30. Dezember 2015

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Kronstädter Goldschmiedearbeit in Karlsruhe entdeckt

Auf die vom historischen Gesichtspunkt aus gesehen hochkarätige Sonderausstellung „300 Jahre Karlsruhe“, die in der ehemaligen Residenz „Carls Ruhe“ des damaligen Markgrafen Karl Wilhelm von Baden-Durlach vom 20. Juni bis zum 18. Oktober 2015 stattgefunden hat, freute ich mich sehr. Während des Zweiten Weltkriegs zerstört, erstrahlt die nach dem Krieg wieder aufgebaute und zum 300-jährigen Jubiläum frisch restaurierte und getünchte Fassade wie nie zuvor – in leuchtendem Gelb und Gold. Schon die im Eingangsbereich bühnenreif präsentierten Exponate weckten meine Neugierde: ein prunkvolles Thronensemble aus Gold und Marmor zog die Blicke aller Besucher an; rechts davon edle Hofdamen- und Herrengewänder aus der damaligen Zeit, links vom Thron der Großherzöge erfreute eine komplette, vergoldete Toilettengarnitur das Auge. Von so viel unerwarteter Schönheit abgelenkt, bemerkte ich in einer hohen Spezialvitrine erst spät die Kroninsignien Karl Friedrichs von Baden (1728-1811), des 1806 zum Großherzog erhobenen Kurfürsten, eines Enkels Karl Wilhelms: eine Krone, ein Schwert und ein Zeremonienszepter.
Bei den Objektbeschreibungen stand zu lesen, dass die Krone im Jahre 1811 in Karlsruhe, das Schwert 1729 in Augsburg (Umarbeitung 1811 in Karlsruhe) hergestellt worden waren und das Zeremonienszepter: „In Kronstadt/Siebenbürgen von Bartholomäus (Bartsch oder Bartesch) Igel d.Ä., um 1625, Umarbeitung Karlsruhe 1811; Silber, vergoldet, Holzstab Diamanten, Inv. Nr. 2006/1001. Unter den schlechthin wichtigsten Hoheitszeichen der Badener Großherzöge wurde eines vor fast 400 Jahren in meiner Heimatstadt hergestellt! Diese Entdeckung berührte mich tief.

Angeregt durch die kurze Beschreibung, kaufte ich den „Führer der Schlossgeschichte“, in dem Näheres zu erfahren war: Das Szepter, so heißt es dort, war ursprünglich ein siebenbürgischer Streitkolben, schlechthin ein Rangabzeichen, ein sogenannter Buzdugan. Dieser stammt wohl aus der baden-durlachischen Sammlung der „Türckischen Curiositaeten“ (eine Bemerkung, die zu weiteren Nachforschungen reizt). Der Schlagkopf, so die Beschreibung, wurde für den Großherzog durch ein reich bestücktes Krönchen ersetzt. Denn am 20. Mai 1808 ordnete Karl Friedrich an, dass man „seiner neuen Würde entsprechend Edelsteine von kirchlichen Goldschmiedearbeiten, die durch die Säkularisation in staatlichen Besitz gefallen waren, `zur Fertigung seiner königlichen Crone und Scepter anwende…‘“

Zeremonienzepter. Foto: Antje Krauss-Berberich ...Zeremonienzepter. Foto: Antje Krauss-Berberich Die Fertigstellung der Kroninsignien hat der beliebte erste badische Großherzog nicht mehr erlebt. Sein plötzlicher Tod durch Hirnschlag am 10. Juni 1811 löste hektische Aktivitäten aus. Innerhalb weniger Tage mussten Krone, Szepter und Zeremonienschwert (mit den bekannten Veränderungen) fertiggestellt werden. Die badischen Kroninsignien wurden nie getragen. Sie dienten lediglich als standesgemäße Dekoration bei seiner Beisetzungsfeierlichkeit und danach bei bedeutenden Zeremonien.

Doch wer war dieser Bartsch Igel, dessen Handwerkskunst durch mehrere geschichtsträchtige Geschehnisse in einer Vitrine eines der größten Museen landete? Ich wusste sofort, dass die allumfassende Antwort nur aus dem gut bestückten und betreuten Kronstädter Archiv kommen könne, sprich von meinem ehemaligen Klassenkameraden und profunden Kenner der Materie, dem Historiker und Archivar Gernot Nussbächer. Er ist (mittlerweile) ein Interessenkollege, dem, bedingt durch seine über ein halbes Jahrhundert währenden Forschungen auf dem Gebiet der Landesgeschichte, wohl kaum jemand das Wasser auf seinem Spezialgebiet reichen kann. Die Antwort kam prompt, ausgiebig und spannend.

Gernot Nussbächer zitiert aus der Geschichte des Kronstädter Goldschmiedgewerbes, die Tihamér Gyárfas im Jahre 1912 in Kronstadt in ungarischer Sprache veröffentlicht hat („A brassai ötvösség története“, in der Reihe kunstgeschichtlicher Monographien als erster Band, Seite 97), in freier zusammenfassender Übersetzung. Da erscheint unter Nr. 106 von 387 Kurzbiographien von Kronstädter Goldschmieden zu Bartesch Igell senior ein Bericht, wonach dieser am 10. September 1589 von seinem Vater Hannes Igell für vier Jahre in die Lehre des Goldschmiedemeisters Hannes Leffler gegeben worden war und am 29. September 1593 freigesprochen und später Meister wurde. Allerdings fehlt der Nachweis, wann Igell senior in die Meisterzunft aufgenommen wurde, da das Meisterbuch erst 1614 beginnt. Doch klar ist, dass er 1599 schon eine eigene Werkstatt besaß und selbst einen ersten Lehrjungen für fünf Jahre aufnahm. Er bildete laut Eintrag insgesamt sieben Lehrjungen aus, unter anderen den später wohl anerkanntesten Goldschmied Michael Seybringer. 1622 wurde Igell senior zum Zunftmeister gewählt. Als vorletzten Lehrjungen nahm er seinen eigenen Sohn Bartesch Igell junior in die Lehre, der 1625 freigesprochen wurde. 1634 nahm er seinen letzten Lehrling auf, dessen Freispruch 1638 erfolgte. Nach 40-jähriger kreativer Tätigkeit wurde es ruhiger um den Vater Bartesch Igell, der als Zunftmeister 1622 bis 1626, 1633-1635 und auch 1637-1638 als erster Zunftmeister erscheint. Am 29. September 1646 starb Bartesch Igell senior. Von seiner Hand war dem Verfasser Gyárfas eine Zierkanne (Bild 25) im Schatz der Schwarzen Kirche bekannt, auf der seine Majuskeln „BI“ eingearbeitet wurden.

Auf Seite 317 unter Nr. 27 ist des Zunftmeisters Meisterzeichen abgebildet. Es wird angenommen, dass Bartsch Igell senior aufgrund seiner Aktivitäten und durch die Bezeichnung „Herr“ auch Ratsherr, also auch ein politisch aktiver Bürger war. In seinen Händen entstanden die Kroninsignien Karl Friedrichs von Baden. Bartesch Igell hat sich und der Kronstädter Kunst einen bedeutenden Dienst erwiesen.

Antje Krauss-Berberich

Schlagwörter: Ausstellung, Karlsruhe, Goldschmied, Kronstadt

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