6. Juli 2019

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Gut gebockelt am Heimattag

Noch während der Hochzeitsfeier kam die jung verheiratete Frau in Siebenbürgen „unter die Haube“. Im Burzenland war es der rote Schleier, der ihr, oft von der Taufpatin, angelegt wurde. „Denn da soll ja noch was folgen...“, unkt Ines Wenzel auf die Frage nach der Symbolik der Farbe. Sechs stolze Bocklerinnen und fünf prächtige, frisch gebockelte Frauen stehen im Blitzlichtgewitter auf der Bühne. Es hagelt Fragen aus dem Publikum. Anekdoten werden zum Besten gegeben. Ines Wenzel löst schallendes Gelächter aus, als sie erzählt, wie sie sich auf ihre erste öffentliche Bockelung auf der Hochzeit einer Freundin vorbereitet hat: „Ich habe an meinem Mann geübt!“
Es ist schon die zweite Vorführung im Rahmen der am Heimattag in Dinkelsbühl eröffneten Ausstellung „Gut behaubtet, behütet und betucht“ über siebenbürgisch-sächsische Kopfbedeckungen. Trotzdem ist der Konzertsaal im Spitalhof wieder brechend voll. Selbst Männer stellen interessiert Fragen. Dass Bockeln eine Art Schleierkunst ist, dürfte allen Lesern bekannt sein – vielleicht aber nicht, dass es eine wichtige Unterscheidung gibt: Als geschleiert gilt man generell, wenn der Schleier lediglich nach hinten gelegt wird, als gebockelt, wenn er auch vorne um das Kinn geführt wird. In einzelnen Ortschaften läuft allerdings auch die Bockelung, vor allem im Dialekt, unter dem Begriff Schleierung.

Unterschiede gibt es nicht nur regional, sondern auch von Ort zu Ort: Bei der Tracht aus Agnetheln hängt der Schleier vorne in einer langen Schlaufe bis zum Gürtel herab, in Michelsberg endet er mit dem bestickten Ende am Hinterkopf, in Stolzenburg sorgen „Ohren“ für die besondere Note. Hinzu kommen unsichtbare Bauteile: die Quetsche – ein kleines Kissen in verschiedenen Formen, das in Michelsberg zu einer krönchenartigen Form der Bockelung führt; die weiße oder blaue Schlafhaube, die gesprangte Haube, die ein bisschen wie eine Zielscheibe aussieht, die genetzte Bockelhaube, der um den Kopf gewundene formgebende obligatorische Zopf, den man mancherorts auch für das Befestigen der Bockelnadeln braucht, im Burzenland können es bis zu 36 Stück sein. Dagmar Kenzel (links) und Irmtraut Gierelth ...Dagmar Kenzel (links) und Irmtraut Gierelth prüfen den Sitz des Bockelschleiers, der in Stolzenburg „det Tschureltchen“ genannt wird. Fotos: George Dumitriu Doch halt – wer trägt heute noch Zopf? „Man kann ihn auch aus Strumpfhosen flechten“, verrät die Vortragende schmunzelnd.

„Das Bockeln war früher eine Vorführung, die auf keiner Hochzeit im Dorf fehlen durfte“, erklärte Christa Andree bei der Eröffnung der Ausstellung am Pfingstsamstag, für die rund 100 private Leihgaben aus allen Trachtenlandschaften Siebenbürgens zusammengetragen wurden, von Ines Wenzel, die auch ein beachtliches Wissen zum Thema vorweisen kann. „Doch warum braucht man eine Ausstellung, wenn man doch morgen beim Trachtenumzug alles sehen kann?“ provozierte Andree. Zum Beispiel, weil sich der kunstvolle Aufbau und die verborgenen Zubehörteile dem Betrachter von außen nicht erschließen. So hält Andree die Technik für mindestens ebenso bewahrenswert wie die fertige Kopftracht an sich. Doch weil sich heutzutage viele Frauen das Gebilde zusammengenäht haben und es nur noch wie einen Hut aufsetzen, geht das Wissen um die einzelnen Arbeitsschritte verloren, erklärt sie und führt Beispiele an: „Wer weiß, dass viele der Unterhauben gesprangt sind?“ Sprangen ist eine knotenlose Flechttechnik, durch die sich die Haube besser an die Kopfform anpassen lässt. „Kennen Sie die Hauben, die die Frauen früher im Alltag trugen?“ Sie wurden mit Gabelhäkelei oder Netzarbeit gefertigt. Wer kann das heute noch? Klöppeln, das Wort ist vielen ein Begriff. Aber wer weiß, dass in Siebenbürgen viel geklöppelt wurde? „In fast allen Borten in der Ausstellung hier finden Sie silberne oder goldene Klöppelspitzen!“ „Wer weiß, dass in Jakobsdorf Mädchen zur Konfirmation gemuggelt wurden?“ fährt sie fort. Hierfür wurde ein blauer Schleier auf ein buntes Band drapiert. Vergeblich hatte sie vor der Ausstellung durch ganz Deutschland telefoniert auf der Suche nach jemandem, der die Kunst des Muggelns noch beherrscht. Dank der heutigen Technik kann man wenigsten das verbliebene Wissen in Ton und Bild festhalten und für die Nachwelt hinüberretten, freut sich Christa Andree.

Das Interesse daran ist groß, wie die Vorführungen zeigen. Ines Wenzel stellt die Paare auf der Bühne von links nach rechts vor. Stolzenburger Tracht: Dagmar Kenzel und Irmtraut Gierelth zeigen, wie das „Gehällsel“ – so heißt die Bockelung in Stolzenburg – zustande kommt, das „Tschureltchen“ (der Bockelschleier) wird um das Haupt von Astrid Thal gelegt. Michelsberger Tracht: Anna Pieldner bockelt Roswitha Bertleff, die aus Hamruden und Deutsch-Weißkirch stammt. Steiner Tracht: Gerlinde Zekel führt das „Schlodderdeach“ für das „Geschloddersel“ von Hilda Staedel, „de hesch Fra“, wie man die Gebockelte dort auf Sächsisch nennt. Im Burzenland wird streng genommen geschleiert, die Kunst des Bockelns ist abhandengekommen. Den roten Schleier verpasst Erika Wagner aus Rosenau der Heldsdorferin Betina Nikolaus. Bei der Agnethler Bürgertracht zeichnet Christa Andree verantwortlich für die Bockelung von Heidrun Graef mit dem außergewöhnlich großen Schleier.

„Allgemein gilt die Meinung, Bockeln könne man nicht lernen“, erzählt Ines Wenzel, während sie die einzelnen Arbeitsschritte kommentiert. Zwar gab es früher in jedem Dorf ein paar Frauen, die das Bockeln der anderen vor dem Kirchgang an hohen Feiertagen übernahmen, „doch eigentlich kann man sich auch selbst bockeln“, meint sie und weist auf Christa Andree, die das regelmäßig macht. „Es gab (und gibt auch heute noch) durchaus auch Männer, die diese Fertigkeit beherrschen.“ Dann erzählt sie, wer überhaupt in den Genuss dieser Pracht kam: auf jeden Fall nur verheiratete Frauen. Konfirmierte Mädchen trugen den Borten, ältere Frauen und Witwen das Kopftuch. Bei Unverheirateten entschied das Presbyterium in einer Sitzung, wann es passend war, vom Borten zum Kopftuch überzugehen, erinnert sich Christa Andree. Überwältigend schöne Vielfalt – die Bänder werden ...Überwältigend schöne Vielfalt – die Bänder werden für die Schlusspräsentation gerichtet, von links nach rechts: Stolzenburg, Michelsberg, Stein, Burzenland, Agne­theln. Gebockelt wurde zum Kirchgang, doch nicht überall an jedem beliebigen Sonntag. In manchen Dörfern gehörte es an Hochfeiertagen und Festlichkeiten zum guten Ton. Andernorts wurde nur zur Hochzeit geschleiert, wenn der Borten abgenommen wurde, wie im Burzenland und in der Hermannstädter Gegend. Die Schleierung trug man hier dann nur ein paar Sonntage nach der Hochzeit.

„Es gibt sogar Trachtenstücke, die nur einmal im Leben getragen wurden“, bemerkt Ines Wenzel. Etwa in Hamlesch im Unterwald das rote Knüpftuch, das am Sonntag nach der Hochzeit zum Einsatz kam oder das schwarz bestickte Kopftuch, das nur von den Mädchen getragen wurde, die den Weihnachtsbaum in der Kirche anzündeten. „In Stolzenburg wurde der Borten nur am Tag der Konfirmation mit einem Schleier geschmückt.“

Inzwischen werden auf der Bühne Fortschritte erzielt: Gerlinde Zekel setzt Hilda Staedel gerade die Quetsche auf – das kleine Kissen, an dem der Schleier nachher mit Bockelnadeln befestigt wird, und legt die gesprangte Haube darüber. Die Stolzenburgerinnen befestigen um den Zopf die Schlafhaube, die so heißt, weil man früher tatsächlich damit schlief, damit das Kopfkissen von den Haaren nicht fettig wurde. Darüber kommen die Quetsche und anschließend das genetzte Bockelhäubchen. Die Burzenländerin bekommt das cremefarbene Mädchenband angelegt – zum letzten Mal, denn nach der Hochzeit steht ihr das nicht mehr zu. Deswegen wird es auch gleich von weiteren Bändern fast vollständig verdeckt. Roswitha Bertleff ist schon fertig und wird gebeten, sich umzudrehen. In Michelsberg hat der besondere Bockelschleier, den die Braut dort von der Schwiegermutter zur Hochzeit geschenkt bekommt, wie Anna Pieldner erzählt, einen besonderen Namen „det Naugohrsch-Deauch“, wahrscheinlich als Andeutung auf den neuen Lebensabschnitt.

Am Ende posieren die fünf gebockelten Frauen auf der Bühne. „Alles authentisch, alles stimmig vom Schleier bis zum Schuh“, freut sich Ines Wenzel. „Schön!“ ruft jemand aus dem Publikum. „Schön“ ist kein Kriterium, wenn es um Trachten geht, habe sie gelernt, erklärt sie und gibt eine Anekdote über ein Ausstellungsstück zum Besten, das dunkle Wolltuch mit Fransen, das die Kinder in Stolzenburg im Winter um den Kopf trugen – „Det Heiran Deauch om det Miel“. „Das finde ich irgendwie suspekt, es erinnert mich an Zahnweh“, meinte sie einmal zu einer Stolzenburgerin. Diese aber schwärmte los: „Aber das haben wir so gerne getragen, es war so angenehm und warm!“ Und auf einmal war es schön.

Nina May




Wir empfehlen Ihnen zum Thema auch die Bildergalerie: Ausstellung „Gut behaubtet, behütet und betucht“ und Bockelungvorführung (George Dumitriu)

Schlagwörter: Heimattag 2019, Brauchtum, Tradition, Tracht

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