4. September 2017

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Brukenthalschule zeigt Ausstellung „Die Schulen der Siebenbürger Sachsen“

Die Wanderausstellung „Die Schulen der Siebenbürger Sachsen“ ist am 4. August in der Brukenthalschule am Huetplatz durch den ehemaligen Lehrer dieser traditionsreichen Hermannstädter Anstalt, Alfred Mrass, eröffnet und gewürdigt worden. In Anwesenheit der Bundesvorsitzenden Herta Daniel wurden am Freitagnachmittag gleich zwei Ausstellungen in der Brukenthalschule eröffnet: eine über die Schulgeschichte der Siebenbürger Sachsen und eine über das Wirken von Hermann Oberth. Gerold Hermann, der ehemalige Schuldirektor des Samuel-von-Brukenthal-Gymnasiums, begrüßte in der urlaubsbedingten Abwesenheit der aktuellen Direktorin herzlich die zahlreich erschienenen Gäste. Er habe Alfred Mrass als Lehrer gehabt und sei der Lehrer der jetzigen Direktorin Monika Hay gewesen, wodurch sich eine erfreuliche Kontinuität ergäbe.
Alfred Mrass begrüßte die Gäste nicht nur in seiner Funktion als stellvertretender Vorsitzender des Verbandes der Siebenbürger Sachsen in Deutschland, sondern stellte sich auch als ehemaliger Schüler und Lehrer der Brukenthalschule vor. Er persönlich habe den Kontakt zu dieser Anstalt auch nach seiner Ausreise aufrechterhalten. „Es war uns (dem Verband) wichtig, im Jahr des 500-jährigen Reformationsjubiläums, in dem ja vor allem das Wirken von Luther und von Johannes Honterus in Siebenbürgen auf kirchlichem Gebiet behandelt wird, auch die Entwicklung der Schule bei uns Siebenbürger Sachsen darzustellen.“

Die Ausstellung wurde 2005 von dem Historiker Michael Schneider (Universität Erlangen/Nürnberg) konzipiert und erstmals im Schulmuseum Nürnberg in Vitrinen und auf Holztafeln gezeigt. Seither ist sie zu einer gern gesehenen Wanderausstellung mutiert und wird neuerdings zusammen mit dem Film „Schulzeit in Siebenbürgen. Ausgewählte Erinnerungen“ von Doris Hutter gezeigt. Altes Klassenzimmer im Schulmuseum Nürnberg, dem ...Altes Klassenzimmer im Schulmuseum Nürnberg, dem Drehort des Films „Schulzeit in Siebenbürgen“. Foto: Doris Hutter Die ersten schriftlichen Quellen über Schulen in Siebenbürgen stammen aus dem 14. Jahrhundert. Um 1500 gab es bereits in 85 Prozent der siebenbürgisch-sächsischen Orte Schulen. Es handelt sich hier, wie überall in Mittel- und Westeuropa, um kirchliche Lateinschulen, die bei den Siebenbürger Sachsen gleichzeitig auch Gemeindeschulen waren. Schule und Kirche waren nämlich die beiden tragenden „Säulen unserer Gemeinschaft“, wie Prof. Hans Klein und Prof. Hermann Pitters in einem kürzlich im Honterus Verlag erschienenen Büchlein schreiben, in dem die Originaldokumente des Humanisten, Reformators, Buchdruckers und Schulmanns Johannes Honterus (1498-1549) veröffentlicht werden (Hans Klein, Hermann Pitters: „Die beiden Säulen unserer Gemeinschaft. Kirche und Schule der Siebenbürger Sachsen im 16. Jahrhundert“, Hermannstadt 2016). Honterus erneuerte das höhere Schulwesen Siebenbürgens. Die Kronstädter Lateinschule wandelte er in ein modernes humanistisches Gymnasium um, das ein Vorbild für alle andere höheren Schulen wurde. Gemäß seiner Schulordnung wurde in Kronstadt 1543 der Coetus eingeführt, jenes Instrument der Selbstverwaltung und Mitverantwortung, das noch bis 1940 funktionierte. Im 19. Jahrhundert wurden die bis dahin eigenständig agierenden kommunalen Schulen zu einem einheitlichen konfessionellen Schulwesen unter der Leitung der evangelischen Kirche zusammengeschlossen, wodurch sie dem hohen Madjarisierungsdruck standhalten konnten.

Ein Beweis für die hohe Qualität der siebenbürgischen Schulen war die Anzahl von insgesamt 1019 Studenten aus Siebenbürgen, die an der Universität Wien bis 1530 eingeschrieben waren. Im 16. und 17. Jahrhundert kamen 55 % der ca. 4500 sächsischen Studenten an deutschen europäischen Universitäten aus den fünf größten Städten Siebenbürgens. 1722 wurde die allgemeine Schulpflicht für Jungen und Mädchen von der Kirchenleitung beschlossen. Das hohe Ansehen des deutschen Schulwesens führte auch dazu, dass viele Kinder anderer Nationalitäten an diesen Schulen unterrichtet wurden. Vor allem im 19. Jahrhundert haben viele rumänische Jugendliche, aber auch Ungarn, Juden, Armenier und Griechen die sächsischen Schulen besucht. An der Brukenthalschule z. B. waren um 1900 von 5740 erfassten Schülern 1225 Rumänen (21 %) und 267 Ungarn (4,6 %). Auch die Dorfkinder (Jungen wie Mädchen) erhielten in Siebenbürgen eine solide Grundausbildung. Im europäischen Vergleich außergewöhnlich war das dichte Netz der deutschen Schulen: Während in Siebenbürgen ein Gymnasium für ca. 22 000 Einwohner zur Verfügung stand, musste es in Preußen für 72 000 ausreichen. Feierliche Eröffnung der Schulbuchausstellung im ...Feierliche Eröffnung der Schulbuchausstellung im Foyer des Gymnasiums, von links: der Stellvertretende Bundesvorsitzende Alfred Mrass, Gerold Hermann, ehemaliger Schuldirektor des Samuel-von-Brukenthal-Gymnasiums, Volkmar Gerger, Vorsitzender der Landesgruppe Niedersachsen, und Bundesvorsitzende Herta Daniel. Foto Hans-Werner Schuster Die siebenbürgisch-sächsische Bildungslandschaft umfasste alle Altersstufen und vielfältige Ausbildungsmöglichkeiten wie Kindergärten, Volksschulen, Gymnasien, Handelsschulen, Gewerbeschulen und Ackerbauschulen. Des Weiteren gab es ein theologisch-pädagogisches Seminar für Lehrer und ein Seminar für Grundschullehrerinnen. Allerdings hatten die Siebenbürger Sachsen keine Universität, so dass alle akademischen Studien im Ausland erfolgen mussten.

Die Epochen des Nationalsozialismus und des Kommunismus haben das Ende des eigenständigen siebenbürgisch-sächsischen Schulwesens gebracht, wobei es auch in der Sozialistischen Republik Rumänien deutschsprachigen Unterricht gegeben hat. Deshalb mahnte Alfred Mrass zur Dankbarkeit gegenüber dem rumänischen Staat für die Duldung von Deutsch als Unterrichtssprache nach dem Zweiten Weltkrieg, was in gewisser Weise zur Erhaltung der kulturellen Identität der Siebenbürger Sachsen beigetragen habe. Er hob aber auch das hohe Berufsethos der siebenbürgischen Lehrer hervor: „Diese haben unter schwierigen Bedingungen Beachtliches geleistet. Viele Lehrer sahen sich mehr der Gemeinschaft als dem Staat verpflichtet." Mrass zitierte den Schulhistoriker Walter König: "Zum deutschen Schulwesen in Rumänien nach dem Zweiten Weltkrieg gibt es nichts Vergleichbares in Ost- und Südosteuropa."

Abschließend erwähnte Alfred Mrass die seelische und emotionale Bindung, die zwischen ehemaligen Absolventen der deutschen Schulen und ihren Lehrern bestehe, wie er es in der Bundesrepublik nicht erlebt habe. Er wünscht sich, dass diese Anhänglichkeit erhalten bliebe. Wie beliebt Herr Mrass selber als Physiklehrer war und ist, zeigte sich beim großen Trachtenumzug in der heißen Sonne des 5. August, als er in der Gruppe Hermannstadt / Harbachtal von allen Seiten mit freudigen Zurufen begrüßt wurde.

Brunhilde Böhls

Schlagwörter: Sachsentreffen, Hermannstadt, Ausstellung, Schule, Brukenthalschule, Mrass

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