufenthalts, im Abgeordnetenbüro zusammen mit dem MdB Gero Storjohann. Foto: Jonathan Berger

Das Praktikum im MdB-Büro

Der 9. April war dann der große Tag: Der erste Arbeitstag im Büro des Abgeordneten, das Kernstück des Programms, hatte begonnen. Die erste Bürowoche war eine sitzungsfreie Woche, daher blieb genügend Zeit, die Liegenschaften des Bundestages besser kennenzulernen und mich nochmals mit den parlamentarischen Prozeduren auseinanderzusetzen. Die zweite Woche hingegen war eine Sitzungswoche – das genaue Gegenteil der Vorwoche. Von morgens bis abends hagelte es eine Vielzahl von Aufgaben, Termine über Termine wurden wahrgenommen, daher war es auch die lehrreichste Zeit des Stipendiums.

Start der Sitzungswoche war der Besuch der Arbeitsgruppe Verkehr und digitale Infrastruktur am Dienstag, anschließend die Arbeitsgruppe Petitionen und danach der Seminarbesuch in der Humboldt-Universität, wo ich ein Sommersemester in Politikwissenschaften absolvierte. Mittwochmorgen ging es von vorne los mit dem Petitionsausschuss am frühen Morgen, gefolgt vom Ausschuss für Verkehr und digitale Infrastruktur. Als Höhepunkt und Nachmittagssport unternahmen wir eine gemeinsame Fahrradtour mit dem MdB durch das Regierungsviertel Berlins, als krönender Abschluss waren wir abends zu einem Empfang einer Abgeordneten eingeladen – so abwechslungsreich und intensiv waren schon die ersten Tage der Sitzungswoche. In dieser Zeit im Büro wurde klar, dass in einer Sitzungswoche jeder der Mitarbeiter, aber auch die MdBs keine freie Minute haben. Natürlich gab es für mich immer Aufgaben und Aufträge der unterschiedlichsten Art, von Botengängen bis hin zum Schreiben von Antworten an Bürger und dem Erstellen von Terminvorbereitungen, aber auch von Berichten und Gutachten zu verschiedenen Themen.

Ein Höhepunkt und ein Dankeschön an den Bundestag war der Lӓndertischempfang Mitte Juni, wo wir IPS-ler unsere Herkunftslӓnder durch Speisen und Getrӓnke, Theater und Musik vorstellten. Diesen Abend vervollstӓndigte das Treffen mit den Alumni des IPS und der Austausch mit den verschiedenen Gästen und Freunden, die eingeladen waren.Beim IPS-Ländertischempfang am 14. Juni 2018 mit ...Beim IPS-Ländertischempfang am 14. Juni 2018 mit den Kolleginnen aus Rumänien, Raluca Iolanda Papuc und Raluca Andreea Solea. Foto: ein IPS-Kollege Zum IPS gehört auch ein Besuch des Wahlkreises des MdB, dem man zugeteilt ist. „Mein“ Wahlkreis lag in Schleswig-Holstein und ich besuchte diesen drei Tage lang. Die Aktivitäten, die ich zusammen mit dem MdB unternahm, waren Schulbesuche, ein Besuch des Hamburger Abendblatts, wo Herr Storjohann und ich ein gemeinsames Interview gaben, ein Besuch des Wahlkreisbüros und das Highlight, der CDU-Landesparteitag zur Europaliste. Diese Reise zeigte, dass auch im Wahlkreis viel getan wird und dass die Bürgernähe wirklich im Fokus steht.

Zu meinen Bereicherungen durch das IPS zӓhle ich das angeeignete politische Wissen und die persönlichen politischen Erlebnisse, die meinen Wunsch in die Politik einzutreten gestärkt haben. Die Kontakte und die mit meinen Kollegen aus Albanien, Bulgarien, Frankreich, Syrien oder den USA geschlossenen Freundschaften sind mir auch für die Zukunft wichtig und ich werde diese pflegen und ausbauen. Die kulturellen Unterschiede meiner Mitstipendiaten aus Europa, Asien, Afrika und Nordamerika und unserer Herkunftslӓnder, die ich kennengelernt, aber umso mehr auch zu schätzen gelernt habe, sind für mich ein unbezahlbares persönliches Gut geworden, das ich dank des IPS erhalten habe. Ich empfehle dieses Stipendium aus fester Überzeugung weiter und hoffe, nun auch meinen Teil als Brückenbauer in der deutsch-rumӓnischen Zusammenarbeit beizutragen.

Wolfgang Alexander Guib

Schlagwörter: Praktikum, Stipendium, Bundestag, Berlin, Politik, Internationales, deutsch-rumänische Beziehungen

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