8. November 2011

Ästhetik und Vielfalt der siebenbürgisch-sächsischen Trachten

Unsere siebenbürgisch-sächsischen Kirchentrachten werden in Deutschland auch zum Tanzen getragen. In welchem Rahmen dabei Veränderungen möglich sind und wie sich bei unterschiedlichen Trachten auf der Bühne ein harmonisches Bild gestalten lässt, beschäftigt viele Tanzleiter und Tänzer. Die Tagung der siebenbürgisch-sächsischen Kulturreferenten aus Bayern vereinte am 22. und 23. Oktober in Ingolstadt viele Trachtenkennerinnen und Tanzleiterinnen sowie Gäste aus Baden-Württemberg und bot als Ergebnis praxisnahe Antworten auf Fragen, die im Alltag der Tanzgruppen auftreten und bisher oft zu Verunsicherung geführt haben.
Dass unsere Trachten dem Wandel unterliegen, zeigte Dr. Irmgard Sedler, Volkskundlerin und Vorsitzende des Trägervereins Siebenbürgisches Museum, im Vortrag „Modeeinflüsse auf die siebenbürgisch-sächsische Tracht“ anhand aufschlussreicher Bildbeispiele auf. Ausgangspunkt war die Patriziertracht, deren Wandel nicht nur von der jeweiligen Mode, sondern später auch von Sitten („Wenn du zur Taufe gehst…“) und der Politik (eher bei Männern als bei Frauen, z.B. der ungarische Einschlag in deren Tracht) bestimmt war. Im 18. Jahrhundert entwickelte sich eine „Nationaltracht“, die Kleiderordnung der Stände fiel weg und die Dorfbewohner griffen auf die schönen Kleider aus der Stadt zurück. So entstand das sächsische Kirchengewand und konstituierte sich als Bauerngewand. In der Kirche wurde das Schönste getragen und im Kirchengewand waren alle gleich: Em stiht än ener Rend. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bildeten sich die Dorftrachten in enormer Vielfalt heraus, wobei starke Persönlichkeiten unter den Frauen eine beträchtliche Rolle spielen. Die Trachtenlandschaft um 1920 wurde typisch für viele siebenbürgisch-sächsische Orte. In den 1930er Jahren, bedingt auch durch das Schäßburger Lehrerinnenseminar, tauchte die jungsächsische Tracht auf, die sowohl bei Umzügen als auch beim Tanzen getragen wurde. Man orientierte sich dabei nicht mehr an der Mode aus Wien oder Paris, sondern an jener aus Deutschland, und anstelle der Dorftracht trat zunehmend eine symbolträchtige und zeichenbeladene überlokale Bekenntnistracht (z.B. mit besticktem Hemd und Krawatte bei den Männern).
Die Podiumsteilnehmerinnen bei der ...
Die Podiumsteilnehmerinnen bei der Kulturreferententagung am Samstag (v.l.n.r.) Christa Andree, Ingrid Schiel, Ines Wenzel, Maria Schenker, Christa Wandschneider und Hanni Markel (Irmgard Sedler hat nur am Sonntag teilgenommen). Foto: Annette Folkendt
Nach dem Zweiten Weltkrieg brachen in Siebenbürgen manche gesellschaftlichen Strukturen (z.B. Schwesternschaften) weg und die Festtracht zog sich zunächst ins Private und Kirchliche zurück, bis Kulturforen die gelenkte öffentliche Präsentation wieder anstrebten. Neumodische Elemente, wie Schuhe und Strümpfe/Strumpfhosen, und Ersatzlösungen (z.B. bemalte Bänder), hielten für kurze oder längere Dauer Einzug in die Tracht. Heute erleben wir nun, dass sich die ländliche Kirchentracht aus Siebenbürgen zur sächsischen Bekenntnistracht in Deutschland gewandelt hat, die vor allem über ihre Ästhetik, ihre Vielfalt und noch fassbare Lebendigkeit wahrgenommen wird: bei Trachtenumzügen, Tanzdarbietungen oder Theateraufführungen.

Am Podium der Tagung beteiligten sich Christa Andree, Hanni Markel, Maria Schenker, Ingrid Schiel, Christa Wandschneider, die sich aufgrund ihrer Erfahrungen bzw. Studien ein umfangreiches Wissen über unsere Trachten angeeignet haben, sowie Ines Wenzel (Heilbronn), die seit einigen Jahren den Trachtenumzug in Dinkelsbühl zusammenstellt und moderiert. Ihre Herangehensweise ans Thema der Tagung „Festtracht der Siebenbürger Sachsen – praktikable Lösungswege für unsere Tanzgruppen“ beeindruckte durch eine aus der Verbindung von Ideellem und reicher Praxis erlangten Kompetenz, was Hanni Markel in den Satz fasste: „Ines lehrt eins das Denken!“ Es wurde nämlich vermieden, im Ringen um Antworten auf die dringlichsten Fragen in den Tanzgruppen, starre Regeln aufzustellen. Ines Wenzel betonte, dass man sich an dem orientieren solle, was die Orte an Trachtenelementen in ihrer Funktionalität zu bieten haben, wobei man bei den Auftritten das Beste präsentieren sollte. Sie betonte: „Je mehr Vielfalt, desto besser!“ „Andererseits muss ein Konsens gefunden werden, der nicht vom Einzelnen in Frage gestellt werden sollte. Schon immer hat sich die Tracht im Wandel befunden und sie kann nicht unverändert ins Heute und Hier mit dem Zweck der Darstellung übernommen werden“, meinte Hanni Markel (Nürnberg). Christa Andree (Heilbronn) findet es ganz wichtig, gut zu überlegen, wie man jemandem, der sich offensichtlich nicht auskennt, Zusammenhänge erklärt, ohne ihn zu kränken. Maria Schenker (Augsburg) ist gerne bereit, diesbezüglich Ratschläge weiterzugeben. Eine Tracht müsse sitzen und notfalls mit Sicherheitsnadeln angesteckt werden, sagte Schenker, die schon Jurorin beim Volkstanzwettbewerb der siebenbürgischen Jugend war. Christa Wandschneider (München) regte an, einen Leitfaden für die Reihenfolge des Trachtenanziehens anzulegen. Es gebe Jugendliche, denen aus unterschiedlichen Gründen die Identifikation mit der Tracht fehle. So entstünden aus Unwissenheit mancherorts in Deutschland neue Trachten. „Man sollte keine Tracht kreieren, die nicht fundiert dokumentiert wurde!“, rät Ingrid Schiel, die unsere Trachten als Historikerin zurzeit in Gundelsheim erforscht. Sie und Ines Wenzel stehen gern als Ansprechpartnerinnen zur Verfügung. Hanni Markel empfiehlt die Vorgehensweise der vor wenigen Jahren anlässlich eines Ortstreffens gegründeten Deutsch-Weißkircher Tanzgruppe. Die Gruppe habe in Ermangelung der früher üblichen eigenen (durch ein Foto belegten) Tanztracht Fortschritte auf dem Weg zum neuen harmonischen Gesamtbild der Sommertracht für das Tanzen gemacht, indem Erfahrungen von Deutsch-Weißkircherinnen in den Münchner und Stuttgarter Tanzgruppen aktiv fürs Treffen umgesetzt wurden.
Die Teilnehmerinnen der Kulturreferententagung ...
Die Teilnehmerinnen der Kulturreferententagung (nicht auf dem Bild Dr. Irmgard Sedler). Foto: Agnetha Schenn
Außer den erwähnten Teilnehmerinnen saßen am runden Tisch zwanzig weitere motivierte Sächsinnen, die eigene Erfahrungen und/oder Fragen offenlegten und sich an der Lösungsfindung aktiv beteiligten. Die Kulturreferentinnen und Tanzleiterinnen in Bayern stammen aus unterschiedlichen Orten Siebenbürgens, wodurch ein großer Teil der Trachtenlandschaften vertreten war. Zusammen mit ihnen, deren Durchschnittsalter erfreulicherweise unter 50 Jahren liegt, wurden Empfehlungen als Antwort auf ganz konkrete Fragen erarbeitet.

Was die Kopfbedeckung beim Tanzen betrifft, meinte Ines Wenzel (sie wurde dabei von den Teilnehmerinnen bestätigt): „Tracht ohne Kopfbedeckung, das geht nicht!“ Auch bei folgenden Punkten war man sich einig: Mit dem Borten sollte nicht getanzt werden. Für Unverheiratete gibt es hierfür das Kopfband. Dieses sollte um den Kopf, aber nicht um den Hals getragen werden, da es dafür keinen historischen Bezug gebe. Früher tanzten verheiratete Frauen mit Häubchen oder Kopftuch. Ist dies nicht dokumentiert oder möchte man beides nicht tragen, wird zum Tanzen ebenfalls ein Kopfband empfohlen. Manchmal geht es auch um das harmonische Gesamtbild der ortsübergreifenden Tanzgruppe. Die Entscheidung zugunsten einer Neuerung (z.B. Band statt Haube) sollte mit der dafür zuständigen HOG besprochen werden, damit sie von der Gemeinschaft verstanden, eingeordnet und akzeptiert wird. So können einige Elemente der Tracht hier in Deutschland fürs Tanzen zweckdienlich abgewandelt werden, ohne dass die Kirchentracht, die bei Umzügen getragen wird, darunter leidet. Die Tracht sollte möglichst unverfälscht gepflegt und weitergegeben werden, so wie sie in ihrer orts- und altersspezifischen Vielfalt überliefert wurde.

Die Haare sollten aus dem Gesicht gekämmt und möglichst zu einem Zopf geflochten werden. Damit Häubchen gut sitzen, bietet sich ein falscher Zopf bei denen an, die kurze Haare haben. Die Haare sollten unter der Haube verschwinden: „Frau zeigt in der Tracht keine offenen Haare!“ Will man den Borten auf der Bühne vorführen, kann man das gern zusammen mit der Gesamttracht vornehmen und den Borten vor dem Tanzen dann wieder ablegen. Die kurze Präsentation der Trachten (Herkunftsort und besondere Merkmale) vor oder nach dem Tanzen kommt übrigens beim Publikum sehr gut an.

Gegen das Tragen des Spangengürtels beim Tanzen ist nichts einzuwenden, solange er zur Tracht gehört. Begründung: Die Tänzerinnen gehen schließlich nicht auf eine Tanzveranstaltung, sondern präsentieren sich und unsere Festtracht durch das Aufführen von Volkstänzen.

Die Schürze sollte möglichst der Rocklänge angepasst sein, allerdings gibt es auch Trachtenlandschaften, wo sie 5-10 cm kürzer oder auch minimal länger als der Rock getragen wird. Auch sollte sie im Normalfall seitlich nur knapp über die Hüften und keinesfalls hinten aneinander- oder sogar übereinander reichen. (Allerdings gibt es durchaus auch Schürzen, die die Hüftbreite nicht erreichen, also auch hier ist die Trachtenlandschaft zu beachten!)

Die Tücher und ihre Farben stammen aus der Rokokozeit. Sollte aus guten Gründen eine schmucklosere Einheitstracht vorliegen, kann man diese durch unterschiedliche Tücher bereichern. Werden Tücher neu angeschafft, sind die so genannten „Bienentücher“ empfehlenswert, auch wenn sie etwas teuer sind. Ansonsten werden weich fallende Seidentücher empfohlen. Mancherorts werden Woll- oder Brokattücher bevorzugt.

Die Trachtenbänder sollen der Ortschaft entsprechend getragen werden, dürfen die Rocklänge aber keinesfalls überschreiten. In der Diskussion stellte sich heraus, dass für ein harmonisches Bild bei einer Tanzgruppe die Rocklängen sehr wichtig sind! „Überm Knie geht gar nicht, knapp unterm Knie ist schon grenzwertig!“ hieß es. Die goldene Regel lautet: Rocklänge etwa 20-25 cm über dem Boden. Und ein Unterrock darf nie fehlen! Die Rocklänge kann auch eines der neueren Probleme beim Tanzen – nunmehr ohne hohe Stiefel – beseitigen helfen: die Farbe der Strümpfe! Je länger die Röcke, desto geringer ist die Rolle, die die Strümpfe und deren Farbe spielen. Grundsätzlich findet Ines Wenzel beim Tanzen eine einheitliche Strumpffarbe empfehlenswert. Einheitliche schwarze Strümpfe entschärfen auch das Problem unterschiedlicher Halbschuhe, auch bei den Schnürstiefeln. Damit sind wir bei einer Frage angekommen, die viel Fingerspitzengefühl erfordert: Der Schien Pändel und die blaue jungsächsische, meist etwas kürzere Tracht geben in hautfarbenen Strümpfen ein ästhetischeres Bild ab. So gibt es sehr unterschiedliche Meinungen dazu, ob man schwarze Strümpfe tragen sollte, nur damit beim Tanzen das Gesamtbild einheitlich sei. Auch hier hat man allerdings einen Spielraum. Denn das, was man als harmonisch empfindet, hängt auch vom Verhältnis der hellen zu den schwarzen/dunkeln Trachten ab. Sind etwa ein Drittel der Trachten hell oder blau, kann es durchaus sein, dass es nicht stört, wenn beide Strumpffarben vertreten sind, auch wenn passend dazu Schnürstiefel mit schwarzen, Spangenschuhe hingegen mit hellen Strümpfen getragen werden. Ist nur eine helle Tracht dabei, bietet es sich an, die Einheitsfarbe Schwarz zu tragen. Wenn man nach der Aufführung die Fotos studiert, wird man stark störende Elemente schnell bemerken. Dann sollte man nicht zögern, auch mal genauer auf andere Tanzgruppen zu schauen, wie sie ähnliche Probleme gelöst haben.

„Offene Schuhe und Sandalen gehen gar nicht!“ Die Schuhe sollten zumindest geschlossen sein und auf jeden Fall schwarz. Trachtenfremder Modeschmuck, Armbanduhren und Piercings passen nicht zu unserer alten Tracht und sollten daher verdeckt oder, ebenso wie greller Nagellack, einfach weggelassen werden.

Natürlich wurde auch über die Pflege der Trachten gesprochen. Was den Mottenbefall der Trachten betrifft, riet Christa Andree, mottengefährdete Trachtenteile bei großer Kälte hinaus zu hängen oder in die Kühltruhe zu legen. Lehrreich war auch die Präsentation des privat eingerichteten Trachtenverleihs anhand von Bildern durch Christine Gierscher (Ingolstadt). Sie kennzeichnet die Trachtenteile mit einem Kürzel und katalogisiert sie mit Foto im PC, so dass beim Ausleihen sauber erfasst und gespeichert werden kann, wo sich jedes Trachtenteil befindet.

Anhand der Ausstellung von Büchern und herrlichen Trachtenteilen, die sich im Raum befand, konnten weitere Details besprochen, geklärt und begutachtet werden. Der Reichtum unserer Trachten wird uns noch lange beschäftigen, auch für die Männertrachten gibt es sicher wertvolle Tipps. Trotzdem beendeten wir die Suche nach praktikablen Lösungswegen für unsere Tanzgruppen mit dem guten Gefühl, wichtige Erkenntnisse zusammengefasst und gemeinsam überprüft zu haben. Es sind wertvolle Erfahrungen, die wir mit nach Hause nehmen konnten, weil wir gelernt haben, die Tracht als ein lebendiges Stück Tradition wahrzunehmen, die gepflegt werden kann, indem wir ihre Existenz in der neuen Heimat in bewährter Gemeinschaftsarbeit mit vereinten Kräften und ortsübergreifend klug begleiten. Dann werden wir noch lange Freude an unseren Trachten haben, so wie sie am Samstagabend hatten, als die Jugendtanzgruppe Ingolstadt unter der Leitung von Ingrid Mattes ihre Trachten beim Tanzen vorführte. Die Kreisgruppe feierte ihr Weinfest, zu dem die Teilnehmerinnen der Tagung eingeladen waren, wo sie im geselligen Rahmen abschalten…oder auch weiter über Trachten diskutieren konnten.

An beiden Tagen stand den rund 30 Teilnehmerinnen, von denen etwa zehn in Ingolstadt wohnen, das gemütliche Vereinsheim zur Verfügung. Hervorragend bewirtet und verpflegt wurden sie durch durch das tüchtige Team um Gerda Knall, stellvertretende Kreisgruppenvorsitzende, Kulturreferentin und Kindertanzgruppenleiterin in Ingolstadt, die schon im Vorfeld mit der Organisation der Tagung befasst war. Im neu eröffneten König-Ludwig-Haus wurden die Tagungsteilnehmerinnen herzlich vom neuen Inhaber Hans-Georg Göbbel, einem Siebenbürger Sachsen, empfangen und bewirtet, und während der ganzen Tagung von Willy Schenker, dem Vorsitzenden der Kreisgruppe Ingolstadt, betreut. Mit einer Stadtführung verabschiedete sich die Ingolstädter Kreisgruppe nach einem arbeitsintensiven Wochenende von den Kulturreferentinnen aus Bayern und deren Gästen. Allen, auch dem Haus des Deutschen Ostens München, das die Tagung finanziell gefördert hat, vor allem aber denen, die aktiv zum Gelingen der Tagung beigetragen haben, danke ich ganz herzlich für die einwandfreie Zusammenarbeit beim Pflegen und Weiterentwickeln eines wichtigen Teils unserer mitgebrachten Kultur.

Doris Hutter, Kulturreferentin des Landesverbandes Bayern

Schlagwörter: Trachten, Brauchtum

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  • 08.11.2011, 20:34 Uhr von Melzer, Dietmar: Diese Tagung über die Siebenbürgisch-Sächsischen Trachten war schon sehr, sehr lange fällig. Es ... [weiter]

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