6. Dezember 2010

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Hans Bergels „Geschichten aus einem abenteuerlichen Leben“

Von einem, der gerade fünfundachtzig wurde, in einer geistigen und körperlichen Verfassung, die staunen macht, und mit einem Gepäck an Leistungen literarischer und sozialer Art, das so geräuscharm entstanden ist, wie es überreich vor uns steht – von einem solchen Menschen sollte man Lebensgeschichten unbedingt lesen. Denn Hans Bergel, der hier gemeint ist und der zu Recht annimmt, dass sein Bekanntheitsgrad den von Marcel Reich-Ranicki nicht erreicht, schreibt bescheidenerweise keine Memoiren, sondern gießt das reichlich Erlebte in die Form der „Geschichte“, was immer man darunter versteht. Die in dem hier besprochenen Band „Am Vorabend des Taifuns“ vorkommenden Personennamen, wenn auch nicht alle, wurden, wie einem Vermerk am Buchbeginn zu entnehmen ist, „sei es auf Wunsch der Betroffenen, sei es der Angehörigen, geändert“.
Das ist insoweit eine kluge Maßnahme, als das Veränderte oder Unterdrückte in den Personalien zum Verständnis der Situation ohnehin nichts beiträgt, dafür aber das Exemplarische umso reiner hervortreten beziehungsweise, im anderen Fall, nämlich dem der Mitwisserschaft, eine altbekannte Fratze ähnlich dem Springteufel aus der Box blitzartig emportauchen lässt.

In der ersten der dreiunddreißig Geschichten tritt gleich eine Königin auf, Maria, Mutter Carols II. von Rumänien, Witwe des 1927 verstorbenen Königs Ferdinand. Sie lässt die zwei Schulfreunde Hans und Flori auf der burzenländischen Törzburg mit ihren Flöten zum Tanz aufspielen und füttert sie mit feinstem Naschwerk. Einem Kind aus Bergels heimatlichem Rosenau kommt das alles überhaupt nicht verwunderlich vor, denn in diesem der Törzburg benachbarten Ort mit der stolzen Bauernfestung auf hundertfünfzig Meter hohem Hügel sind Majestäten aus dem Hause Hohenzollern-Sigmaringen, aus offener Limousine in die Runde winkend, häufig genug zugange.

l ...Aber gleich nach der Königsgeschichte können wir in dem Band eine weitere, „Das einfache Leben“ betitelte lesen, und die spielt in dem schon erwähnten „Königsort“ Rosenau bei Kronstadt und teilt Familienanekdotisches detailreich mit. Vater Bergel erwirbt eine Büffelkuh, um die Familie gesund zu ernähren, aber das launische Tier gibt zunächst keinen Tropfen Milch. Erst als man einen büffelkundigen Menschen zu Rate zieht, wird klar: Das pechschwarze Rindvieh lässt sich nur musikalisch melken, und zwar nicht etwa so allgemein, sondern ganz gezielt, nämlich mit Vater Bergels virtuosem Geigenspiel im Ohr.

Auf die dörfliche Idylle folgt Ergreifend-Nachdenkliches, „Die Himmelsleiter“, eine Geschichte, die Bergel-Lesern aus früheren Bänden bekannt ist, aus der Erzählungssammlung „Im Feuerkreis“ von 1972 und aus einer weiteren, die „...und Weihnacht ist überall“ betitelt und 1988 erschienen ist. Dort war der Text allerdings noch „In dulci jubilo“ überschrieben. In Weihnachtsstimmung getaucht, ist es ein Requiem für den bei einem Lawinenunglück umgekommenen jüngsten der Bergel-Brüder. Dann bricht bald der Krieg in die siebenbürgische Idylle. Ein Junge aus der Banater Heide namens Bischoff kreuzt den gymnasialen Weg des jungen Bergel. Sie sehen sich lange nicht, aber dann plötzlich unverhofft wieder, als Bischoff auf einem Bahnhof von deutschen „Feldjägern“ in Handschellen abgeführt wird. Die rätselhafte Szene erfährt Jahre später ihre Auflösung: Der junge Banater wurde in die SS gepresst und dem KZ Auschwitz zugeteilt. Von dort floh er und wurde nach seiner Festnahme als Deserteur exekutiert.

Wir befinden uns zehn Jahre nach dem Krieg wieder in Kronstadt. Prinz Sturdza ist seine „drei Tode“, die er bereits in dem Band „Im Feuerkreis“ erleidet, ein weiteres Mal gestorben, und wir werden nun gleich mit einer ganz neuen, diesmal „Deutschen Geschichte“ bekannt gemacht. Der Autor lässt den Chefredakteur einer Kronstädter deutschen Wochenzeitung auftreten, der wohl einem Angehörigenwunsch entsprechend keinen Namen trägt, dafür aber eine sehr beredte „Babyphysiognomie mit rattenhaften Zügen“ besitzt und seinen Kulturchef Bergel damit beauftragt, einen „Genossen Arbeiter-Schriftsteller“ aus der DDR, Gast des Stalin-/Kronstädter Regionsparteikomitees, zu begleiten und zu betreuen. Der allerdings trägt dann doch einen Namen, wenn auch einen völlig zerkauten und zerknautschten, nämlich „Äama Wäana Uptsch“. (Das Lexikon „Schriftsteller der DDR“ von 1975 kennt einen ähnlich klingenden Hermann Werner Kupsch.) Man wird aus „Äama Wäana Uptsch“, was die wahre Identität des Trägers angeht, überhaupt nicht klug, was jedoch interessanterweise bei dem Chefredakteur ohne Namen, doch mit den „rattenhaften Zügen“, sehr wohl der Fall ist. Woraus sich schließen lässt, dass Namen bloß Schall und Rauch sind, dass indes selbst eine skizzenhafte Personen-Beschreibung wie die weiter oben erkennungsdienstlich Hervorragendes leistet.

Der Genosse Arbeiterschriftsteller „Uptsch“ benimmt sich trotz sorgsamster Betreuung durch den begleitenden Journalisten Bergel wie die Axt im Walde, indem er die rumänischen Genossen Gastgeber vom Regionsparteikomitee Stalin-/Kronstadt mit seinen Unmutsäußerungen über etliche absolvierte Besuche konfrontiert, so in einer deutschen Schulklasse, so in den Traktorenwerken der Stadt, so auf der Törzburg. Wie waren sie deshalb alle froh, als der Genosse „Uptsch“ Richtung „Erster deutscher Arbeiter- und Bauernstaat (und zweiter Bonzenstaat) auf deutschem Boden“ davonfuhr und nicht wiederkam.

Was sind diese „Geschichten aus einem abenteuerlichen Leben“ nun doch? Es sind die geschliffenen Mosaiksteine eines romanesken Panoramas, von dem wir mit „Wenn die Adler kommen“ (1996) und „Die Wiederkehr der Wölfe“ (2006) erst zwei Teile in Händen halten, also die literarisch durchgestaltete Biographie des jungen Peter Hennerth bis Ende des Zweiten Weltkriegs, doch dann mit dem Roman „Tanz in Ketten“ (1977) auch noch einen Vorgriff auf die Zeit der rumänischen Terrorprozesse und auf Bergels Kerker- und Lagerjahre zwischen 1959 und 1964. Alles, was in den vorliegenden Romanen nicht Platz gefunden hat, aber nichtsdestoweniger von Bedeutung ist, und alles, was uns an Darstellungen der Zwischenzeiten noch bevorsteht, findet in diesen „Geschichten“ seine farbige, präzise, erregende Würdigung. Man kann sie als die drei Romane flankierende, ergänzende, vertiefende Texte lesen, aber sie sind weit mehr als das: Es sind eigenständige, aus der Lebensanekdote gewachsene literarische Gebilde nach eigenem Gesetz. Bis auf wenige Ausnahmen sind sie losgelöst von der Folge der Romane zu lesen. Bergel war schon immer, noch vor seinen großen Romanen, ein begnadeter Novellist Kleistscher Schule. Und Novellen im strengen Sinne des Wortes finden sich unter den dreiunddreißig Geschichten mindestens zwei Dutzend.

Sie sind aus einem einzigartigen Leben gegriffen und gewinnen doch in ihrer Mischung aus Dichtung und Wahrheit novellistische Exemplarität besonders dort, wo das Erdhafte und das emotional Befrachtete zurücktreten. Das ist schon in „Der delikate Umstand“, einem Text aus der Zeit unmittelbar nach der Haftentlassung Bergels 1964, der Fall, aber auch im Hafterlebnis selbst, wie es sich in „Frauen an meinem Weg“ niederschlägt. Klarheit und Leichtigkeit, ein hintergründig-distanter Humor durchziehen solche Geschichten wie „Nofretete und die Geschichte der Fliegerei“, „Begegnungen mit dem Rätselhaften“ oder „Besuch bei Mister Pinneker“. Der Autor lebt nach seiner Ausreise aus Rumänien und seiner Niederlassung in Westdeutschland in einer Welt, die er mit feinem Gespür durchdringt und durchschaut, die ihn selbst aber nicht unbedingt zu verstehen scheint. Immer drängt es ihn deshalb aus diesem Deutschland hinaus, die Welt ist plötzlich riesengroß geworden und will erkundet sein. Zu besichtigen gibt es Landschaften, die man nur aus Büchern kennt, sie liegen in Namibia, in Südafrika, in Kanada, in Neuseeland, in den USA, aber auch in nächster Nähe, in Spanien und vor allem Italien. Dorthin reist er mit einem befreundeten Landsmann und exquisiten Kunstkenner, durchmisst den ganzen italienischen Stiefel, darf in dessen Haus auf der Insel Ischia im Golf von Neapel mitten in einer Wiege europäischer Kultur seelen- und geistvolle Tage verbringen und lernt die Welt mit Augen sehen, die schon immer, schon seit Jugendtagen die eines Künstlers waren – so nachzulesen in dem Text „Auf der Schaukel“. Aber wo wird er nicht erwartet, auf welchem der Kontinente hat er keine Freunde? In Oakville am Westufer des Ontariosees kennt er Mrs. Selma Swendsen-Smith (siehe „Faust und Coriolan oder Die literarische Angelegenheit“). Das wäre aber noch gar nichts von Bedeutung, würde es nicht noch, vor dem Rückflug nach Europa, zu dem Abstecher nach Stratford zu den Shakespeare-Festspielen kommen, an welcher Fahrt dahin auch ein junger Schauspieler namens Jimmy teilnimmt. Was die drei auf dem Ausflug nach Stratford so alles reden und wie sich hier die kontinentalen Mentalitäten zwischen Europa und Amerika begegnen, das sollte man in dem oben angeführten Text am besten zweimal lesen, denn es steckt ungleich mehr darin, als sich beim ersten Hinschauen zeigt.

Doch wo das Anekdotische im Leben dieses Autors unmittelbar ins Literarische ausgreift, wo es scheinbar mühelos zum Produkt authentischer Erzählkunst wird, das ist dann vor allem in der Titelgeschichte dieses Buches, in „Taj Tekuana oder Am Vorabend des Taifuns“ nachzulesen. Alles hat zunächst den Anschein von Normalität, der Flug von Los Angeles nach Neuseeland scheint ein reiner Routineflug, nur eben hat der Erzähler diesen Taj Tekuana zum Sitznachbarn, und der ist auf der Suche nach einer Jadestatuette, die sein maorisch-neuseeländischer Urgroßvater Kiri einst gestaltet hat und die dann irgendwann auf Nimmerwiedersehen in die weite Welt entschwunden ist. Was der Autor mit subtilstem Humor und feinster Beobachtung hier an Erzählkunst leistet, das macht ihm keiner nach.

Aber auf diese Geschichte folgen weitere, die weniger schwerelos daherkommen. Das erklärt sich durch die Themen, solchen der Erinnerung an Erlebnisse in der alten Heimat („Wildwasserfahrten oder Von der Rückkehr ins Paradies“, „Dunja, die Herrin. Erinnerungen an ein Stromdelta“) oder solchen der spontanen Aufbrüche wie jener in der Vergangenheit beschwörenden „Fahrt durch die Nacht“ oder in „Die Heimkehr des Odysseus“. Die erste der beiden Geschichten ist so sehr von Gefühl durchtränkt, dass das erwartete Exemplarische darin untergeht, und die zweite ein auf andere Art wiedererwecktes Hirtenfest zwischen Butschetsch und Königstein, wie wir es aus der „Wiederkehr der Wölfe“ zu kennen meinen. Aber der Ausgang des Buches sind diese beiden Geschichten nicht. „Das verdammte Argument“, eine späte „Westgeschichte“ und physiognomische Miniatur, und „Das Gastmahl“, ein feingezeichnetes Porträt von Mensch und Landschaft im griechischen Mazedonien, das sind hier die vorläufigen Abschiede aus dem „abenteuerlichen Leben“, das dieses schöne Buch an uns vorbeiziehen lässt.

Dieter Roth



Hans Bergel, „Am Vorabend des Taifuns. Geschichten aus einem abenteuerlichen Leben“, Edition Noack & Block, Berlin, 2011, 365 Seiten, 18,00 Euro, ISBN 978-3-86813-002-7.
Am Vorabend des Taifuns: Gesch
Hans Bergel
Am Vorabend des Taifuns: Geschichten aus einem abenteuerlichen Leben

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Schlagwörter: Rezension, Bergel, Prosa

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