13. April 2012

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Vom „Abendbrot“ bis zur „Zerrissenheit“

Thea Dorn und Richard Wagner analysieren in ihrem gemeinsamen Buch „Die deutsche Seele“.
Als Beteiligte und nicht als Pathologen beginnt das Autorenduo Thea Dorn und Richard Wagner dieses behäbige Buch von immerhin 560 Seiten, getrieben von der Sehnsucht, „die Kultur, in der wir leben, in all ihren Tiefen und Untiefen, in ihrer Größe und Schönheit, in ihren Schrullen und Fragwürdigkeiten zu erkunden“ (Seite 7). Und so wird das Buch „Die deutsche Seele“, das nun im Knaus Verlag erschienen ist, eine ausführliche, teils vergnügliche, teils anstrengende, aber stets belesene und gründliche Analyse der Komponenten eben dieser deutschen Seele. Dabei schweifen die Schriftstellerin Thea Dorn und der Banater Romanautor und Essayist Richard Wagner von Doktor Faust bis zur Eisenbahn, von der „Gemütlichkeit“ bis zur „German Angst“, vom Puppenhaus bis zum Kitsch, von der Waldeinsamkeit bis zum Fußball in so manchem Themenbereich umher. Durchforstet haben sie die Gewohnheiten und Bräuche, vor allem Geschichte, Literatur und Philosophie nach Belegen zu den verschiedenen Themenspektren, die sie dann jeweils chronologisch aufbereiten.

Man lernt viel, wenn man dieses Buch liest, unter anderem, dass „Das Deutsche (…) ein Abgrund ist.“ (S. 14), dass „Deutsch sein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen zu tun.“ (S. 27). Nach und nach fügt sich aus solchen Splittersätzen und den diversen Essays ein Gesamtbild zusammen, das nicht nur das Große der deutschen Kulturnation, sondern auch das Dunkle daran beleuchtet. Etwa in „Krieg und Frieden“ schreibt Wagner: „Die Niederlage im Ersten Weltkrieg erklärt in gewisser Weise die Machtergreifung durch die Nazis, rechtfertigt aber nicht die Kapitulation der deutschen Gesellschaft vor dem Totalitarismus und vor der irregulären Gewalt“ (S. 272)

Dann geht es weiter mit der Kulturnation, die jetzt wieder zum aktuellen Thema wird, aufgrund der Integrationspolitik. Für Wagner muss eine Nation „die Fähigkeit besitzen, die Bedingungen der Zugehörigkeit zu formulieren. Diese aber gehen über den verfassungsrechtlichen Aspekt hinaus und sind kulturell zu verstehen.“ (S. 286). Hernach geht es entweder mit dem Männerchor alphabetisch weiter oder mit Doktor Faust, der nicht fehlen darf, denn das Buch kann man dann der Reihe nach oder querbeet, nach eigenen oder von den Autoren empfohlenen Pfaden lesen. Stets sitzt dem Leser aber ein Staunen im Nacken ob der gewaltigen kulturgeschichtlichen Recherchearbeit.

Die Autoren wechseln sich bei den verschiedenen Essays ab. Aufgelockert werden diese durch einige literarisch spielerische Einsprengsel, Paraphrasierungen und Inszenierungen, etwa wie die Zitatcollage „Abendstille“ von Thea Dorn. „Der schnelle Tag ist hin. Die Nacht schwingt ihre Fahn’ und führt die Sterne auf. Der Menschen müde Scharen verlassen Feld und Werk. Wo Tier und Vögel waren, trau’rt itzt die Einsamkeit. (…) Und nun die Wetteraussichten: Über alle Gipfeln ist Ruh’“ (S. 12)

Über die Heimat referiert ausgerechnet Richard Wagner, der doppelt Beheimatete, und spricht von ihr als einem kostbaren Gut oder einem gemütlichen Ort. „Heimat ist etwas, das jeder haben kann, vorausgesetzt er erhebt darauf Anspruch:“ (S. 233) Für Wagner ist Heimat, „wo man etwas zum ersten Mal erlebt hat, etwas, das sich so stark einprägt, dass alles andere, alles spätere, einer Wiederholung gleichkommt“ (S. 233) Also ist die Heimat tief im persönlichen Erleben verankert und an die eigene Gefühlswelt gebunden. „Das Gefühl aber, das man bei der Erinnerung an dieses erste Mal hat, nennt man Heimweh“ (S. 233) Zu Recht wurde das Deutsche vergessen, meint Wagner. Als Schnee von gestern. „Diesen schweren Schnee, wer möchte ihn schon heben?“ Doch da nimmt sich Wagner selber in die Pflicht und stellt sich der Auseinandersetzung: „Wer, wenn nicht wir?“ (S. 237) Er spricht den Heimatverlust durch die Vertreibung nach dem Krieg an und dass man das Vaterland wieder an eine Heimat knüpfen sollte: Man könne sagen, „ein Vaterland ohne Heimat sei leer. Denn was ist schon die Vaterlandsliebe, was wäre sie ohne ein Heimweh?“ (S. 237) So ist für Wagner Heimat wieder „eines der schönsten Wörter der deutschen Sprache“ (S. 237).

Von „Rabenmutter“ bis zur „Reformation“, von „Fahrvergnügen“ bis zur „Forschungsreise“, vom „Sozialstaat“ bis zum „Spießbürger“, man mag sich fragen, ob wirklich alles zur deutschen Seele gehört, und ob sie denn so kompliziert aufgebaut ist. Die Antwort darauf ist nicht einfach zu haben und steckt in diesem vielschichtigen Buch, das man guter Dinge empfehlen kann. Als Seelenhintergrund sind ihm noch Lektüreempfehlungen beigegeben und nicht nur die schönen Illustrationen sondern auch der gut getroffene Ton tun das Ihre.

Edith Ottschofski


Thea Dorn, Richard Wagner: „Die deutsche Seele“, Albrecht Knaus Verlag, München, 2011, 560 Seiten, Preis: 26,99 Euro. ISBN 978-3-8135-0451-4.
Die deutsche Seele
Thea Dorn
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Schlagwörter: Rezension, Deutschland, Kulturgeschichte

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