22. Mai 2015

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Sammelband über deutschsprachige Auswanderer aus dem östlichen Europa

„Das Paradies liegt in Amerika“ heißt ein Buch der siebenbürgischen Autorin Karin Gündisch, das kürzlich in einer Neuauflage erschienen ist und in dem es um die Auswanderung einer siebenbürgischen Familie in die USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts geht. Dieses „Paradies“ in Übersee (Nord- und Südamerika, Australien und Neuseeland) erreichten im 19. und frühen 20. Jahrhundert zwischen 55 und 60 Millionen Europäer, unter ihnen zahlreiche deutschsprachige Auswanderer aus dem Osten des Kontinents. Mit dieser speziellen Gruppe beschäftigt sich der vorliegende Band „Nach Übersee. Deutschsprachige Auswanderer aus dem östlichen Europa um 1900“, eine breit angelegte Aufsatzsammlung, die auf zwei Veranstaltungen des Deutschen Kulturforums östliches Europa und des Bundesinstituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa (BKGE) zurückgeht.
Dem einführenden Kapitel „Migrationskontinent Europa“ folgen Beiträge über verschiedenste deutschsprachige Auswanderergruppen: preußische, böhmische und schlesische Auswanderer, Deutsche aus der Bukowina und galizische Juden, Siebenbürger Sachsen, Russlanddeutsche und Mennoniten. Ein musiktheoretischer Aufsatz widmet sich der „Veränderung russlanddeutscher Lieder im Kontext der Amerika-Auswanderung“, die abschließenden zwei Kapitel thematisieren die museale Darstellung der Migration in Europa und in den USA („Erlebnisorte der Auswanderungsgeschichte“ bzw. „Ellis Island – die Einwanderung im Museum).

Aus welchem Land auch immer die Auswanderer kamen, sie gingen fast nie freiwillig und hatten gute und meist ähnliche Gründe, ihre Heimat zu verlassen. Zu nennen sind hier vor allem wirtschaftliche, gesellschaftliche, politische und religiöse Umstände, die allein oder in Kombination die Auswanderung bedingten, manchmal gar erzwangen. Meist ging zunächst ein Familienmitglied als „Kundschafter“ voraus, um die Lebensbedingungen auszuloten; oft konnte man ohnehin nur einem die teure Reise ermöglichen, der dann monate- oder jahrelang Geld verdienen musste, um der Familie damit den Nachzug zu ermöglichen. Ebenso oft wurden aus einer Gemeinde oder einem Landstrich „Pioniergruppen“ geschickt, die diese Aufgabe übernahmen und mit staatlichen Stellen und wohltätigen Organisationen vor Ort über Finanzierung und Bedingungen der Aus- und Neuansiedlung ganzer Bevölkerungsgruppen verhandelten. Viele Staaten, so zum Beispiel die USA und Kanada, bemühten sich auch darum, noch unerschlossene Teile ihres Territoriums zu besiedeln, und schickten so genannte Agenten oder Werber nach Europa, die für Zuzug sorgen sollten und Auswanderungswillige in ihrem Vorhaben unterstützten.

r ... Für die Leser der Siebenbürgischen Zeitung dürfte der Beitrag „Von der Nachbarschaftshilfe zum Versicherungsunternehmen: Siebenbürger Sachsen in den USA“ des Historikers Dr. Harald Roth, Direktor des Deutschen Kulturforums östliches Europa, besonders interessant sein. Hauptsächlich aus politischen und wirtschaftlichen Gründen (österreichisch-ungarischer Ausgleich 1867, Zollkrieg zwischen Österreich-Ungarn und Rumänien 1886-1891) verließen Tausende Siebenbürger ihre Heimat und siedelten sich wegen der wachsenden Industrie vor allem in Pennsylvania und Ohio an. Das Konzept der Nachbarschaften, das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Siebenbürgen flächendeckend verbreitet war, nahmen sie mit und entwickelten daraus ein auf gegenseitiger Hilfe basierendes Versicherungssystem. 1891 wurde der „Siebenbürger Sachsen Kranken-Unterstützungs-Verein“ gegründet, 1902 der „Siebenbürger Sachsen Unterstützungsbund“, der sich bald in „Centralverband der Siebenbürger Sachsen“ umbenannte und sich 1925 – nach der zweiten großen Auswanderungswelle – als Versicherungsgesellschaft auf Genossenschaftsbasis anerkennen ließ. Aufgrund des Sprachwandels (die siebenbürgisch-sächsische Mundart und das Hochdeutsche waren in den Hintergrund getreten) wurde der Centralverband 1965 ein weiteres Mal umbenannt. Die „Alliance of Transylvanian Saxons“ (ATS) besteht bis heute und ist Mitglied der weltweiten Föderation der Siebenbürger Sachsen.

Der Sammelband „Nach Übersee“ bietet mit seinem breit angelegten Ansatz einen fundierten Überblick über die Vielfalt der deutschen bzw. deutschsprachigen Auswanderung aus dem östlichen Europa nach Übersee um die Jahrhundert­wende und regt zu weiterführender Lektüre an, für die die ausführliche Bibliographie im Anhang ein guter Ausgangspunkt ist. Tabellen und Fotos sowie ein Orts- und Personenverzeichnis runden die gelungene Darstellung ab.

Doris Roth


Deutsches Kulturforum östliches Europa (Hrsg.): „Nach Übersee. Deutschsprachige Auswanderer aus dem östlichen Europa um 1900“, Potsdam, 2015, 304 Seiten, 9,80 Euro, ISBN 978-3-936168-70-9

Schlagwörter: Sammelband, Auswanderung, Übersee, Osteuropa

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