5. Januar 2013

Musik siebenbürgisch-sächsischer Komponisten

Auch wenn die Zahl der Noteneditionen mit Werken deutscher Komponisten aus Siebenbürgen in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat, warten immer noch viele Kompositionen in den Archiven darauf, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht zu werden. Erst seit 2011 widmet sich der Hermannstädter Schiller-Verlag der Herausgabe von Musikalien. Dennoch sind in dieser kurzen Zeit bereits acht Bände erschienen.
Die Anregung für die Reihe „Musik aus Siebenbürgen“ kam von Kurt Philippi, dem Musikwart der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien. Mit den in loser Folge erscheinenden Heften möchte der Verlag die Musik siebenbürgisch-sächsischer Komponisten einerseits und die musikalische Tradition der Sachsen andererseits erhalten und einem breiteren Publikum zugänglich machen. Weitere Herausgeber sind die Hermannstädter Organistin Ursula Philippi, der Klausenburger Komponist Hans Peter Türk, der Kronstädter Kantor Steffen Schlandt und die aus Neumarkt am Mieresch (Târgu Mureş) stammende Geigerin Melinda Beres.

Auffällig gegenüber in Westeuropa erschienenen Editionen ist das jeweils zweisprachige Vorwort. Es nimmt Bezug auf die aktuelle Situation in Siebenbürgen, wo immer öfter auch ungarische und rumänische Musikerinnen und Musiker sich für das Erbe der Deutschen interessieren – und Aufführungen initiieren. Die Umschläge der Hefte sind ansprechend von Anselm Roth gestaltet, das Druckbild ist gut lesbar. Auf hochwertigeres Material wurde zugunsten eines mit 29 Lei pro Band (rund 7 Euro) sehr moderaten Preises verzichtet.

Im Rundblick über die bislang erschienenen acht Bände offenbart sich eine erstaunliche Vielfalt: Chormusik von Rudolf Lassel und Hans Peter Türk, Volkslieder, Streicherkammermusik und chorsinfonische Werke.

Begonnen hat die musikalische Reihe mit einem für die siebenbürgische Musikgeschichte ungemein wichtigen Werk, der vom Kronstädter Kantor und Musikdirektor Rudolf Lassel komponierten Passionsgeschichte von 1899 op. 23. Lassel knüpfte mit seiner Version an eine jahrhundertelange Tradition siebenbürgischer Passionsgesänge an. Indes konnte er nur den Passionsteil für den Gründonnerstag vollenden; eine zeitgenössische Passionsmusik für den Karfreitag schrieb Hans Peter Türk im Jahr 2006. Ihr ist Band 2 der Notenedition gewidmet. Gemeinsam ergeben die beiden Werke eine siebenbürgische Matthäus-Passion.

Rudolf Lassel steht auch im Mittelpunkt weiterer Hefte: Band 5 und 6 greifen geistliche und weltliche A-cappella-Chöre auf, während Band 3 sein B-Dur-Streichquartett enthält – eines von wenigen Instrumentalwerken Lassels. Ebenfalls verfügbar ist (im Band 4) Paul Richters d-Moll-Streichquartett op. 99 aus dem Jahr 1937.

Der bereits erwähnte Komponist und Musikforscher Hans Peter Türk tritt noch ein zweites Mal in Erscheinung mit Bearbeitungen aus der Sammlung des bedeutenden Musikethnologen Gottlieb Brandsch (1872-1959). In einer ersten Ausgabe in den Jahren 1976-78 waren den Liedern nur der deutsche Text und eine sehr gute rumänische Übersetzung unterlegt. Jetzt findet man auch den originalen Mundarttext sowie eine deutsche Übersetzung – außerdem wiederum die rumänische Fassung Nina Cassians. Türks Bearbeitungen können von einem guten Schulchor gesungen werden, sie sind dezent um Blockflöten und Schlaginstrumente bereichert.

Nicht fehlen dürfen schließlich „Dicta“ für den ersten Pfingsttag von Johann Knall, dem Hermannstädter Stadtkantor in den Jahren 1762-1785, und von Joseph Benjamin Weiss (aus der Mitte des 19. Jahrhunderts) für den zweiten Pfingsttag. Das Dictum ist ein siebenbürgischer „Endemismus“, d.h. eine spezifisch siebenbürgische Form der evangelischen Kirchenkantate mit ganz eigenen Texten, gedruckt erstmals 1716. Hier liegen zwar nicht erstmals Dicta im Druck vor, doch verdient es diese Gattung, auch in Deutschland noch weit bekannter gemacht zu werden.

Johannes Killyen

Die Bücher können beim Schiller Verlag, Hermannstadt, Str. Ioan Lupas (Hechtgasse) Nr. 2, RO–550179 Sibiu, E-Mail: verlag [ät] schiller.ro, Internet: http://www.buechercafe.ro/schiller.html, bestellt werden

Schlagwörter: Rezension, Musik, Komponist

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