9. Oktober 2022

Kulturpreis 2022 für Geretsrieder Urzeln

Der Bund der Vertriebenen (BdV), Landesverband Bayern, hat am Sonntag, dem 11. September, seinen mit 2000 Euro dotierten Kulturpreis der Urzelnzunft Geretsried zugesprochen. Zwölf der insgesamt 60 Urzeln fuhren zusammen mit ihrem Vorsitzenden Peter Wagner nach Waldkraiburg, um die hohe Auszeichnung im Haus der Kultur entgegenzunehmen.
Die Urzelnzunft Geretsried wurde mit dem BdV ...
Die Urzelnzunft Geretsried wurde mit dem BdV-Kulturpreis ausgezeichnet, jeweils von links nach rechts, obere Reihe: Eduard Philp, Kerstin Wagner, Peter Wagner, Hilde Hann, Michael Hann; untere Reihe: Hermann Groß, Gerhard Eitel, Karin Groß, Maria Wagner, Erna Philp, Uschi Schuller, Christian Schuller. Foto: privat
Die Urzeln zogen natürlich mit Peitschenknall und Schellenlärm ein, diesmal jedoch nicht um die bösen Geister zu vertreiben, sondern um ihren Brauch, der seinen Ursprung in Agnetheln hat, gebührend vorzuführen. Christian Knauer, Vorsitzender des BdV-Landesverbands Bayern, ging in seiner Laudatio auf diesen Brauch ein, der im Mittelalter in Siebenbürgen entstanden sein könnte. Als der damalige Marktfleck erneut von den Osmanen belagert wurde, soll eine beherzte Agnethlerin namens Ursula im zotteligen Gewand mit einer Kuhglocke ausgerüstet und peitschenknallend aus der Kirchenburg gestürmt und die Türken damit erschreckt und vertrieben haben. Das zottelige Gewand war aus Stoffresten, den sogenannten Urzen, genäht. Davon könnte der Name Urzeln abgeleitet worden sein.

Christian Knauer betonte, dass der diesjährige Kulturpreis was ganz Besonderes sei. Obwohl man Fasching kaum mit der Tradition der Heimatvertriebenen verbindet, haben die Urzeln aus Geretsried deutlich gemacht, wie sehr sie für die Fortführung einer siebenbürgischen Tradition stehen. „Diese Art der Brauchtumspflege ist bayernweit nahezu einzigartig“, sagte Knauer. In Deutschland gibt es außerhalb von Geretsried noch Urzelnläufe in Sachsenheim, Traunreut, Nürnberg, Weisendorf, Bonn-Niederholtorf und Wolfram-Eschenbach. Er erwähnte auch, dass Horst Wagner, der erste Urzelnmeister von Geretsried, diesen Brauch aus seiner alten Heimat mitgebracht, gepflegt und sein Amt vor fünf Jahren an seinen Sohn, Peter Wagner, weitergegeben hat. Dieser trägt das Amt als neuer Zunftmeister mit Leib und Seele weiter und hat die Geretsrieder Urzeln auf den Weg zu dieser ehrenhaften Auszeichnung gebracht.

Der Kulturpreis 2022 wurde Peter Wagner von der bayerischen Sozialministerin Ulrike Scharf überreicht.

Der Tag der Heimat wurde auch im regionalen Fernsehen übertragen, wo man neben Trompetenmusik und Radau der Urzeln auch Maria Wagner, die Tochter des Zunftmeisters, beim Reifenschwingen bewundern konnte. Somit wurde auch auf diesem Weg vielen Zuschauern ein Jahrhunderte alter Brauch und ein Stück Heimat in diesen schwierigen Zeiten näher gebracht.

In einem Interview erklärte Peter Wagner auf meine Frage, was für ihn die Urzeln, sein Amt und nicht zuletzt diese hohe Auszeichnung vom BdV bedeuten, Folgendes:

„Der Name Urzeln ist alleine eine Legende für sich. Er hat sich aus dem frühen Mittelalter trotz der wechselvollen Geschichte nicht verändert und bleibt auch weiterhin sagenumwoben. Diese Legende weiterzuführen und Menschen dafür zu begeistern, das Brauchtum anzunehmen und es nach allen Regeln der Zunft zu pflegen, auch wenn sie keine Wurzeln in Agnetheln haben, liegt mir sehr am Herzen. Ich kann sagen, ich kam als Urzel zur Welt und mein erster Lauf war ein Urzelnlauf.

Wenn man bedenkt, dass die im Laufe der Jahrhunderte entwickelten Paraden 1941 durch den Zweiten Weltkrieg ihr jähes Ende fanden und bis 1969 in Rumänien verboten blieben und dass in der Anfangsphase des Wiederauflebens des Urzelnbrauches die deutsche Sprache bis 1974 nicht verwendet werden durfte, sehe ich mich verpflichtet, alles mir Mögliche zu tun, um diesen wertvoll erkämpften Schatz, den wir aus der Heimat mitgebracht haben, zu pflegen und zu bewahren. Das geht natürlich nur mit der Unterstützung aller Mitglieder der Urzelnzunft aus Geretsried, denen ich auf diesem Wege ganz herzlich danke. Ein besonderer Dank auch an meinen Stellvertreter Michael Hann, der mich immer tatkräftig dabei unterstützt.

Dieser Kulturpreis bestätigt uns allen, dass sich unser Kampf um den Erhalt des Brauchtums gelohnt hat und anerkannt wird. Der Urzelnbrauch wird in Geretsried seit nunmehr 37 Jahren ausgeführt, Jahre, in denen viele ihr Wissen sagenhaft eingebracht und weitergegeben haben. Wir sind ihnen heute dankbar, denn jeder einzelne Urzel kennt seine Regeln und Pflichten, kann sein Kostüm selber nähen und pflegen, wir können unsere Urzelnlarve nach ihrer Urform selber gestalten, wir haben innerhalb der Urzelnzunft für jeden Handgriff unsere Fachfrauen und Fachmänner. Wir machen alle gemeinsam unser bekanntes Urzelnkraut, das wir mittlerweile mit vielen geladenen Gäste in dem großen Saal der Ratstuben genießen. Auch hier nochmals ein Dankeschön an alle ,abwickelnden‘ Hände.

Ich bin auch stolz darauf, dass die Mitgliederzahl in den letzten Jahren zugenommen hat und dass wir alle gemeinsam die Bedeutung dieses Brauchtums in Geretsried vergrößern konnten. Am Faschingsdienstag geht jährlich eine Gruppe von rund 50-60 Urzeln zum Bürgermeister ins Rathaus und begleitet ihn von dort mit Musik und Sprüchlein auf den Marktplatz hinaus, wo mit Peitschenknall und Schellenlärm dann u.a. auch der Winter ausgetrieben wird.

Unsere Stadt identifiziert sich mit uns Urzeln und hat zum Beispiel ein Kindergeschichtsbuch herausgegeben, das als ,Protagonisten‘ den Urzel verwendet. Ein kleines Urzeln-Maskottchen führt den Leser durch die Geretsrieder Stadtgeschichte. Das Stadtmuseum dokumentiert ebenfalls in einer eigenen Abteilung den Urzelnbrauch.

All dieses freut uns sehr und spornt uns an, unentwegt weiter zu machen. Ich bin stolz auf meine Urzeln und ich bin stolz der Vorsitzende oder sogenannte Zunftmeister einer so wunderbaren Zunft zu sein. Unseren Ruhm und Stolz teilen wir natürlich auch mit unserer Kreisgruppe, unter deren Obhut wir stehen. Wir sind allesamt Mitglieder der Kreisgruppe Bad Tölz-Wolfratshausen und bringen nebst dem erhaltenen Preisgeld von 2000 Euro auch unsere gesamte ,Urzelnkraft‘in viele andere Aktivitäten ein. Wir danken dem Vorstand und der Vorsitzenden Ursula Meyndt für ihre Unterstützung.“

Ich danke Peter Wagner für dieses aufschlussreiche Gespräch und wünsche ihm und der gesamten Geretsrieder Urzelnzunft viel Erfolg in dieser wunderbaren Art der Brauchtumspflege einer legendären siebenbürgischen Tradition aus Agnetheln. Hirräi!

Roland Widmann

Schlagwörter: Urzeln, Geretsried, Urzelnzunft, BdV

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