11. November 2015

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Studie zum Thema Freikauf: Zeitzeugen gesucht

An der Universität Heidelberg entsteht gegenwärtig eine Dissertation über den „Freikauf“ der Siebenbürger Sachsen, Banater Schwaben und anderer Rumäniendeutscher im Kommunismus. Die jeweiligen Perspektiven der offiziellen und inoffiziellen Akteure werden aufgrund der bisherigen Veröffentlichungen und des neu zugänglichen Archivmaterials in einer kritischen Diskursanalyse sprachwissenschaftlich untersucht. Die Benennungsproblematik dieser rumänisch-deutschen geheimen Aktion lässt erkennen, dass hier Sprache als Machtinstrument fungiert. Positive (Freiheit, Familienzusammenführung) und negative Begriffe (Verkauf, Kopfgeld, Schmiergeld) sowie Euphemismen (Freikauf als humanitäre Aktion) belegen, dass hier nicht nur um politische Inhalte, sondern auch um Worte gestritten wird.
Die der Geschichtsschreibung „wohlgesonnenen“ Politiker und deren Unterhändler wollen oder können nicht alles sagen. Wir, die Betroffenen, können jedoch wesentlich dazu beitragen, diese kollektive Tabuisierung und verhängnisvolle Komplizenschaft zwischen Tätern und Opfern aufzulösen (vgl. Anton Sterbling, „Suchpfade und Wegspuren“, Banater Bibliothek, 2008). Als „freigekaufte“ Banater Schwäbin war ich noch in Rumänien von Freistellung und Berufsverbot betroffen, während sich mein Abschluss in Deutschland als unzureichend erwies. Ein Ergänzungsstudium kam zunächst nicht in Frage, zumal ich ja in der moralischen und finanziellen Schuld derer stand, die das Beschleunigungsgeld für mich gezahlt hatten.

Was sind Ihre persönlichen Erfahrungen mit dem Freikauf? Wie wurde in Ihrer Familie darüber gesprochen? Wie hat die Geheimhaltung gegenüber Ihren Kindern, Freunden, Bekannten, am Arbeitsplatz funktioniert? Gab es „Code-Wörter“, um sie zu schützen? Was und wie haben Sie als Kind von Ihren Eltern über den Freikauf, Schmiergeldzahlungen erfahren? Wie haben Sie die „gekaufte Freiheit“ erlebt? Mit welchen Problemen und Enttäuschungen sahen Sie sich konfrontiert? Hatten oder haben Sie Schuld-, Angst- oder Schamgefühle? Wie haben Sie – heute in aller Munde – die Integration erlebt? Wurde Ihre Berufsausbildung und -erfahrung anerkannt und wertgeschätzt?

Letztendlich geht es um Wissen durch Sprache: Welches Wissen ist jedoch erhaltenswert und welches eher vernachlässigbar? Wie wirkt sich dieses Wissen transgenerational auf die in Deutschland aufgewachsenen Nachfahren aus? Warum müssen Zeitzeugen, offizielle und inoffizielle Beteiligte (Opfer? / Täter?) ihr Schweigen brechen, sich erinnern? Bitte schildern Sie mir Ihre Meinung und Ihre Erfahrungen entweder per E-Mail an: l.reder[ät]stud.uni-heidelberg.de oder per Post an ETC, Frau Lolita Reder, Postfach 23 01 46, 68181 Mannheim.

L. Reder

Schlagwörter: Freikauf, Studie, Zeitzeugen, Aufruf

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