14. November 2018

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Gedenken an die Reichspogromnacht: Antisemitismusbeauftragter Klein fordert „mehr Zivilcourage“

Es war die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, als im Deutschen Reich die Synagogen brannten. An diesem Tag vor 80 Jahren wurden jüdische Gotteshäuser und Geschäfte angesteckt, jüdische Friedhöfe zerstört, tausende jüdische Mitbürger öffentlich gedemütigt, von organisierten Schlägertrupps misshandelt, und etwa 400 Juden ermordet. Die Gewalttaten waren vom nationalsozialistischen Regime organisiert und als „spontaner Volkszorn“ inszeniert worden. In der Zeitgeschichtsforschung gelten die Novemberpogrome als Wendepunkt von der Diskriminierung deutscher Juden seit 1933 hin zu ihrer systematischen Verfolgung, mündend in den Holocaust, in die planmäßige Vernichtung von etwa sechs Millionen europäischen Juden. Dieser Tag ungehemmter antisemitischer Barbarei vor 80 Jahren ist heute in Deutschland auch ein Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus.
In diesem Geist wurden am 9. November bundesweit zahlreiche Gedenkveranstaltungen abgehalten. Die zentrale Gedenkfeier fand auf Einladung des Zentralrats der Juden in Deutschland in der Synagoge in der Berliner Rykestraße statt, an der auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble und Bundeskanzlerin Angela Merkel teilnahmen. Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, warnte vor einer wachsenden Zahl „geistiger Brandstifter“, die Ängste vor Flüchtlingen schürten und gegen Muslime hetzten. Die AfD habe „diese Hetze perfektioniert“. Demzufolge war die AfD als einzige Fraktion aus dem Bundestag nicht zur zentralen Gedenkfeier eingeladen worden.

Der Bundestag hatte zuvor des 9. November als „Schicksalstag der Deutschen“ gedacht. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier warb angesichts des beobachtbaren neuen, „aggressiven Nationalismus“ für einen aufgeklärten, demokratischen Patriotismus.

Bundeskanzlerin Angela Merkel warnte vor denjenigen, die in Umbruchszeiten wie diesen mit „vermeintlich einfachen Antworten“ Gefolgschaft suchten, häufig einhergehend mit einer „Verrohung der Sprache. Mit dem Gedenken am 9. November verbinde sich das Wissen, "dass Grenzüberschreitungen und Verbrechen zuzuschauen in letzter Konsequenz bedeutet, mitzumachen“.

Besorgt über neue Nationalismen und den „Sirenengesang der Populisten“ geäußert hat sich auch der Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm zum Auftakt der diesjährigen Tagung der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland am 11. November in Würzburg.

Klein macht AfD für verrohten Diskurs mitverantwortlich

Bei einer Gedenkveranstaltung in der Frankfurter Paulskirche mahnte der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, „mehr Wachsamkeit“ an zur Verteidigung der Gesellschaft vor Angriffen. Auf zunehmende Judenfeindlichkeit gelte es mit einer neuen „Kultur der Zivilcourage“ zu reagieren, auch wenn Antisemitismus wohl nicht „vollkommen wegzukriegen“ sei aufgrund seiner starken Ausprägung in der „kulturellen DNA Deutschlands und Europas“. Fordert eine neue „Kultur der Zivilcourage“: Dr. ...Fordert eine neue „Kultur der Zivilcourage“: Dr. Felix Klein, Beauftragter der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus. Bildquelle: BMI In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.; online publiziert am 5. November 2018) bemängelte Klein die „Verrohung des politischen Diskurses". Dazu hätte „auch die AfD sehr stark beigetragen“, etwa durch die Relativierung des Holocaust. Es sei zudem statistisch nicht belegbar, dass, wie AfD oder Pegida behaupteten, vor allem Muslime für den Anstieg von Antisemitismus verantwortlich seien.

Die „Relativierung des Umgangs mit unserer nationalsozialistischen Vergangenheit, auf den wir zu Recht sehr stolz sein können – genau da werden Errungenschaften in Frage gestellt, die unsere Gesellschaft erzielt hat“, konstatiert Felix Klein in FAZ.NET.

Dr. Felix Klein war vom Bundeskabinett mit Wirkung vom 1. Mai 2018 zum Beauftragten der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus berufen worden. Der 50-jährige Karrierediplomat ist Spross einer prominenten siebenbürgischen Familie (siehe Porträt Karrierediplomat mit siebenbürgischen Wurzeln). Sein verstorbener Vater Dr. Hans Klein stammte aus Hermannstadt, war Geiger im Philharmonischen Orchester; sein Onkel Fritz Klein (1924-2011) war ein bedeutender marxistischer Historiker in der DDR; D. Dr. Christoph Klein, emeritierter Bischof der Evangelischen Kirche A. B. in Rumänien, ist sein Onkel zweiten Grades; sein Großvater Dr. Fritz Klein (1895-1936) war ein einflussreicher Publizist in der Weimarer Republik.

Den 9. November haben Historiker mit Fug und Recht als „Schicksalstag“ in der deutschen Geschichte etikettiert. Neben der Reichspogromnacht (1938) gedenken wir gleich mehrerer geschichtsträchtiger Ereignisse an diesem Tag: der Hinrichtung des linksliberalen Abgeordneten der Frankfurter Nationalversammlung Robert Blum 1848 – der Ausrufung der Republik (Novemberrevolution 1918) – des Falls der Mauer (1989). Vor diesem Hintergrund unterstrich Bundespräsident Steinmeier in seiner Rede am 9. November im Bundestag: „Wir können stolz sein auf die Traditionen von Freiheit und Demokratie, ohne den Blick auf den Abgrund der Shoah zu verdrängen“.

Christian Schoger


Schlagwörter: Klein, Auswärtiges Amt, Botschafter, Außenministerium, Berlin, Rumänien, Siebenbürgen, Juden, Zentralrat, Antisemitismus, Gedenktag, Synagoge, Nationalsozialismus, Holocaust, Merkel, Steinmeier, Schäuble, Schuster, AfD, Populismus, Demokratie, Freiheit

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