7. Dezember 2016

Bundesfrauentagung zu nationalen Minderheiten im östlichen Europa

Zur Tagung „Nachbarschaft in Europa. Zur Rolle von nationalen Minderheiten im östlichen Europa“, die vom 11. bis 13. November in der Bildungs- und Begegnungsstätte „Der Heiligenhof“ in Bad Kissingen stattfand, hatte das Bundesfrauenreferat des Verbandes der Siebenbürger Sachsen Interessierte geladen. Die Referenten/innen schürten bei den zahlreichen Seminarteilnehmern bereits durch die ausgewählten Vorträge die Erwartung, Einblick zu erhalten in die spezifischen Tätigkeitsbereiche und Entwicklungen betreffend die Situation der nationalen/ethnischen Minderheiten im östlichen und mittelöstlichen Europa. Die Akzeptanz und die daraus resultierende Positionierung einer Minderheit im politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben eines Landes eröffnete spannende Diskussionspunkte.
Die Begrüßung erfolgte durch die Gastgeber der Tagung, Gustav Binder, Studienleiter des „Heiligenhofs“, und Bundesfrauenreferentin Christa Wandschneider. Sie stellten die provokante Frage, ob ethnische bzw. nationale Minderheiten das „Salz“ bzw. die „Hefe“ in der Mehrheitsgesellschaft sind oder aber Störenfriede darstellen. Ebenso wurde der Begriff der nationalen Minderheiten anhand festgelegter Kriterien in Deutschland umrissen und eingebettet in die völkerrechtlichen Gegebenheiten. Das Grußwort der Bundesvorsitzenden Herta Daniel wurde verlesen. Sie dankte darin für die Auswahl der Themen, die nicht nur für das Bundesfrauenreferat, sondern auch für die siebenbürgisch-sächsische Gemeinschaft und für die Arbeit innerhalb der Kreisgruppen relevant, aktuell und spannend seien.

Beatrice Ungar, Chefredakteurin der Hermannstädter Zeitung, begann ihren Vortrag „Roma, Begegnungen mit einem ungeliebten Volk“ nach einer kurzen Einführung mit der Lesung aus dem Werk der Literatin und Tochter des Romakönigs in Hermannstadt Luminiţa Cioabă („Das verlorene Land“, Gedichte „Schmetterlinge müssen fliegen“, „Das Zelt der Liebe“, „Ein Baum als Freund“). Mit ihrer Lesung und einem Film über die Deportation der Roma nach Transnistrien konnte Beatrice Ungar einige Unklarheiten, die über diese Minderheit zirkulieren, klarstellen und bestehende Vorurteile entkräften. Das Thema setzte sich am nächsten Tag fort, zumal Beatrice Ungar auch einen umfassenden Einblick in die gegenwärtige Lage der Roma in Rumänien gab. Erste urkundliche Erwähnungen und Einblicke in das heutige Leben der Roma als nationale Minderheit in Rumänien, aber auch als ein „Volk ohne Land“ führten zu vielen interessanten Fragen, aber auch eigenen Erfahrungen.

Mit einem Zitat eröffnete Ilse Philippi, Kreisrätin in Hermannstadt, den Vortrag „Situation der nationalen Minderheiten in Rumänien“. Stephan der Heilige (995-1038), der Begründer des Königreiches Ungarn, schreibt in seiner Mahnschrift („Ermahnungen“) an seinen Sohn Emmerich, der ihn in der Thronfolge beerben sollte: „Die Ansiedler aus verschiedenen Weltgegenden und Ländern (…) bringen verschiedene Sprachen und Gewohnheiten (und) verschiedene Muster (…) mit sich, was alles den königlichen Hof schmückt und verherrlicht (...). Denn ein Reich von bloß einer Sprache und einer Sitte ist schwach und gebrechlich. Darum befehle ich dir, mein Sohn, dass du jene (Ansiedler) mit gutem Willen pflegest und ehrenvoll haltest, damit sie lieber bei dir verweilen, als anderswo wohnen wollen (…).“ Die Referentin erläuterte die Situation der nationalen Minderheiten in Rumänien, ging auf die diesbezügliche rumänische Politik und das Minderheitenschutzgesetz ein und umriss die Situation im Unterrichtswesen sowie in der Tages- und Außenpolitik. Interessante Aspekte zur Wahrnehmung der Minderheiten durch die Mehrheitsbevölkerung sowie Einschätzungen zu Unterschieden und Gemeinsamkeiten der ausgewanderten und nicht ausgewanderten Minderheiten folgten auch in den Hinweisen auf erschienene Literatur zu diesem umfassenden Thema.
Die Teilnehmer der Bundesfrauentagung in Bad ...
Die Teilnehmer der Bundesfrauentagung in Bad Kissingen. Foto: Beatrice Ungar
Helmine Pop, Schulinspektorin und Vorsitzende der Schulkommission des Siebenbürgenforums, referierte über „Das deutsche Bildungswesen in Rumänien. Gegenwärtige Probleme und Perspektiven“. Nach einem Rückblick auf die Geschichte des Schulwesens in Rumänien erörterte sie den Einfluss auf die Entwicklung des Schulwesens und der Kirche in Siebenbürgen, beginnend mit Johannes Honterus. Popp hob die Einheit dieser Institutionen in Siebenbürgen bis Mitte des 20. Jahrhunderts hervor und leitete anschließend zur heutigen schulischen Situation über. Trotz aller Befürchtungen bestehen die deutschsprachigen Schulen weiterhin; sie sind offen für Kinder anderer Ethnien, haben einen guten Ruf, so dass sie äußerst begehrt sind und sicherlich Zukunft haben werden, obwohl es diverse Schwierigkeiten gibt. Zur Verbesserung der Situation wird dringend nach Lösungen gesucht. Eine besondere Rolle nimmt hinsichtlich dieser Problematik das Siebenbürgerforum ein, das auf unterschiedlichen Ebenen Unterstützung bietet. Mit weiteren Ausführungen zur Lehrproblematik, der Finanzierung von Fortbildungen, Lernmaterial, Projekten, aber nicht ohne einen optimistischen Ausblick auf bestehende Perspektiven endete der Vortrag.

Dr. Maria Werthan, Präsidentin der Frauen des Bundes der Vertriebenen (BdV), stellte die vielfältigen Tätigkeitsbereiche der Frauen im BdV vor, zeigte dessen Strukturen auf und ging auf die historischen Ursprünge im Jahre 1959 des Vertriebenenverbandes ein. Sie behandelte die Frage, warum Frauenarbeit so wichtig ist, und umriss Aspekte wie die Rolle der Frauen beim Zusammenhalt von Familie und Gesellschaft, als Meisterinnen der empathischen Kommunikation, als Bewahrerinnen von Geschichtsbewusstsein, der Erinnerungskulturen und der Traditionen. Weiterhin präzisierte sie den Stellenwert der Frauen durch ihr Einbringen von Sachverstand und ihre Vernetzungen in allen Bereichen der Gesellschaft, durch Identitätsstiftung in der Erziehung, Positionierung in diversen kulturellen Einrichtungen etc. Nicht zuletzt verwies Dr. Werthan auf den Wert der Zusammenarbeit von Frauen diverser Foren in nationalen sowie internationalen Gremien.

Horst Göbbel, Vorsitzender des Hauses der Heimat Nürnberg, sprach über „Minderheiten aus Ost- und Ostmitteleuropa im Nürnberger Haus der Heimat“. Er weitete den Blick auf die Minderheiten aus Ost- und Ostmitteleuropa und gab einen geschichtlichen Rückblick auf Flucht und Vertreibung, bedingt durch politische und soziale Ursprünge. Bei der Erfassung, Aufarbeitung und Begleitung dieser Vorgänge komme dem Haus der Heimat in Nürnberg eine besondere Rolle zu, so Göbbel, brächten sich doch Mitarbeiter und Mitglieder vielfältig in diverse Projekte, Aktivitäten, Beratungen, Betreuungen, Gruppenarbeiten und Veranstaltungen ein. Somit sei das Haus der Heimat in Nürnberg zu einem wahren Angelpunkt für Minderheiten und einem Beispiel gelebter Integration geworden; es sei gleichzeitig Beweis dafür, dass Minderheiten in besonderem Maße Heimat benötigen.

Christel Ungar-Ţopescu, Programmchefin der Deutschen Sendung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen TVR, konnte leider an der Veranstaltung nicht persönlich teilnehmen, überließ jedoch den Film „Weiterleben nach dem großen Exodus. Filmzeugnisse über die verbliebenen deutschen Minderheiten in Rumänien“ zur Vorführung. Zeugnisse von Zeitzeugen vermittelten Gedanken, Hoffnungen, Befürchtungen, welche die Gründer des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien bewegten. Das Forum hat sich mittlerweile zur bedeutendsten Vertretung der Siebenbürger Sachsen in Rumänien entwickelt.

Karin Scheiner begeisterte mit einem wunderschönen Diavortrag über ihre Peru-Reise, zusammen mit ihrem Ehemann E. Scheiner. Der Etappenaufstieg auf den Machu Picchu in den Anden, die Strapazen und die überwältigende Aussicht ließen die Tagungsteilnehmer teilhaben an einer ganz besonderen Reise. Beim anschließenden gemütlichen Beisammensein bot sich die Gelegenheit zu vertiefenden Gesprächen.

Am Sonntag schloss die Zusammenkunft traditionsgemäß mit einer Andacht, bei der Kurt Boltres, Pfarrer in Neustadt / Siebenbürgen, dankenswerterweise unterstützend mitwirkte. Christa Wandschneider trug zum Abschluss ein „Liebesgedicht an den November“ vor, gab Empfehlungen für die Bücherliste im Hinblick auf das Reformationsjahr wie auch Anregungen für kommende Veranstaltungen, ehe sie die Teilnehmenden verabschiedete.

Der gut durchdachte Programmablauf, die Referate sowie das wache Interesse der Teilnehmenden haben dieses Seminar im „Heiligenhof“ zu einer gelungenen Veranstaltung werden lassen. Ein besonderer Dank geht an Studienleiter Gustav Binder und an das Bundesministerium des Innern für die finanzielle Förderung der Tagung.

Christa Wandschneider

Schlagwörter: Bundesfrauentagung, Bad Kissingen, nationale Minderheiten

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