22. November 2019

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Denkanstöße aus Katzendorf in der Stuttgarter Vortragsreihe

„Was kann man noch über Katzendorf schreiben?“ Das ist nur eine von vielen Fragen, die die Schriftstellerin Dagmar Dusil vor ihrem Aufenthalt in dem siebenbürgischen Dorf zu hören bekam. Bei ihrer musikalischen Lesung am 25. Oktober gemeinsam mit Johann Markel in Stuttgart wurde deutlich, dass man über Katzendorf sehr viel, sogar ein ganzes Buch schreiben kann.
Man muss nur bereit sein, „den Atem des Dorfes zu hören, etwas von der Seele des Dorfes einzufangen, den Kreislauf der Natur zu beobachten (und) in die Bewohner hinein zu horchen“. All das hat Dusil von Oktober 2017 bis Oktober 2018 als fünfte Dorfschreiberin von Katzendorf getan. „Auf leisen Sohlen“ heißt ihr Buch, das aus dem Jahr in der Dichterklause entstanden ist. Rund 45 Menschen – sogar aus Heilbronn oder vom Bodensee – waren auf Einladung der Landesgruppe Baden-Württemberg zur Lesung ins Stuttgarter Haus der Heimat gekommen. Zu hören gab es nicht nur Fragmente aus Dusils Buch, sondern auch Chopin, Ravel und Filtsch. Denn die Lesung der aus Hermannstadt stammenden Autorin wurde vom Pianisten Johann Markel begleitet, der in Kronstadt geboren wurde und heute in Den Haag lebt. Helmut Wolff, Kulturreferent der Landesgruppe, stellte das Künstler-Duo vor.Schriftstellerin Dagmar Dusil mit Pianist Johann ...Schriftstellerin Dagmar Dusil mit Pianist Johann Markel (links) und Gastgeber Helmut Wolff (rechts). Foto: Traian Pop Welche Geschichten, Gedanken und Formulierungen bleiben nach einem solchen Abend beim Publikum hängen? Zum Beispiel, dass es – je nach Perspektive – verschiedene Wahrheiten gibt und dass man Menschen nicht gerecht wird, wenn man sie in Schubladen steckt. Dass es in Siebenbürgen in jeder Sprache anders regnet. Dass heute 80 Prozent der Einwohner Katzendorfs Zigeuner sind, „Ausgestoßene der Gesellschaft“, die in bitterster Armut leben. Dass Teddys zum Dorfereignis werden können. Dass die Dorfgemeinschaft sehr beeindruckende Heldinnen hervorbringt wie das Zigeunermädchen Maria oder die 96-jährige Iloneni. Oder dass die Sachsen „Zugvögel der Geschichte“ sind, die sich jedes Jahr auf Neue von Winter- in Sommersachsen verwandeln, wenn die Fensterläden der verwaisten Häuser „auffliegen“. Für die Wintersachsen im Ländle war diese musikalische Lesung auf jeden Fall eine sehr willkommene Gelegenheit, sich zu treffen und auszutauschen – Denkanstöße, Fettbrot und Wein inklusive.

Heidrun Rau

Schlagwörter: Stuttgarter Vortragsreihe, Lesung, Musik, Dusil, Katzendorf

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