30. Dezember 2018

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Modernes Leben im Reich der Mitte: Studienjahr in Peking

Marc Trein wurde 1996 in Frankfurt/Main geboren. Nach mehreren Jahren wohnhaft in Steinbach /Ts. und Velbert-Langenberg zog er 2010 mit seinen Eltern und zwei Brüdern nach Waiblingen. Er studiert zurzeit Betriebswirtschaft an der Universität Bayreuth. Marc Trein ist der Enkel des unter den Siebenbürger Sachsen sehr bekannten Tartlauers Michael Trein (siehe SbZ-Artikel) und ist selbst im Vorstand der Tartlauer Nachbarschaft aktiv. Im Folgenden berichtet er über das Studienjahr, das er bis August 2018 in Peking absolvierte.
Vor einem Jahr ging ein Traum für mich in Erfüllung. Ich kam in Peking an, in einer fremden Welt, auch heute noch in Zeiten der Globalisierung. Ein Studium von zwei Semester habe ich erfolgreich in der Hauptstadt Chinas absolviert machte danach ein zweimonatiges Praktikum bei Bosch in Shanghai.

Als ich 2016 von Stuttgart-Hohenheim an die Universität Bayreuth wechselte, wurde mir gleich in einer der ersten Semesterwochen das „deutsch-chinesische BWL Doppelabschlussprogramm“ vorgestellt. Das Programm enthält neben dem deutschen Bachelor auch einen chinesischen Bachelor, nach erfolgreichem Absolvieren eines Studienjahres in China. Obwohl ich neu an der Uni und damit eigentlich schon genug beschäftigt war, ging mir das Double Degree Programm nicht mehr aus dem Kopf. Immerhin ist es eine super Zusatzqualifikation zu dem Massenstudiengang BWL. Nachdem ich die strengen Vorraussetzungen erfüllt hatte, die aus zwei Semestern Chinesisch Unterricht und dem C1 Niveau Englisch bestehen, konnte ich mich endlich bewerben.

Fast auf den Tag genau ein Jahr nach meinem Wechsel nach Bayreuth, stand ich also am 3. September 2017 am Frankfurter Flughafen, um in Kürze mein Auslandsjahr in Peking am Beijing Institute of Technology anzutreten. Campus des Beijing Institute of Technology in ...Campus des Beijing Institute of Technology in Peking. Foto: Marc Trein Gute elf Stunden später war ich in Peking gelandet. Schon am Flughafen merkte ich schnell, dass man mit Englisch hier nicht sehr weit kommt. Zwar sind die wesentlichen Informationsschilder in englischer Sprache verfasst oder zumindest mit internationlen Symbolen beschriftet, jedoch verstehen und sprechen selbst die Angestellten des internationalen Flughafens nur sehr mäßig ausländische Sprachen, was sinnbildlich für einen großen Teil der chinesischen Bevoelkerung gilt. Dies ist eine erschwerende Situation, die der normale China Tourist oder geschäftlich Reisende vielleicht nicht so mit bekommt, da diese in der Regel vom Flughafen von englisch- oder sogar deutschsprachigen Angestellten von Hotels oder Firmen in Empfang genommen werden. Ich spürte das jedoch sofort, da ich mich selber vom Flughafen zu meinem Wohnheim durchschlagen musste und somit von Anfang an auf meine chinesischen Grundkenntnisse angewiesen war.

Als ich endlich meine neue Wohnung im internationalen Studentenwohnheim des Beijing Institute of Technology (BIT) in der Hauptstadt der Volksrepublik China erreichte, war ich mittlerweile 16 Stunden unterwegs. Was ich jedoch dann sah, ließ mich erstarren. Dass es sich dabei um ein Doppelzimmer mit Hochbetten handeln würde, war mir schon im Vorfeld bewusst. Ich hatte mich extra für das etwas teurere, zwei Jahre alte Wohnheim entschieden, um vierer oder sechser Zimmer zu vermeiden.

Aber dass jemand ein derart dreckiges und runtergekommenes Zimmer weitervermieten würde, hätte ich nicht erwartet. Ich wusste gar nicht, wo ich zuerst hinschauen sollte, auf die Kakerlaken, den Dreck oder die verschmutzte chinesische „Matratze“, die nicht viel dicker als zwei Finger war. Ebenso gut hätte man auf der Holzplatte schlafen können.

Also hieß es, zusammen mit meinem bosnischen Mitbewohner, die halbe Nacht zu putzen, bis wir uns zumuteten, die erste Nacht in Peking verbringen zu können. Da es aber allen neuen internationalen Studenten gleich erging, konnte man hier schon die ersten (Putz-) Freundschaften schließen und - statt Handynummern – Besen, Mob und Lappen tauschen. Marc Trein (Mitte) mit Kommilitonen in Peking. ...Marc Trein (Mitte) mit Kommilitonen in Peking. Bei der Begrüßungsfeier der internationalen Studenten am nächsten Tag sammelte die Vorsitzende des International Office jedoch wieder einige Pluspunkte mit ihrer Äußerung, „das BIT nimmt nur die besten Studenten“. Ein Satz, der uns allen nach dem Wohnheimschock wie Honig runterging. Ich wünschte mir, meine Eltern hätten ihn auch hören können.

Dieser Satz bedeutete für uns Studenten jedoch auch Anwesenheitspflicht in allen Kursen, auch Samstag und Sonntag. Hausaufgaben und regelmäßige Tests standen genauso auf der Tagesordnung wie Präsentationen und Hausarbeiten, die das Lernniveau überprüfen sollten. Alles in allem hat Studieren in China etwas sehr Schulisches und ist erst einmal ungewohnt.

Ebenso ungewohnt war, zumindest am Anfang, das Essen. Da Essengehen für Europär vergleichsweise günstig ist, habe ich in der gesamten Zeit nicht ein einziges Mal kochen müssen. Jedoch muss man sich dann mit dem chinesischen Essen anfreunden können. Da ich bereits in Deutschland gerne Chinesisch gegessen habe, war dies kein großes Problem für mich. Allerdings möchte ich an dieser Stelle zwei Vorurteile über chinesisches Essen aus dem Weg räumen. Zum einen sucht man die in jedem durchschnittlichen China Restaurant in Deutschland vorhandene Peking Suppe in Peking vergeblich. Auch die berühmte Peking Ente wird anders serviert, als man es etwa aus chinesischen Restaurants in Deutschland kennt. Allerdings sind mir auch Hund, Katze etc. im gesamten Jahr nie auf dem Teller begegnet. Lediglich einmal habe ich einen Skorpionspieß probiert, und zwar auf einem speziell für Touristen angebotenen Markt.

Nicht unwahrscheinlich ist jedoch, dass gerade bei besagter Pekingente alles serviert wird und damit meine ich sowohl Kopf als auch Füße und Innereien. Auch lieben die Chinesen es, Knochen abzunagen. An fast jedem Stückchen Fleisch finden sich Knorpel oder Knochen. Was sich für mich meist als lästig erwies, da meine Fähigkeiten, mit Stäbchen umzugehen, zwar gut, aber nicht ausreichend sind, um den Knochen zu halten und abzunagen. Die Chinesen erwiesen sich hingegen als wahre Künstler dieses Faches. Einzig an das Schmatzen im Restaurant, das hier zu Ausdruck bringen soll, dass das Essen gut schmeckt, werde ich mich wohl nie gewöhnen können.

Neben dem Studium liebten wir vor allem das Feierngehen, für das sich das Nachtleben in Beijing als bestens geeignet heraustellte. Die Clubs haben 7 Tage die Woche offen und sind an jedem Tag voll belegt.

Schnell wurde jedoch klar, dass wir zwei Probleme zu bewältigen hatten. Erstens ist Peking von der Fläche etwas größer als Schleswig-Holstein und beherbergt mit fast 22 Millionen Einwohnern knapp doppelt so viele wie ganz Baden-Württemberg. Für uns hieß das mit dem Taxi ca. eine Stunde Fahrt bis zu den Clubs. Das zweite Problem war, dass der Campus um 24 Uhr durch die Polizei abgeriegelt und bewacht wurde und erst um 6 Uhr morgens wieder seine Pforten öffnete. Diese zeitlichen Vorgaben hieß es durchzuhalten!

Wer jedoch mal in Beijing feiern war, weiß, dass dies nicht allzu schwer ist. Die Clubs stehen denen in London, Ibiza und München in Sachen Dekadenz und Überfluss in nichts nach, was schon die vielen Ferraris, Rolls-Royce und Maybachs vor den Türen belegen. Champagner und Vodka fließen im Überfluss und sind für Ausländer meistens kostenfrei, da diese das Ansehen der Clubs steigern und reiche Chinesen dazu bewegen, mehr Geld auszugeben.

Dies zeigt, welches Ansehen wir „Langnasen“ in China genießen. Bestärkt wurde dies noch bei unseren Erkundungstrips durch Peking, bei denen wir immer wieder als Fotomodels mit wildfremden Chinesen herhalten mussten. Marc Trein auf der chinesischen Mauer, 2018. ...Marc Trein auf der chinesischen Mauer, 2018. Ganz interessant fand ich auch die Rolle der deutschen Botschaft in Peking, die den Zusammenhalt der dort lebenden Deutschen fördert. Es werden diverse Veranstaltungen auf dem Botschaftsgelände über das Jahr verteilt durchgeführt, wie Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit, Weihnachtsmarkt etc. Schön ist auch, dass man durchaus Bekannte aus Deutschland, insbesondere dem Großraum Stuttgart trifft und sich darüber sehr freut. Das ist dem Umstand zu verdanken, dass große deutsche Firmen, wie Mercedes Benz, hier ihren Sitz haben.

Beijing ist nicht nur die politische, sondern auch kulturelle Hauptstadt Chinas. Mit unzähligen Tempeln aus diversen Epochen, der verbotenen Stadt und letztendlich der Chinesischen Mauer, dem größten Bauwerk der Erde, bietet sie genug Potential, um selbst den motiviertesten Touristen zu sättigen und uns, neben dem Studium, ausreichend zu beschäftigen.

Wer über China schreibt, muss heute freilich auch das Thema digitale Vernetzung ansprechen. Während man in Deutschland in manchen Bereichen noch sehr kritisch und engstirnig über Handys nachdenkt und sie am liebsten aus Schulen oder vom Arbeitsplatz verbannen würde, haben die Chinesen das Smartphone als modernes Werkzeug längst in ihren Alltag integriert. Selbstverständlich ist es nervig, auf dem Bürgersteig einen „Handy-Zombie“ vor sich zu haben, der mit sehr geringer Geschwindigkeit ein Bein vor das andere setzt, die Augen fest auf das Display gerichtet, um einen Film zu sehen, ein Spiel zu spielen oder ein Buch zu lesen. Allerdings ist das nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist, dass das Smartphone zum Beispiel als Ticket für die Metro, als „Schlüssel“ für Fahrräder, als einfache bargeldlose Bezahlmethode und vieles mehr genutzt werden kann.

Das sogenannte „Bike sharing“ ist sehr beliebt in China auf Grund des enormen Verkehrsaufkommens. Dabei bieten mittlerweile einige Firmen Fahrräder an, die in der ganzen Stadt verstreut rumstehen und die man freischaltet, indem man einen Barcode mit dem Handy scannt. Dabei öffnet sich das Fahrradschloss und das Rad kann genutzt werden. Am Ziel angekommen, verschließt sich das Rad wieder und bleibt dort stehen, bis es der Nächste nutzt.

Gerade das bargeldlose Bezahlen via Smartphone werde ich in Deutschland vermissen. Dies wird hauptsächlich über zwei große Firmen in China angeboten, WeChat, dem chinesischen WhatsApp, und Alibaba, dem chinesischen Pendant zu Amazon. Dabei wird ebenfalls einfach der QR-Code an der Kasse gescannt, der Betrag ins Handy getippt, die Geheimzahl oder der Fingerabdruck eingegeben und schon ist der Bezahlvorgang abgewickelt. Ebenso praktisch ist dies, da man ganz bequem Geld von einem Handy zum anderen senden kann. Gehen zum Beispiel mehrere Personen miteinander essen und einer zahlt die Rechnung, kann man dem Zahler ganz bequem den zu schuldenden Betrag schicken, wenn man nicht die lästige Menge an Münzen besitzt. Das Handy reduziert als täglicher Begleiter die Gegenstände, die man ansonsten mit sich herumschleppen muss, wie EC- und Kreditkarte, Bargeld, Fahrradschlüssel, Tickets etc. Marc Trein vor Bosch in Shanghai. ...Marc Trein vor Bosch in Shanghai. Bei Bosch in Shanghai machte ich ganz neue Erfahrungen im praktischen Arbeitsleben. Shanghai ist anders als Peking. Sehr modern, sehr betriebsam, sehr westlich. Es ist spannend, wenn man schon morgens eingequetscht wie eine Ölsardine in der Dose mit der U-Bahn zur Arbeit fährt, in die schönen klimatisierten Büros geht und dem arbeitsamen Treiben der chinesischen, deutschen und internationalen Kollegen zuschaut und mitmacht. Es ist manchmal schwer zu glauben noch in China zu sein, wenn es morgens im firmeneigenen Café Bretzeln zum Frühstück und Bratwürstchen mit Kartoffelpüree zum Mittagessen, anstelle von Reis und Fleisch mit Knochen gibt. Auch die Sprachbarriere existiert hier nicht mehr, da die offizielle Firmensprache Englisch ist und man sich dementsprechend mit sehr gut ausgebildeten chinesischen Kollegen auf Englisch oder sogar Deutsch unterhalten kann.

Wieder in Deutschland, blicke ich wehmütig zurück auf die Zeit im Reich der Mitte. Die große Freundlichkeit der Chinesen gegenüber Ausländern, die festen Freundschaften, insbesondere mit den internationalen Kommilitonen, die sich hier gebildet haben, die zwangsmäßig angeeigneten Putz- und Reparaturfertigkeiten, die vielen Sehenswürdigkeiten und Erfahrungen, die es nur in Beijing, Shanghai und China gibt. Gespannt blicke ich in die Zukunft, welche Rolle dieses riesengroße Land noch für mich spielen wird.

Marc Trein

Schlagwörter: Reisebericht, Studienjahr, Studium, Peking, China, Tartlau

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