7. Januar 2017

Das Es-war-Einmal endet nie

Frieder Schullers Gedichtband „Die Angst der Parkbank vor dem Abendrot“, Connewitzer Verlagsbuchhandlung, 125 Seiten, 14,00 Euro, ISBN 978-3-93779-974-2
Frieder Schullers Gedichte wirken wie Erlebnisberichte, die nicht aufhören. Nicht zufällig hat der Autor die erste Gedichtfolge von 44 Gedichten „hierzulande/ das lied bringt kumpane mit“ seines neuesten Gedichtbands „Die Angst der Parkbank vor dem Abendrot“ vor jene 38 Gedichte gestellt, die er „aus rumänien/ legt zertanzte schuhe auf die waage“ nennt.

Frieder Schuller ist angekommen. Aber er schreibt aus der Erinnerung heraus „mit versen in den zähnen“ (S. 45) über Ankommen, Verlust, über das Damals und Jetzt seiner erlebten Welt. Ein großes „Gepäck“ nahm er mit, wie Elmar Schenkel an die Worte von Günter Grass im Nachwort des Buches erinnert, als er 1978 seine Heimat Siebenbürgen verließ, der er sich lebenslang verbunden fühlt und in die er glücklicherweise nach der Wende zurückkehren konnte. Er gibt sowohl der Erinnerung, dem Gedenken als auch der Zukunft eine Sprache, eine Dichtung, die verzaubert mit den Zeilen verquaster Bilder, liebevoller Melancholie und heiterer Bitterkeit ob des Verlusts der Heimat, des Vaters, der Mutter, der Freunde, der Liebe. Trotz melancholischer Erinnerung liegt in den Versen immer ein verschmitzter Blickfang. „früher/ ja man hielt sich fest an diese stunden/ ging ich pünktlich meine freunde besuchen/ im internat und im narrenhaus/ in der großstadtkantine und im kleinstadtgefängnis/ überall wo sich vorübergehend die tore öffneten …“ Zwischen den Zeilen liegt jedoch auch das Bild des kommunistischen Alltags: mangelnde Versorgung, Zwang, Gefängnis usw. Ohne direkt darauf hinzuweisen, kann man es aus den Zeilen herauslesen.

Viele der Gedichte sind von Naturbildern getragen. Die Natur ist Ort der Erinnerung, der Rückbesinnung, aber auch der Suche nach Heil und Genesung des Schrecklichen, des Verlusts. „die ahornbäume im alten gräberpark“ (40): „vergangene leben kommen auf einen sprung vorbei/ und die kreuze holen den hausschlüssel hervor/ verliebt zittern glücklich voller anfang/ auf den steinen steht geschrieben ewig“ oder „dies ist ein herbsttag wie ich keinen las“ (42). In „der bank am feldrand kam/ mein kommen abhanden“ oder „was wo das verloren gegangen/ wer weiß schon im wind ja jasmin/ es gingen von mir wie ich anderswo ging“, „regen im mai/ schon sprechen und sagen sie/ mai im regen/ und wollen verklagen die/ dichter und denker…“ vermitteln Stimmungsbilder, Empfindungen, poetische Momente eingebettet in die Natur.

Die meist reimlosen, freien Verse, ohne Interpunktion und mit Zeilensprung schwingen wie Filmstreifen vor den Augen des Lesers. Sie führen uns von der siebenbürgischen Landschaft, dem alten Pfarrhaus („pfarrer eginald schlattner besucht seine kirche“, 73), dem alten „abgesperrten haus“ des Dichters (75) zur Dorfkirche wo „ein engel wurde gestohlen taghell“ (85) in die „verkehrte welt“ des „romabetts“ in Katzendorf (93) bis hin zu den Straßen zum „hotel boulevard“ in Bukarest (90), „mit hunden verwolfen“ (91), in „halbwelten halbwegs“ unterwegs oder ans Ufer der Donau „hier hat die donau den walzer verlernt/ flüche und wehmut schäumen über die ränder“. Sind die Gedichte ein Abgesang an die alte Welt? Besonders berührend ist der „siebenbürgische singsang“: „von worten in stiefeln und bundschuhen/ hat dies land dem sich das auge über/ den lobgesängen trübt endlich genug/ ein vaterländisches schweigen klopft an … dem wein haben sie wasser ins herz gestoßen/ die mittagslgocke schreit auf im turm … von zeit zu zeit wird im gedächtnis aller/ die hier sangen siebenbürgen/ ein notenpult umfallen …“ – ein Abgesang auf die siebenbürgische Hymne (97). Filmische Szenen, die der auch als Dramatiker und Filmautor tätige Frieder Schuller verinnerlicht hat, finden wir auch wortwörtlich erwähnt in Gedichten („ich sah den film von vorgestern“, 22).

Die Überzeugungskraft der Verse Schullers beruht aber nicht nur auf dem Naturbild, sondern auch auf ihrem Inhalt und einer ungewöhnlichen Metaphorik. Wie im Sonett stiftet der Dichter durch den Zeilensprung, das Enjambement, die Vereinigung der Sprache und Bilder und lässt die Gedichte endlos, ohne Schlusspunkt. Gedichte, die nie aufhören, die sich immer einander suchen und das Es-war-Einmal nie enden lassen. Sie sind trotz der Zeitgebundenheit zeitlos und trotz ihrer Ort-Erwähnungen ortlos. Gedichte eines Suchenden von Glück und Wehmut, Heimat und Dasein, Gedichte, die berühren.

Katharina Kilzer

Die Angst der Parkbank vor dem
Frieder Schuller
Die Angst der Parkbank vor dem Abendrot: Gedichte (edition wörtersee)

Connewitzer Vlgsbuchhdlg
Taschenbuch
EUR 14,00
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Schlagwörter: Rezension, Frieder Schuller, Gedichtband

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