19. August 2018

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Herausragende Persönlichkeit der Zeitgeschichte: Zum Tode von Paul Philippi

Viele Attribute sind ihm zugeschrieben worden: Querdenker, Grenzgänger, notwendige Stimme, Prophet, der Ideologe, der Unbequeme – alles Hilfskonstrukte, sich einer der bedeutendsten siebenbürgisch-sächsischen Persönlichkeiten der Zeitgeschichte anzunähern: Paul Philippi. Seine Lebensdaten umspannen fast ein Jahrhundert, doch er überblickte sehr viel mehr. Seine umfassende Quellenkenntnis erlaubte es ihm, aus vielen Jahrhunderten siebenbürgischer Vergangenheit zu schöpfen und daraus Lehren und Verpflichtungen für die Gegenwart und die Zukunft zu ziehen. Wirklich verstanden hatten ihn die längste Zeit nur wenige. In den letzten Jahren mögen es mehr geworden sein.
Paul Philippi kam am 21. November 1923 in Kronstadt zur Welt. Sein Vater Dr. Gustav Philippi, Jurist und Leiter der Rechtsabteilung der Stadt Kronstadt, und seine Mutter Adele geb. Zeidner, entstammten tief verwurzelten Kronstädter Familien, und wenn er später auf manch namhafte seiner Vorfahren rekurrieren sollte – wie etwa den Kronstädter Stadtpfarrer Johann Teutsch oder auf Stadtrichter im 16. Jahrhundert –, so geschah das stets so, als ob er auf deren Erfahrungsschatz zurückgriffe, um Wissen und Erkenntnis weiterzugeben, niemals, um mit ihnen zu glänzen. Mit seinen beiden deutlich älteren Brüdern Hans und Kurt wuchs er in der Kronstädter Waisenhausgasse auf, und da rührte auch sein Spitzname her, der ihn zeitlebens im Freundes- und Familienkreis begleitete, Moni, der kleine Mann, der aber nicht mit dem Nachnamen zu verbinden war. Schon während der Gymnasialzeit an der Honterusschule entstand sein ausgeprägtes Interesse für die Vielfalt der sächsischen Geschichte sowie der siebenbürgischen Konfessionslandschaft, auch angeregt durch das Burzenländer Sächsische Museum, und bald sein Berufswunsch, zunächst Gymnasialprofessor und dann Dorfpfarrer zu werden. Der Schulabschluss 1942 aber fiel in eine Zeit, die Planungen in Frage stellte. Seine seit frühauf ausgeprägte musikalische Begabung und Erfahrung ermöglichte es ihm, sein anschließendes „Völkisches Dienstjahr“ als Dirigent und Solist eines Jugendorchesters abzuleisten. Nach Ablehnung seines Eintritts in die rumänische Armee durch die Volksgruppenführung wurde er von deren Werbern für den deutschen Kriegsdienst rekrutiert: 1943 bis 1945 war er Mitglied der Waffen-SS, ein schwieriges Kapitel, das er später durch Offenheit, Diskussion und Zeitzeugenschaft besser verstehen helfen wollte. Nach der Entlassung aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft 1947 war es ihm möglich, ein Studium aufzunehmen. Mit seinen Fächern Evangelische Theologie, Geschichte und Germanistik, die er in Erlangen und Zürich studierte, blieb der Berufswunsch unverändert, letztlich Lehrer und Pfarrer in Siebenbürgen zu werden – auch wenn das in jener Situation wenig aussichtsreich erschien. Dr. Paul Philippi auf einer Tagung zur NS ...Dr. Paul Philippi auf einer Tagung zur NS-Geschichte im pfälzischen Landau (2015). Foto: Konrad Klein Konsequent war daher, dass er nach seinem Fakultätsexamen 1952 die Pfarramtsprüfung für Siebenbürgen ablegte – das war damals möglich, weil mit dem Generaldekanat Nordsiebenbürgen, das unter Leitung von Generaldechant Carl Molitoris stand, ein Teil der heimischen Landeskirche in Österreich und Deutschland (nach der Flucht 1944) fortgeführt wurde, und er war nicht der einzige im Westen für diese Kirche Ordinierte. Zu dieser Zeit hatte er bereits als Hauslehrer in der Schweiz gearbeitet, sein Vikariat an der Zürcher lutherischen Gemeinde abgeleistet und eine Assistentenstelle an der Universität Erlangen angetreten. Und er tritt uns gleichzeitig in ganz anderem Kontext entgegen: Nämlich als Mitbegründer des „Arbeitskreises junger Siebenbürger Sachsen“, in dem er ab 1952 zusammen mit Freunden junge Menschen zusammenführte, die ein dringendes Bedürfnis hatten, sich mit der eigenen Herkunft, Kultur, Geschichte, Identität auseinanderzusetzen. Damit taucht jener Paul Philippi auf, dem die sächsische Geschichte und „die wissenschaftliche Kunde von Siebenbürgen“, wie er selbst formulierte, ein unbedingtes Herzensanliegen war und dauerhaft geblieben ist. Der Arbeitskreis gab 1953-1955 zunächst ein vierteljährliches hektographiertes „Korrespondenzblatt“ heraus, um zwischen den Treffen in Kontakt zu bleiben und um sich über inhaltliche Fragen auszutauschen; Schriftleiter war Philippi selbst, und er war es auch, der das Seeblätterdreieck aus dem (internen) Siegel der Sächsischen Nation als Logo und den Wahlspruch Brukenthals „Fidem genusque servabo“ als Leitlinie auswählte. Ab 1956 gab der Arbeitskreis dann den Siebenbürgisch-Sächsischen Jugendbrief heraus, der als Beilage von Licht der Heimat und Siebenbürgischer Zeitung bis 1966 in 69 Folgen erschien. In dieser Zeit freilich trennten sich die „Lager“ innerhalb des „jungen“ Arbeitskreises: die wissenschaftlich Interessierten um Philippi gründeten 1962 den „Arbeitskreis für Siebenbürgische Landeskunde e.V. Heidelberg“, und das ganz bewusst in der Rechtsnachfolge des von 1840 an rund ein Jahrhundert in Siebenbürgen wirksamen Vereins für Siebenbürgische Landeskunde. Dabei glückte Philippi im Verbund mit dem Böhlau-Verlag im ersten Anlauf die Wiederbelebung der Schriftenreihe des „Siebenbürgischen Archivs“ – über Jahrzehnte hin blieb er dessen Herausgeber und bald auch der Nebenreihen. Ihm war immer wichtig zu betonen, dass er all dies „mit Freunden“ tat – ohne Frage, denn das ganze Konstrukt basierte auf einem stabilen Freundeskreis, den er aber wesentlich mitbestimmte und voranbrachte, nicht unwidersprochen, denn er war stets streitbar, aber konsequent und sachlich präzise argumentierend. Daher war er selbst bei Widerspruch geachtet, oft bewundert, aber auch angefeindet. Philippi war seit 1954 an der Universität Heidelberg als Assistent tätig, wurde in Erlangen 1957 promoviert und 1963 in Heidelberg habilitiert. In Heidelberg hatte er 1956 mit Irmentraut geb. Waadt, ebenfalls aus Siebenbürgen stammend, eine Familie gegründet, der fünf Kinder entstammen. Dr. Paul Philippi im Gespräch mit ...Dr. Paul Philippi im Gespräch mit Altlandeskirchenkurator Dr. Paul Niedermaier (Michelsberg 2015). Foto: Konrad Klein Dass Paul Philippi in Heidelberg fest verankert war, sollte für die Siebenbürgen-Forschung zum Glücksfall werden. Schon 1955 war es nämlich geglückt, einen Nachlass mit Siebenbürgen-Literatur durch das Gustav-Adolf-Werk übertragen zu bekommen, damals an das Hilfskomitee als Träger mit Standort im Siebenbürgerheim Rimsting. Die zugrundeliegende Vereinbarung wurde seitens des Hilfskomitees von Paul Philippi unterzeichnet. Und als ab 1960 das siebenbürgische Altenheim auf Schloss Horneck aufgebaut wurde, Philippi sowie der Schriftführer des gerade neugegründeten Arbeitskreises Balduin Herter im unweit gelegenen Heidelberg wohnten, bot sich die Überlegung an, diese „Siebenbürgische Bücherei“ aus Rimsting nach Gundelsheim zu überführen. Dies geschah 1963, und die Bücher erhielten im Schloss einen Raum und Regale. An den Wochenenden betreuten Herter und Philippi die Bibliothek, letzterer entwarf das noch heute bestehende (und auch im Archiv der Honterusgemeinde Kronstadt sowie im Teutsch-Haus Hermannstadt weitgehend übernommene) systematische Signaturenschema (es lässt sich etwa an der ausgefeilten Gliederung der Kirchengeschichte erkennen). Und er sorgte für die Einbindung der Bibliothek ins System der Heidelberger Universitätsbibliothek gleich einer Institutsbibliothek – und damit ins internationale Bibliothekennetz und den damals bestmöglichen Anschluss „an die Welt“. Somit war der Nucleus dafür angelegt, was über die Jahrzehnte hin zum Siebenbürgischen Kulturzentrum werden sollte, für dessen Erhalt im Schloss heute mit so großem Einsatz gerungen wird. 1967 ging die stetig wachsende Bibliothek als „Gemeinschaftswerk der Siebenbürger Sachsen“ in die Trägerschaft von Arbeitskreis, Hilfskomitee und Landsmannschaft über; bald folgte der „Kulturbeirat“ (heute Kulturrat), die Heimatstube (heute Museum), ab 1970 schließlich die Einrichtung einer hauptamtlich besetzten Arbeitsstelle (mit Balduin Herter), an die dann alle weiteren Stellen angedockt wurden – bis hin zum „Siebenbürgen-Institut an der Universität Heidelberg“ 2003. Die Initialzündung freilich waren die Initiativen von 1955 und von 1963, wobei Philippi und seinen Freunden ein Punkt besonders am Herzen lag: Die politische Unabhängigkeit der wissenschaftlichen Einrichtungen sollte auf jeden Fall gewahrt werden, deswegen war auch der Standort Gundelsheim einer Option München vorzuziehen, deswegen sollten Gremien wohl ausbalanciert sein und deswegen sollte der Arbeitskreis als der maßgeblichen wissenschaftlichen Gesellschaft jedem auswärtigen Einfluss entzogen werden. Von der Idee der strikten akademischen Unabhängigkeit her und aus den Erfahrungen der braunen und roten Ideologien heraus war das gewiss richtig, doch schloss dies auch weitergehende staatliche Fördermöglichkeiten (-abhängigkeiten) insofern aus, als man politische Konzessionen, etwa an die Landsmannschaft, hätte machen müssen. Dass dies auf lange Sicht erhebliche strukturelle Nachteile bringen würde, wurde irgendwann offensichtlich; Paul Philippi war einer der wenigen, die dies letztlich erkannten, und der einzige seiner Generation, der bei den heutigen Verantwortlichen für diesen strukturellen Fehler im übergebenen Erbe um Entschuldigung bat. Ganz unbesehen von diesem Manko war seine und seiner Freunde Aufbauleistung enorm, die heute allseits anerkannte und breit angelegte deutsche Siebenbürgen-Forschung hätte es andernfalls nicht geben können. Im Kreis der Jugend sprach Dr. Paul Philippi bei ...Im Kreis der Jugend sprach Dr. Paul Philippi bei der 24. Akademiewoche von Studium Transylvanicum in Deutsch-Weißkirch (2009). Foto: Thomas Sindilariu Philippis eigentlicher Beruf aber wurde die evangelische Theologie. In verschiedenen Schriften setzte er sich mit dem Charakter der evangelisch-sächsischen Kirchengemeinden auseinander, auch in der Erlanger Dissertation „Abendmahlsfeier und Wirklichkeit der Gemeinde“. Noch während er an dieser saß, kam er 1954 in den Aufbaustab des gerade gegründeten Diakoniewissenschaftlichen Instituts der (Evangelisch-)Theologischen Fakultät der Universität Heidelberg. Hier ging es darum, die Sozialgestalt der Kirche zu erforschen und „Studenten aller Fakultäten mit jenen Kenntnissen bekannt zu machen, die erforderlich sind, um auf den verschiedenen Gebieten der kirchlichen Diakonie in einer zeit- und sachgemäßen Weise mitwirken zu können“. Hier nun leistete Philippi als Wissenschaftler – etwa mit seiner „Christozentrischen Diakonie“ (1963, 2. Aufl. 1975) – wie auch als profilierter akademischer Lehrer Imponierendes; zusammen mit dem Gründungsdirektor des Instituts Herbert Krimm, dessen Nachfolger Philippi 1970 werden sollte, erbrachten sie eine europaweit wirksame Pionierleistung für die Diakoniewissenschaft. Aus diesem wissenschaftlichen Fundus, zu dem mehr als 200 einschlägige Publikationen zählen, schöpfte Philippi als Mitglied im Diakonischen Rat der EKD und in der Diakonischen Konferenz, als Gutachter, Referent und Berater in der Bundesrepublik wie auch international, etwa als Mitarbeiter des Ökumenischen Rates von Genf. 1974 hatte Philippi die Ehrendoktorwürde des Protestantisch-Theologischen Instituts Klausenburg/Hermannstadt erhalten, anlässlich seines 80. Geburtstages auch jene der Universität Klausenburg. Seine theologische Langzeitwirkung kann man etwa an dem 2017 erschienenen Band „Begriff und Gestalt. Zu Grund-Sätzen der Diakonie“ ersehen, womit sein Heidelberger Institut zentrale Beiträge aus Philippis Forschung wieder aufgriff. Trotz dieser beruflichen Erfolge verlor er sein Ziel, als Pfarrer nach Siebenbürgen zu gehen, genauso wie die Forschungen zu Siebenbürgen nie aus den Augen. Er betreute nicht nur die inzwischen drei Schriftenreihen des Arbeitskreises, sondern publizierte selbst immer wieder überaus anregende und scharfsinnige Studien zur sächsischen Geschichte (manchmal als Paul Zeidner) und leitete die AKSL-Sektion Kirchengeschichte. Er hatte Gastdozenturen und hielt Vorlesungen in Cambridge, Helsinki, Klausenburg, Debrecen – und schließlich ab 1979 in Hermannstadt. Dies war zunächst nicht von Dauer, denn das Regime lud ihn wieder aus. Doch 1983 glückte, was man kaum für möglich gehalten hätte: Er durfte auf eine Professur für Praktische Theologie an das Evangelisch-Theologische Institut in Hermannstadt berufen werden. Seither lebte er mit seiner Frau in Hermannstadt, wirkte bei der Theologenausbildung und als Geistlicher in der Landeskirche mit. Und es war ihm endlich vergönnt, in und für die sächsische Gemeinschaft in Siebenbürgen selbst zu wirken. Dass damit auch eine räumliche Trennung von den Kindern eintrat, die ihrer Ausbildung in Deutschland weiter nachgingen, war ein Opfer, das beide Seiten zu erbringen hatten. Zu seinen liebsten Aufgaben gehörten künftig in Siebenbürgen pfarrdienstliche Einsätze auf den sächsischen Dörfern, etwa regelmäßig im burzenländischen Nußbach. Seine unvoreingenommene Gesprächsbereitschaft für buchstäblich jedermann, sein Sprachgefühl kamen ihm dabei sehr zugute, und beim beständigen Brückenbau zu den Nachbarnationen auch seine Gewandtheit in deren Sprachen.

In jenen Jahren war Paul Philippi für so manche schon lange zum roten Tuch geworden, vor allem für Verantwortungsträger der frühen Landsmannschaft in der Bundesrepublik. Und er wurde es nun auch zunehmend für viele jener, die aus Siebenbürgen nach Deutschland strebten. Denn getreu seinem eigenen Grundsatz stellte er die Zwangsläufigkeit einer Auswanderung in großem Stil in Frage. Vor allem wandte er sich entschieden dagegen, dass über die Köpfe der in Siebenbürgen lebenden Landsleute hinweg von anderen in Deutschland über deren Schicksal entschieden wurde, etwa indem einerseits postuliert wurde, die in Siebenbürgen lebenden Sachsen seien Elend, Rumänisierung und somit Untergang preisgegeben und nur eine Auswanderung könne Zukunft als Deutsche bedeuten, und indem andererseits geheime Auswanderungskopfpauschalen zwischen den Staaten ausgehandelt wurden. Ihm war die Sogwirkung bewusst, die diese Politik auf die kollektiv verfassten Sachsen ausüben würde. Er war jedoch, anders als ihm unterstellt wird, nicht so weltfremd anzunehmen, das alte Siebenbürgen, die frühere sächsische Gemeinschaft hätte unverändert erhalten oder wiederhergestellt werden können. Er war jedoch sicher, dass ein dritter Weg gesucht und gefunden werden könne, der eine Existenz in Siebenbürgen ermögliche. Ein Momentum zieht sich nämlich durch sein gesamtes Werk: sächsische Geschichte, Gegenwart und Zukunft sei ohne Siebenbürgen nicht denkbar, nur in dieser klaren regionalen Verklammerung könne sächsisches Leben fortgesetzt werden. Seine intime Kenntnis der sächsischen Vergangenheit, einschließlich semantischer Feinheiten, ließ ihn nämlich erkennen, dass die Sachsen in den letzten acht Jahrhunderten einen ähnlich eigenständigen Weg gegangen waren wie etwa Niederländer oder Schweizer und ihr Aufgehen in einem gesamtdeutschen Volk keinesfalls zwangsläufig sein musste. Diese Position bemühte er sich, auch theologisch zu begründen. Dr. Paul Philippi im Gespräch mit seiner Frau ...Dr. Paul Philippi im Gespräch mit seiner Frau Irmele, links der Heltauer Pfarrer László Zorán Kézdi (Michelsberg 2015). Foto: Konrad Klein In der politischen und wirtschaftlichen Lage jener Jahrzehnte wirkte diese Stimme für viele utopisch, unrealistisch, abwegig, die bereits Ausgewanderten fühlten sich vor den Kopf gestoßen, die Auswanderungswilligen in ihrer Entscheidungsfreiheit zusätzlich eingeschränkt, nicht wenige der damaligen Landsmannschaftsführung fanden in Philippi ihr Feindbild, und der rumänische Staat sah sein Geschäftsmodell des Menschenhandels zumindest gefährdet. Philippis Argumentation war tatsächlich recht anspruchsvoll und schon deswegen nur von wenigen nachzuvollziehen, und sie ließ sich vereinfachend und verleumderisch gut kolportieren, um Stimmung gegen jeden alternativen Weg – und gegen ihn selbst zu machen. Nicht selten schlug die Ablehnung der „Bleiben“-Option in blanken Hass gegen Philippi um, der es wiederum den „Gehen“-Befürwortern auch nicht leicht machte (nicht leicht machen wollte) und ihre „Volkstumspolitik“ immer wieder in scharfer Analyse aufspießte. Doch auch mancher sächsische Pfarrer, der schließlich auswanderte, mag beim Aussöhnungsgebot gegenüber Philippi mitunter überfordert sein. Paul Philippi focht das in seinem Engagement für die sächsische Gemeinschaft in Siebenbürgen nicht an, und so ergriff er noch während der Tage des politischen Umbruchs im Dezember 1989 zusammen mit anderen die Initiative zur Gründung des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien. Als er – aus seiner kirchlichen Tätigkeit zunehmend verdrängt – zwischen 1992 und 1998 den Vorsitz des Forums auf Landesebene innehatte, so war es sein Ceterum censeo aus früheren Zeiten, das zu einem langfristigen Pfeiler dieser politischen Minderheitenvertretung werden sollte: Keine politischen Beratungen und Entscheidungen zu den Deutschen Rumäniens über deren Köpfe hinweg, weder in Bonn, Berlin, Bukarest noch in München, sondern immer mit ihnen als gleichberechtigte Partner an einem Tisch. Und auch wenn die deutschen Gemeinschaften des Landes klein an Zahl geworden waren, so wurde er nicht müde darauf zu verweisen, dass sie schon lange vor der Entstehung des Staates Rumänien vorhanden und somit alles andere als „fremd“ waren, sondern vielmehr konstitutive Bestandteile des Gemeinwesens. In einem seiner „Worte“ als Ehrenvorsitzender des Forums, der er seit 1998 war, verglich er die deutschen Gemeinschaften im Konzert des Landes mit einer Piccoloflöte – die trotz ihrer geringen Größe melodie-, themenbestimmend sein könne, nur eben deutlich zu spielen sei, also die eigene Position ruhig und klar zu vertreten, aber auch überzeugendes gemeinsames Handeln zum Ausdruck zu bringen sei.

Als er davon im Dezember 2016 sprach und schrieb, hatte sich bereits vieles gewandelt. Beim Sachsentreffen 2007, das der Europäischen Kulturhauptstadt wegen erstmals in Hermannstadt statt in Birthälm abgehalten wurde, hielt Philippi die übliche „Festrede“. Da des Anlasses wegen größer aufgehängt, nahmen nicht wenige Sachsen aus Deutschland und Österreich teil – und nicht wenige fühlten sich von seinen kritischen Worten abermals vor den Kopf gestoßen, irritiert, abgelehnt. Dabei hätte man nur genau hinhören oder eben Philippi konzentriert lesen müssen: Er forderte bei seinen Gedanken zu „Zukunft“ und „Erbe“, die Tracht nicht als Fassade zu sehen, sondern den Inhalt dahinter zu suchen und zu leben – und dabei einen Weg zu finden, zusammen zu leben, die Sachsen aus Ost und West, und jene aus West forderte er auf anzuerkennen, dass auch in Siebenbürgen eine ernstzunehmende Gemeinschaft lebe, mit der auf Augenhöhe zu sprechen sei. Also eigentlich das, was im darauffolgenden Jahrzehnt denn auch zu einem beachtlichen Grade geschah. In fast wundersamer Weise setzte, zusammen mit personellen Veränderungen, ein Annäherungsprozess der Sachsen von „oben“ (Westen) und „unten“ (Siebenbürgen) ein, und auch die inhaltliche Vertiefung begann zuzunehmen. Und bei einer Podiumsdiskussion letzten September in Berlin konnte Philippi rückblickend auf das große Sachsentreffen im August 2017 in Hermannstadt feststellen, dass dort oft die Frage zu hören gewesen sei: „Weswegen sind wir eigentlich von hier ausgewandert?“

In den Jahren davor hatte sich manches zu bewegen begonnen. Philippi war inzwischen nicht nur Ehrenbürger von Bodendorf, Hermannstadt (2000) und Kronstadt (2011) geworden. Vielmehr war der Aussöhnungsprozess zwischen den sächsischen Gemeinschaften inzwischen so weit fortgeschritten, dass ihm 2015 der Siebenbürgisch-Sächsische Kulturpreis zugesprochen wurde – und er ihn zu Pfingsten jenes Jahres in Dinkelsbühl dankbar annahm. Er sah verheißungsvolle Ansätze für die von ihm etwa 2007 eingeforderten Umgangsformen. Und er rief mit Nachdruck dazu auf, sich der sächsischen Geschichte, der Besonderheiten der sächsischen Gemeinschaft bewusst zu werden und den unmittelbaren Bezug zu Siebenbürgen zu stärken – wenn möglich, auch dorthin zu ziehen. Als Würdigung seines Lebenswerkes erhielt er im September 2017 schließlich den Georg-Dehio-Kulturpreis des Deutschen Kulturforums östliches Europa, dotiert von der Kulturstaatsministerin und überreicht in Berlin. Vor großem Publikum würdigte ihn der frühere Aussiedlerbeauftragte der Bundesregierung, Dr. Christoph Bergner, im Saal der Staatsbibliothek: „Gerade aus der Weltläufigkeit seiner Sichtweisen heraus, verteidigte (Philippi) leidenschaftlich die Eigenständigkeit der Kultur der siebenbürgisch-sächsischen Gemeinschaft im Rahmen deutschsprachiger Gemeinschaften Europas. Es ging ihm vor allem darum, der These energisch zu widersprechen, das Deutschtum der Rumäniendeutschen sei nur durch Übersiedlung ins westliche Deutschland zu bewahren. Hier, wie auch bei späteren Anlässen, kämpfte er um die notwendige Differenzierung zwischen dem deutschen kulturnationalen Selbstverständnis und rumänischer Staatszugehörigkeit. Es war ihm ein wichtiges Anliegen, dass es für seine Sachsen kein kulturelles ‚Heim ins Reich‘ geben müsse, sondern dass die Authentizität der eigenen Überlieferung gerade in der angestammten Heimat nachhaltig bewahrt werden kann.“

Philippi nahm bis zuletzt aktiv am gesellschaftlichen Leben teil, wenn auch durch das Alter allmählich etwas eingeschränkt. Der Neujahrsempfang 2018 auf Schloss Horneck dürfte der erste gewesen sein, bei dem er nicht dabei war; bis zum Vorjahr noch gab es kaum eine Sitzung des Arbeitskreisvorstandes, dessen Ehrenmitglied er war, und kaum eine Jahrestagung, bei der er gefehlt hätte. Sein Interesse am Schicksal des Schlosses und seiner Kultureinrichtungen war bis zum Schluss groß, bei jeder sich bietenden Gelegenheit tauschte er sich intensiv darüber aus. Im Juni kam er in die Obhut des Carl-Wolff-Altenheims in Hermannstadt, hier verstarb er am 27. Juli. Nach der Aussegnung in der Hermannstädter Johanniskirche, bei der die Gemeinde die Familie nach altem Brauch um Herausgabe des Verstorbenen zur Bestattung bat, wurde er am 4. August in der Familiengruft am Kronstädter Innerstädtischen Friedhof beigesetzt – der Abschluss eines Kreises, für den sich Philippi schon seit geraumer Zeit bereitgehalten hatte. Ihn nicht mehr als Gesprächspartner, als Rat-Geber oder auch als Wider-Sprecher am Huetplatz zu wissen, wird für viele schwer vorstellbar sein. Seine stets aufmerksame Beobachtung, seine Kommentare und Berichtigungen werden uns fehlen, auch die zahlreichen aus einem hervorragenden Gedächtnis abgerufenen Details sächsischer Geschichte oder feinsinnigen persönlichen Anekdoten. In etlichen Bänden hatte er schon lange Bilanz gezogen, etwa in „Kirche und Politik“ (2 Bde. 2006), „Land des Segens?“ (2008) oder „Weder Erbe noch Zukunft?“ (2010). Viele seiner geistigen Schätze werden aber noch gehoben werden müssen, ob nun zu wissenschaftlicher Erkenntnis, zu geistlicher oder politischer Wegweisung.

Harald Roth

Schlagwörter: Paul Philippi, Tod, Theologe, Wissenschaftler, Politiker, Minderheiten, DFDR, Kronstadt, Hermannstadt, Heidelberg, Auszeichnung, Georg-Dehio-Kulturpreis, Kulturpreis

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