10. März 2019

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Adolf Schullerus: Pfarrer, Gelehrter, Politiker

Die vorliegende Briefsammlung schenkt uns tiefe Einblicke in die bewegten Jahre der großen Umbrüche 1864-1928. Große siebenbürgische, deutsche und österreichische Persönlichkeiten sowie Freunde schreiben Dr. Adolf Schullerus. Wir erfahren etwas über die besondere Atmosphäre der politischen Situation nach der bürgerlichen Revolution 1848 unter eigenwilliger, nun ungarischer Führung. Die neue Zugehörigkeit zu Großrumänien ab 1919 mit all ihrer Problematik wird ebenfalls erfahrbar. Die Korrespondenz zeigt auch die siebenbürgisch-sächsischen Reaktionen und Aktionen in jenen krisenvollen Zeiten.
Die Briefliteratur ist chronologisch geordnet, in Perfektion übertragen und so kann der Leser leicht jene Epochen und Persönlichkeiten nachlesen, die ihn interessieren. Etwas Besonderes und Herausragendes sind die im letzten Kapitel aufgezeichneten politischen Reden von Adolf Schullerus, wo seine Stimme direkt hörbar wird.

Der Adressat der Briefe wird als ein geschätzter, gebildeter, leidenschaftlich engagierter, intelligenter, politisch und christlich engagierter und weitvernetzter Mann sichtbar. Sein „kulturprotestantisches Selbstverständnis“ wird in seiner Haltung und dem ausgeprägten Verantwortungsgefühl für sein Volk und seine „Evangelisch-Sächsische Kirche“ sichtbar. Der Ethnologe und Theologe Schullerus sah in unserer einzigartigen siebenbürgisch-sächsischen „Volkskirche“ – seine Schrift „Unsere Volkskirche“ erschien 1898 – eine ideale ethnisch-konfessionelle Symbiose. In seinem kirchlichen Einsatz als Stadtpfarrer und Bischofsvikar erkennt man den liberalen Theologen, der religionswissenschaftlich und bibelkritisch vorgeht und sich um eine lebensnahe, ethische Auslegung bemüht. Sein Pfarramt sah er als Möglichkeit „der Versöhnung der modernen Bildung mit dem Christentum“ (Lexikon der Siebenbürger Sachsen). Man staunt, wie sehr er auch in der Mythologie, den Märchen und Sagen bewandert und dafür geschätzt war.z ... Als Senator und damit politischer Vertreter wehrt er sich leider wenig erfolgreich gegen die zentralistisch-nationalistische „Rumänisierungspolitik“. Sein historisch und rechtlich begründeter Einspruch zeigt den guten Diplomaten mit feiner geistiger Klinge. Gegen das Vorgehen Großrumäniens stellt er die verfassungsmäßig garantierten Minderheitenrechte und weist süffisanterweise auf die von den siebenbürgischen Rumänen proklamierten Minderheitengrundsätze von Karlsburg 1918 hin.

Dem Leser begegnet indirekt der starke, in patriarchalen Strukturen lebende, gebildete Charaktermensch in seiner vielfältigen Tätigkeit und grenzüberschreitenden akademischen, freundschaftlichen, seelsorgerlichen Verbundenheit. Sein typisch siebenbürgisch-sächsisch „völkisches Denken“ ist aus der Auseinandersetzung mit der „Madgyarisierung“ und späteren „Rumänisierung“ zu verstehen und liegt wohl ganz besonders in den schmerzlichen Erfahrungen des Ersten Weltkrieges begründet. Seine unbedingte, große, „heilige“ Heimat- und Volksliebe konnte jedoch falsch verstanden und später für die „Blut- und Bodenideologie“ des folgenden Nationalsozialismus in Siebenbürgen eingespannt werden.

Mir wurde bewusst, wie stark idealisiert seine Sicht des siebenbürgischen Dorflebens war. Als Pfarrersohn und Pfarrer hat er trotz kritischer Bemerkungen über den Glauben seiner Landsleute diese Form der „volkskirchlichen Gemeinschaft“ als optimal gesehen. Die Grenzen einer auf „Bewahrung“ ruhenden Haltung erkannte er wohl nicht. Hervorzuheben bei dem hier besprochenen Buch ist ...Hervorzuheben bei dem hier besprochenen Buch ist der vorbildlich erarbeitete Abbildungsteil mit 58 Illustrationen, die Konrad Klein ausgesucht und beschriftet hat. Dieses Foto von einer Ostergottesdienstfeier mit Soldaten der k.u.k. Armee im bukowinischen Zadowa mit Dr. Adolf Schullerus von 1918 konnte leider nicht mehr in den Band aufgenommen werden. Foto: Sammlung Gerhard Schullerus jun., Hanau Die Lektüre des über 300-seitigen Bandes ist etwas für „Kenner“ und historisch Interessierte. Die Briefe informieren die Leser indirekt und zwingen sie einiges abzuleiten, nachzulesen und eigene Schlüsse zu ziehen. Die große Zahl der Briefschreiber und die reiche Thematik zeigt, wie Adolf Schullerus als wohl einer der wichtigsten Vertreter jener Zeit im europäisch-wissenschaftlichen Netzwerk eingebunden war und geschätzt wurde. Sein segensreiches Wirken für seine Kirche, Volk und Land wird einem bewusst.

Das sehr gute Vorwort, besser, die historische Einführung in die Persönlichkeit des Adolf Schullerus von Prof. Ulrich A. Wien, hilft zum besseren Verständnis und leichteren Zugang. Die wissenschaftliche Verantwortung, exakte Übertragung und chronologische Anordnung des Buches weist auf die gute historisch-bibliographische Arbeit von Monica Vlaicu hin, der unser Dank gebührt.

Volker Petri


Adolf Schullerus (1864-1928). Korrespondenzen und Vorträge des siebenbürgischen Pfarrers, Gelehrten und Politikers. Herausgegeben von Monica Vlaicu. Schriften zur Landeskunde Siebenbürgens. Ergänzungsreihe zum Siebenbürgischen Archiv, Band 37. Böhlau Verlag, Wien/Köln/ Weimar, 2018, 392 Seiten, 60 Euro, ISBN 978-3-412-51114-2.

Schlagwörter: Buch, Theologe, Politiker, Briefwechsel, Wissenschaft, Geschichte, Besprechung

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