23. Oktober 2017

Druckansicht | Empfehlen

Dem Volk ins Gesicht geschaut: Bruno Bradt stellt in St. Egidien in Nürnberg aus

Viele reden heute von Populismus; wir in Nürnberg, genauer in der Egidienkirche, wir schauen dem Volk ins Gesicht. Auf besondere Art, denn Bruno Bradt macht’s möglich. Martin Luther meinte, als er vor etwa 500 Jahren die Bibel ins Deutsche übersetzte, man müsse „dem Volk aufs Maul schauen“, um zu verstehen, wie einer spricht. In Anlehnung daran lautet der Titel der Ausstellung von Bruno Bradt: „Dem Volk ins Gesicht geschaut“. Und Bradt hat seinen Porträtierten wirklich ganz tief ins Gesicht geschaut. „Das ist für St. Egidien ein Ereignis. Wir haben den Kern der Reformation durch Sie, Herr Bradt, ganz anders entschlüsselt bekommen. Die existenziellen Nöte für uns Menschen haben sich nicht geändert. Sie, Herr Bradt, führen uns vor Augen, wer und wie der Mensch vor Gott ist“, betonte Pfarrer Martin Brons am 13. Oktober bei der Vernissage in seiner Begrüßung.
Gut Ding will Weile haben – so eine bekannte Redensart. Der im Banat 1962 geborene, seit 1984 in Bayern lebende Künstler Bruno Bradt, katholischer Christ und Fürther Grafiker, nahm vor fünf Jahren Kontakt zum Nürnberger Kulturbeirat zugewanderter Deutscher auf, wir machten Bekanntschaft mit Teilen seines schöpferischen Werkes und meinten, seine zwölf Apostel gehören in einer passenden kirchlichen Umgebung gezeigt. Damit ein solches Projekt Realität wird, müssen einige Faktoren, genauer Menschen – und ein besonderes Jubiläum – zusammenkommen: Horst Göbbel führte Bruno Bradt mit dem neuen, sehr engagierten evangelischen Pfarrer von St. Egidien, Martin Brons, zusammen, die beiden schauten sich tief in die Augen und Bruno Bradts Kunst begegnete Brons’ Egidienkirche.Der Ausstellungsbereich vor dem Publikumsansturm. ...Der Ausstellungsbereich vor dem Publikumsansturm. Fotos: Peter Leutsch Das Ergebnis? Ein neues, lebendiges, vielsagendes, einprägendes Kunstwerk mit faszinierenden Facetten – zum richtigen Zeitpunkt am absolut richtigen Ort: zum 500. Reformationsjubiläum in einer geräumigen, einladenden, hell strahlenden, zur Eröffnung mit einer überwältigend großen Zahl von Freunden, interessierten, kulturaffinen Menschen gefüllten Kirche. Herzlich begrüßt von Pfarrer Brons, Horst Göbbel vom Haus der Heimat, Dagmar Seck, Projektleiterin des Kulturbeirates zugewanderter Deutscher, die klar stellte, dass Bruno Bradt „eindeutig im Zentrum (auch von Nürnberg) angekommen“ sei. Dr. Andreas Meier, im Ural geboren, in Kasachstan aufgewachsen, in Kirgistan sein Musikstudium absolviert, inzwischen in Fürth als Musikpädagoge zu Hause, flutete den passenden Raum mit ungewöhnlichen, wundersamen Akkordeonklängen: Capriccio von G. F. Händel, Präludium von B. Wechsler und nochmals ein Capriccio von J. S. Bach.Dr. Andreas Meier spielt – viele lauschen. ...Dr. Andreas Meier spielt – viele lauschen. So, wie Bruno Bradt sich auf seine Porträtierten eingelassen, ihnen ins Gesicht geschaut hat, so eröffnet sich auch für uns, die Betrachter, die Möglichkeit, in die Tiefe menschlichen Seins hineinzuschauen, zu erahnen, wie zerbrechlich, gefährdet, letztlich der Gnade Gottes ausgesetzt der Mensch ist. Zur Ausstellung selbst und der passenden Musik gesellte sich als weiterer Glanzpunkt die tiefgründige, weitsichtige und zugleich kunstnahe, schwungvoll, klar, gekonnt vorgetragene Laudatio von Susanne Leutsch. Ein Genuss, sie zu hören. Darin äußerte sie die enge Verbindung von Religionsgeschichte – das große Reformationsjubiläum 2017 – mit der Kunst, die im Chorraum dieser wunderbaren Kirche zu sehen sei. Susanne Leutsch stellte schon zu Beginn klar: „Der Reformator Martin Luther war ein Mensch mit Ecken und Kanten. Seine Verdienste auf der einen – seine Schwächen und dunklen Bereiche auf der anderen Seite lassen uns die Symbolfigur der Reformation mit gemischten Gefühlen feiern.“ Die klare, direkte Sprache Luthers („dem Volk aufs Maul schauen“) sei auch Bruno Bradts Anliegen: Es ginge Bruno Bradt genau darum, „seinem Gegenüber bewusst ins Gesicht zu sehen und den Menschen wahrzunehmen“. Luther quälte die Frage, wie der sündige Mensch vor Gott bestehen könne, und er fand nach langem Ringen die Antwort: Nicht Geld und gute Werke helfen uns, vor Gott zu bestehen. Luther sah den Ausweg im Glauben. Allein Gottes Gnade ist nach Luther die Rettung.Spannende Blicke. ...Spannende Blicke. Hier brachte sie nun Bruno Bradts Gestalten ins Spiel: Menschen, die keinen normalen Alltag haben, die es nicht schaffen, einen gesellschaftlich anerkannten Weg einzuschlagen oder auf diesem Weg zu bleiben, diese Menschen nicht aus dem Blickpunkt zu verlieren. „Hinter den im wahrsten Sinne des Wortes ,Gezeichneten‘ verbergen sich unterschiedliche Schicksale, von denen der Künstler in Gesprächen mit den Porträtierten punktuell mehr erfahren hat. Manche sind krank, arbeitslos, alt, obdachlos oder anderweitig auf Hilfe angewiesen.“ Die wahren zwölf Apostel. Dazu ein Werk aus seiner Jugend, gemalt für eine Kirche im Banat. Es zeigt Christus als Gekreuzigten, der sich in die Hände Gottes begibt, weil er nur bei ihm Barmherzigkeit, Liebe und Gnade erfahren kann. „In tiefster Not schreit der Mensch nach Rettung und sehnt sich danach, Hilfe zu bekommen.“ Im Triptychon „David“ gibt es ebenfalls Hinweise auf das Leben und Erlebte des Porträtierten. Bradt selbst sieht in der Begegnung mit anderen Menschen Hoffnung. „Den anderen Menschen mit dem Herzen sehen und nicht mit dem Blick des kritischen Richters, der andere be- oder gar verurteilt, das ist die Kunst. Mit Liebe betrachten und annehmen, darum geht es.“ Schließlich zeigt das dreiteilige Bild „Leidensmachtkampf“ Bradt selbst: in kreuzigungsähnlicher Pose, am Boden liegend – nackt bis auf ein weißes Tuch im Lendenbereich und eine Kopfbedeckung. Eine seiner radikalen Botschaften: „Hier hat einer nichts mehr im Griff – ganz ausgeliefert dem Leid und der Gnade Gottes.“ Dazu ein Appell: Jeder ist unser Nächster. „Mit Liebe betrachten und annehmen, darum geht es“, schloss Susanne Leutsch und traf damit den Nagel auf den Kopf: Bruno Bradts Kunst berührt uns durch sein unmissverständliches Credo, wir alle sind auf gleiche Art Kinder Gottes, zerbrechlich und auf dessen Liebe und Gnade angewiesen.Pfarrer Martin Brons, Bruno Bradt, Susanne ...Pfarrer Martin Brons, Bruno Bradt, Susanne Leutsch, Horst Göbbel (von links). Und Bruno Bradt? Was sagt er zu seinen zwölf Aposteln? Z. B.: „Im Porträt, im Gesicht steckt die meiste Aussagekraft … ich will das Innerste des Menschen im Bild festhalten, von Menschen, in deren Gesichtern das Leben eingeprägt ist … heute wollen viele ihre Lebensfalten wegbügeln … Gesichter sind wie Landschaften, ganze Geschichten sind in ihren Gesichtern eingemeißelt … es geht um Menschen am Rande der Gesellschaft, die manches auf ihren Schultern getragen haben … wie stehe ich zu diesen Menschen? Beachte ich sie auch? Sehe ich sie überhaupt?“ Oder anders gesagt: „Bradt fokussiert das Interesse auf diejenigen, die weder durch gesellschaftlichen noch beruflichen Erfolg glänzen. Die nach konsumgesellschaftlichen Maßstäben vielleicht sogar gescheitert sind. Bradt konfrontiert sich und den Betrachter mit der Frage, wie halte ich es mit den Ausgestoßenen, Schwachen und Kranken? Er bringt uns dazu, genau hinzusehen, mit einem gnädigen Blick, der nicht fragt, was hast du geleistet, was bist du von Beruf, bist du jung, schön und erfolgreich – was hast du vorzuweisen? –, sondern einem Blick, der dem anderen begegnet auf Augenhöhe, mit Achtung und Respekt.“ (Martin Brons/Susanne Leutsch). Das macht hoffnungsvoll.

Die Ausstellung – Genuss pur – dauert bis 5. November, die Kirche ist täglich von 9.00 bis 18.00 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei. Es besteht auch außerhalb der Vernissage die Möglichkeit, mit dem Künstler Bruno Bradt ins Gespräch zu kommen. Bei Interesse eine E-Mail an bruno_bradt[ät]web.de schicken und einen Termin vereinbaren.

Horst Göbbel

Schlagwörter: Ausstellung, Nürnberg, Porträts, Banater, Graphik

Nachricht bewerten:

12 Bewertungen: +

Noch keine Kommmentare zum Artikel.

Zum Kommentieren loggen Sie sich bitte in dem LogIn-Feld oben ein oder registrieren Sie sich.

  • AKTUELL
  • BEWERTET
  • GELESEN
  • KOMMENTIERT
Druckausgabe der aktuellen Zeitung
Die Druckausgabe der SbZ bereits eine Woche vor der Auslieferung online lesen (inkl. Volltextrecherche).

Archiv Schmökern und recherchieren im Archiv der SbZ von 1950-2010.

Terminkalender

« November 17 »
Mo Di Mi Do Fr Sa So
30 31 1 2 3 4 5
6 7 8 9 10 11 12
13 14 15 16 17 18 19
20 21 22 23 24 25 26
27 28 29 30 1 2 3

Artikel zum Thema

RSS-Feeds abonnieren

Nächster Redaktionsschluss

22. November 2017
11:00 Uhr

19. Ausgabe vom 05.12.2017
Alle Redaktionsschlüsse
Registrieren! | Passwort vergessen?
Impressum · RSS · Banner · Online werben · Nutzungsbedingungen · Datenschutz